Archive for Januar, 2010

- Aus alten Zeiten

Samstag, Januar 30th, 2010

Was sollte uns denn bleiben
nach tagelanger Zeit
nach nächtelangem Treiben
hin zu Unendlichkeit?

Was kam ist schon gegangen,
was ging kommt nimmermehr.
Und doch hält uns gefangen
der Blick zurück hierher.

Hier gab’s nie was zu sehen
hier gab’s nur Luft, nur Schein.
Es blieb nicht mal das Gehen,
denn es gab hier kein Sein.

Ich stehe an der Wende -
sie weiß wohin, ich nicht.
Ich weiß, s’ist nicht das Ende
denn in ihr blinkt ein Licht.
Und doch schau ich hinüber
in die Vergangenheit.
So wär’ es mir denn lieber,
die währte Ewigkeit?

Nein, geh und bleib gegangen!
Ja, ich bin von dir los!
Du hattest mich gefangen
in deiner Lügen Schoß.

Der Glockenschlag, er ruft mich
hinein ins neue Land,
in dem der Tag stets lieblich
die Nacht mit Sternenband
gar freundlich mir erzählen
von Treu und Glaub und Sein.
Wie konnt’ ich dich nur wählen
im kalten Mondenschein?

Der lag um deine Züge
gab deinem Blick Gestalt.
Ich glaubte gern die Lüge,
leugnete die Gewalt.
Du warst mein Traum, mein Denken,
mein großer Lebensquell.
Mein Sein wollt ich dir schenken.
Mein Dunkel ward fast hell.
Ich ließ mich davon blenden,
sah deine Schatten nicht.
Nun werd ich mich abwenden
von deinem kalten Licht.

Das Licht, das mich erwartet
ist warm und sanft und klar,
ist nur für mich geartet,
mehr als dein’s jemals war.

Du wirst den Blick abwenden
und mich vergessen tun.
Du gehst nun andere blenden
und in deren Liebe ruh’n.

Verschwind gar schnell, Geliebter!
Der Tag ist zeitlos lang
denn ohne dich versiegt er
niemals mehr. Mir ist bang.

Und doch zieht mich das Neue,
lockt mich der Sonne Licht
das ich nun nicht mehr scheue,
weil es im Herzen bricht.
Dort lässt es warme Spuren,
lässt Hoffnung blüh’n und Freud’.
Mein Sein hat mehr Konturen,
mein Glück viel wen’ger Leid.
Oh gib mir doch, du Göttliche
ein Stück Geborgenheit
in deiner Nähe, Herrliche,
fühl’ ich kein Raum, noch Zeit.

Ich bin nun angekommen
in meinem eignen Sein,
fühl mich noch ganz benommen
vom neuen linden Schein.

Ja, ich begreife demütig
des Lebens einz’ge Wahrheit
und beuge leicht und ehrfürchtig
mein Haupt vor dieser Klarheit.

- Lindenblüten

Donnerstag, Januar 28th, 2010

Hin und wieder, so dachte sie sich, würde sie zurückkehren.
Über die weiten Kieswege durch den Park spazieren, an den Buchenhecken vorbei, die Fontäne als ständige Geräuschkulisse um sie herum.
Sie würde wieder Lindenblüten riechen; irgendwoher aus diesem großen alten, doch niemals alternden Park, verströmen sie sich selbst.

Sie erinnert sich. Wie oft haben Lindenbäume sie schon begleitet?
Vor ihrem ersten Zuhause verklebten sie das Auto und sorgten für den Unmut des Besitzers. Er war öfters unmütig, unmutig immer öfter.
Deshalb musste sie für ihn mit entscheiden, und sie war es, die ging.

Dann zog sie in die Stadt, dort lebte sie gerne. Hinter der Strasse in der ihr Wohnblock stand, erstreckte sich ein weites Feld mit Bäumen und verwilderten Hecken und Sträuchern.Ein Paradies für die Menschen inmitten dieser hektischen Metropole, und das zum Glück, weil der alte Besitzer sich weigerte zu verkaufen.
Nachts bellten die Hunde die Fledermäuse an, neben ihnen die Nachbarn die sich trafen um zu reden, zu schweigen und zu lauschen - dem Wind der durch die vielen Bäume strich und der Stille die dann folgte.
Später wiederum wohnte sie auf dem Land und entlang des Weges zum nächstgelegenen Ort säumten die Linden die Straße. Der Wind kam so oft aus deren Richtung, dass sie abends nur die Nase zum Küchenfenster rausstreckte und sich dem Geruch überließ, den sie so sehr liebte.
Der Duft des Geißblattes am Zaun ihres kleinen Gartens, seit einiger Zeit wieder mitten in einer unbedeutenden Stadt in einem fremden Land, hat sie fast die Sehnsucht nach den Lindenblüten vergessen lassen.

Ein Bahnhof im Winter war der Anfang ihres Weges, auf dem sie zurück zu den längst verdrängten Lindenblüten gelangte.
Seither waren mehrere Monate vergangen, die sie lebte, ohne zu wissen, wohin deren Zeit verschwand.
Die Zeit nannte sich Versprechen. Sie vertraute darauf.
So ließ sie sich auf ihr treiben und landete hier an diesem Augen Blick…

Sie suchte den Teil des Gartens auf, der ihr Flächen mit wilden Wiesen schenkte unter nicht beschnittenen Bäumen und verwitterten Bänken.
Sie nahm Platz, lauschte zur Fontäne hin und hörte Schritte die an der alten Pforte vor diesen fast schon geheimen Orten inmitten dieses großen Barockgartens vorbeigingen.
Wer den großen Garten besucht sieht die akkuraten Beete, die goldenen Statuen, das kleine Gartentheater, den verwirrenden Irrgarten, die lieblichen Pavillons und die edlen Themengärten - wer also sollte in ungemähten Wiesen flanieren wollen?

