Es ist zwei Uhr nachmittags an einem drückendheißen Sommertag.
Der kleine Ort, in dem ich einige Jahre lebte, und wo das Haus steht, in dem ich mit meinem ehemaligen Mann wohnte, ist im Grunde genommen nur eine Straße mit einigen Häusern. Von dieser Straße, die mittlerweile als Umgehungsstraße von vielen Pendlern und Lkw-Fahrern als Umweg nach Norden benutzt wird, gehen zwei Sackgassen Richtung Wald ab, und eine kleinere Straße, eher ein Weg, führt in den Nachbarort, 3 km entfernt.
In einer dieser Sackgassen steht mein altes Zuhause, mitten zwischen drei weiteren Häusern von insgesamt etwa 50 im ganzen Ort.
Das Nachbarhaus gegenüber war zu Postkutschenzeit eine Poststation, in der die Pferde gewechselt wurden. Unser Haus hingegen war Teil eines Gebäudekomplexes einer größeren Hofanlage. Heute ist es lang, schmal und dunkel, jedoch warmherzig und willkommen heißend. Unter Napoleon wurde es zum ersten Mal in den Grundbüchern aufgeführt, 1802.
Es war sogar einmal aus- aber nie abgebrannt, jemand hatte sich auf seinem Speicher erhängt und es stand auch schon etliche Jahre leer bevor irgendein Südländer sich seiner erbarmte, es renovierte und ausbaute.
Seine alten Steine trägt es mit Stolz und Liebe - innen wie außen.
Ich gehe die Gasse hinunter, überquere die in der Sonntagsruhe flirrende Hauptstraße und biege ein in den Weg Richtung Nachbarort.
Ich weiß, ich werde an einem alten verlassenen Bauernhof vorbeigehen, dessen dunkle Fenster wie tote Augen auf mich blicken und werde danach, wie sooft, dessen Nachbarhof bewundern, der geschmack- und phantasievoll von seinen neuen Besitzern renoviert wurde.
Die beiden Hunde vor dem Scheuneneingang bellen kurz auf und legen schnell ihre Schnauzen wieder auf die ausgestreckten Pfoten, ihre wachen Augen schließend.
Nach ein paar Schritten bin ich raus aus dem Ort, begrüße vorher noch kurz Dustin, den Dorfesel, der sich unter den mageren Schatten der Holunderbüsche drückt. Kein IA, kein Willkommen-Nicken, nicht mal ein Aufblicken.
Armer Esel, die Sonne brennt unerbittlich auf sein struppiges Fell.
Mein Blick fällt auf die Pappeln, die den Bach am Ortsausgang säumen.
Welch wundervolles Rauschen begleitet ihr langsames Wiegen im heißen Sommerwind.
Auf der kleinen Brücke bleibe ich stehen, schaue nach unten und sehe ab und zu nur noch ein Aufblitzen zwischen dem Grün der Büsche, dort wo ein Sonnenstrahl auf Wasser trifft.
Nur ein dünnes Rinnsal klebt am Grund des Bachbettes. Ich schaue entlang der Pappelreihe, die seinen Lauf anzeigt. Allein sie bezeugt heute seine Existenz, die der trockene Sommer ihm nahm.
Die kleine Brücke über dem Bach, vor einigen Jahren unter dem Murren der Dorfbewohner neu gebaut, scheint sich ihres Daseins zu schämen. Niemand wollte die alte Steinbrücke aus napoleonischen Zeiten hergeben. Die Politik war stärker, warum auch immer.
Nun lehne ich an rotem Stahlgeländer, das heiß und abstoßend wirkt.
Früher war der alte Brückenstein kühl und lud zum innehalten ein.
Seine Existenz erzählte von vergangenen Erlebnissen und Begegnungen, nahm einen selbst darin auf und versprach die Kontinuität, die den Spaziergänger einen Augenblick lang an eine Art Unvergänglichkeit glauben lässt.
Ein paar Schritte weiter und hinter den Schatten der Pappeln, drückt die Sonne heiß auf weite Maisfelder, deren Wuchs immer noch klein ist und nicht viel Ernte verspricht.
Am Horizont, höher gelegen, der Ortsfriedhof. Die Biegung der Straße gibt nur den Blick auf ein rotes Dach frei; es ist die Totenhalle. Ob die wirklich nötig war, bei den wenigen Einwohnern hier?
Der Friedhof liegt mitten auf dem Feld, allein und ruhig.
Nein, falsch, ruhig liegt er nicht mehr. Die Autos rasen während der Woche mit hochdrehenden Motoren daran vorbei und die Hobby-Modellflugzeugbauer lassen ihre Maschinen lautstark darüber hinwegdüsen. Warum auch nicht? Keiner der Bewohner dieses Friedhofs wird sich über den unsäglichen Lärm beschweren, nicht einmal über mögliche Gefahren, sollte eines dieser Flugzeuge mit einem Grabstein kollidieren oder irrtümlich seine Nase in die frisch gepflanzten Blumen eines Grabes bohren.
