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Wer bin ich?

Samstag, 18. Februar 2012 1:28

Rätselraten um die Identifikation eines Selbst.

“Hallo Julia, Du bist aber schnell wieder aufgetaucht. Schon umgezogen? *grins”….

Julia? Wieso Julia, ich bin doch Christin, dachte ich, als ich die Mail las, die mir eine angeblich wohlwollende Mitsinglerin hier bei der single.plattform schickte, eine Stunde nach dem ich mein Profil auf dieser Plattform eröffnet hatte.

Neugierde hatte mich hierher getrieben, so wie wohl viele andere Mitglieder auch. Ehrlich gesagt, ich suche nicht unbedingt nach einem Mann, schon gar nicht nach einer Beziehung. Neugierde war’s, und der Reiz, hier auf neue Menschen treffen zu können und mich mit ihnen auszutauschen. Und was sonst noch an Begegnungen dabei sein könnte, würde ich einfach auf mich zukommen lassen.

Blitzschnell eintreffende Nachrichten mit eindeutigen F.-Angeboten, schwülstigen Liebesschwüren, Versprechen ewiger Treue und Fotos entblößter “Glied”-maßen, ließen meinen Messenger innerhalb kürzester Zeit fast bersten. Und zwischen all diesen Angeboten war die “Mail an Julia”.

Auf meine freundliche Antwort an die Absenderin, ich sei nicht Julia und hätte auch nicht vor umzuziehen und sie müsste sich wohl im Profil geirrt haben, kam als Antwort “Sorry, dann hab ich Dich wohl mit jemanden verwechselt.”

Das Ganze vergaß ich schnell, doch einige Tage später kam, von einem andern User, folgende Nachricht:
“Hey Chrissie, auch mal wieder da, und wieder ein neues Profil dazu. Hast du vor eine Fake-Kollektion zu eröffnen? Reicht es dir denn nie?! Ich hoffe, du verfolgst mich nicht!”
Chrissie? So hatte mich nur meine kleine Schwester genannt und jetzt tat das diese, für mich fremde Person? Kannte die mich so gut? Oder kannte sie meine Schwester?
Nein, die lebt glücklich verheiratet und als genervte Mutter im Ruhrgebiet und hätte für diese Single-Community nicht den Nerv.
Wieder schrieb ich freundlich, ich sei wohl nicht die Chrissie die gemeint war und ich wäre weder Privatdetektivin noch hätte ich den Wahn, irgendjemanden hier verfolgen zu müssen. Es kam keine Antwort. Gut so.
Aller “guten” Dinge sind drei: gestern kam die dritte Mail: “Sach mal, halt dich zurück mit deinen Postings. Die letzen gingen ja noch, aber deine spitze Schreibe ist mir und den andern so auf den Nerv gegangen und wir waren echt erleichtert, als du dein Profil gelöscht hast. Fang also nicht wieder auf diese Art an zu posten, sonst melden wir dich sofort beim Admin und dann biste weg vom Fenster!!”
Darauf habe ich nicht mehr geantwortet.

Was war da los? Bin ich so “allerweltig”, dass ich mit jedem weiblichen Wesen verwechselt werden könnte? Ist das Profil so null-acht-fünfzehn, dass es auf alles passen könnte? Der Blick in die weiblichen Profile meiner Altersklasse ließ diesen Schluss nicht unbedingt zu.
Ich begann zu begreifen, als ich überlegte wo ich mich befand, nämlich in der virtuellen Welt der Menschen die nach andern Menschen suchen, meist weil sie einsam, allein, unverstanden oder unzufrieden mit sich und ihrem Leben sind.
Einige haben eine Form der Selbstdarstellungs-Sucht, andere sehen es als die einfachste Möglichkeit, sich von ihren Sorgen abzulenken.
Sie sind hier was sie sein wollen. Und sie sind oft nicht wer sie sind.
Alles ist möglich hier und doch sind die User überzeugt, ihre einzigartige Individualität gerade hier ausleben zu können. Wo denn auch sonst, denn der Alltag lässt nur wenig Raum dazu.
Sie können ihre Vorlieben genau formulieren, müssen sich nicht hinter Fassaden von moralischer Ehrbarkeit verstecken, hoffen auf Gleichgesinnte, das schnelle Vergnügen, das ewige Gefühl, die tiefe Akzeptanz, das unerschöpfliche Verständnis, die unerreichte Seelenverwandtschaft..
Und um das zu erreichen, bilden sie ein Bild eines Seins, das nicht unbedingt das wahre Bild ihres Selbst ist.
Es gibt immer Ausnahmen, und die sind dann schwer zu entdecken und dürfen daraufhin auch nicht aus der Reihe tanzen. Dann werden sie zu Julia, Chrissie oder wer auch immer.
Ist es denn überhaupt noch wichtig, sich selbst zu sein, sein wahres Ich (soweit erkannt), hier darstellen zu wollen, reicht es nicht, einfach Busen und Po oder Kontoauszug und Automarke anzugeben, nebst Alter und Gewicht selbstverständlich, und dann ist alles klar?
Kümmert es die Einen, welche Träume die Andern haben, welche Sehnsüchte? Kümmern sie all die vielen Details die mehr oder weniger genau in Profilen zu finden sind? Wer liest sie sich wirklich durch, wer sieht sie sich genau an? Wo liegt der wahre Grund des Interesses an einem Profil, hinter dem doch ein Mensch steckt, oder stecken sollte?

Was also mache ich hier, fragte ich mich.
Ich dankte im Unterbewußten diesen Usern, die mich verwechselten, haben sie mir doch den Spiegel hingehalten und mich erkennen lassen, dass nicht ICH hier wichtig bin, sondern nur das Profil. Und das kann sein wie es will, Hauptsache neu, interessant, viel versprechendes Foto und eindeutiger Text.

Nun bin ich am aufwachen. Auch ich hatte mich in der kurzen Zeit meines Aufenthalts hier, mittels single.plattform, in Tagträume gestürzt und genau das getan, was ich jetzt den Andern vorwarf, nämlich mich in der Welt bewegt die vom Schein lebt, und habe genauso mitgemacht, gepunktet, gestickert, gemailt, erzählt und geträumt. Und ich habe mich sehr schnell davon verführen lassen und kurzfristig den Schein als Wahrheit angenommen ohne genau hinzuschauen und zu reflektieren. Ich war dabei, meine Werte stückchenweise aufzugeben für diese virtuelle Welt.