Hier kann sie jetzt ihrem Fühlen Raum lassen, kann den Ängsten ihre heiße Stirn bieten, kann weinen ohne Schuld zu fühlen und sich ihren eigenen Wünschen stellen.
Ein „Warum” sollte es nicht mehr geben.
Sie würde wieder gehen müssen - wie all die Male vorher.

Sie würde ihn loslassen müssen, dabei hatte sie ihn nie festgehalten, nur in den Momenten gehalten wo sein Stolpern auch sie gefährdete.
Sie liebte ihn auf eine eigentümliche Art.
Ein Mann, ein Kind, ein Despot, ein Egoist, ein Liebhaber, ein Geliebter, ein Liebender, ein Gebender, ein Verschlinger - was alles war noch in ihm?
Es war nicht genug Zeit geblieben, das zu erkunden. Das was sie schon kannte, reichte ihr. So dachte sie jetzt
.
Alles hat sie mitgetragen; ihm zugeschaut wenn er durch sein eigenes Leben wütete, mit seinem Leben und seiner Zeit Vabanque spielte .
Sie war sein Hintergrund und Vordergrund in Augenblicken der Zweisamkeit, der Gemeinsamkeit und der unerklärlichen Lust an Leben und am Lieben.
Im Augenblick ihres ersten Aufeinandertreffens verbanden sich ihre Wurzeln, die so lange nach Boden gesucht und ohne Zögern umschlangen sie sich und drangen in unerklärliche Tiefe
.
Sie wuchsen weiter, gemeinsam. Sie gediehen und aus ihnen entwuchsen feine kleine lustige Blätter die eine zärtliche Blume umschlossen.
Heute hat er sie abgehackt. Die Blätter. Die Blüte.
Kalt, unbarmherzig - so scheint es ihr.
Er ließ sie auf das Schiff der Verbannung bringen, auf die Insel zu der nur er den Schlüssel hat
.
Er käme sie holen, dann wenn die Zeit für ihn wieder richtig wäre.
Er wollte sie nicht in seinem Dschungel haben, verweigerte ihre Begleitung.

Sie sitzt in dem weitläufigen Garten dessen Geheimnisse er ihr verraten hatte .
Sein Garten. Seine Welt.
Damals in der Mondnacht, die hohe Fontäne unter dem Großen Wagen, flüsterte er leise Koseworte in ihr Ohr, getragen von jeder Note der Wassermusik.
Jeder Augenblick so prall gefüllt wie ihr ungläubiges Herz.
Sie entschloß sich fast verzweifelt, die glücklichen Augenblicke zu pflücken und sie zu verstecken, damit sie sie nie verliert.
Die Tür des verwilderten Gartens vor ihr, versprach ihr Geheimnis zu wahren.
Und so warf sie ihr ganzes Glück  heimlich ins hohe Gras unter die Linden.

Der betörende Geruch der Lindenblüten, so dicht und intim, trägt nun alle glücklichen Augenblicke..
Und, von den Wurzeln aufgesogen, verströmen sie sich in den verzauberten Garten…

Der Duft der Lindenblüten wird jetzt durch seine geöffneten Fenster und Türen dringen.
Er wird den Kopf heben, den Blick in eine Ferne lenken deren Ende ihn verwirrt.
Er wird sich sehnen, nicht wissend wonach.
Er wird den Kopf senken und im Urwald seiner Ängste verschwinden, untergehen.

Sie verlässt die Bank, die Wege, den Garten.
Sie braucht nicht zurück zu blicken.
Sie riecht ihn, er bleibt auf ihrer Haut -
der Duft ihrer glücklichen Zeit.

- Rückblick

Mittwoch, Januar 27th, 2010

Es ist zwei Uhr nachmittags an einem drückendheißen Sommertag.
Der kleine Ort, in dem ich einige Jahre lebte, und wo das Haus steht, in dem ich mit meinem ehemaligen Mann wohnte, ist im Grunde genommen nur eine Straße mit einigen Häusern. Von dieser Straße, die mittlerweile als Umgehungsstraße von vielen Pendlern und Lkw-Fahrern als Umweg nach Norden benutzt wird, gehen zwei Sackgassen Richtung Wald ab, und eine kleinere Straße, eher ein Weg, führt in den Nachbarort, 3 km entfernt.
In einer dieser Sackgassen steht mein altes Zuhause, mitten zwischen drei weiteren Häusern von insgesamt etwa 50 im ganzen Ort.
Das Nachbarhaus gegenüber war zu Postkutschenzeit eine Poststation, in der die Pferde gewechselt wurden. Unser Haus hingegen war Teil eines Gebäudekomplexes einer größeren Hofanlage. Heute ist es lang, schmal und dunkel, jedoch warmherzig und willkommen heißend. Unter Napoleon wurde es zum ersten Mal in den Grundbüchern aufgeführt, 1802.
Es war sogar einmal aus- aber nie abgebrannt, jemand hatte sich auf seinem Speicher erhängt und es stand auch schon etliche Jahre leer bevor irgendein Südländer sich seiner erbarmte, es renovierte und ausbaute.
Seine alten Steine trägt es mit Stolz und Liebe - innen wie außen.

