Mittwoch, 26. Oktober 2011 0:06
Nur das Blatt festhalten, mehr wollte er nicht.
Einfach nur das herumfliegende Blatt in seinen Händen halten.
Doch es entwischte ihm.
Er hatte nicht fest genug zugegriffen, sagte er sich. Das war’s!
Oder einfach nicht richtig zugegriffen.
So wie immer, so wie gewohnt.
Er wusste nicht einmal, nach welchem Blatt er gegriffen hatte.
Er kannte sich mit Bäumen und Blättern nicht aus, konnte die einen Blätter und Bäume nicht von den anderen unterscheiden. Nur Birken erkannte er, was, zugegeben, einfach war.
Ja, Birken.
Und schon waren sie wieder da, die Erinnerungen.
Die lange Birkenallee, weiße Rinden.
Sie - vor ihm auf ihrem Rad, den Kopf Richtung Berge, die nicht zu erkennen waren im Abenddunst. Damals, irgendwo in der Nähe eines bayerischen Sees.
Es war einer der ersten gemeinsamen Urlaube und er war glücklich.
Die untergehende Sonne färbte ihr Haar rötlich und sie schien zu strahlen, von außen und von innen her.
Sie strahlte immer. Sogar in traurigen Augenblicken hatte ihr Mund diese bestimmte Form, die ein Lächeln andeutet. Ein lächelnder Mund unter traurigen Augen, unwiderstehlich. Er, der seine Gefühle meist immer im Zaum halten konnte, war in diesen bestimmten Augenblicken einfach hilflos. Er hätte am liebsten geweint, dann wenn sie traurig war. Und jetzt, hier und heute, wo die Trauer ihn überrannte, hätte er auch gerne geheult. Bloß ein paar Tränen aus den Augen drücken, das hätte schon gereicht…
Als er ihr begegnete, war sie noch verheiratet. Er hatte so viele unterschiedliche Beziehungen, ohne geheiratet zu haben, die endeten immer auf die gleiche Art: er konnte sie nicht halten.
Irgendwie entglitt ihm stets die Situation und ganz am Ende die Frau. Und dazwischen viele kleine Verluste von dem Ganzen, was am Anfang als etwas Großes daherkam und scheinbar unzerstörbar war. Jedes Mal glaubte er von neuem daran, dass es diesmal klappen wird.
Als er sie traf, dachte er nicht so weit. Sie war die Frau eines Kollegen. Sie sahen sich von Zeit zu Zeit bei Veranstaltungen des gemeinsamen Arbeitgebers oder auf Partys. So groß war die Stadt nicht, dass sie sich nicht ab und zu über den Weg liefen, miteinander plauderten oder gar gemeinsam einen Kaffee tranken.
Zwei Jahre später ließ sich ihr Mann versetzen. Sie blieb, wollte nicht mit.
Später erfuhr er, dass sie geblieben war, weil sie sich schon länger von ihrem Mann trennen wollte und seine berufliche Entscheidung als Anlass nahm, es endgültig zu tun.
Mit der Zeit begann sie, ihren Blick noch intensiver auf ihn zu lenken, war er irritiert. Sie zeigt ihm ihre Sympathie und ihm gefiel das.
Ab da trafen sie sich öfters für ein gemeinsames Essen oder ein Konzert. Ihr lächelnder Mund faszinierte ihn.
Wie ein Bild von einem berühmten Renaissance-Maler: eine sanft-lächelnde Frau mit dunkelblauen Augen, dunkelblondem Haar, die Hände ruhig im Schoss gefaltet und den Blick in die Ferne gelenkt…so sieht er sie heute noch vor sich.
Sie hat den Anfang gemacht, dachte er. Sie kam auf mich zu und hielt mir ein Glas Sekt entgegen.
“Komm, stoß mit mir an, seit vorgestern bin ich eine freie Frau. Feier mit mir, ich fühle mich so wahnsinnig wohl, dass ich es mit dir teilen will.”
Sie teilten den Abend und die ganze Nacht.
Er nahm an, sie hätte ihn nur für diese Nacht gewollt.
Doch am darauf folgenden Tag rief sie ihn auf der Arbeit an und lud ihn zum Abendessen ein.
Danach gab es kein Zurück mehr für ihn.
Ihre Ruhe und ihre gewisse Art der Schweigsamkeit, taten ihm gut und gleichzeitig forderten sie ihn heraus. Bislang war er stets der Schweigsame gewesen. Nun saß er neben einer Frau am Tisch, die lächelte und oft schwieg. Dann suchte er nach Worten. Mit der Zeit fand er Spaß daran, sie dabei zu beobachten, wenn er seine Geschichten erzählte. Er erlebte genug Geschichten, tagsüber, mit all den Menschen denen er begegnete.
Ihr Mann hatte ihr die große Wohnung gelassen und genug Geld, damit sie nicht arbeiten musste, was sie auch nicht tat.
Sie hatte sich lieber um ihren Mann gekümmert und dann um ihn, das war ihre Hauptaufgabe, wie sie es ausdrückte. Und er wuchs schnell hinein in diese Art Leben.