Jetzt gehe ich raus in den Winter, die Kälte. Ich brauche frische Luft um mich selbst wieder zu finden, sonst verliere ich doch noch meine Verachtung vor mir selbst, denn meine Achtung war schon am wegdriften…

“Ich hatte zuerst die Achtung, dann die Verachtung meiner selbst zu verlieren…” H.Hesse

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meinem Rot.

Samstag, 18. Februar 2012 1:20

es kribbelt
zwischen meinen fingern
sie wollen greifen
halten
kratzen
streicheln
schlagen…
den pinsel,
die farben.

aus meinem bleistift
quellen worte,
sie drücken sich in papier.

aus den fingerkuppen
hüpfen buchstaben
die ich in tasten drücke

was bewegt sich in mir
daß ich so bewegt bin?

komm, du wilde,
zeig mir
wo du lang läufst,
zeig mir deine lasten,
dann sind meine leicht.

lach, du traurige,
sonst werd ich weiter trösten
und wenn du weinst,
du fröhliche,
werde ich weiter tanzen.

falle, du starke,
damit meine arme dich halten
und kämpfe, du schwache,
damit ich von dir lerne.

horch, du zärtliche,
schenk mir deine freuden,
überlaß dich meinem geben
und nimm mich in dir auf.

hier, mein kleines,
laß uns die hände halten,
du meine,
ich deine,
und dann sprühen unsere funken
und erhellen unsere welten.

wir werden lachen
wir werden tanzen
wir werden schweigen
wir werden schlafen
wir werden wachen
und dabei schreiben
und malen
und lieben…

Thema: - Texte | Kommentare (0) | Autor: ghita

TEXTFRAGMENT

Samstag, 18. Februar 2012 1:12

Du lässt das Telefon wieder klingeln, und schon springe ich auf.
Dabei weiß ich, es klingelt bloß einmal. Du willst mir damit zeigen, dass du an mich denkst.
Und ich freue mich. Ich bin bescheiden. Ich habe gelernt, bescheiden zu sein.
Seit wann bin ich es?

Als ich dich kennen lernte, glaubte ich gerade, dem Mann meiner Träume begegnet zu sein. Auch wenn es mir unmöglich war zu glauben, anfangs jedenfalls.
Dieser gutaussehende Mann mit dem unwiderstehlichen Lächeln, einem Grübchen am linken Mundwinkel und den tiefdunklen Augen über dem schönen glänzenden Haar mit den silbernen Fäden an den Schläfen schien sich tatsächlich für mich zu interessieren. Er blickte öfters zu mir rüber, lächelte mich an, sogar über den Kopf der Schönen hinweg die ihn unverschämt anhimmelte und ungehindert zuquatschte. Einmal verdrehte er ganz leicht die Augen und mir war, als würde er mir zuzwinkern. Vielleicht war es aber auch nur der Speichel den seine Begleiterin in seine Augen spuckte beim Versuch, ihn voll zu texten.
Vielleicht lag es aber auch am Prosecco der an dem Abend verteilt wurde an die Zuschauer der Premierenfeier und dessen Genuss ich ungehindert zusprach. Mir war leicht und perlig, wie der Wein.
Das Kristall klirrte, der Sekt sprudelte und die Menschen waren geistreich; wenn auch mehr Geld als Geist vorhanden war. Die Premierenkarte hatte ich geschenkt bekommen von meiner Ex-Kollegin, die meine Kündigung letzen Monat bedauerte. Wer würde sie weiterhin decken, wenn sie mit dem Abteilungsleiter im Kopierraum verschwand. Die Karte war auch von ihm, aber sie wollte nicht hin, weil er mit seiner Frau einer der „Geladenen“ war. Ihn hatte ich schon erblickt als ich reinkam. Begrüßt hat er mich nicht. Ich ihn auch nicht.

Ich verbannte die Gedanken daran und schaute wieder zum Adonis hinüber. Er trug edlen Zwirn, ich auch. Nur dass mein Zwirn aus längst vergangner Zeit war. Aus dem Secondhandladen in der Kastanienallee. Hoffentlich war die ehemalige Besitzerin meines Edel-Anzugs nicht unter den Gästen.
Ich sah mich in den vielen Spiegeln die von kitschigen Kristallüstern erhellt wurden. Das Licht war nicht weich genug um mich schöner zu machen. Kein Glück. Warum also blickte er immer noch zu mir rüber? Warum ich? Na ja, ich war nicht schön, vielleicht interessant, für jemanden, der etwas tiefer sah als die Oberfläche. Nur, welcher Mann tut das schon? Außerdem ist Intelligenz ein Hemmschuh und angeblich lässt die sich nicht verbergen. Hat mein Vater gesagt und mich getröstet. Er meinte, nur der wer meine wirkliche Schönheit erkennen kann, wäre meiner Wert. Wirkliche Schönheit, so nannte er das. War lieb gemeint, ich weiß. Einfach lieb.
Mir ist längst klar, dass ich nicht zu den Schönsten der Schönen gehöre, wenn es nach den allgemeinen und längst üblichen Maßstäben für weibliches Aussehen geht.
Und dass ich diesen Maßstäben mit der Zeit immer weniger entspreche, liegt einfach auch an der Zeit. Sie kann in Jahrzehnten gemessen werden, und ich habe schon eine Hand voll davon.

Ich habe vor kurzem meinen 51 Geburtstag gefeiert. Nein, das stimmt nicht. Ich lüge.
Ich habe ihn NICHT gefeiert. Denn mit wem hätte ich ihn feiern sollen? Aber was soll eine solch hypothetische Frage an dieser Stelle. Fakt ist, ich habe ihn nicht gefeiert. Ich habe die Tür meiner Wohnung hinter mir abgeschlossen und mir geschworen, sie nicht mehr aufzumachen bis der Tag vorüber ist.
Ich habe mich fast daran gehalten. Fast. Nein, Schuld am Brechen meines Schwurs war auch nicht die Briefträgerin. Denn ich weiß nicht, ob ich an dem besagten Tag überhaupt Post bekam.
Schuld war ein alter Verehrer. Alt, im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Bekannter aus der Zeit meiner Anfänge hier in dieser Stadt. Die liegen auch schon 8 Jahre zurück.
Bekannte wurde wir aufgrund einer Gemeinsamkeit: wir wollten beide Spanisch lernen und haben es nicht geschafft. Wir scheiterten an der Schwelle der 4. Stunde. Wir trafen uns vor der Tür zur VHS, zögerten einzutreten und lächelten uns zu. Unsicher gingen wir auf und ab auf der gleichen Seite des Bürgersteigs und stießen irgendwann aneinander. Es war nicht zu vermeiden, denn es war Winter und glatt. Wir entschuldigten uns beim Andern und meinten, wir kennen uns ja vom Kurs her und nach dem dritten „ja ja,“ hielt der freundliche ältere Herr mir die Eingangstür auf. Ich zögerte noch und im gleichen Augenblick sagten wir beide leise „Nein“, um dann auch unisono festzustellen, dass Spanisch uns wohl immer Spanisch vorkommen und sich daran nichts ändern wird. Daran könnte nicht einmal der schnieke Kursleiter etwas ändern, auch nicht, wenn sein Deutsch besser wäre.
Wir gingen, uns gegenseitig unsere Überzeugung bestätigend, Richtung „Cuba Libre“, dem Lokal gegenüber der Schule, und prosteten uns mit dem Getränk gleichen Namens zu. Dies wiederum führte zur Lockerung unserer Zungen und zur Entscheidung, uns nicht allein mit den Vornamen anzureden sondern auch gleich mit dem Du.
Seither versucht Wilfried, so heißt der grauhaarige Panther, in regelmäßigen Abständen mich von seiner besten Seite zu überzeugen um mich auf seine Seite zu ziehen damit ich an seiner Seite bleibe, wenn möglich für immer. Ich habe sie, seine beste Seite, jedoch in all den Jahren nicht finden können und ihn unter anderem deshalb immer wieder auf meine Armeslänge von mir weghalten können.