Ich gehe die Gasse hinunter, überquere die in der Sonntagsruhe flirrende Hauptstraße und biege ein in den Weg Richtung Nachbarort.
Ich weiß, ich werde an einem alten verlassenen Bauernhof vorbeigehen, dessen dunkle Fenster wie tote Augen auf mich blicken und werde danach, wie sooft, dessen Nachbarhof bewundern, der geschmack- und phantasievoll von seinen neuen Besitzern renoviert wurde.
Die beiden Hunde vor dem Scheuneneingang bellen kurz auf und legen schnell ihre Schnauzen wieder auf die ausgestreckten Pfoten, ihre wachen Augen schließend.
Nach ein paar Schritten bin ich raus aus dem Ort, begrüße vorher noch kurz Dustin, den Dorfesel, der sich unter den mageren Schatten der Holunderbüsche drückt. Kein IA, kein Willkommen-Nicken, nicht mal ein Aufblicken.
Armer Esel, die Sonne brennt unerbittlich auf sein struppiges Fell.

Mein Blick fällt auf die Pappeln, die den Bach am Ortsausgang säumen.
Welch wundervolles Rauschen begleitet ihr langsames Wiegen im heißen Sommerwind.
Auf der kleinen Brücke bleibe ich stehen, schaue nach unten und sehe ab und zu nur noch ein Aufblitzen zwischen dem Grün der Büsche, dort wo ein Sonnenstrahl auf Wasser trifft.
Nur ein dünnes Rinnsal klebt am Grund des Bachbettes. Ich schaue entlang der Pappelreihe, die seinen Lauf anzeigt. Allein sie bezeugt heute seine Existenz, die der trockene Sommer ihm nahm.

Die kleine Brücke über dem Bach, vor einigen Jahren unter dem Murren der Dorfbewohner neu gebaut, scheint sich ihres Daseins zu schämen. Niemand wollte die alte Steinbrücke aus napoleonischen Zeiten hergeben. Die Politik war stärker, warum auch immer.
Nun lehne ich an rotem Stahlgeländer, das heiß und abstoßend wirkt.
Früher war der alte Brückenstein kühl und lud zum innehalten ein.
Seine Existenz erzählte von vergangenen Erlebnissen und Begegnungen, nahm einen selbst darin auf und versprach die Kontinuität, die den Spaziergänger einen Augenblick lang an eine Art Unvergänglichkeit glauben lässt.

Ein paar Schritte weiter und hinter den Schatten der Pappeln, drückt die Sonne heiß auf weite Maisfelder, deren Wuchs immer noch klein ist und nicht viel Ernte verspricht.
Am Horizont, höher gelegen, der Ortsfriedhof. Die Biegung der Straße gibt nur den Blick auf ein rotes Dach frei; es ist die Totenhalle. Ob die wirklich nötig war, bei den wenigen Einwohnern hier?

Der Friedhof liegt mitten auf dem Feld, allein und ruhig.
Nein, falsch, ruhig liegt er nicht mehr. Die Autos rasen während der Woche mit hochdrehenden Motoren daran vorbei und die Hobby-Modellflugzeugbauer lassen ihre Maschinen lautstark darüber hinwegdüsen. Warum auch nicht? Keiner der Bewohner dieses Friedhofs wird sich über den unsäglichen Lärm beschweren, nicht einmal über mögliche Gefahren, sollte eines dieser Flugzeuge mit einem Grabstein kollidieren oder irrtümlich seine Nase in die frisch gepflanzten Blumen eines Grabes bohren.
Heute sehe ich am Himmel nur ein Segelflugzeug über den Friedhof kreisen.
So still und friedlich wie dieser ganze Sommer-Frühnachmittag.

Ich drehe mich nach Osten, dort wo am Horizont, ganz klein, eine Allee von Bäumen die Strasse anzeigt, die in den Norden des Landes führt.
Quatre-vents, so heißt sie -vier Winde.
Hoch und frei gelegen, durchquert sie das Land, so dass sie den Wind aus allen vier Richtungen ertragen muss. Immer wieder gab es die eine oder andere Bö, die ein Auto von seinem gewollten Weg abbrachte.

Das Blöken eines Schafs bringt mich wieder dahin zurück, wo ich stehe.
Hier, vor mir in der Wiese, grasen sie, helle und wollige Schafe. Ziegen mit hängenden braunen Ohren spazieren um sie herum. Es sind Jungtiere; die alten liegen im Schatten der Pappeln. Ich “mää’e” zurück, ob an Schaf oder Ziege gerichtet überlasse ich dem Zufall. Die Antwort lässt nicht auf sich warten.
In mir keimt kurz die Illusion auf, das Tier hätte verstanden was ich mää’te. Aber dann begreife ich, dass ich nicht weiß was ich ihm angeblich zugerufen habe. Irgendwie pervers, oder? Fremdsprachenkenntnisse haben auch ihre Grenzen!

Ein Cabrio fährt die Hauptstraße entlang. Ein neuer Käfer auf alt gemacht, oder ist es umgekehrt? Es ist mir egal.
Dann kommt mir in den Sinn, dass hier in diesem Land von zehn Cabrio-Fahrern, neun Männer sind. In Deutschland ist es fast umgekehrt, angeblich. Sind die Männer hier noch Machos oder gibt es dafür einen andern Grund?
Aber irgendwie ist mir das auch egal.
Plötzlich möchte ich nicht mehr weitergehen, nicht mehr über die Kuppel an den Feldern entlang zum nächstgelegenen Ort spazieren.

