Urbino, die perfekte Renaissance-Stadt.
Dienstag, Februar 9th, 2010Sonnenblumenfelder.
Hunderttausende dieser großen Blumen drehen ihre runden Köpfe der Namensgeberin entgegen. Knallgelb leuchten sie entlang der Straße nach Urbino. Sehr viele Felder, Bäume, in grün, gelbbraun, ocker.
Der Blick geht weit ins Land hinein, hin zu den Hügeln der Marken - Beginn der Apennin-Kette, die das Land durchquert,
Einzelne Gehöfte, alte Steinhäuser mitten auf Feldern die von Wasserkanonen besprengt werden: Landwirtschaft auf italienisch.
Dann Dörfer mit neuen Häusern, Wohnanlagen, größer als früher üblich, doch nicht störend.
Und alle haben sie die roten Ziegel auf ihren abgeflachten Dächern. Hellrot auf neuen Häusern und auf den alten Gebäuden alle möglichen rot-braunen Schattierungen. Letztere sind noch handgefertigt, wie schon seit römischer Zeit.
Außerhalb der Dörfer liegen die Einkaufszentren. Neue, große und moderne Gebäude mit allem Komfort.
Überall an den Straßenrändern hängen Reklameschilder für Restaurants, Konzerte, Unterwäsche, Autos und Sex-Shops. Wahrlich alles ist vertreten.
Vor mir, oben auf dem Hügel, erstrahlt die Kuppel des Duomo in der Morgensonne und daneben prangen prachtvoll die Zwillingstürme des Palazzo Ducale.
Urbino!
Endlich angekommen, waren die ersten Zeichen des schlechten Wetters nicht mehr zu übersehen, und doch reichte es noch, draußen unter großen Sonnenschirmen, in einer Nische nicht weit von der Piazza, zu Mittag gegessen: Gnocchi in Trüffelrahmsosse und Crescia sfogliata mit rucola und stracchino - delizioso! Die schwüle Hitze ließ die großen Lindenbäume über den Sonnenschirmen ihren Duft verströmen und die Blüten rieselten wie Regentropfen auf den Asphalt. Langsam zogen die dunklen Wolken in meine Richtung und ich drängte zur Eile, doch die Bedienung ließ sich Zeit. Unter dicken Regentropfen lief ich Richtung Palazzo Ducale, den ich rechtzeitig vor dem ersten großen Regenguss erreichen konnte. 15Uhr20 begannen Einlaß und Besichtigung unter der stummen Begleitung eines Museumswächters.

Der Palazzo Ducale von Urbino - eine Stadt in der Stadt.
Über 300 riesige Zimmer. Gebaut in den Jahren zwischen 1460-1480 mit Hilfe verschiedener Architekten, darunter Luciano Laurana, der maßgeblich an der außergewöhnlichen Gestaltung dieses Palastes beigetragen hat. Aber die Ideen und Vorstellungen dafür gingen aus vom Besitzer dieses Monuments: Herzog Federico di Montefeltro (1422-1482). Er wollte die perfekte Stadt, den perfekten Palast erbauen lassen, nach humanistischen Vorstellungen, im Geiste der eben entstehenden Renaissance. An seinem Hof versammelte er die berühmtesten Künstler der damaligen Zeit um sich und viele ihrer Werke schmücken den Palast auch noch heute. Weltberühmte Gemälde von Raffael, Verrocchio, Piero della Francesca, Barocci usw. verzaubern den Betrachter auch noch nach Jahrhunderten.
Die Architektur des Palazzos ist atemberaubend und schwer mit Worten zu beschreiben. Dasselbe gilt für das Studiolo des Herzogs mit den erstaunlichen Intarsienarbeiten. Da nützen keine Worte, keine Beschreibung - man muss es selbst sehen. Sogar Fotos können die künstlerische Schönheit nicht wiedergeben.
Mehr als zwei Stunden lief ich durch die zu besichtigenden Räume. Immer wieder traf ich auf den Wächter, der mich schweigend beobachtete. Als ich dann in einem Raum doch noch heimlich den Fotoapparat aus meiner Tasche holte, kam er auf mich zu und sagte bestimmt aber freundlich, es sei verboten zu fotografieren. Dabei lächelte er so unwiderstehlich, dass ich nicht umhin konnte, zu erröten. Er wollte dann noch genau wissen, was mich so begeistert hatte, dass ich gegen die Vorschriften handelte. Schließlich hätte er mich ja die ganze Zeit beobachtet.
Ich zeigte auf die wundervolle Steinmetzarbeit der Wand neben der Fensternische. Ein warmes Lächeln begleitete sein: „Gratulazione”. Ich hätte mit das Wertvollste gefunden, das es im Palast gibt, meinte er. Marmor und Alabaster, alles am Stein fein gemeißelt, jede einzelne Nische an Ort und Stelle und alle unterschiedlich - im gesamten Palast. Unersetzlich.
Dann fragte er nach meiner Herkunft und wir stellten fest, dass er mit einer meiner zahlreichen Kusinen verheiratet war. „Non dimenticarsi mai della sua patria, signora”, rief er mir beim Abschied nach.
In der Zwischenzeit gingen in Urbino mehrere schwere Gewitter nieder mit starken Regengüssen. Ich verließ den Palast als eine der letzten Besucher, und glücklicherweise hatte der Regen aufgehört, aber es war sehr kühl geworden.
Dunkle Wolken lauerten bedrohlich am Himmel und die Touristen auf der Piazza schauten misstrauisch zu ihnen hoch.
Unterwegs nach Pesaro mußte ich feststellen, daß es Richtung Meer noch immer gutes Wetter war. Schwül und sehr heiß, aber trocken und keine Gewitterwolken weit und breit.
Und doch hatte mir im Palazzo Ducale eine Sonne geschienen, die sich mit der Sonne am blauen Himmel des Mittelmeeres durchaus messen kann, doch heller und intensiver, unvergleichlich auf ihre Art.