Als es also an meinem Geburtstag an meiner Tür klingelte, wähnte ich den Lieferanten des Paketdienstes davor, der seit einiger Zeit und wie üblich, die Post für die arbeitenden Nachbarn bei mir abzugeben pflegt. Ungekämmt, so kennt er mich seit längerem, öffnete ich die Tür den benötigten Spalt breit um meine Unterschrift auf den elektronischen Quittungsblock zu leisten und sah mich unvermittelt einem, wenn auch kleinen, Blumenmeer gegenüber. Dahinter schimmerten wenige graue Haare auf einer männlichen Glatze. Ich kannte die Glatze mit dem Leberfleck, denn ich vergaß zu erwähnen, dass Wilfried, mein „Kommilitone in Spanisch“, fünf Zentimeter kleiner ist als meine Nasenspitze. Folglich konnten auch seine tiefdunkelroten Rosen ihn nicht vor mir verbergen, nur dass ich immerhin noch die Möglichkeit hatte, meinen Schreck zu verbergen. Für die ausleierten Leggins und das ungewaschene Haar war es jedoch zu spät.
Ich schaute in seine grünen Augen zwischen den schönen Blüten und entdeckte einen erwartungsvollen Blick. Mein Schreck wurde größer und ich erlaubte mir, ihn ungeniert zu zeigen.
Stotternd machte Wilfried einen Schritt auf meine Schwelle zu. Endlich erwachte mein Reaktionsvermögen und ich rief laut:
„Halt! Was machst du hier? Was willst du?“
„Mit dir Geburtstag feiern!“ Kläglicher Laut.
„Ich feiere nicht Geburtstag und es ist nicht das erste Mal, wo ich dir das sage, Wilfried. Was soll das, du weißt es längst. Die letzten Jahre war ich bei der Arbeit, da hast du mir Blumen aufs Amt geschickt. Du hast dir jedes Mal meine Predigt anhören müssen, warum bloß lernst du nicht hinzu. Nimm deine Blumen, geh nach Hause und schenk den Strauß deiner netten Nachbarin!“
„Aber es ist kein Strauß, es ist eine Topfpflanze. Du magst doch keine toten Pflanzen, hast du gesagt. Auch kein Trockengesteck. Ich habe sogar einen Übertopf besorgt, in gelb. Paßt zu deiner Tapete“, stotterte er.
Fast ließ ich mich erweichen, ist er doch einer der wenigen männlichen Menschen, die meine Aussage wörtlich genommen und behalten haben. Sogar die Farbe meiner Tapete hat er sich gemerkt.
Bloß, ich verabscheue Topfpflanzen noch mehr als tote Blumen. Aber vielleicht hatte ich ihm gegenüber das ja vergessen zu erwähnen.

Wie der Blitz überschlug ich die Kühlschranksituation. Ich wusste, ließ ich ihn rein, dann würde er Kaffee trinken wollen. Er nahm immer viel heiße Milch dazu und dann würde die Milch nicht mehr für morgen früh reichen. Und morgens brauche ich als erstes immer meinen Schluck Kaffee mit kalter Milch, damit ich weiß wer ich bin.
Also trat ich einen Schritt zurück, drückte die Wohnungstür Richtung Schloss und sagte:
„Wilfried, ich habe es dir gesagt und es bleibt dabei, egal welches Grünzeug du anschleppst. Ich werde meinen Geburtstag nicht feiern!“
Das „nicht“ schrie ich laut raus, und war im gleichen Augenblick als meine Stimme auf mein Trommelfell schlug, so erstaunt darüber, dass ich instinktiv die Tür ins Schloß warf.
Der Krach brachte mein Trommelfell vollends zum vibrieren und ich hielt mir die Ohren zu.
„Nein!!!“ schrie ich nochmals lauthals und das langgezogene „ei“ muß Wilfried wohl überzeugt haben.
Ich hörte ihn langsam die Treppe runtergehen. Warum nur nahm ich keine Rücksicht auf diesen liebevollen netten Mann? Ja, er war mittlerweile schon 73, aber für sein Alter sehr rüstig und reich. Und so lieb. So teddybärmäßig lieb.
Nein, was für einen Stuß mir doch durch den Kopf ging.

Obwohl, diese Gedanken hatte ich nicht zum ersten Mal

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summieren

Samstag, 18. Februar 2012 1:11

Die Summe des Lebens sind die Stunden
in denen wir lieben,
in denen wir lachen,
in denen wir zufrieden sind.

Denn…
…das Ungeahnte tritt eisern ein.

Aime, la vie, aime,
comme si tu devais mourir demain.
comme si plus rien n’avait d’importance
Chante, oui, chante!

Höre auf deine innere Stimme.
Nimmst du sie ernst, dann lässt sie dich nie im Stich.
Hörst du sie?
Ja. Genau!
Sie ist dein wirkliches Ich.
Sie leitet dich und schenkt dir die Kraft
und die Zuversicht,
dass im Leben Alles möglich ist.

Dir stehen alle Türen offen,
du kannst alle Lieder hören,
du kannst alle Wege gehen,
du kannst jede Farbe erkennen;
Du erkennst den Andern
Und in ihm Dich selbst.

Suche dir deine Spiegel aus,
sieh‘ hinein,
erkenne dich und freu dich an dir,
wie du dich an Andern erfreust.

