Archive for März, 2010

- UnWesentliches

Mittwoch, März 31st, 2010

Wären wir damals nicht zum Strand gefahren, ich hätte die Muschel nicht finden können, die ich jetzt in Händen halte und die mich an den bestimmten Augenblick erinnert, als ich mich nach ihr bückte.
Damals hörte dein Lachen im Hintergrund, sah aus den Augenwinkeln wie du zwei Kindern mit ihren Hunden zuschautest die im Wasser tollten.
Du hast Hunde immer sehr geliebt, im Gegensatz zu mir. Ich mag Katzen. Das hat uns nicht gestört, wir hatten weder Katz noch Hund.
Wir hatten auch keine Kinder.
Als man uns damals sagte was auf dich zukommen würde, riet man uns gleichzeitig davon ab Kinder zu bekommen. Wir sollten das Leben, unsere gemeinsame Zeit, genießen, meinten sie. Wir hielten uns daran.
Du wärst mir nur ein paar wenige Jahre geblieben, laut den Aussagen der Spezialisten.

Wir nahmen ihre Worte ernst.
Wir reduzierten unser Leben auf das Wesentliche. Wie?!
So, wie wir damals das Wesentliche definiert hatten.
Wenig besitzen, viel Zeit nutzen, wenn möglich miteinander, nicht an morgen denken, nicht auf morgen handeln - nur jeden Augenblick wichtig sein lassen.
Warum ein Kind, wenn es so früh keinen Vater mehr hätte und die wenige uns verbliebene Zeit für seine Interessen geopfert werden müsste?
Warum einen Hund, der viel Zeit und Raum und Geduld in Anspruch nimmt.
Warum eine Katze, die schlussendlich auch bindet.

Auf diese Weise begann unser Weg nach deiner Diagnose. Unser gemeinsame Weg davor war kurz gewesen, wir waren doch erst Ende zwanzig.
Blieben wir deshalb zusammen, weil wir noch so jung waren und noch voller Ideale für Liebe?
Jetzt, mit der Muschel in der Hand, frage ich mich, ob ich mit dem Wissen von heute auch so entscheiden würde. Ich kann es nicht beantworten.

Am Anfang warst du zurückhaltend, suchtest das Alleinsein. Ich litt. Dann haben wir geredet und Entscheidungen getroffen. Der Bausparvertrag wurde aufgelöst, eine neue Wohnung, kleiner, war schnell gefunden, ein bequemes Auto und kein sportliches mehr….
Wir fokussierten unser Leben nur auf uns selbst.
Ich ging nur noch kurze Zeit arbeiten, denn unsere finanzielle Situation erlaubte es. Du warst sowieso immer von zuhause tätig als freier Journalist. So waren wir fast ungetrennt zusammen.
Wir teilten uns den Alltag auf, ich kümmerte mich um all das was dir das Leben leichter machen könnte damit du dich um deine Interessen kümmern konntest.
Wir machten Reisen; du wolltest noch viel sehen. Irgendwann würden deine Beine sowieso nicht mehr mitmachen und deine Augen auch nicht. Und schieben lassen auf einem rollenden Stuhl durch Urwald oder Canyon wolltest du schon gar nicht. Ich hätte es für dich getan, das wusstest du.
Wir fingen an uns zu isolieren, brachen die meisten Kontakte ab. Nur wenige blieben, die zur Familie oder ganz engen alten Freunden.
Du wolltest, wenn es nicht mehr zu übersehen wäre, niemandem Erklärungen abgeben.
So merkten wir nicht, wie wir langsam immer mehr auf der Oberflächlichkeit des Lebens trieben. Mich nach deinem Befinden zu erkundigen hatte ich längst aufgehört: damit du nicht immer an deine Krankheit erinnert würdest.
Im Nachhinein war mir, als ob das Ignorieren deiner Krankheit einen Einfluss auf ihren Verlauf hatte. Denn die Jahre liefen weiter, wir füllten sie mit unseren Wesentlichkeiten die wir nicht mehr nachfragten und merkten nicht, dass die Zeit, die dir damals gegeben wurde, längst überschritten war.
Kleine Unpässlichkeiten ab und zu, waren noch Anstoß zum erinnern, doch auch diese Unpässlichkeiten wurden geringer.
Anfangs gingst du regelmäßig zu Untersuchungen und dann immer weniger. Wann du das letzte Mal dort warst habe ich dich nie gefragt. Auch das habe ich geflissentlich ignoriert. Wir teilten jede mögliche Zeit miteinander, nur deine Krankheit behieltst du als Ganzes für dich allein. Vielleicht hat mir dein Verhalten auch gepasst, es hat mir das Nachdenken weggenommen.
So verging die Zeit, wir haben die Jahre selten gezählt. Wir waren damit beschäftigt, sie mit Wesentlichem zu füllen weil wir für Unwesentliches keine Zeit opfern wollten.
Wir waren fast immer zusammen und merkten nicht, wie wir uns entfremdeten.
Was sollten wir uns denn noch erzählen, außer über neue Reisen, alte Reisen, Gegenstände der Erinnerungen, Literatur, Kultur, Kunst, Fernsehsendungen oder Radioreportagen, ich probierte neue Rezepte aus, las und schrieb und nähte. Wir strichen regelmäßig die Wohnung, dekorierten sie ab und zu um, kauften das eine oder andere Möbel neu, gingen in die Stadt oder in den Park, schauten den Leuten zu und nach. Manchmal, nächtens, wenn du mich liebtest, dann erschrak ich weil ich mich fragte, wer der Mann in mir ist. Ich habe es stets sofort verdrängt. Wir liebten uns nicht oft, eigenartig. Wir liebten uns doch, nicht wahr….?!

