Beiträge vom Februar, 2009

- Mondschein

Donnerstag, 26. Februar 2009 23:30

Sag, was sollt’ es mir bedeuten
dass du so traurig scheinst?
Dein Leben aus uralten Zeiten
ist das, was du beweinst.

Immer erzählst du mir von ihr. Sie war die Schönste, die Einzigste, die Beste, die Intelligenteste, die Sanfteste, die Leidenschaftlichste, die Erregendste…
was weiß ich, was du ihr noch so alles angedichtet hast.

Du liegst neben mir im Bett. Ich sehe im Dunkeln den Mond auf deine Nasenspitze scheinen. Eigenartig wie sehr deine Augen eingefallen sind. Sind es allein die Mondschatten, die das bewirken?
Ich vergaß, du bist nicht mehr der Jüngste. Zwölf Jahre trennen uns, ich bin jünger und fühle mich manchmal so wahnsinnig alt.
Auf jeden Fall immer dann, wenn du von IHR sprichst.
Dass sie ein Weib im Bett war, das erwähnst du jedes Mal wenn wir im Bett sind.
Das Wort WEIB liebst du so sehr. Du verbindest es wohl immer noch mit dem ausschließlich perfekten Weiblichen in einer Frau: sozusagen die Nonne und Hure in Personalunion.

Nun liegst du da, bist wach wie ich, die so gerne in deinem Arm, geschmiegt an deine breite Brust, liegen würde.
Du bist sehr männlich - jedenfalls nach außen hin. Bewundernde Blicke von Frauen gelten dir immer noch; du hast volles, dichtes Haar, bist sehr groß und hast breite Schultern und eine stets tubengebräunte Gesichtsfarbe. Deine weißen haarigen Beine sehen sie ja nicht. Die Krampfadern kümmern dich nicht, im Gegensatz zu deinen Schlupflidern um die sich der Schönheitschirurg letztes Jahr kümmern durfte.
Ich bin gehässig, nicht wahr. Ein Glück, meine Gedanken wandern schweigsam, jedenfalls unhörbar für dich. Mir schreien sie ihre Schlussfolgerungen laut ins innere Ohr. Weg mit ihnen!

Wann begann ich dich mit nacktem Blick zu sehen? Ich glaube, als ich es satt war, mit IHR verglichen zu werden, dieser so perfekten Frau, deinem Augensternchen, deiner Perle, deinem Universum!
Warum hast du dir eine neue Frau zugelegt, wenn SIE, diese Andere, doch stets allein nur dein Augapfel war, dachte ich lange. Einer deiner Kollegen erzählte mir, SIE wäre irgendwann einfach gegangen. Ich stelle mir vor, dass sie vielleicht nicht mehr bereit war, dein Alles zu sein. Sie war klüger als ich, das erkenne ich an. Denn ich bin immer noch hier, schaue dir immer noch zu, mache immer noch mit und verdränge meine Scham vor mir selbst…

Es muß am Mond liegen, anders ist es nicht zu verstehen, dass ich Gedanken führe, die einer Frau wie mir nicht würdig sind. Wie tief bin ich freiwillig gesunken, frage ich mich in selbstzerstörerischen Augenblicken. Warum sollte mir auf eine solche idiotische Frage auch noch eine Antwort einfallen?!

Der Schein des Mondes fällt an die Decke und erhellt deinen leicht geöffneten Mund. Du bist also doch eingeschlafen, ich höre es auch schon. Ein Glück, nun bin ich allein.
An der Decke der Spiegel - SIE hat sich ihm immer geweigert und dass ich mich einverstanden erklärte geschah nur aus dem Bedürfnis heraus, mich mit IHR zu messen.
Ich hasse dieses Ding da über mir. Du liebst es, dich zu beobachten, deinen fast flachen Bauch mit, darunter dem grauen Schamhaar, liebevoll zu bewundern, die Muskel in deinen langen muskulösen Schenkel anzuspannen und genüsslich zu streicheln. Ich muß dir dann jedes Mal beipflichten, wenn du dich selbst beweihräucherst.