Will einfach nur hier und jetzt die Zeit anhalten,
will immer diesen warmen Wind in meinem Nacken spüren,
den Schweiß, der sich in meinen Rücken sammelt,
das Pochen meiner Schläfen unter der drückenden Sonne,
das Singen der Pappeln im Hintergrund,
der Geruch nach heißer Erde,
das Blau des Himmels der sich über mir spannt,
das kleine weiße Flugzeug das stumm durch die Luft gleitet -
jetzt und hier sollte ein immerwährender Augenblick sein der stillsteht.
Und inmitten dieses Augenblicks, das Gefühl von glücklich sein,
ohne Zeit, nur im Raum; losgelöst von jeder Erwartung, und bereit zur Ewigkeit.

Ich drehe mich um.
Die Hunde sind nicht mehr da, der Esel ist nicht zu erblicken.
Ich schaue kurz hinüber zur Kapelle vor der Kreuzung; sie wurde unlängst renoviert. Nun erinnere ich mich, dass ich gestern, fünf Minuten vor 19 Uhr, ihr gewohntes Abendläuten hörte. Diese scheppernde klagende Glocke hat alle Abende begleitet an denen ich hier zu Hause war. Sie war Anhaltspunkt zum Einschalten der Nachrichten im Radio, für das Fertigstellen des Essens oder die Erinnerung an einen Abend-Termin. Sie unterbrach jedes Gespräch für einen kurzen Augenblick. Dann vergaß man sie genauso schnell.
Und sie war auch irgendwie der Klang der Einsamkeit und Leere meiner letzten Jahre hier.
Es wird Zeit.
Ich gehe zurück, zurück zum Haus.
Auf seinen alten Mauern hat sich der wilde Wein festgehakt und gibt ihm ein verschmitztes Aussehen; wie ein alter griechischer Bauer dessen Wangen ein dichter Bart säumt.

Ich weiß, mein Koffer wartet in diesem alten Haus auf mich.
Er ist längst gepackt.
Den Teil des Hauses der mir einst gehörte, habe ich verkauft.
Es war an der Zeit.
Die Vergangenheit bleibt als ein Teil von mir und ein Teil von uns in diesem Haus.
Es hat mir lange Zeit Zuflucht gewährt und wird es immer noch tun. Aber es entlässt mich nun in mein Leben.

Wenn ich es jetzt verlasse, werde ich es nicht verlassen haben.
Viel von mir wird zurückbleiben, ohne dass ich das vermissen werde.
Denn das, was zurückbleibt ist Vergangenheit und wird als solche in seinen Mauern weiterleben. Es wird sie aufbewahren.

Wenn ich aus dem alten Haus heraus trete und darauf zurückblicke, wird es mir zuzwinkern. Wir werden uns weiterhin lieben und schätzen.

Ich werde es leicht und frei verlassen.

- UnWesentliches

Dienstag, Januar 26th, 2010

Wären wir damals nicht zum Strand gefahren, ich hätte die Muschel nicht finden können, die ich jetzt in Händen halte und die mich an den bestimmten Augenblick erinnert, als ich mich nach ihr bückte.
Damals hörte dein Lachen im Hintergrund, sah aus den Augenwinkeln wie du zwei Kindern mit ihren Hunden zuschautest die im Wasser tollten.
Du hast Hunde immer sehr geliebt, im Gegensatz zu mir. Ich mag Katzen. Das hat uns nicht gestört, wir hatten weder Katz noch Hund.
Wir hatten auch keine Kinder.
Als man uns damals sagte was auf dich zukommen würde, riet man uns gleichzeitig davon ab Kinder zu bekommen. Wir sollten das Leben, unsere gemeinsame Zeit, genießen, meinten sie. Wir hielten uns daran.
Du wärst mir nur ein paar wenige Jahre geblieben, laut den Aussagen der Spezialisten.

Wir nahmen ihre Worte ernst.
Wir reduzierten unser Leben auf das Wesentliche. Wie?!
So, wie wir damals das Wesentliche definiert hatten.
Wenig besitzen, viel Zeit nutzen, wenn möglich miteinander, nicht an morgen denken, nicht auf morgen handeln - nur jeden Augenblick wichtig sein lassen.
Warum ein Kind, wenn es so früh keinen Vater mehr hätte und die wenige uns verbliebene Zeit für seine Interessen geopfert werden müsste?
Warum einen Hund, der viel Zeit und Raum und Geduld in Anspruch nimmt.
Warum eine Katze, die schlussendlich auch bindet.

Auf diese Weise begann unser Weg nach deiner Diagnose. Unser gemeinsame Weg davor war kurz gewesen, wir waren doch erst Ende zwanzig.
Blieben wir deshalb zusammen, weil wir noch so jung waren und noch voller Ideale für Liebe?
Jetzt, mit der Muschel in der Hand, frage ich mich, ob ich mit dem Wissen von heute auch so entscheiden würde. Ich kann es nicht beantworten.