Wir hatten dein Todesurteil akzeptiert, damals, und es als Menetekel über unser Leben hingenommen.
Wir lebten mit dem Bewusstsein, dass deine Lebenszeit kurz sei.
Zwanzig Jahre lang lebten wir mit diesem Bewusstsein und den daraus entstandenen Entscheidungen. Waren sie richtig? Heute stehe ich hier, mit einer kleinen weißen Muschel in der Hand und frage mich das zum ersten Mal wirklich.
In der Zwischenzeit hätten wir schon mehr als einen Hund haben können, in einer schönen Wohnung am Rande der Stadt leben oder einem kleinen Haus im Moor, eine Katze vielleicht noch dazu, unser Kind wäre erwachsen; würde es studieren wäre es schon nicht mehr zuhause.

Was hatten wir uns zu leben gelassen? Was hatten wir uns genommen in der Überzeugung, uns nur das Wesentliche vom Leben mitzunehmen?
Was haben wir davon gehabt? Haben wir etwas verloren dabei?

Heute weiß ich, das Schlimmste war, wir hatten die Freude am Leben abgelegt, diese Freude die entsteht, wenn das Unwesentliche einen streift.
So, wie wenn man eine Muschel aufhebt und noch eine und noch eine und sie dann alle noch feucht und sandig, in die Jackentasche steckt. Man schaut in die Sonne, setzt das Gesicht dem Wind aus und freut sich über den Augenblick.

Wir wollten das Leben konsumieren, wir wollten es füllen und im Zeitraffer leben, damit wir soviel wie möglich mitbekommen.
Aber wir alle haben allein nur die Zeit, die wir uns nehmen.
Haben wir wirklich gelebt und war es richtig?

Vor ein paar Wochen bist du dann für immer gegangen. Nicht deine Krankheit war die Ursache sondern ein Verkehrsunfall. Du überquertest eine Straße in der Stadt und ein Autofahrer hatte die Ampel übersehen. Es ging so schnell.
Ich wollte es anfangs nicht glauben. Ich begriff, dass ich niemals Angst hatte um dich, niemals annahm, dir könnte sonst etwas passieren als das, was man dir vor vielen Jahren androhte, nur diese Krankheit allein deinem Leben ein Ende bereiten würde, sonst nichts.
Ich habe nie aufs das Leben geschaut, immer nur auf den Tod.

Wir beide dachten, wir hätten das Leben im Griff, so lange es uns bleibt.
Wir dachten, wir hätten unser Leben so geplant, dass uns das größt- und bestmögliche geboten wird so lange es geht.
Wir haben so sehr an die vorhergesagte Zukunft geglaubt und sie als einzigen Maßstab genommen. Wir haben uns von Anfang an dem Ende ausgeliefert ohne ein „Dazwischen“ zu haben.
Und so haben wir uns niemals gefragt was wir brauchen sondern immer nur entschieden was wir wollen. Wir existierten nach Plan.


Das Leben spielt aber nicht mit.

Irgendwann hört es auf, für jeden. Die Zeit dazwischen ist das Geschenk. Wir haben uns bloß geweigert es auszupacken weil uns gesagt wurde, wir müssten es bald zurückgeben.

Ich denke an den Tag als ich nach der Muschel griff, ich höre dich über die Kinder und die Hunde lachen und sehe immer noch deinen sehnsüchtigen Blick….

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- Drachen der Freiheit

Dienstag, März 30th, 2010

Wenn du dich akzeptierst mit allem was dich ausmacht,.
dann bist du frei
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Deine Freiheit ist deine Macht.