Lerne aus dem Unerträglichen
Damit du das Schöne erkennen kannst.

Gehe deinen Weg.
Dann wirst du stets glücklich sein.

Das Glück, in dir selbst zu ruh’n,
gibt dir die Kraft,
die Andern in dir aufzunehmen.

Und du wirst nie alleine sein.

Thema: - Hauch von.. | Kommentare (0) | Autor: ghita

Der Abschied

Samstag, 18. Februar 2012 1:09

Die kleinen Wunder – das sind wir.
Die großen Wunder sind da draußen.

Durch unsere Fenster schauen wir sie an
die Bilder des Äußeren.
Hier drin,
in uns,
lachen wir.

Wir hören uns beim lachen zu
und weinen um unsere Tränen.
Dann kommt
ganz ungefragt
die Sonne um die Ecke
und küsst sie fort.

Wer könnte es so gut wie sie?
Hörst du den Wind,
es ist sein Kleid das raschelt.
Siehst du die Schatten?
Sie sind die Äste der Verlassenheit.
Keine Kälte?
Sie ist ausgezogen.
Wir haben sie ausgezogen.
Die Wärme zog uns an
und schenkte uns ihr Kleid.

Gerüche der Liebe,
Gerüche der Sehnsucht,
Gerüche des Erkennens.
Warum Gerüche, wo Gedanken klarer wären?

Braune Erde, als Krümel in meiner Hand,
warten auf den Augenblick
in dem ich sie dir zuwerfe.
Fang, Mädchen, fang!
Trockne deine Wangen damit
und laß sie ihre Spuren malen,
als Zeichen des Abschieds.

Und auf deiner Haut
verbindet sich die Erde
mit dem Geruch der Ewigkeit.

Tanze, Liebes,
tanze.
Es sind die Trommeln,
ganz leise.
Du hörst sie.
Ich gehe.

Du verstehst mich.

Thema: - Briefe, - ceci-cela | Kommentare (0) | Autor: ghita

- Kausalitäten eines Samstagmorgens

Mittwoch, 26. Oktober 2011 0:20

Warum ich gestern nicht einkaufen war, kann ich heute auch nicht mehr sagen.
Da ich die Nacht lieber mit Freunden durchgequatscht hatte, anstatt mehr als nur 3 Stunden zu schlafen, hat mich der Krach vor meinem Schlafzimmerfenster zwar beizeiten doch unsanft geweckt.
Warum hat sich diese Schlampe von Nachbarin nicht endlich ein neues Auto gekauft!!
Jedes Mal wenn ihr Seat Panda oder Fiat Marbella nicht ansprang, sprang sie unseren gemeinsamen Nachbar an, damit er ihr helfen tut.
Das tat er immer wieder, lautstark wie es seine Art ist und wie sie es wohl besonders mag.
Anfangs sabberte der Motor, um dann irgendwann scheppernd aufzuheulen. Dann vibrierten meine alten Fensterscheiben und ich sprang endlich aus dem Bett, was bleibt einem sonst anderes übrig. So auch heute.
Ich schnappte mir die Klamotten vom Vorabend und ab Richtung Bad.

Mein Kopf dröhnte, das muss ich nicht extra betonen.
Als ich im Bad in den Spiegel blickte, wolle ich ihm nicht glauben und haute lieber wieder ab. Ich nahm ein Aspirin, setzte Kaffee auf und floh nach draußen auf den Balkon. Die Sonne stach schon morgens um 7 Uhr, welche Gemeinheit.
Das war der Augenblick in dem ich beschloss, in den größten Einkaufsladen zu fahren der einigermaßen bequem mit dem Rad zu erreichen ist.
Letzteres gab ich sofort wieder auf, denn mein hämmernder Kopf vergällte mir das Radfahren. Also das Auto. Gut.

Real-Supermarkt???.
Warum nicht. Da ist es kühl und nirgendwo Sonne und um diese Zeit noch ruhig. Das war dann auch der Fall.
Nur ältere, gemächlich schlendernde Paare, der Mann in Tennissocken und Badelatschen, die Frau in Caprihose, weiß, mit geblümtem T-Shirt, Sonnenbrille auf gelbblondiertem Haar und beide meist dunkelbraun vom Frühsommer-Rentner-Urlaub.

Ich düste durch die Regale, mein Wägelchen fuhr diesmal sogar nicht um jede Ecke, sammelte schnell ein was ich glaubte zu brauchen und kurz vor der Kasse erinnerte ich mich, dass ich gestern die letzten Flaschen Merlot mit zur Party genommen hatte. Ich suchte verzweifelt nach meiner Lieblingsmarke, und die freundliche Einräumerin erklärte mir unaufgefordert, man hätte bei Real das Weinsortiment geändert.

Ich wollte nicht aufgeben und nachdem ich ihr in allen Details “meinen” Wein beschrieb, kniete sie sich vor das unterste Regal, räumte es aus und brachte 6 Flaschen von meinem Merlot ans Licht. Drei nahm ich mit, doch an der Kasse entschied ich mich, noch eine vierte dazu zu tun.
Leider hatte die Dame den Merlot wieder in die hinterste und tiefste Ecke verbannt. Sie musste nochmals hinknien, diesmal unter leichtem Murren, und stellte mir die Flasche unsanft vor die Füße. Ich lächelte sie an und meinte, sie sollte die beiden letzten Flaschen gut horten, 2005 sei der beste Jahrgang gewesen, ich würde in fünf Jahren wiederkommen, dann könnten wir sie gemeinsam leeren.
Sie lachte sogar. Nett, oder?!

Noch Rosen im Blumenladen nebenan; ich hatte es meiner Freundin versprochen! Die Schlange vor der Kasse war lang und die Frau dahinter, Kassiererin und Floristin gleichzeitig. Muß ich betonen, dass sie dabei war, in aller Ruhe einen wunderschönen Strauß zu binden?!

Ich haute ab ohne Blumen, mein Kopf ließ mir keine andere Wahl.
Beim hinausfahren entschied ich jedoch, noch zu tanken, denn hier war die einzig günstige Tankstelle weit und breit.
Wie schon öfters vorgekommen, vergesse ich auf welcher Seite mein Tankdeckel ist und prompt landete beim Schlauchrausziehen, Restbenzin auf meinem Rock. Es war der neue, drei Tage alt, extra für die Party gestern Abend erstanden, im SSV!
Hätte ich heut Morgen bloß die Klamotten von der Party liegen lassen und lieber nach der alten Jeans gegriffen….
An der Autokasse wusste ich plötzlich den Code meiner EC-Karte nicht mehr. Nach zweimaligem Versuch reichte ich meine zweite EC-Karte rein von einem fast leergefegten Konto. Dass mir der Code auch nicht mehr einfiel, das ist ja wohl klar.
Kein Bargeld, keine Karten, eine verständlicherweise bös dreinblickende Kassiererin und hinter mir eine Autokolonne von genervten “Vollgetankten”.
Ich ließ meinen Ausweis zurück, man war so freundlich das anzunehmen.