Am Anfang warst du zurückhaltend, suchtest das Alleinsein. Ich litt. Dann haben wir geredet und Entscheidungen getroffen. Der Bausparvertrag wurde aufgelöst, eine neue Wohnung, kleiner, war schnell gefunden, ein bequemes Auto und kein sportliches mehr….
Wir fokussierten unser Leben nur auf uns selbst.
Ich ging nur noch kurze Zeit arbeiten, denn unsere finanzielle Situation erlaubte es. Du warst sowieso immer von zuhause tätig als freier Journalist. So waren wir fast ungetrennt zusammen.
Wir teilten uns den Alltag auf, ich kümmerte mich um all das was dir das Leben leichter machen könnte damit du dich um deine Interessen kümmern konntest.
Wir machten Reisen; du wolltest noch viel sehen. Irgendwann würden deine Beine sowieso nicht mehr mitmachen und deine Augen auch nicht. Und schieben lassen auf einem rollenden Stuhl durch Urwald oder Canyon wolltest du schon gar nicht. Ich hätte es für dich getan, das wusstest du.
Wir fingen an uns zu isolieren, brachen die meisten Kontakte ab. Nur wenige blieben, die zur Familie oder ganz engen alten Freunden.
Du wolltest, wenn es nicht mehr zu übersehen wäre, niemandem Erklärungen abgeben.
So merkten wir nicht, wie wir langsam immer mehr auf der Oberflächlichkeit des Lebens trieben. Mich nach deinem Befinden zu erkundigen hatte ich längst aufgehört: damit du nicht immer an deine Krankheit erinnert würdest.
Im Nachhinein war mir, als ob das Ignorieren deiner Krankheit einen Einfluss auf ihren Verlauf hatte. Denn die Jahre liefen weiter, wir füllten sie mit unseren Wesentlichkeiten die wir nicht mehr nachfragten und merkten nicht, dass die Zeit, die dir damals gegeben wurde, längst überschritten war.
Kleine Unpässlichkeiten ab und zu, waren noch Anstoß zum erinnern, doch auch diese Unpässlichkeiten wurden geringer.
Anfangs gingst du regelmäßig zu Untersuchungen und dann immer weniger. Wann du das letzte Mal dort warst habe ich dich nie gefragt. Auch das habe ich geflissentlich ignoriert. Wir teilten jede mögliche Zeit miteinander, nur deine Krankheit behieltst du als Ganzes für dich allein. Vielleicht hat mir dein Verhalten auch gepasst, es hat mir das Nachdenken weggenommen.
So verging die Zeit, wir haben die Jahre selten gezählt. Wir waren damit beschäftigt, sie mit Wesentlichem zu füllen weil wir für Unwesentliches keine Zeit opfern wollten.
Wir waren fast immer zusammen und merkten nicht, wie wir uns entfremdeten.
Was sollten wir uns denn noch erzählen, außer über neue Reisen, alte Reisen, Gegenstände der Erinnerungen, Literatur, Kultur, Kunst, Fernsehsendungen oder Radioreportagen, ich probierte neue Rezepte aus, las und schrieb und nähte. Wir strichen regelmäßig die Wohnung, dekorierten sie ab und zu um, kauften das eine oder andere Möbel neu, gingen in die Stadt oder in den Park, schauten den Leuten zu und nach. Manchmal, nächtens, wenn du mich liebtest, dann erschrak ich weil ich mich fragte, wer der Mann in mir ist. Ich habe es stets sofort verdrängt. Wir liebten uns nicht oft, eigenartig. Wir liebten uns doch, nicht wahr….?!

Wir hatten dein Todesurteil akzeptiert, damals, und es als Menetekel über unser Leben hingenommen.
Wir lebten mit dem Bewusstsein, dass deine Lebenszeit kurz sei.
Zwanzig Jahre lang lebten wir mit diesem Bewusstsein und den daraus entstandenen Entscheidungen. Waren sie richtig? Heute stehe ich hier, mit einer kleinen weißen Muschel in der Hand und frage mich das zum ersten Mal wirklich.
In der Zwischenzeit hätten wir schon mehr als einen Hund haben können, in einer schönen Wohnung am Rande der Stadt leben oder einem kleinen Haus im Moor, eine Katze vielleicht noch dazu, unser Kind wäre erwachsen; würde es studieren wäre es schon nicht mehr zuhause.

Was hatten wir uns zu leben gelassen? Was hatten wir uns genommen in der Überzeugung, uns nur das Wesentliche vom Leben mitzunehmen?
Was haben wir davon gehabt? Haben wir etwas verloren dabei?

Heute weiß ich, das Schlimmste war, wir hatten die Freude am Leben abgelegt, diese Freude die entsteht, wenn das Unwesentliche einen streift.
So, wie wenn man eine Muschel aufhebt und noch eine und noch eine und sie dann alle noch feucht und sandig, in die Jackentasche steckt. Man schaut in die Sonne, setzt das Gesicht dem Wind aus und freut sich über den Augenblick.

Wir wollten das Leben konsumieren, wir wollten es füllen und im Zeitraffer leben, damit wir soviel wie möglich mitbekommen.
Aber wir alle haben allein nur die Zeit, die wir uns nehmen.
Haben wir wirklich gelebt und war es richtig?

Vor ein paar Wochen bist du dann für immer gegangen. Nicht deine Krankheit war die Ursache sondern ein Verkehrsunfall.
Ich wollte es anfangs nicht glauben. Ich begriff, dass ich niemals Angst hatte um dich, niemals annahm, dir könnte sonst etwas passieren als das, was man dir vor vielen Jahren androhte.
Wir dachten immer, wir hätten das Leben im Griff, so lange es uns bleibt.
Wir dachten, alles wäre so geplant, dass uns das größt- und bestmögliche geboten wird.
Wir haben so sehr an die vorhergesagte Zukunft gedacht und sie als einzigen Maßstab genommen. Wir haben uns niemals gefragt was wir brauchen, immer nur, was wir wollen. Wir existierten nach Plan.

Das Leben spielt aber nicht mit.

Irgendwann hört es auf, für jeden. Die Zeit dazwischen ist das Geschenk. Wir haben uns bloß geweigert es auszupacken weil uns gesagt wurde, wir müssten es bald zurückgeben.