Ich bin im Zug, auf der Rückreise aus einem Teil meiner Vergangenheit zurück in meine Gegenwart.

Das helle Grün der Bäume draußen, lässt das Eine oder Andere in mir drin leichter erscheinen, auch wenn aus grauem Himmel, die Wolken dichte Regenschauer herunterschicken.
Was fühle ich, das frage ich mich in letzter Zeit immer öfter. Fühle ich, fühle ich mich, mich selbst?! Was bedeutet das, fühlen?!
Erste Ahnungen kamen vor einiger Zeit, seitdem nichts mehr so läuft wie gewohnt. Mein Leben ist seit Jahren in Richtungen gegangen und ich ging einfach mit. Ich wollte perfekt sein, perfekt funktionieren um angenommen zu werden von den Menschen um mich herum.
Und meine Gefühle? Was sind Gefühle? Wo sind Gefühle? Was bedeuten Gefühle? Irgendetwas in mir rührt sich, ganz tief drinnen.
Und nun drängt sich nach oben was mir unbekannt, was stets unterdrückt: eben gerade diese unbekannten Gefühle. Ich weiß es.
Und doch mischt sich wieder meine Ratio ein, will mich auslachen wegen diesem unbegründeten Hoffnungsschimmer.
Unbegründet für den Verstand, der lieber alles zerpflückt was nicht aus ihm geboren wurde, anstatt sich selbst auch einmal in den Hintergrund stellen zu lassen .
Wenn ich hinterfrage, was seine Zweifel, seine Habachtstellung, seine Überlegungen, meinem Leben Positives gebracht haben, plustert er sich noch mehr auf und weist auf all die Argumente hin, die diese unsere heutige Gesellschaft ihm bislang geboten hat und mit denen er seine Vormachtsstellung heftig untermauert.

Mein kleines wundes Ich tief in mir, versucht leise aufzuschreien. Mit unsicherer Stimme macht es mir klar, dass es Zeiten gab, in denen es mehr Raum in meinem Leben hatte. Es will wissen, warum ich es vernachlässige, warum ich es nicht schützen will vor dieser immer größer werdenden Wand zwischen ihm und meinem Leben. Es will wissen, warum ich es ausschließe, war ich doch niemals so nah bei mir, so selbstsicher, ruhig und entspannt, als dann, wenn ich ihm seinen angemessenen Raum ließ, wenn ich es wichtig nahm und respektierte.

Auf der Postkarte neben mir: ein kleiner weißer Drachen an einer roten Schnur mit den vielen bunten Papierfetzen, fliegt hoch zwischen weißen Wolken in den blauen Himmel. Er sieht so fröhlich aus. Er fliegt in Richtung Freiheit, dorthin wo mein Herz immer gerne hingewollt hat. Will es denn heute nicht immer noch dahin?!
Und trotzdem will ich es immer noch nicht hören; dieses Herz; es hat mir doch schon so oft wehgetan.
Es ist irgendwann sogar gutgläubig gewesen, weich, offen und vertrauensvoll.
Es lacht immer noch gerne, hofft so gerne, freut sich über das Leben, die Sonne, die Wärme, die Liebe…
In den Augenblicken der Dunkelheit ruft es leise nach Licht, dem Wächter in der Nacht. Und jedes Mal bleibt es verlassen zurück.
Mein Herz ist müde. Es ist des Hoffens müde, der einsamen Kämpfe, des Alleinseins.

Mein Atem geht flach. Warum tiefer atmen, denke ich mir. Wozu? Es reicht doch, das bisschen Sauerstoff….
Der Verstand rattert weiter, sowieso.
Das Herz flattert weiter, unsicher und einsam.
Meine Beine tragen mich, meine Hände greifen noch, mein Rumpf bewahrt die Organe, die das Weiterexistieren ermöglichen.
Es gibt ab und zu kleinere Störungen, mal ein Stau, ein kurzer Stillstand - und weiter geht’s.
Meine Augen schauen auf das neue Grün draußen vor dem Zugfenster - wie das Versprechen einer Aufbruchstimmung.


Der Zug hält an einem Bahnhof an der Mosel. Der Fluß trägt noch den hohen Pegel der Schneeschmelze. Schon schwimmen die ersten Schwäne Richtung Anlegesteg. An den Flußhängen stehen die grauen Holzstangen und daneben die kleinen Rebstöcke. Bald werden die ersten Tagestouristen den Ort füllen und erdrücken. Der Zug fährt weiter, hinaus aus dem Land in dem ich einmal zuhause war, vorbei an Tälern und Weinbergen entlang des Flusslaufs, über Brücken und durch Tunnels. Diese gleichen sich nicht einmal in ihrer Dunkelheit, eigenartig.
Aber meine eigene Dunkelheit ist bestimmt auch nicht die gleiche wie deine, seine, ihre, eure?!