Ich raste bei rot über die Kreuzung nach Hause. Hinter mir blinkte es.
Die Polizei.
Ich fuhr an die Seite, blockierte die Busspur, der Bus kam wie bestellt und hupte. Ich fuhr weiter, der Polizist, alleiniger Insasse, hinterher und als ich ihm meinen Ausweis zeigen wollte, hatte ich keinen, logisch.
Er sah sich meinen Führerschein sehr genau an und meinte, beweisen könnte er mir jetzt nichts, doch ich sollte mich in Acht nehmen, er hätte Namen und Autonummer notiert.
Ich fuhr geknickt nach Hause.

Als ich im Kofferraum nach der Tasche mit den Einkäufen griff , klirrte es so eigenartig. Vor meiner Eingangstür blickte ich nach unten und folgte dann mit den Augen einer dunkelroten Spur nach draußen. Der Wein!
Ja, eine Weinflasche war kaputt! Der Wein auf dem Mehl, im Käse und wo sonst noch auf allen Lebensmitteln. Und unübersehbar verteilt über die hellgrauen Flurfliesen.

Ich schmiss Tasche samt Inhalt ins Spülbecken, nahm Schrubber und Lappen und begann den Flur zu wischen und dann auch noch die Wohnung bis zum Spülbecken.
Danach versuchte ich zu retten, was vom Einkauf noch zu retten war - und ließ es wieder bleiben.
Dann wollte ich im Handy nach dem EC-Code sehen, der war dort unter einem Geheimnamen gespeichert. Handy platt! Und wo ist das Ladekabel?!!

Dann nahm ich mein Sparschwein und fand, ein Glück, genug Kleingeld, um den Sprit zahlen zu können.
Zurück zur Tankstelle; die Kassiererin, sehr freundlich, nahm ohne Murren das Klimpergeld.
Doch ich vermisste die zweite meiner EC-Karten. Ich suchte das Auto ab, fuhr wieder nach Hause, danach wieder zurück zur Tanke, wo keine Karte zu finden war, zurück nach Hause, Bank angerufen und Karte sperren lassen. Was blieb mir denn Anderes übrig..?!
Ich will jetzt nicht erzählen, wie sich meine Kopfschmerzen in der Zwischenzeit anfühlten.

Eine Tasse Kaffee, dachte ich. Endlich, die erste an diesem chaotischen Morgen! Er war nicht mehr ganz heiß denn ich hatte ihn vor dem wegfahren noch aufgebrüht, doch ich trank die Tasse in einem Zug leer. Dann stellte ich fest: ich hatte nichts zum frühstücken gekauft.
Dann halt zu Fuß um die Ecke zum Bäcker. Der hatte kein Brot mehr, heute machte er ausnahmsweise früher Schluss. Ich nahm ein Rosinenbrötchen, dabei verabscheue ich Rosinen. In der Not frisst der Teufel Rosinen, oder so!

Ein Obststand an der Ecke bot frische Kirschen und Himbeeren an. Die Kirschen waren so prall und schwarz, ich konnte nicht widerstehen. Der Händler überredete mich, den Rest zu kaufen, 2 Kilo.
Nun sitze ich hier, esse eine Kirsche nach der anderen, habe dunkelgefleckte Finger, fast so dunkel wie die Weinflecke auf meinem neuen Rock der so gut nach Benzin duftet, mein Gedärm rebelliert, weil ich die Rosinenwecke doch nicht gegessen habe und die Kirschen sich mit dem Milchkaffee nicht vertragen.
Die Kopfschmerztabletten liegen mir auf dem Magen und der Hammer in meinem Schädel hat immer noch nicht Feierabend.

Heute Abend ist wieder Grillfest angesagt, dabei wollte ich vorher noch in die Stadt zur Christopherus-Parade und davor aufräumen, was vom Einkauf noch in der Spüle liegt, bevor sich die Fliegen den Rest aufgeteilt haben.

Am besten wär’s, es fängt jetzt fürchterlich an zu regnen, dann hauen die Fliegen ab, ich fahr bestimmt nicht mehr Richtung Stadt, das Grillfest fällt ins Wasser und ich lege mich hin und schlaf mich aus und gönne meinem geplagten Köpfchen endlich Ruhe.
Denn ich habe auch kein Aspirin mehr und Paracetamol vertrage ich nicht.
Ich geh heut nicht mehr aus dem Haus, das ist beschlossene Sache!!!

Versteht ihr jetzt, dass das Leben nicht einfach ist….
Begreift ihr jetzt, warum es besser ist, vom Leben zu schreiben anstatt sich ihm zu stellen….
Wer nicht vom Leben überrascht werden will, sollte es meiden.
Ansonsten könnte es sein, es fällt einem ganz plötzlich auf den Kopf!
Und dann……?!!!!

PS.
Morgen wird im nahe gelegenen Park eine Bombe, ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft. Alle Anwohner werden evakuiert.
Was soll ich bloß machen?!


Thema: - geSchichtet | Kommentare (0) | Autor: ghita

- sie lächelt….

Mittwoch, 26. Oktober 2011 0:06

Nur das Blatt festhalten, mehr wollte er nicht.
Einfach nur das herumfliegende Blatt in seinen Händen halten.
Doch es entwischte ihm.

Er hatte nicht fest genug zugegriffen, sagte er sich. Das war’s!
Oder einfach nicht richtig zugegriffen.
So wie immer, so wie gewohnt.
Er wusste nicht einmal, nach welchem Blatt er gegriffen hatte.
Er kannte sich mit Bäumen und Blättern nicht aus, konnte die einen Blätter und Bäume nicht von den anderen unterscheiden. Nur Birken erkannte er, was, zugegeben, einfach war.