An der Uni warst du der Gockel, der Hahn im Korb der Mädels. Ich war geschmeichelt, als du mich bemerktest. Ich hörte dir stets zu, wenn du von IHR sprachst. Dann zog ich bei dir ein, lange, sehr lange nachdem SIE dich verließ. Ich sollte dich mit meiner Anwesenheit trösten, darum hattest du mich gebeten.
Es dauerte ein Jahr, bis du mich küsstest und noch länger, bevor ich zwischen deinen Laken lag, die ich morgens vor der Arbeit noch frisch bezogen hatte.
Heute befällt mich Scham. Meine Studenten lachen mich aus und meine Kollegen verachten mich. Sie sind weder taub noch blind und wissen mehr als ich wissen will.

Du atmest tiefer. Deine Falten kommen langsam wieder, es wird wieder Zeit für Botox.
Der Mann im Mond lacht mich aus, warum sonst lässt er die Lichter alle an, damit sein Licht auf meine bleiche Haut scheint. Ich bin schmal und schmächtig, eine fast nicht entwickelte Frau. SIE war ein weibliches Wesen das überall dort weiblich war, wo ein Weib weiblich ist. So klang es, wenn du von IHR redetest.
Sie hatte Busen und Po, ein liebliches Lächeln, kleine Mäusezähnchen, ein süßes Grübchen am linken Mundwinkel….nein, ich fahre nicht weiter mit dem Aufzählen.
Ich bin müde, will schlafen.
Du bist so laut, es ist die Phase in der dein Schnarchen unerträglich ist; noch eine gute Viertelstunde, und dann legst du dich auf die Seite und ich kann auch an Einschlafen denken.
In meiner Wut trete ich nach dir. Eine Fliege würde dich mehr stören…
Warum bin ich noch hier? Nein nein, ich will keine Antwort hören!! Was würde sie nutzen?!

Gestern fand ich dich mit der Neuen aus meinem Linguistikseminar, in diesem Bett. In unserem Bett. Sie war erschrocken als sie mich in der Schlafzimmertür stehen sah und wollte aufspringen, sich bedecken. Du machtest jedoch seelenruhig weiter, blickest dich nicht mal um. Sie blieb liegen.
Sei war bei weitem nicht die Erste, ansonsten hätte ich mich nicht einfach umgedreht und wäre in die Küche gegangen um mir einen Tee zu machen.
Sie ist eh nur eine von allen, die kamen, gingen und noch kommen werden. Wie lange weiß ich das schon, wie lange mache ich es schon mit?!

Damals, als ich dich beim ersten Mal voller Schmerz, Wut und Enttäuschung ansprach, flehtest du mich an dir zu verzeihen. Diese jungen Frauen würden dich an SIE erinnern. SIE hatte dich im Stich gelassen, dich verlassen, dir ihre Liebe entzogen und dem Schmerz ausgesetzt den nur eine Andere lindern kann. Du hattest geglaubt, ich wäre es, war ich doch so ganz anders als SIE. Weil ich es dann doch nicht war und es mir nicht gelang was du dir vorstelltest, kamen immer andere junge Dinger an die Reihe, denn in jeder Einzelnen steckte ja möglicherweise das Potenzial, eine wie SIE zu werden. So hast du sie eben alle ausprobieren müssen……

Vor meinen Augen sehe ich deinen kleinen, hellen Hintern immer noch auf und ab stoßen und das erschrockene Gesicht der jungen Blondine am Kopfende des Bettes. Wie schnell verschwand sie danach aus der Wohnung, das arme Ding.
Dann setztest du dich schweigsam an den Küchentisch, nicht ohne mich vorher noch um eine Tasse Tee zu bitten.