Der erste Bahnhof des Landes in dem ich jetzt lebe, das Land das mir meine Freiheit gab und immer noch verspricht, das Land das ich mir rausgesucht habe und das mich fand als ich noch nicht nachdachte, das Land dessen Sprache ich liebe und dessen Humor ich nicht verstehe, das Land in dem ich meine Freunde habe und das Land in dem ich oft einsam bin.
Auch verschiedene Länder haben verschiedene Einsamkeiten, begreife ich.
Vielleicht, weil sie verschiedene Bedürfnisse mehr oder weniger erfüllen?
Oder liegt es wirklich allein nur an mir?
Schon die unterschiedlichen Sprachen lassen unterschiedliche Gefühle entstehen. Ihre unterschiedliche Modulation weckt unterschiedliche Emotionen, Stimmungen, Wünsche, Träume, Erinnerungen, Möglichkeiten….
Wer bin ich hier - wer war ich dort, damals?
Immer nur Ich?
Oder doch nicht die Gleiche?
Macht eine andere Gesellschaft mich zu einem anderen Menschen?
Nein, kein anderer Mensch, das glaube ich nicht. Aber zu einem anders denkenden, anders handelnden, anders fühlenden Menschen.
Zu einem veränderten Menschen also???!!!

Mein hilfloses kleines Ich irrt in mir. Ich beachte es immer noch nicht. Ja, ich verweigere ihm meine Beachtung. Absichtsvoll. Ich will denken, ich will nachdenken, ich will nicht fühlen.
Nein, es ist keine Bestrafung.
Es ist die irr(sinn)ige Annahme, ich könnte es zum schweigen bringen, es austrocknen.
Eine kleine graue Erbse sollte zurückbleiben.
Als eine kleine vertrocknete Erbse würde es in meiner Tiefe kullern, der Rest des Ichs, das mal mein großes allumfassendes Ich war.
Diese kullernde Erbse, ob sie mich stören würde?!
Würde sie meine Ruhe brechen und somit als Sinnbild meines verkümmerten Ich’s sich immer noch weigern, aufzugeben?
Oder einfach auf dem Grunde meiner Dunkelheiten vergessen werden?


Der Drachen lacht mich an, auf der Postkarte vor mir.
Drachen würden Erbsen nicht mitnehmen, denke ich.
Was sollten sie mit ihnen?


Ich bin müde.
Der Zug rattert.
Noch einige Stunden bis nach Hause.
Ich bin müde.
Einfach nur müde.


Un jour le vent tournera, direction: meilleur!
April 2006

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Ton retour.

Montag, März 29th, 2010

…et pour toi ces quelques mots.

Du bist,
warst,
hättest immer sein können.
Nicht wichtig,
weil du bist.

Du kommst,
gehst
immer wieder fort.
Nicht wichtig,
weil du nicht verläßt.

Du schaust,
blickst
hin und weg.
Nicht wichtig,
denn du siehst alles.

Du gibst,
nimmst ,
erwartest  viel.
Nicht wichtig,
denn du gibst dich.

Du bist bei mir,
kommst auf mich zu,
schaust mich an.
Du umarmst mich
damit ich mit Dir
die Welt umarmen kann.

Alles ist.

- Freundschaften

Donnerstag, März 11th, 2010

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In den Schatten meiner Träume fand ich das Licht
Es hat mich geleitet
Durch lange dürre Zeiten
Und in den tiefen Tälern hat es mir geleuchtet.
Ich fragte nicht woher es kam
Es war da wo ich es brauchte.

In den hellen Tagen sah ich meine Spuren kaum
Sie waren wie verwaschen.
Ich hinterließ sie auf Friedhöfen
Denen meiner Freuden
Denen meiner Angst.
Und auf den Grabsteinen die Namen meiner Träume

Weit ist der Weg auch wenn er nicht immer dunkel ist.
Ein Weg der Anstrengung
Ein Weg des Kampfes
Wogegen, frage ich mich in Tagen der Erschöpfung.
Doch die Antworten sind stumm

Ein Flüstern lockt mich hinein in die Helligkeit.
Ihr seid da.
Ihr seid die Freunde.
Ihr steht neben mir
Die Schatten im Licht.
Die Schatten auf dem Schnee.
Die Zuversicht.