Ja, Birken.
Und schon waren sie wieder da, die Erinnerungen.
Die lange Birkenallee, weiße Rinden.
Sie - vor ihm auf ihrem Rad, den Kopf Richtung Berge, die nicht zu erkennen waren im Abenddunst. Damals, irgendwo in der Nähe eines bayerischen Sees.
Es war einer der ersten gemeinsamen Urlaube und er war glücklich.
Die untergehende Sonne färbte ihr Haar rötlich und sie schien zu strahlen, von außen und von innen her.
Sie strahlte immer. Sogar in traurigen Augenblicken hatte ihr Mund diese bestimmte Form, die ein Lächeln andeutet. Ein lächelnder Mund unter traurigen Augen, unwiderstehlich. Er, der seine Gefühle meist immer im Zaum halten konnte, war in diesen bestimmten Augenblicken einfach hilflos. Er hätte am liebsten geweint, dann wenn sie traurig war. Und jetzt, hier und heute, wo die Trauer ihn überrannte, hätte er auch gerne geheult. Bloß ein paar Tränen aus den Augen drücken, das hätte schon gereicht…

Als er ihr begegnete, war sie noch verheiratet. Er hatte so viele unterschiedliche Beziehungen, ohne geheiratet zu haben, die endeten immer auf die gleiche Art: er konnte sie nicht halten.
Irgendwie entglitt ihm stets die Situation und ganz am Ende die Frau. Und dazwischen viele kleine Verluste von dem Ganzen, was am Anfang als etwas Großes daherkam und scheinbar unzerstörbar war. Jedes Mal glaubte er von neuem daran, dass es diesmal klappen wird.

Als er sie traf, dachte er nicht so weit. Sie war die Frau eines Kollegen. Sie sahen sich von Zeit zu Zeit bei Veranstaltungen des gemeinsamen Arbeitgebers oder auf Partys. So groß war die Stadt nicht, dass sie sich nicht ab und zu über den Weg liefen, miteinander plauderten oder gar gemeinsam einen Kaffee tranken.
Zwei Jahre später ließ sich ihr Mann versetzen. Sie blieb, wollte nicht mit.
Später erfuhr er, dass sie geblieben war, weil sie sich schon länger von ihrem Mann trennen wollte und seine berufliche Entscheidung als Anlass nahm, es endgültig zu tun.

Mit der Zeit begann sie, ihren Blick noch intensiver auf ihn zu lenken, war er irritiert. Sie zeigt ihm ihre Sympathie und ihm gefiel das.
Ab da trafen sie sich öfters für ein gemeinsames Essen oder ein Konzert. Ihr lächelnder Mund faszinierte ihn.
Wie ein Bild von einem berühmten Renaissance-Maler: eine sanft-lächelnde Frau mit dunkelblauen Augen, dunkelblondem Haar, die Hände ruhig im Schoss gefaltet und den Blick in die Ferne gelenkt…so sieht er sie heute noch vor sich.
Sie hat den Anfang gemacht, dachte er. Sie kam auf mich zu und hielt mir ein Glas Sekt entgegen.
“Komm, stoß mit mir an, seit vorgestern bin ich eine freie Frau. Feier mit mir, ich fühle mich so wahnsinnig wohl, dass ich es mit dir teilen will.”
Sie teilten den Abend und die ganze Nacht.
Er nahm an, sie hätte ihn nur für diese Nacht gewollt.
Doch am darauf folgenden Tag rief sie ihn auf der Arbeit an und lud ihn zum Abendessen ein.
Danach gab es kein Zurück mehr für ihn.

Ihre Ruhe und ihre gewisse Art der Schweigsamkeit, taten ihm gut und gleichzeitig forderten sie ihn heraus. Bislang war er stets der Schweigsame gewesen. Nun saß er neben einer Frau am Tisch, die lächelte und oft schwieg. Dann suchte er nach Worten. Mit der Zeit fand er Spaß daran, sie dabei zu beobachten, wenn er seine Geschichten erzählte. Er erlebte genug Geschichten, tagsüber, mit all den Menschen denen er begegnete.
Ihr Mann hatte ihr die große Wohnung gelassen und genug Geld, damit sie nicht arbeiten musste, was sie auch nicht tat.
Sie hatte sich lieber um ihren Mann gekümmert und dann um ihn, das war ihre Hauptaufgabe, wie sie es ausdrückte. Und er wuchs schnell hinein in diese Art Leben.
Nicht lange, und sie wohnte in seinem Haus, öffnete Türen und Fenster, füllte es mit Gerüchen, mit fremden Möbeln, mit ihrer ruhigen Anwesenheit, mit ihrem schönen, lächelnden Mund, ihren sanften Worten und ihrem häufigen Schweigen.
Im Laufe der Zeit erfuhr er das Eine oder Andere von ihr, vom Träumen, die sich am Ende auf ein glückliches Leben mit einem Mann beschränkten.

An dem Tag, als sich alles änderte, fand er sie, ungewohnt, abends auf dem Sofa im Dunkeln. Sie leuchtete etwas weniger als sonst, nur ihre Augen blickten ihn groß an.
“Ich habe Angst” sagte sie, unvermittelt und ungewohnt laut, und schien selbst erschrocken darüber. Sie wiederholte noch einmal ganz leise: “Ich habe Angst”.
Aber wovor, das konnte sie ihm nur mit einem Schulterzucken beantworten. Und mit dem Blick aus ihren Augen.
Er setzte sich zu ihr, wollte sie streicheln. Sie rückte von ihm ab, schaute in die Dunkelheit des Gartens.
Sie blieb auch die Nacht auf dem Sofa, er wanderte lange durchs Haus, um dann irgendwann, noch angezogen, auf dem Bett einzuschlafen.
Am nächsten Morgen wartete das Frühstück wie üblich auf ihn, und sie, lächelnd, auch.
Als sei nichts gewesen.
Sie erwähnte die Episode des Vorabends nicht und er auch nicht.

Doch die Situation wiederholte sich, einige Wochen später, und dann in immer kürzer werdenden Zeitspannen. Plötzlich schob er das nachhause gehen hinaus, arbeitete länger und aß des Öfteren im Restaurant.
Wenn er dann, spät, nachhause kam, saß sie manchmal immer noch auf dem Sofa, er küsste sie auf die Stirn, sie ließ es geschehen und er ging schlafen. Andere Abende saß sie vorm Fernseher und wartete auf ihn, küsste ihn auf die Schläfen und ging ins Bett.
An Wochenenden blieben die gemeinsamen Einkäufe, spazieren gehen, ins Theater, alles so wie gewohnt und dazwischen manchmal Einladungen zu seinen Kollegen.
Und immer wieder ihre Rückzüge, wie er es nannte.
Er freute sich wegzukommen, als er eine Woche beruflich zu der Tagung nach England musste. Früher hatte er sie jeden Abend angerufen, das war nun nicht mehr so. Er schickte ihr nur eine Nachricht mit dem Termin seiner Rückkehr.