Nicht lange, und sie wohnte in seinem Haus, öffnete Türen und Fenster, füllte es mit Gerüchen, mit fremden Möbeln, mit ihrer ruhigen Anwesenheit, mit ihrem schönen, lächelnden Mund, ihren sanften Worten und ihrem häufigen Schweigen.
Im Laufe der Zeit erfuhr er das Eine oder Andere von ihr, vom Träumen, die sich am Ende auf ein glückliches Leben mit einem Mann beschränkten.
An dem Tag, als sich alles änderte, fand er sie, ungewohnt, abends auf dem Sofa im Dunkeln. Sie leuchtete etwas weniger als sonst, nur ihre Augen blickten ihn groß an.
“Ich habe Angst” sagte sie, unvermittelt und ungewohnt laut, und schien selbst erschrocken darüber. Sie wiederholte noch einmal ganz leise: “Ich habe Angst”.
Aber wovor, das konnte sie ihm nur mit einem Schulterzucken beantworten. Und mit dem Blick aus ihren Augen.
Er setzte sich zu ihr, wollte sie streicheln. Sie rückte von ihm ab, schaute in die Dunkelheit des Gartens.
Sie blieb auch die Nacht auf dem Sofa, er wanderte lange durchs Haus, um dann irgendwann, noch angezogen, auf dem Bett einzuschlafen.
Am nächsten Morgen wartete das Frühstück wie üblich auf ihn, und sie, lächelnd, auch.
Als sei nichts gewesen.
Sie erwähnte die Episode des Vorabends nicht und er auch nicht.
Doch die Situation wiederholte sich, einige Wochen später, und dann in immer kürzer werdenden Zeitspannen. Plötzlich schob er das nachhause gehen hinaus, arbeitete länger und aß des Öfteren im Restaurant.
Wenn er dann, spät, nachhause kam, saß sie manchmal immer noch auf dem Sofa, er küsste sie auf die Stirn, sie ließ es geschehen und er ging schlafen. Andere Abende saß sie vorm Fernseher und wartete auf ihn, küsste ihn auf die Schläfen und ging ins Bett.
An Wochenenden blieben die gemeinsamen Einkäufe, spazieren gehen, ins Theater, alles so wie gewohnt und dazwischen manchmal Einladungen zu seinen Kollegen.
Und immer wieder ihre Rückzüge, wie er es nannte.
Er freute sich wegzukommen, als er eine Woche beruflich zu der Tagung nach England musste. Früher hatte er sie jeden Abend angerufen, das war nun nicht mehr so. Er schickte ihr nur eine Nachricht mit dem Termin seiner Rückkehr.
Dann kamen die Tage, an denen sie nicht mehr aufstand; einfach im Bett liegen blieb. Er rief ihre Schwester an, fragte vorsichtig nach, ob solche Anwandlungen schon früher bei ihr festgestellt wurden, doch die fühlte sich nicht betroffen. Ihre Eltern lebten nicht mehr und sonst kannte er Niemanden, mit dem er darüber reden konnte oder wollte.
Ab da schlief er nur noch im Gästezimmer. Manchmal sah er sie tagelang nicht.
Als sie dann eines Morgens am Frühstückstisch erschien, erschrak er: sie war abgemagert, ihr Haar stumpf, der Blick abwesend und ein unangenehmer Geruch umwehte sie. Sie schaute an ihm vorbei und trank schweigend den Kaffee, den er ihn eingeschenkt hatte.
Dann drehte sie sich zu ihm um uns sagte wie beiläufig: “Ich will nicht mehr”.
Ungläubig und verwirrt schaute er sie an.
“Was willst du nicht mehr?”
“Ich will nicht mehr”
“Ja was denn nicht??!”
“Alles…”
“Erklär dich, bitte, was meinst du?”
Sie stellte die Tasse ins Spülbecken und ging hinaus.
Er folgte ihr. Es war ein kalter Märztag und sie stand auf der schneebedeckten Terrasse, barfuss.
Er zog sie hinein ins Wohnzimmer.
Sie legte ihren Kopf an seine Brust; ihr unangenehmer Körpergeruch ließ ihn kurz zurückzucken.
“Hilf mir”, flüsterte sie in sein Hemd.
“Wobei?”
“Hilf mir, bitte”
“Ich versteh dich nicht, erklär dich!”.
Er drückte sie von sich, wollte sie anschauen. Sie blickte auf den Boden, entwand sich seinen Händen und ging nach oben ins Schlafzimmer.
Ab da verstummte sie ganz und er mied sie wo er nur konnte. Die Gedanken an diese eigenartige Situation zuhause, begannen seinen Berufsalltag zu belasten. Er wusste nicht, was er tun sollte.
Dann überwand er sich und sprach einen Kollegen an. Er beschrieb ihm ihr Verhalten, jedoch mit der Bemerkung, es beträfe eine Freundin seiner Frau, der er helfen wollte.