Was will dieser große dicke Mond von mir?!
Nie zuvor habe ich mir in aller Deutlichkeit klar machen wollen, was und wie ich lebe. Warum also jetzt? Was bringt es mir, darüber nachzudenken?!
Doch nur weitere Selbstzerstörung, Enttäuschung, Erniedrigung. Oder?!
In den vier Jahren mit dir, habe ich dich manchmal nach IHR gefragt, wollte wissen, warum sie dich verließ. Du hast genaue Antworten vehement verweigert.
Heute, am Tisch und mit der Teetasse in der Hand, fingst du an zu reden. Zuerst sehr langsam, danach immer klarer und schneller.
Du sprachst in aller Deutlichkeit von deinen Gefühlen zu dieser Frau, die sich angeblich so grundlos, kalt und unerbittlich deiner Zuneigung entwand und einfach ging. Schluchzend erzähltest du von dieser Liebe die dich für immer prägte, dein Sehnen, dein Suchen, deine unerfüllte Leidenschaft und deine immerwährende Suche nach Ersatz. In jeder Frau wäre ein Teil von IHR, auch wenn alle zusammen nicht den Bruchteil IHRES Seins bilden könnten. Es hat dich zerrissen, immer nur mit dem Abbild von ihr zu schlafen und dabei SIE vor deinen Augen zu sehen.
„Bei dir war es anders, du bist so gar nicht wie sie”, flüstertest du.
Anfangs dachtest du, mein unterschiedliches Aussehen, mein Anderssein, meine Selbstaufgabe und Hingabe könnten dich davon heilen.
Am Ende deines Monologs erklärtest du mir dann ungerührt, dass du dich mittlerweile vor mir ekelst. Du würdest dir wünschen, ich sei gar nicht da.
Ich hörte dir schweigend zu. Leugnete ich das Gehörte?! Musste wohl so sein, wie sonst hätte ich dir ungefragt Tee nachschenken können und dir dabei übers Haar streicheln?
Du blicktest mich nicht an, du weintest nur unaufhörlich weiter.
Als du ins Bad gingst, legte ich mich ins Bett, wollte nichts mehr denken und schon gar nichts mehr fühlen. In der Abenddämmerung drückte sich der Mond durch den Horizont und füllte die Tür zur Terrasse mit bleichem Schein. Als würde er mich anblicken, unentwegt.

Und nun, in der Nacht, füllt sein Licht den Raum und erhellt die Wiese draußen vor der Terrassentür. Alles ruft. Nach mir. Es wird endlich Zeit.
Ich stehe auf, erfülle dir deinen letzten Wunsch, deine letzte Aufforderung.

Ich packe jetzt noch den Rest meiner Sachen, fülle das Auto, lege die Schlüssel auf die Anrichte in der Küche und ziehe die Eingangstür hinter mir zu.

Der Mond scheint ins Autofenster.
Er scheint auf den Weg.
Er scheint auf die Straße.
Er scheint in mein Gesicht.
Er scheint in meine Augen.
Er scheint.



Thema: - geSchichtet | Kommentare (1) | Autor: ghita

- Die Mühle

Donnerstag, 26. Februar 2009 23:19

Sie steht auf feuchtem Boden, in der Mühle. Dunkles hohes Gebäude, ein Raum, ein Ganzes; keine Stufen, felsige nackte Wände, wenig Licht, dunkle Schatten zwischen den Steinen die die Mauer bilden.

Sie spürt die Mühle, erfühlt ihre Leere, ihre graue Dunkelheit, das neblige Licht irgendwo aus einem Wandfenster erreicht den Boden nicht.

Sie kennt die Mühle, hat sie schon früher erfühlt.


Ihr Mann ist da, irgendwo hinter ihr. Der Raum ist nicht groß, doch sie spürt seine Anwesenheit so wie sie die irritierende Anwesenheit des Andern spürt. Sie steht abseits von ihnen, beide blicken zu ihr hin; der fremde Mann bewundernd, anstarrend, ihr Mann nichtssagend.