Dann kamen die Tage, an denen sie nicht mehr aufstand; einfach im Bett liegen blieb. Er rief ihre Schwester an, fragte vorsichtig nach, ob solche Anwandlungen schon früher bei ihr festgestellt wurden, doch die fühlte sich nicht betroffen. Ihre Eltern lebten nicht mehr und sonst kannte er Niemanden, mit dem er darüber reden konnte oder wollte.

Ab da schlief er nur noch im Gästezimmer. Manchmal sah er sie tagelang nicht.
Als sie dann eines Morgens am Frühstückstisch erschien, erschrak er: sie war abgemagert, ihr Haar stumpf, der Blick abwesend und ein unangenehmer Geruch umwehte sie. Sie schaute an ihm vorbei und trank schweigend den Kaffee, den er ihn eingeschenkt hatte.
Dann drehte sie sich zu ihm um uns sagte wie beiläufig: “Ich will nicht mehr”.
Ungläubig und verwirrt schaute er sie an.
“Was willst du nicht mehr?”
“Ich will nicht mehr”
“Ja was denn nicht??!”
“Alles…”
“Erklär dich, bitte, was meinst du?”
Sie stellte die Tasse ins Spülbecken und ging hinaus.
Er folgte ihr. Es war ein kalter Märztag und sie stand auf der schneebedeckten Terrasse, barfuss.
Er zog sie hinein ins Wohnzimmer.
Sie legte ihren Kopf an seine Brust; ihr unangenehmer Körpergeruch ließ ihn kurz zurückzucken.
“Hilf mir”, flüsterte sie in sein Hemd.
“Wobei?”
“Hilf mir, bitte”
“Ich versteh dich nicht, erklär dich!”.
Er drückte sie von sich, wollte sie anschauen. Sie blickte auf den Boden, entwand sich seinen Händen und ging nach oben ins Schlafzimmer.
Ab da verstummte sie ganz und er mied sie wo er nur konnte. Die Gedanken an diese eigenartige Situation zuhause, begannen seinen Berufsalltag zu belasten. Er wusste nicht, was er tun sollte.

Dann überwand er sich und sprach einen Kollegen an. Er beschrieb ihm ihr Verhalten, jedoch mit der Bemerkung, es beträfe eine Freundin seiner Frau, der er helfen wollte.
“Auch wenn Sie Chirurg sind, Sie sind doch Arzt, Sie wissen es doch selbst: typisch depressives Verhalten. Schicken Sie die Frau zu einem guten Psychotherapeuten, oder verschreiben sie ihr die richtigen Antidepressiva, oder besser noch, sagen sie ihrem Mann, er soll sie für eine Zeit in die Psychiatrie einweisen lassen, das ist die beste Lösung!”

Nein, bitte keine Depressionen, bitte keine Psychiatrie!
Von einem Augenblick zum andern nahm seine längst verdrängte Vergangenheit Besitz von seiner jetzigen Welt.
Er hatte all das doch schon als Kind mit seiner Mutter erlebt. Er war vaterlos aufgewachsen und mit einer Mutter “gesegnet”, die neben Alkohol und Tabletten, auch noch regelmäßig wegen ihrer Depressions-Schübe in der Notfallambulanz landete. Er schämte sich jedes Mal wenn er sie begleiten musste, und ärgerte sich, wenn sie nach ein paar Tagen, nüchtern und entgiftet und wieder zuhause, laut und unübersehbar das Regiment über den kleinen Haushalt an sich riss.
Das ging in regelmäßigen Abständen so.
Als sie starb war er vierzehn und die Jahre danach bei seinen Verwandten waren zwar nicht sehr schön, jedoch wenigstens ruhig und unbelastet.
Aber seine lächelnde Frau war doch ganz anders gewesen als seine Mutter. So ruhig, so sanft, so liebevoll und immer lächelnd. Warum sollte sie also mit dem gleichen Unglück behaftet sein. Warum sollte er das wieder durchleben müssen? Warum bloß geschah ihm das wieder, und nach all der Zeit?
Alles in ihm sträubte sich dagegen.

Zuhause überkam ihn die Wut, als er sich das erste Mal deutlich vor Augen führte, wie vernachlässigt alles längst war.
Als er sie hinter der Schlafzimmertür leise schnarchen hörte, hätte er am liebsten dagegen gehämmert, um sie zu wecken und um sie aus ihrer verdammten Lethargie herauszuhämmern.

Er fühlte sich so hilflos.
Was würden seine Kollegen denken, wäre seine Frau Patientin in der Psychiatrie!?! Unvorstellbar!! Und das in dieser kleinen Stadt! Und zu einem der eingesessenen Psychiater wollte er auch nicht mit ihr.
Er würde sie zwingen ihn anzuschauen und mit ihr reden. Er würde versuchen, sie zu überzeugen, sich in der nächst größeren Stadt ins Krankenhaus einweisen zu lassen. Den Name “Psychiatrie” würde er nicht erwähnen. Ja, das war die einfachste Lösung.
Kurze Zeit später, als er ihr im Flur begegnete, hielt er sie fest und bevor sie sich wegdrehen konnte, schleuderte er ihr alles ins Gesicht was ihn bedrückte und bewegte.
Sie sei depressiv, er würde sich das nicht gefallen lassen und er könnte sie nicht mehr aushalten so wie sie war, sie müsste weg in ein fremdes Krankenhaus und sich behandeln lassen, ansonsten würde er das nicht mehr länger mitmachen. Er hätte sich umgeschaut und schon einen Platz für sie gefunden wo man ihr helfen würde. Sie zeigte keine Regung, gar keine.
Es dauerte nur ein paar Tage bis er endlich ihre Koffer packen konnte. Sie ließ sich widerstandslos von ihm ins Auto bringen und in die hundert Kilometer weiter gelegene Spezialklinik für Psychiatrie fahren. Sie lächelte die ganze Fahrt über, so wie immer und ihre Augen waren von einer dunklen Sonnenbrille bedeckt.
Sie bekam ein freundliches Zimmer, auch wenn es abgeschlossen war und die Fenster nicht zu öffnen. Es war groß und hell und nett eingerichtet. Er fühlte sich beruhigt.

Und nun stand er im Stadtpark und wollte nach dem Blatt greifen.
Doch es entwand sich seinen Fingern. Einfach so. Schweigend.
Alles entglitt ihm, alles.
Was machte er bloß falsch. Sie hatte doch immer gelächelt. Er hatte ihr vertraut, darauf gebaut, dass alles gut war: er, sie, ihr Leben, alles eben.
Und nun lag sie stumm und gleichgültig in einem Luxuszimmer einer psychiatrischen Klinik in einer fremden Großstadt und er wusste nicht, was er tun sollte.

