- Winter: Herrenhausen
Sonntag, Dezember 6th, 2009Herrenhausen, Dezember 2009
Es ist kalt hier in Hannover, feucht und windig.
Graue Wolken beschweren den Spätnachmittaghimmel an diesem zweiten Adventswochenende.
Und doch ist in mir kein Gedanke an die nahenden Festtage.
Mich hält im Bann was ich gerade erlebe, denn der Blick auf den großen Barockgarten ist unvergleichlich.
Ich sehe zwischen den entblätterten Bäumen und Hecken auf das kleine Theater mit seinen goldenen Statuen die sogar in der Dämmerung leuchten.
Die Fontänen sind längst abgeschaltet; die Wasserbecken gähnen leer.
Die vielen Marmorstatuen stehen nackter als sonst um die Carrés und mir wird noch kälter wenn ich sie anschaue.
Luise ist fest eingepackt in ihrer Winterkiste. “Wird das etwa auch mit der Sonnenuhr geschehen sein?’, durchfährt es mich auf dem Weg dahin. Wäre das so, ihr Anblick würde mich verspotten weil sie sich, verhüllt, meinen Träumen entzöge. Doch ich brauche keine Sonnenuhr um vom Sommer und seinen bezaubernd-verzaubernden Stunden zu träumen.
Die Grotte von Nikki de Saint-Phalle wirkt stumpf trotz der vielen Spiegel und der prallen, in- und aus-sich leuchtenden Farben. Die beiden Wachposten am Eingang haben rote Nasen und schauen den seltenen Besuchern zu, wie sie eher lustlos und mit wenig Interesse durch die kleine Grotte schlendern.
Die Gracht ist grau wie der Himmel über ihr und die nackten Zweige der vielen Bäume die sie säumen sind wie unermüdliche Finger die hilflos verdorren in der Kälte.
Die Buchsbäume und Buchenhecken werden irgendwann in Form gebracht, die vielen Zitrusbäumchen ruhen längst in ihrem Winterquartier in der Orangerie.
Die Werbung für das Wintervariété prangt an einer großen Stellwand vor der Eingangstür und die Spaziergänger hasten über die vielen Wege des Parks mit eingezogenen Köpfen an ihr vorbei.
Die kleinen Themengärten laden nicht mehr zum verweilen ein trotz der vereinzelten Bänke die sich noch hier und dort befinden und die wenigen Pavillons bieten auch keinen Schutz vor dem heftigen Wind dieses Herbstabends.
Ich schaue mir alles fast abwesend an und immer wieder blitzen Erinnerungen an so manche Sommerabende hier vor Ort durch meinen Sinn…
Der Sommer in Herrenhausen: .
wenn Musiker und Artisten durch die Gänge des Parks zogen oder auf ihren Bühnen standen und das Publikum mit Witzen, Melodien, Parodien, Pantomime, Zauber und Artistik unterhielten,
wenn gelacht und gesungen wurde, geschrieen und geflüstert,
wenn das Feuerwerk zu den Klängen der Wassermusik den Himmel farbig anmalte,
wenn jeder Knall mit einem „Oh” begleitet wurde das die die Menge unisono ausstieß,
wenn am Ende die Nacht sich wie eine Abendrobe aus Samt über die Menschen legte,
wenn dann die verzauberten Zuschauer zwischen grüßenden Artisten, von ihrem Gastgeber am Ausgang des Parks verabschiedet wurden -
dann war hier eine besondere und einzigartige Welt zu Gast gewesen, die alle neugierigen Anwesenden aufnahm, sie durch den Abend geleitete und zum Schluß mit einem voll Entzücken gefüllten Herzen entließ.
Und dieser besondere Zauber wirkte meist noch nach wenn sich jeder Einzelne in sein Bett legte und die Erinnerung an die magischen Augenblicke dieses Abends mit in seine Träume nahm.
Ich höre noch immer Fetzen der Musik und das Lachen der Menschen um mich herum, fühle unsere gemeinsame Fröhlichkeit und eine besondere Form des Glücks.
So blicke ich jetzt, längst nur mehr in der Erinnerung, von der erhöhten Besuchergalerie auf einen rosaroten Sommer-Sonnenuntergang, fühle wieder das Streifen eines Astes an meiner Schulter, bewundere den Regenbogen über der Großen Fontäne und höre im Hintergrund das leise Plätschern der vielen Springbrunnen.
Sehnsucht würde mich erfüllen, wüsste ich nicht, dass ich jedes Jahr aufs Neue diesen Zauber erleben dürfte den solch ein „Kleines Fest im Großen Garten” mir und allen anderen seiner Besucher bietet.
Ich schaue an diesem grauen Dezemberabend auf die Wege und Rabatte und weiß genau, dass sie mich auch einen einem Tag wie heute, wenn auch anders, verzaubern.
Meine Vorstellung über die zurückliegenden Jahrhunderte dieses Gartens verbinde ich mit meinen begeisterten Gefühlen von heute, stelle mir seine Vergangenheit vor und die Menschen die sich damals seinem Zauber und seiner Schönheit genauso geöffnet haben wie es die Menschen es auch noch heute tun und male mir aus wie vor so vielen Jahren die unsterblichen Töne der Musik Händels zur Freude seiner Besucher zwischen den Hecken und Bäumen erklangen.
In unserer heutigen Zeit ist dies ein Erlebnis für Alle; damals nur für Wenige. Doch der Park hat sich der Zeit und ihrer Missstände auf eine besondere Art gestellt, sich allem entziehen und dadurch überleben können.
Und deshalb bleibt er zeitlos und bewegend schön.
So wallt jedes Mal wenn ich auf seinen Wegen spaziere diese innige Dankbarkeit hoch, insbesondere dafür, dass es mir möglich ist, seinen berocken Zauber immer noch und immer wieder erleben und genießen zu dürfen.
Ich bleibe sprachlos zurück und gehe glücklich durch die kalte Dezembernacht nach Hause, werde Kerzen anzünden, Tee trinken und mich endlich auf Weihnachten freuen.