Heute sehe ich am Himmel nur ein Segelflugzeug über den Friedhof kreisen.
So still und friedlich wie dieser ganze Sommer-Frühnachmittag.
Ich drehe mich nach Osten, dort wo am Horizont, ganz klein, eine Allee von Bäumen die Strasse anzeigt, die in den Norden des Landes führt.
Quatre-vents, so heißt sie -vier Winde.
Hoch und frei gelegen, durchquert sie das Land, so dass sie den Wind aus allen vier Richtungen ertragen muss. Immer wieder gab es die eine oder andere Bö, die ein Auto von seinem gewollten Weg abbrachte.
Das Blöken eines Schafs bringt mich wieder dahin zurück, wo ich stehe.
Hier, vor mir in der Wiese, grasen sie, helle und wollige Schafe. Ziegen mit hängenden braunen Ohren spazieren um sie herum. Es sind Jungtiere; die alten liegen im Schatten der Pappeln. Ich “mää’e” zurück, ob an Schaf oder Ziege gerichtet überlasse ich dem Zufall. Die Antwort lässt nicht auf sich warten.
In mir keimt kurz die Illusion auf, das Tier hätte verstanden was ich mää’te. Aber dann begreife ich, dass ich nicht weiß was ich ihm angeblich zugerufen habe. Irgendwie pervers, oder? Fremdsprachenkenntnisse haben auch ihre Grenzen!
Ein Cabrio fährt die Hauptstraße entlang. Ein neuer Käfer auf alt gemacht, oder ist es umgekehrt? Es ist mir egal.
Dann kommt mir in den Sinn, dass hier in diesem Land von zehn Cabrio-Fahrern, neun Männer sind. In Deutschland ist es fast umgekehrt, angeblich. Sind die Männer hier noch Machos oder gibt es dafür einen andern Grund?
Aber irgendwie ist mir das auch egal.
Plötzlich möchte ich nicht mehr weitergehen, nicht mehr über die Kuppel an den Feldern entlang zum nächstgelegenen Ort spazieren.
Will einfach nur hier und jetzt die Zeit anhalten,
will immer diesen warmen Wind in meinem Nacken spüren,
den Schweiß, der sich in meinen Rücken sammelt,
das Pochen meiner Schläfen unter der drückenden Sonne,
das Singen der Pappeln im Hintergrund,
der Geruch nach heißer Erde,
das Blau des Himmels der sich über mir spannt,
das kleine weiße Flugzeug das stumm durch die Luft gleitet -
jetzt und hier sollte ein immerwährender Augenblick sein der stillsteht.
Und inmitten dieses Augenblicks, das Gefühl von glücklich sein,
ohne Zeit, nur im Raum; losgelöst von jeder Erwartung, und bereit zur Ewigkeit.
Ich drehe mich um.
Die Hunde sind nicht mehr da, der Esel ist nicht zu erblicken.
Ich schaue kurz hinüber zur Kapelle vor der Kreuzung; sie wurde unlängst renoviert. Nun erinnere ich mich, dass ich gestern, fünf Minuten vor 19 Uhr, ihr gewohntes Abendläuten hörte. Diese scheppernde klagende Glocke hat alle Abende begleitet an denen ich hier zu Hause war. Sie war Anhaltspunkt zum Einschalten der Nachrichten im Radio, für das Fertigstellen des Essens oder die Erinnerung an einen Abend-Termin. Sie unterbrach jedes Gespräch für einen kurzen Augenblick. Dann vergaß man sie genauso schnell.
Und sie war auch irgendwie der Klang der Einsamkeit und Leere meiner letzten Jahre hier.
Es wird Zeit.
Ich gehe zurück, zurück zum Haus.
Auf seinen alten Mauern hat sich der wilde Wein festgehakt und gibt ihm ein verschmitztes Aussehen; wie ein alter griechischer Bauer dessen Wangen ein dichter Bart säumt.
Ich weiß, mein Koffer wartet in diesem alten Haus auf mich.
Er ist längst gepackt.
Den Teil des Hauses der mir einst gehörte, habe ich verkauft.
Es war an der Zeit.
Die Vergangenheit bleibt als ein Teil von mir und ein Teil von uns in diesem Haus.
Es hat mir lange Zeit Zuflucht gewährt und wird es immer noch tun. Aber es entlässt mich nun in mein Leben.
Wenn ich es jetzt verlasse, werde ich es nicht verlassen haben.
Viel von mir wird zurückbleiben, ohne dass ich das vermissen werde.
Denn das, was zurückbleibt ist Vergangenheit und wird als solche in seinen Mauern weiterleben. Es wird sie aufbewahren.
Wenn ich aus dem alten Haus heraus trete und darauf zurückblicke, wird es mir zuzwinkern. Wir werden uns weiterhin lieben und schätzen.
Ich werde es leicht und frei verlassen.
