Barcelona - Impressionen
Samstag, 10. September 2011 11:53
Ich gehe durch Gassen einer Stadt, die stolz ihren einen Namen trägt und dazu tausende Gesichter hat.
Dunkel, die kleinen Adern im tiefsten Herzen dieser Stadt, drückend schwül und von ihrem ewig keuchenden Atem Barcelonas befeuchtet.
Die hohen Häuser der Gassen mit ihren gegen die Mittagshitze geschlossenen Fensterläden, lassen nur einen schmalen Spalt frei, der den Blick auf einen blauen Himmel ermöglicht.
Barri Góthic an der Ecke Carrer de Marlet. Es ist menschenleer in der Nähe der Alten Synagoge und sehr still in dieser dämmrigen Welt.
Nein, nicht ganz, denn aus einem der Fenster hinter einer aufgeklappten “Persiana”, erklingt der blecherne Ton einer einzelnen Trompete. Einsam, sehnsüchtig-klagend und wie festhaltend an längst vergangenen Träumen. Erinnerungen an den sich in seinem eigenen Spiel vergessenden Chet Baker.
Hingerissen und unbeweglich lasse ich die Töne in meine Seele perlen, die sie dankbar aufsaugt.
Wenn ich nachher weitergehe werden sie jeden meiner Schritte begleiten - durch diese engen Gassen hinein in die Hektik der Carrer de Ferran.
Doch noch stehe ich am gleichen Platz und lasse es zu, daß mein Herz, ganz klein, mit Glück sich füllt und mit dem seltsamen Bewußtsein um seine eigene Ewigkeit.
Mit Bedacht mache ich den ersten Schritt zum Weitergehen. Nun höre ich Stimmen hinter mir; ihrem Klang nach sind es Touristen. Und so gleiten die Trompetentöne langsam an mir hinunter in die winzigen Pfützen, in denen sich, ganz klein, die Sonnenstrahlen spiegeln.
Mein Weg führt mich zur Plaza Reial für einen café amb llat auf einer der vielen Touristen-Terrassen. Der Jongleur an der Ecke wirft seine Keulen voller Elan in die Luft, auf den vielen dicken Eisenkugeln entlang des Platzes hocken müde Spaziergänger, ein Obdachloser ist in einem der vielen Stühle, die den Platz säumen, eingenickt und hält im Schlaf seinen Einkaufswagen gefüllt mit Decken und Plastiktüten fest, Kinder spielen lauthals “Fangen”, am anderen Ende der Plaza biegt sich eine alte Tänzerin noch immer geschmeidig zur Musik aus ihrem mitgebrachten Lautsprecher. Begeisterte Ausrufe von Touristen vor den vielen Fotomotiven oder unmutige Beschwerden über Preise und Qualität der Restaurantangebote fügen sich zu einer Kakophonie sämtlicher Sprachen dieser Welt.
Doch nichts von alldem ist laut genug, die leisen Töne der einsamen Trompete zu verdrängen, die in meinem Innern weiterklingen.
Barcelona!
Touristen auf Schritt und Tritt, Tauben und Cava auf der Plaza Reial, Menschen- und Verkehrschaos um die Plaza Catalunya, Bettler im Barri Góthic und Raval, Jongleure und Feuerspeier auf der Suche nach Zuschauern, Diebe auf der Lauer inmitten der Urlauber, skurrile Figuren und Hütchenspieler entlang der Ramblas, Luxusyachten und Segelboote im Hafen, wilde Papageien in Baumkronen lauthals um Futter streitend, Boulevards mit Kathedralen aller Religionen und aller Modemacher, Essen in unmöglichen Variationen, architektonische Glanzstücke bis hin zum Größ(t)enwahn, Stille unter alten Bäumen auf versteckten Plazas, an- und aufregende Gerüche und Geräusche, Kultur und Zerstörung Hand in Hand, Kunst und Künstliches en Masse, Menschen über Menschen aller Rassen und mittendrin stehe ich - mit der Trompete in meinem Innern und dem Glück an meiner Seite.-
Barcelona, ets al meu cor!
Thema: - Unterwegs | Kommentare (1) | Autor: ghita