“Auch wenn Sie Chirurg sind, Sie sind doch Arzt, Sie wissen es doch selbst: typisch depressives Verhalten. Schicken Sie die Frau zu einem guten Psychotherapeuten, oder verschreiben sie ihr die richtigen Antidepressiva, oder besser noch, sagen sie ihrem Mann, er soll sie für eine Zeit in die Psychiatrie einweisen lassen, das ist die beste Lösung!”
Nein, bitte keine Depressionen, bitte keine Psychiatrie!
Von einem Augenblick zum andern nahm seine längst verdrängte Vergangenheit Besitz von seiner jetzigen Welt.
Er hatte all das doch schon als Kind mit seiner Mutter erlebt. Er war vaterlos aufgewachsen und mit einer Mutter “gesegnet”, die neben Alkohol und Tabletten, auch noch regelmäßig wegen ihrer Depressions-Schübe in der Notfallambulanz landete. Er schämte sich jedes Mal wenn er sie begleiten musste, und ärgerte sich, wenn sie nach ein paar Tagen, nüchtern und entgiftet und wieder zuhause, laut und unübersehbar das Regiment über den kleinen Haushalt an sich riss.
Das ging in regelmäßigen Abständen so.
Als sie starb war er vierzehn und die Jahre danach bei seinen Verwandten waren zwar nicht sehr schön, jedoch wenigstens ruhig und unbelastet.
Aber seine lächelnde Frau war doch ganz anders gewesen als seine Mutter. So ruhig, so sanft, so liebevoll und immer lächelnd. Warum sollte sie also mit dem gleichen Unglück behaftet sein. Warum sollte er das wieder durchleben müssen? Warum bloß geschah ihm das wieder, und nach all der Zeit?
Alles in ihm sträubte sich dagegen.
Zuhause überkam ihn die Wut, als er sich das erste Mal deutlich vor Augen führte, wie vernachlässigt alles längst war.
Als er sie hinter der Schlafzimmertür leise schnarchen hörte, hätte er am liebsten dagegen gehämmert, um sie zu wecken und um sie aus ihrer verdammten Lethargie herauszuhämmern.
Er fühlte sich so hilflos.
Was würden seine Kollegen denken, wäre seine Frau Patientin in der Psychiatrie!?! Unvorstellbar!! Und das in dieser kleinen Stadt! Und zu einem der eingesessenen Psychiater wollte er auch nicht mit ihr.
Er würde sie zwingen ihn anzuschauen und mit ihr reden. Er würde versuchen, sie zu überzeugen, sich in der nächst größeren Stadt ins Krankenhaus einweisen zu lassen. Den Name “Psychiatrie” würde er nicht erwähnen. Ja, das war die einfachste Lösung.
Kurze Zeit später, als er ihr im Flur begegnete, hielt er sie fest und bevor sie sich wegdrehen konnte, schleuderte er ihr alles ins Gesicht was ihn bedrückte und bewegte.
Sie sei depressiv, er würde sich das nicht gefallen lassen und er könnte sie nicht mehr aushalten so wie sie war, sie müsste weg in ein fremdes Krankenhaus und sich behandeln lassen, ansonsten würde er das nicht mehr länger mitmachen. Er hätte sich umgeschaut und schon einen Platz für sie gefunden wo man ihr helfen würde. Sie zeigte keine Regung, gar keine.
Es dauerte nur ein paar Tage bis er endlich ihre Koffer packen konnte. Sie ließ sich widerstandslos von ihm ins Auto bringen und in die hundert Kilometer weiter gelegene Spezialklinik für Psychiatrie fahren. Sie lächelte die ganze Fahrt über, so wie immer und ihre Augen waren von einer dunklen Sonnenbrille bedeckt.
Sie bekam ein freundliches Zimmer, auch wenn es abgeschlossen war und die Fenster nicht zu öffnen. Es war groß und hell und nett eingerichtet. Er fühlte sich beruhigt.
Und nun stand er im Stadtpark und wollte nach dem Blatt greifen.
Doch es entwand sich seinen Fingern. Einfach so. Schweigend.
Alles entglitt ihm, alles.
Was machte er bloß falsch. Sie hatte doch immer gelächelt. Er hatte ihr vertraut, darauf gebaut, dass alles gut war: er, sie, ihr Leben, alles eben.
Und nun lag sie stumm und gleichgültig in einem Luxuszimmer einer psychiatrischen Klinik in einer fremden Großstadt und er wusste nicht, was er tun sollte.
Alles so leer, so leer.
Dann dachte er daran, dass sie bald Geburtstag hatte. Fünfundvierzig.
Jung, oder? Zu jung zum aufgeben.
Und er, nicht viel älter, gab er jetzt auf?
Hatte er überhaupt je angefangen?
Verdammt, warum so und nicht anders?
Er fühlte sich wahnsinnig allein gelassen!
“Ich kann nicht mehr”, sagte er leise zu den Baumwipfeln.
Ich weiß nicht mehr weiter, was soll ich bloß tun, ich bin so hilflos, einfach nur hilflos. Warum, warum, verdammt?!”
“..und wenn es nun doch ein Birkenblatt war”?, ging ihm durch den Sinn, bevor er sich umdrehte und zur Straße blickte wo sein Auto stand….