Sie trägt den weiten geblümten Rock, sie mag sich darin leiden.

Sie wird jetzt hochklettern, die Wand hoch, zum Licht hin das irgendwo oben sich Einlaß nimmt.


Sie springt wie ein Reh, leichtfüßig, der Rock schwingt um ihre Beine. Sie weiß, man schaut ihr dabei zu.

Sie springt auf die Vorsprünge mit einer Leichtigkeit die sie nicht haben dürfte. Angst müsste sie haben, Angst vorm ausrutschen, vorm runterfallen. Sie hat keine Angst. Sie fühlt eine enorme Sicherheit in sich.

Immer höher gleitet sie, springt hin und her, die besten Vorsprünge nutzend.

Dann erreicht sie den großen Felsteil der eine große Plattform bildet.


Sie weiß jetzt, weshalb sie hier ist.

Hier findet sie Wasser.

Der fremde Mann braucht dringend Wasser.

Sie ist die Einzige die es holen kann. Ein Glas Wasser.

Sie sieht ihn vor sich, denkt an ihn.

Das stört sie. Ärger kommt hoch, darüber, dass sie an ihn denken muß, dass sie seinetwegen hier hochklettert.

Und nun muß sie feststellen, dass sie kein Wasser finden kann.


Und dieser kleine Junge der so plötzlich vor ihr auftaucht.

Warum hat der denn Wasser?

Warum gleitet er damit die Wände runter?

Warum fällt diesem Jungen das hinunter hüpfen so leicht?


Die Wand vor ihr erdrückt sie, die Bedrohung die von ihr ausgeht macht Angst.

Dieser steile Weg nach unten über kaum zu erkennende Stellen, die vorher noch so einfach vor ihr lagen.

Die Angst ist jetzt unausweichlicher Teil von ihr.

Der Weg nach unten ist weit.

Je mehr sie sich die Vorsprünge und Steine ansieht, umso mehr nimmt die Angst sie gefangen.

Das fahle Sonnenlicht streichelt ihre Stirn.

Sie ist dankbar, findet Halt dort wo sie ihn braucht.

In sich selbst.

Sie vertraut dem Licht.

Sie weiß sehr wohl, sie wird es schaffen.

Warum noch Angst?

Was sagt sie ihr?

Was fordert sie ein?

Welches ist ihr Preis?


Der Weg nach unten ist jetzt zum Teil versteckt unter Decken.

Sie zieht sie weg, damit sie die Vorsprünge erkennen kann.

Endlich ist es einfach, die Sonne scheint, wenn auch fahl, auf die Vorsprünge.


Was bedeuten schon die beiden Männer, nur ihr Weg zählt


Unten angekommen, reicht der Junge ihr das Glas Wasser.

Sie läuft damit nach draußen zu dem fremden Mann.

Der ist zu Boden gesunken und Vorbeieilende haben ihn aufgefangen und auf eine Bank gesetzt.

Nun sitzt er dort in der Sonne ihrem alten Schulhof.

Er braucht ihr Wasser nicht mehr.

Längst hat man ihm welches gereicht. Das beruhigte sie.


Endlich Helligkeit!


Sie blickt zurück zur dem Gebäude hinter ihr.

Seine Wuchtigkeit drückt in ihr Genick.

Dann erkennt sie, dass die Mühle keine Fenster hat

nur ein nackter ein runder Turm ist, ganz ohne Einlaß für Licht.

Sie blickt ungläubig hoch.

Sie will nicht nachdenken, nicht begreifen.

Und doch trifft es sie wie ein Schlag der sie niederwirft:

Das diffuse Licht, das ihren Weg erhellt hatte, war niemals Sonnenlicht gewesen.

Es war totes Licht, das Licht der Kälte, das Licht des Nichts

Ihr wird kalt.


Es war vorbei.


die-mühle

Thema: - Texte | Kommentare (0) | Autor: ghita

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