Ich denke an den Tag als ich nach der Muschel griff, ich höre dich über die Kinder und die Hunde lachen und sehe immer noch deinen sehnsüchtigen Blick….

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- Eindhoven im Januar

Sonntag, Januar 17th, 2010

Gestern war der letzte Tag den ich bei den „Van”s’ in Eindhoven verbrachte.
Eine eigenartige Stadt, dieses Eindhoven, so metallisch-glasig-künstlich-kalt, aber die Stadt zu besuchen war ja auch nicht der Grund, weshalb ich hinfuhr..
Dafür gab es zwei Gründe: eine Artisten-Börse und gute Freunde.

Die Menschen hier sind nämlich äußerst liebenswürdig und freundlich.
Gemeinsam saßen wir am Frühstückstisch, auch wenn Joop, der 8jährige Sohn von Mareike und Claus, schon früher zur Schule mußte, nicht ohne vorher noch sein Erdnussbutterbrot zu schmieren und ein Brötchen mit Hagelslag (farbige Schokoladeschnipsel) zu essen. Das reichhaltige Frühstück ist immer noch gewöhnungsbedürftig für Südländer wie mich, die morgens gar nichts zu sich nehmen außer dem unverzichtbaren Caffè.

Kurz danach verließen die Eltern auch das Haus und ließen mich allein zurück. Ein angenehmer Zustand, ich habe ihn jedenfalls genossen.
Mein Blick ging hinaus durch die großen Erkerfenster. Hier in diesem Teil Hollands hatte der Winter nur moderat Einzug gehalten. Anders sieht es ja bei uns in Norddeutschland aus.

Ein eigenartiger Jahresanfang, dieses Jahr.
Der Schnee zwingt einen zur Ruhe, der Kontakt mit draußen ist mit Überlegungen verbunden, denn es führt zur bewussten Entscheidung hinauszugehen oder gar -fahren und zum sich auseinandersetzen mit dem was man tut und wie und wann und ob man es tut.
Ich finde das sehr lehrreich in einer Zeit in der wir eilen, ohne uns Gedanken zu machen, wie wir das erreichen, was wir uns als Ziel gesetzt haben. Wir ärgern uns über verspätete Züge, Busse und U-Bahnen, verzweifeln an glatten Autobahnen, an unbereinigten Fahrradwegen und an nicht schneebefreiten Bürgersteigen. Wir sind gezwungen, Schuhwerk und Kleidung den klimatischen Umständen anzupassen, was wiederum das äußere Erscheinungsbild trübt das wir gerne der Welt präsentieren. Wir hinterfragen ernsthaft die Notwendigkeit, uns nach draußen zu bewegen und entscheiden plötzlich bewusst, ob wir noch irgendwohin fahren oder gehen, schauen öfters aus dem Fenster und nehmen wahr, dass wir doch nicht auf alles den Einfluss haben, den wir zu haben glauben.
Ich mag es, dieses Innehalten auch noch über den Jahreswechsel hinaus. Denn meist beginnt spätestens nach dem 6. Januar eine noch größere Hektik, so als wollten wir die “vergeudete” Zeit nachholen, die wir während der Feiertage für Familie und Freunde, sprich fürs „Nichtstun” geopfert haben.

Gestern Morgen saß ich am Esstisch von Mareike und Claus, Joop drückte ja schon die Schulbank. Es war sehr ruhig; die Vase mit unzähligen gelben Tulpen stand neben den drei Teelichtern die friedlich flackerten, das Erkerfenster gab den Blick auf die ruhige Wohnstraße frei, auf der selten ein Auto fährt und fast keine Menschen zu sehen sind. Dabei ist Eindhoven eine hektische Stadt und schön ist sie nicht unbedingt zu nennen.
Und doch war es friedlich, vielleicht auch weil ich, bevor ich am Nachmittag den Weg nach Hause einschlagen musste, die letzten Augenblicke der Ruhe genoss ehe ich mich dem Stress der Autobahn und dem Bewusstsein, dass am folgenden Morgen mein Alltag anfängt, aussetzte.

Die Zeit mit den Menschen hier habe ich sehr genossen. Ich war mit Leuten auf der AEB, die die jährliche Künstlerbörse aus Berufsgründen seit Jahren besuchen und auf der sie viele neue Kontakte herstellen und Kontakte von führeren Jahren wiedertreffen. Sie kannten dort viele der Künstler und es war faszinierend, dass wir keine zwei Meter gehen konnten, ohne jemanden zu begrüßen oder begrüßt zu werden.

So überließ ich sie nach einiger Zeit ihrer Arbeit und ging allein weiter.
Bereitwillig ließ ich mich dann entführen in Zauberwelten und in Gärten der Magie, in laute Musikhallen und in kleine Variétés. Die Zigeunermusik hat mich zum tanzen animiert und die Klezmer-Klarinette zur Melancholie, die sanften Figuren des Marionnettentheaters lockten mich in die Welt hinter den Spiegeln und der kleine türkische Schuhputzer Boyaci Hüseyin alias Frans, zog mit seinen schwarzen schmierigen Fingern die Zigarette aus dem Mundwinkel um mir ein freundliches Merhaba zuzurufen. Mit der Eistüte in der Hand, die mir der behende Eisverkäufer Ali nach dem Vorführen seiner Tricks schenkte, schaute ich zu wie er aus schmutzigen Tretern wieder blanke Schuhe machte und dabei sein Tun mit unverständlichen Lauten kommentierte.
Ein holländischer Jodler auf dem Stand nebenan, in extra-kurzen und -knappen Lederhosen und der Physiognomie eines jungen Otto Waalkes, hat das exotische Bild kurz getrübt; er war einfach zu laut und zu aufdringlich.
Dafür haben mich zwei weißgekleidete junge Mädchen, Emilie und Sylvia abgelenkt, die bei berührenden Geigenklängen inmitten eines großen Luftballons, eine zärtliche Geschichte tanzten.
Prächtig gekleidete junge Menschen auf Stelzen spazierten durch die Gänge und Fabelwesen aus fremden Welten mischten sich dazwischen.
Zwei Tage lang habe ich mir das angeschaut, war mittendrin und am Rande, habe es genossen und mit Freunden und Fremden geredet, habe gelernt und hinterfragt, zugehört und wirken lassen.
Es war wunderschön und inspirierend Menschen zu begegnen, die mittels ihrer persönlichen Phantasie, eigene, verzaubernde Welten schaffen und somit andere Menschen in eine für sie fremde Welt hineinziehen.