Alles so leer, so leer.
Dann dachte er daran, dass sie bald Geburtstag hatte. Fünfundvierzig.
Jung, oder? Zu jung zum aufgeben.
Und er, nicht viel älter, gab er jetzt auf?
Hatte er überhaupt je angefangen?
Verdammt, warum so und nicht anders?
Er fühlte sich wahnsinnig allein gelassen!
“Ich kann nicht mehr”, sagte er leise zu den Baumwipfeln.
Ich weiß nicht mehr weiter, was soll ich bloß tun, ich bin so hilflos, einfach nur hilflos. Warum, warum, verdammt?!”

“..und wenn es nun doch ein Birkenblatt war”?, ging ihm durch den Sinn, bevor er sich umdrehte und zur Straße blickte wo sein Auto stand….



Thema: - geSchichtet | Kommentare (0) | Autor: ghita

Barcelona - Impressionen

Samstag, 10. September 2011 11:53

Ich gehe durch Gassen einer Stadt, die stolz ihren einen Namen trägt und dazu tausende Gesichter hat.

Dunkel, die kleinen Adern im tiefsten Herzen dieser Stadt, drückend schwül und von ihrem ewig keuchenden Atem Barcelonas befeuchtet.
Die hohen Häuser der Gassen mit ihren gegen die Mittagshitze geschlossenen Fensterläden, lassen nur einen schmalen Spalt frei, der den Blick auf einen blauen Himmel ermöglicht.
Barri Góthic an der Ecke Carrer de Marlet. Es ist menschenleer in der Nähe der Alten Synagoge und sehr still in dieser dämmrigen Welt.
Nein, nicht ganz, denn aus einem der Fenster hinter einer aufgeklappten “Persiana”, erklingt der blecherne Ton einer einzelnen Trompete. Einsam, sehnsüchtig-klagend und wie festhaltend an längst vergangenen Träumen. Erinnerungen an den sich in seinem eigenen Spiel vergessenden Chet Baker.
Hingerissen und unbeweglich lasse ich die Töne in meine Seele perlen, die sie dankbar aufsaugt.
Wenn ich nachher weitergehe werden sie jeden meiner Schritte begleiten - durch diese engen Gassen hinein in die Hektik der Carrer de Ferran.
Doch noch stehe ich am gleichen Platz und lasse es zu, daß mein Herz, ganz klein, mit Glück sich füllt und mit dem seltsamen Bewußtsein um seine eigene Ewigkeit.
Mit Bedacht mache ich den ersten Schritt zum Weitergehen. Nun höre ich Stimmen hinter mir; ihrem Klang nach sind es Touristen. Und so gleiten die Trompetentöne langsam an mir hinunter in die winzigen Pfützen, in denen sich, ganz klein, die Sonnenstrahlen spiegeln.
Mein Weg führt mich zur Plaza Reial für einen café amb llat auf einer der vielen Touristen-Terrassen. Der Jongleur an der Ecke wirft seine Keulen voller Elan in die Luft, auf den vielen dicken Eisenkugeln entlang des Platzes hocken müde Spaziergänger, ein Obdachloser ist in einem der vielen Stühle, die den Platz säumen, eingenickt und hält im Schlaf seinen Einkaufswagen gefüllt mit Decken und Plastiktüten fest, Kinder spielen lauthals “Fangen”, am anderen Ende der Plaza biegt sich eine alte Tänzerin noch immer geschmeidig zur Musik aus ihrem mitgebrachten Lautsprecher. Begeisterte Ausrufe von Touristen vor den vielen Fotomotiven oder unmutige Beschwerden über Preise und Qualität der Restaurantangebote fügen sich zu einer Kakophonie sämtlicher Sprachen dieser Welt.
Doch nichts von alldem ist laut genug, die leisen Töne der einsamen Trompete zu verdrängen, die in meinem Innern weiterklingen.
Barcelona!
Touristen auf Schritt und Tritt, Tauben und Cava auf der Plaza Reial, Menschen- und Verkehrschaos um die Plaza Catalunya, Bettler im Barri Góthic und Raval, Jongleure und Feuerspeier auf der Suche nach Zuschauern, Diebe auf der Lauer inmitten der Urlauber, skurrile Figuren und Hütchenspieler entlang der Ramblas, Luxusyachten und Segelboote im Hafen, wilde Papageien in Baumkronen lauthals um Futter streitend, Boulevards mit Kathedralen aller Religionen und aller Modemacher, Essen in unmöglichen Variationen, architektonische Glanzstücke bis hin zum Größ(t)enwahn, Stille unter alten Bäumen auf versteckten Plazas, an- und aufregende Gerüche und Geräusche, Kultur und Zerstörung Hand in Hand, Kunst und Künstliches en Masse, Menschen über Menschen aller Rassen und mittendrin stehe ich - mit der Trompete in meinem Innern und dem Glück an meiner Seite.-

Barcelona, ets al meu cor!

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Thema: - Unterwegs | Kommentare (1) | Autor: ghita

- Jahreszeiten

Montag, 29. August 2011 22:11

 

 

 

Jede Jahreszeit löst andere Gefühle aus

und sie werden anders erlebt und ausgelebt.

Mag sein, sie könnten auch an jedem anderen

Jahreszeiten-Tag entstehen,

doch es wären nicht die gleichen geworden

als genau an dem bestimmten Augenblick

zu diesem so bestimmten Tag

in dieser ganz bestimmten Zeit des Jahres…

 

·

Thema: - Jahreszeit | Kommentare (0) | Autor: ghita

- Tatie

Freitag, 26. August 2011 18:56

...pour Tatie ♣..,

tu te souviens des “cadavres..” là dans le coin, chez Nikki?!

tes éclats de rires, tes grands gestes, ta petite mélancholie,

souvent cachée derrière tes histoires d’antan?

Ta rue, ta maison - ton refus de tout quitter

- même si tu ne te sentais plus à l’aise, dans ton coin de toujours,

- même dans ces temps nouveaux, que tu osais apeller:

“mes rues remplies de tous ces nègres et ces indiens..”

l’on ne t’en voulait pas pour ces mots peu polis

dans ce nouveau monde irritant,

dans ton Paris tant aimé,

tant changé et de plus en plus étrange…

J’étais même visiter le “Quiquisana” dans ta mémoire,

l’année de ton départ…..

Tu es partie, ça fait pas mal de temps,

mais tu restes toujours dans mes pensées.

Rien qu’un petit “merci” pour tout ce que tu m’a appris!

… tout est sérieux - rien n’est grave!

 

 

 


Mademoiselle Paule Dupont


Thema: - ceci-cela | Kommentare (1) | Autor: ghita

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