29.5.-Let’s rock!

in dem man die alten Verse rockt, so scheint’s.
Und es scheint sogar plausibel, wenn man sich darauf einlässt.
Ich gelange zu der erstaunlichen Erkenntnis, dass sich beim „rocken“ noch weitere Energie frei setzt. Wo die noch herkommt, frage ich mich…..
Auf diese Art, lässt sich der Sinn des Stückes noch intensiver darstellen und erleben.
Aber welch große Anstrengung schon davor erbracht wurde, damit wir dort stehen wo wir jetzt sind, das wird manchmal vergessen.
Ich selbst vergesse auch, was ich für den „Status Quo“ bislang getan habe.
Meine Bettgenossen sind mittlerweile mehr als lästig, denn sie begleiten mich immer noch und immer nachdrücklicher in den Schlaf, und sie stehen wie Soldaten morgens bereit, mich zu wecken.
Diese Bettgenossen sind die Worte, eingebettet in eine abwechslungsreiche Choreographie, die ich mir einhämmern muss, damit sie zu Sätzen werden die wie Pfeile durch alle und alles hindurch schießen.
Natürlich habe ich noch mein Alltagsleben. Aber ehrlich, es ist doch sehr geprägt von unserer Theaterarbeit. Bestimmt bei dem Einen mehr als bei dem Andern, kein Zweifel.
Doch jeder hat in irgendeiner Art den Wunsch, seine Sache gut zu machen. Und um diesen Zustand zu erreichen, bleibt es nicht aus, sich sehr auf die selbst gewählte Aufgabe, nämlich „Perser“zu werden, zu konzentrieren.
Als ich gestern durch den Park in die Stadt ging, drängte sich mir der Duft des verblühenden Flieders in die Nase und in der Schwüle des Abends vermischte er sich mit dem eines wunderschönen Rosenbusches.
Ich freute mich, in der Stadt zu leben, die so viel zu bieten hat. Braunschweig habe ich mir als Zuhause gewählt und ich bin nach neun Jahren von meiner Entscheidung immer noch überzeugt. Viele nennen sie eine Provinzstadt, doch die kulturelle Tradition hat sie sehr geprägt. Sie schenkt uns viele Möglichkeiten, manchmal nervt sie und manchmal will man nur weg von hier. Aber im Grunde genommen tut sie gut, diese eigenartige vernarbte Stadt. Man muss es nur erkennen.
So auch mit den „Persern“.
Es gibt Proben aus denen ich am liebsten weglaufen würde. Sie lassen unbefriedigt, sind enttäuschend, belastend, anstrengend und für mich als Laien, manchmal sinnlos.
Dann füge ich mich, ungewohnt undemokratisch, dem Regime der Regisseurin.
Sie muss es besser wissen. Und sollte sie es trotz allem nicht „besser“ wissen, dann ist es immer noch ihre Entscheidung, was wir tun sollen.
Ob mir oder allen andern ihre Entscheidungen gefallen, wie z.B. Atossa und Xerxes nackt auftreten zu lassen oder ob wir uns daran stören – das stört die Regisseurin nicht.
Denen, die Alternativen anbieten, wird von ihr, freundlich aber bestimmt, erklärt weshalb sie es so möchte. Und dann wird es so sein.
Wir werden fügsam. Sogar ich, die gewohnt Unfügsame.
Und dann wird mir bewusst, wie viel Freiheit ich habe, dass ich im Alltagsleben bei so Vielem ungestraft und frei, unfügsam sein darf.
Hier in meinem Leben habe ich die Wahl, was ich wie und wo tue, unter Claudia Bosse gebe ich für eine gewisse Zeit dieses Recht ab.
Die Chance bei einem solchen Projekt mitzumachen verblasst hinter jeder Anstrengung.
Wieder eine neue Lebenserfahrung. Es wird sich zeigen, wozu das gut war.
Ich bin unruhig, denn ich frage mich wie es sein wird am Sonntag, mit fremden Menschen zu proben. Doch der einzige wirklich beängstigende Gedanke ist, wie wir alle zwischen dem Publikum uns bewegen können, wenn wir im Waschmaschinengang wie gestochene Stiere um Atossa kreisen. Die Kollisionen sind unvermeidlich, davon gehe ich aus.
Ich spüre für mich, langsam wird es Zeit, dass wir zur Aufführung kommen. Die Spannung steigt, jedenfalls in mir. Mein Körper zeigt es mir mit diesen und jenen Macken, die eindeutig Produkt dieser Anspannung sind.
Ich will raus, komme mir vor wie ein eingesperrtes Tier das seine Freiheit will, endlich das zu tun, wozu es ausgebildet wurde. Ich denke nicht darüber nach, ob wir Erfolg haben werden (woran ich in keinster Weise zweifle!) oder ob ich den Text vergesse, in die falsche Richtung marschiere oder die Höhen mit den Tiefen verwechsle. Es muß raus.
So, draußen ist ein wunderschöner warmer Maitag. Heute lasse ich die Geister der Perser gebannt in ihrer Partitur auf meinem Schreibtisch liegen; sie sollen ruhen damit ich auch ein bisschen zur Ruhe komme.
Der Countdown läuft…..und das ist gut so.
Ich freue mich darauf. Ich freue mich auf uns. Wir schaffen es.
Und alles wird gut.
(Ist geklaut, ich weiß, aber passen tut’s trotzdem!)
Bis spätestens Samstag.
Otototoi.
Ghita