Ich bin wieder zurück in meinem Alltag, werde hier wohl noch lange den Schnee hüten und mir dazwischen immer wieder bewußt machen, daß ich ein Glückskind bin.
Ich habe wunderbare Freunde, Menschen die mich lieben und die ich zurückliebe, habe ein Leben das ich mir selbst ausgewählt habe und das ich genieße.
Ich lerne hinzu und darf mein Wissen und Können einsetzen und weitergeben.

Mir wird bewusst, wie kostbar Zeit ist und der wahre Luxus unserer Existenz.
Ich will mir klar machen, dass jeder Augenblick wichtig ist, ob ich ihn mit lesen, schreiben, arbeiten, reden, schweigen, zuhören, lieben, lachen oder nichtstun verbringe.

Whatever - ich bin einfach dankbar.

Es wird ein gutes Jahr, 2010, es wird ein schönes Jahr, 2010.


- Glück -Träume

Donnerstag, Januar 7th, 2010

Mein Arbeitsplatz liegt in einem weitläufigen Gebäude, das von Grünflächen umgeben ist.
Vor dem Eingang erstreckt sich eine lange Wiese, und auf dieser saßen heute Morgen drei Enten. Ich blieb stehen um sie zu beobachten.
Plötzlich erhob sich eine Ente und kam langsam watschelnd auf mich zu. Es war ein Genuss zuzuschauen, wie ihr kleiner gedrungener Körper sich auf mich zu bewegte. Kurz vor mir blieb sie stehen und schaute zu mir hoch.
Ich lächelte sie an, erzählte ihr, wie schön sie sei, wie wundervoll ihr kleines Köpfchen im Licht glänze und dass ihre grün-blau schimmernden Federn meine Augen und mein Herz erfreuen. Höflich dankte ich ihr, dass sie mich mit ihrer Anwesenheit beehrt hat.
Sie reckte noch einmal kurz und gnädig ihren Kopf, drehte sich um und watschelte zu ihren Freunden zurück.
Ich war glücklich und dankbar, dass sie mir ihre Aufmerksamkeit geschenkt hat.

Glück - das war oft, wenn mir mein Hund von unten in die Augen blickte,
wenn er seine Nase in den Wind streckte.
Glück war, wenn ich dem Klopfen des Spechts zuhören konnte,
der erfrischende Geruch der Natur nach einem Platzregen,
das Landen einer Ente im Teich vor meinem Fenster,
die glänzende Haut einer Blindschleiche in der Nachmittagssonne,
das Huschen eines Eichhörnchens auf der Buche am Waldrand,
die starre Haltung des Rehs im Morgennebel ehe es davon sprang,
das helle Kinderlachen auf dem Spielplatz,
das Streicheln weicher Hände über meine Wangen,
Wiedersehensfreude in den Augen von Freunden,
aufmunternde Worte auf einer Grußkarte,
in die Augen eines geliebten Menschen hineinlächeln,
die Sonne auf seiner Haut riechen,
die Schweißperlen an seinen Schläfen wegküssen,
keine Gedanken an Zeit und Raum und Endlichkeit…..

Die Suche nach dem Glück führt dazu, nach Träumen zu greifen,
nach der Erfüllung von Wünschen, Vorstellungen, Sehnsüchten, Illusionen.
Eine Gratwanderung, deren Ausgang unbekannt ist.

Kein Traum an sich ist illusorisch.
Erst wenn wir ihn leben wollen und ihn aus seinem Traum-Zustand in einen Realitäts-Zustand verwandeln wollen, wird unausweichlich seine Auflösung beginnen.

Dann erst kommen die ungnädigen Gesetze auf uns zu, die es bewirken, dass Träume sich in Illusionen auflösen.
Nicht der Traum an sich ist falsch, sondern der Versuch ihn in eine lebbare Realität umzuwandeln.
Dann stellt sich immer wieder die Frage: war es eine falsche Entscheidu Die Entscheidung, dass es genau dieser Traum sein sollte, den man sich erfüllen wollte?
Gibt es falsch gelebte Träume?
Und dann, kann man das im Voraus wissen?

Beim Schritt durch die Eingangstür ins Leben, erblickt man selten den Wegweiser Richtung Paradiesgarten.
Den entdeckt man im Laufe des Gehens auf dem eigenen Weg, für sich allein.
Und jeder Mensch hat seinen persönlichen Irrgarten.
Als verlockende Früchte hängen unsere Träume an seinen Wegrändern
oder versteckt im nebligen Hintergrund der Versprechungen.
Wir lassen uns verführen und müssen oft Umwege gehen,
bevor wir das Ziel erreichen - Zufriedenheit mit sich selbst und dem Leben.