Nun ist Dankbarkeit in mir.
Wir sind die Einbeinigen
Und stützen uns.
Wir wissen es
Sie sehen es nicht.

Der Frühling hat seine ersten Schritte hinterlassen
Wir haben sie gemeinsam entdeckt.
Sie sind das Zeichen das uns helfen kann.

Laßt es zu.
Laßt uns vertrauen.

WIR sind die Klangschalen des Lebens.
Ich höre euch…………


- GeisterStunden

Dienstag, März 9th, 2010

Heinrich, ich sage es dir, die Lieb, die mich an dich band, hatte nicht die Kraft dir gut zu tun. Ich verzage bei den Gedanken, dich mit dieser Lieb vergrault zu haben, großer Heinrich.
Nein, winke nicht ab, du bist ein großer Geist. Doch leider sind große Geister nicht zur Lieb geschaffen. Sie können sie nur nehmen, doch nicht geben. Sie brauchen die Nahrung der Liebe ohne selbst Nahrung sein zu können.

Ach Heinrich, einst graute mir vor dir. Heut ist nur großes Leid in dieser Brust, in der ein Herz schlägt, so traurig heut wie vormals freudig.
Ein Herz, das seinen Takt nur an deinem Atem misst. Dies töricht Herz, das sich mit dir freute und mit dir litt, das dir all sein Sein schenkte und sich öffnete für deine schmeichelnden Worte, um leidend sich zusammen zu ziehen vor der Schmach des abgewiesenen Gretchens.
Ach Heinrich, könntest du doch einmal nur fühlen, was dieses dumme weiche Herz für dich zu fühlen imstande war.
Könntest du die Lieb empfinden, und sei’s um einen kurzen Lebensschlag, die dort in seiner Tiefe schlummert und des geliebten Geliebten harrt.

Heinrich, entsinnst du dich noch der Stunden voller süßer Zauberworte, beschwingte Augenblicke eines kurzen Zeitmoments?
Entsinnst du dich des zarten Lächeln, der zaghaften Nähe und der sinnlichen Glückseligkeit?
Entsinnst du dich der Träume die wir, zaudernd erst, wagten gemeinsam zu verbinden?
Entsinnst du dich der verschlungenen Finger, Hände, Beine, Leiber, die uns fast besinnungslos der Traumzeit auslieferten?
Entsinnst du dich deiner eigenen wahrhaftigen Liebe eines einzigen Augenblicks?
Und lebte sie nur diesen kurzen Augenblick, so lebte sie doch und existierte in dir und in deiner Tiefe.
Für diesen einen kurzen Augenblick - Teil deines Seins.

Meine Lieb zu dir ist immerwährend. Auch wenn ich mich jetzt von dir abwenden muß.
Ich muß den Weg des Verlassens gehen, den du doch längst gegangen bist. Nur wolltest du nicht wahr sehen was wahr ist.
Deine Spuren sind unauslöschlich in mir und ich trag sie in die Welt.

Du strebst nach Anderem. Denn dein Gretchen ist dir Bäuerin, Magd. Nicht gut, nicht fein, nicht schön und schnell nicht mehr jung genug, um dir Erfüllung auf Dauer zu gewähren.
Du suchst das Wesen deines Traumes. Heinrich; es wird immer ein Traumwesen bleiben.

Mein Geliebter, laß es dir Traumwesen bleiben, dann wird es immer dein sein.
Träume deine Träume, Heinrich. Lebe was du leben mußt. Liebe, wenn du lieben kannst.
Und laß los, was du nicht mehr mögen magst.
Ich lasse los von dir, mein Geliebter. Du weißt warum.

Geh weiter, Heinrich, schau dich nicht um. Du würdest das Gretchen sehen, aufgelöst und wirr. Es hat längst deine Spuren in sich innendrin gelöscht. Es musste sein.

Viele werden dich weiterhin begleiten. Alle wollen etwas von dir.
Finde jemand, der gibt, Heinrich. Gretchen ist ja nicht mehr da.
Und gib acht auf deine Seele - du weißt wie gierig sie danach sind.
Entzieh dich ihm, dem Bösen, mein Geliebter. Vertraue auf das Gute das wir versucht.

Glaube mir, dies eine Mal, Vertrau und deine Müh’ wird nicht umsonst gewesen sein.
Nimm dieses mein Herz voller Qualen und Lieb und glaube ihm. Es wird dich heilen.
Laß es deine Rettung sein.

Lebe, Heinrich! Ja, mein Geliebter, vergiß nicht zu leben.
Für mich, für uns.
Nur du.

In verzweifelter Zuneigung
Das Gretchen