Ich blicke hinaus und sehe die Wiese mit den Enten.
Noch immer leuchten ihre Federn hell im Sonnenlicht.
Glück.
So nah, und manchmal unsichtbar.
So nah……


MittWoch

Mittwoch, Januar 6th, 2010

Die Lilien sind lachsfarben an diesem Mittwoch.
Sie haben sich umgezogen.
Letzten Mittwoch waren sie noch weiß gekleidet.
Wartend senken sie die Köpfe.
Ich tue es auch.

Ich will nicht wissen, dass ich warte.
Es ist Mittwoch, der Wartetag.
Der Tag an dem er zu kommen pflegt.
Doch wann, das ist nie vorhersagbar.

Die Lilien sind das Mittwochszeichen.
Er liebt sie.
Deshalb warten sie auch.
Wie ich.

Warten nur Liebende?
Brauchen Geliebte nicht zu warten?

Und wer das Warten nicht kennt, ist der glücklicher?
Wer nicht weiß, was er vermisst, er der zufriedener?

Wer Sehnsucht nur dem Namen nach kennt,
findet der keine Namen für Liebe?

Mittwochs sind die Tage so lang.
Die Mittwochnächte viel zu kurz.

Jeder Schritt ist der Wahre, bis er vorbeigeht und verhallt.
Wenn der wahre Schritt erklingen wird, ist der Schlaf längst da.
Es ist immer spät in den Mittwochnächten.
So, als hätten sie zu kurze Kleider an.
Als seien ihre Schuhe zu klein.
Als tickte ihre Uhr zu schnell.

Ruhe ist eingekehrt in den Wänden die den Mittwoch noch halten.
Sie werden ihn jetzt loslassen.
Sein letztes Paar Stunden ist längst eingeläutet.

Die Laken sind kühl, der Mondschein silbern, die Nacht verächtlich.

MittwochNächte der Einsamkeit.


- Fluchtpunkt

Dienstag, Januar 5th, 2010

Ich bin hineingeworfen aus der Ewigkeit der Zeit in ihre Endlichkeit.
Und doch streife ich die Flügel dieser Ewigkeit nicht ab, sie sind Teil vom Ganzen.

Wir wurden aus den Nestern gestoßen, wir sollten fliegen lernen.
Parallelwesen in Paralleluniversen in Parallelzeiten.

Ende gehört dem Anfang und ist unausweichlich.
Die Existenzgrundlage fürs Sein, nicht umgekehrt.
Die Langsamkeit dieser Existenz sollte ihre Strafe sein und doch schaffen wir uns Abhilfen.
Wir nehmen uns Menschen, Orte, Gegebenheiten - machen daraus das Flickwerk das wir Leben nennen.
Eine Decke die nie wirklich wärmen kann. Was fehlt ihr?
Zu löchrig? Zu dünn gewebt, schlechte Fäden?
Wir hatten niemals Anderes und bleiben scheinbar zufrieden.

Und nun dies.
Zwei wie wir.
Zwei Parallelleben.
Die meisten Schritte unseres Weges haben wir hinter uns,
hatten wir hinter uns,
an einem Tag
in einem Bahnhof
in einer Stadt
am Rande aller Welten.
Dabei sind unsere Zeiten in den Zeiten der Zeit, kleine Zeiten.
Wir sind ihre Wimpernschläge, mehr nicht.
Und innerhalb der Bewegung dieses einen Wimpernschlages trafen wir aufeinander.
War es von Bedeutung?
Es war ein Hinbewegen hin zu diesem Augenblick, und zu denen die folgen sollten.
Hin zum Fluchtpunkt, heraus aus den Parallelwelten,
heraus aus der unbeweglichen Zeit der Existenz.
Bis zu diesem Augenblick erschien uns niemals fragwürdig, was das Leben war.
Wir lebten es.
Hatten wir uns gesehnt?
Ja.
Doch wonach, das hatte keine Namen.
Haben Gefühle Namen, wenn sie fremd sind?

Ich bin auf dich zugegangen, in dich hineingefallen.
Du hast mich aufgehalten, mir den Rahmen geboten in den ich mich schmiegte.
In einem einzigen Augenblick.
Dann gingen wir. Fremd und selbstverständlich. Warum auch nicht.
An Bahnhöfen fährt man weg oder man kommt an.
Wir gehörten zu den Ankommenden.
Aus den Paralleluniversen hin zum unvermeidlichen Punkt der Ankunft,
als Ende gelebter Flucht.
Wer hat uns hierhergeführt?
Die ewige Weisheit?
Weil wir Teil von ihr sind?
Wir weigern uns immer noch sie zu erkennen.
Ist das der Teil in uns, der sich angepasst hat?
Das Ganze, das wir bis hierher schufen, wurde zu dem Teil der sich jetzt weiterbewegen wird.
Wir haben unsere Zeit angehalten um sie ihm mitzugeben.
Nun trägt dieser Teil, geschaffen aus unser beider Sein,
unsere Seelen mitten in der allgegenwärtigen Zeit
hinein in die Ewigkeit.
Dort kommen wir als Ganzes an, wo wir es mal als Einzelne verließen.

Wir werden wieder hineingehen in die Ewigkeit dieses Flusses und dafür sorgen, dass unser Sein ihn vermehrt, sich weitergibt,
und wieder und immer wieder
wiedergeboren wird als Teil der Zeit,
die sie ans Universum verschenkt.

Es ist so.
Wir sind längst ewig.
Wir sind längst ganz.
Wir sind längst geheilt.
Wir sind angekommen.