Mittwoch, 27. Oktober 2010 18:58

Liebe Rosemie,
fast ist schon November und heute spazierte ich durch den Großen Garten hier in Hannover. Weißt du noch, im Sommer war’s, dieses Jahr. Wie heiß und staubig waren die Wege, die jetzt feucht und grau vor mir lagen. Die Büsche nicht mehr grün, ich konnte durch sie hindurch in die kleinen Gärten sehen. Die Fontänen waren abgeschaltet, die letzten Herbstfarben in den spärlichen Blumen der Rabatte grüßten verhalten.
Der Kies knirschte unter meinen Stiefeln als ich unter den Linden hindurch zu dem hinteren Teil des Gartens ging. Und plötzlich hörte ich ein leises Jodeln, immer lauter wurde es und dann tönte, noch etwas verhalten, ein Alphorn dazu. Von vielstimmigem Lachen begleitet, sang eine Frauenstimme “I feel good” und die Tuba brummte es mit.
Ich blieb stehen und dann zog es mich wie magisch an den Ort, an dem ich diese Geräusche fast täglich drei Wochen lang hören konnte und durfte.
Immer schneller gingen meine Schritte und am Ende lief ich hin, kam um die Ecke gerannt und - Leere.
Sie war nicht da. Die Frau, die während der Zeit die sich “Kleines Fest im Großen Garten” nennt, die zur Freundin und Komplizin des Lebens wurde, die mein Herz zum hüpfen gebracht hatte, mir so viel Freude schenkte, Lachen entlockte und immer wieder die eine oder andere Träne, wenn sie zum Schluß ihres Vortrags folgendes Lied vortrug:
“Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück und ich träum davon in jedem Augenblick…”
Wenn sie sich dann sanft von ihren faszinierten Zuschauern verabschiedete indem sie langsam von der Bühne ging, leise singend: “Irgendwo auf der Welt fängt mein Weg zum Himmel an, irgendwo, irgendwie, irgendwann. ” Dann war es plötzlich ganz ruhig und ein paar Augenblicke lang stand die Welt still. Es war, als würde sie festgehalten von der Anwesenheit dieser kleinen Person, die sich in den zwanzig Minuten ihres Auftritts in die Herzen des Publikums hineingezaubert hatte. Und dann brauste der Applaus, laut und anhalten und die Bravo-Rufe wollten nicht aufhören.
Ich stand also an diesem kalten Herbstnachmittag in der Leere des Carrés und um mich herum war es plötzlich wieder Sommer, brüllend heiß und unerträglich, doch das verschwitze Gesicht einer wundervollen Clownin strahlte mit ihren Zuschauern um die Wette und doch, ein bisschen wie verwundert spürte sie deren Begeisterung und Bewunderung für ihren bewegenden Auftritt.
Diese kleine Künstlerin in einem rosa Plissée-Kleid, den derben dunklen Schuhen, der dunkel- und breitrandigen Brille und den streng zurückgekämmten Haaren in einem dicken, wie festgeklebten Knoten am Hinterkopf - sie schien erstaunt zu sein über ihre eigene Leistung, über die Reaktionen des Publikums, über die Welle der Begeisterung und Sympathie, die zu ihr hinüber schwappte.
Artig winkte sie, verbeugte sich und knickste respektvoll vor den Menschen vor ihrer Bühne. Sie war am Ende genau so bewegt von den Zuschauern wie die von ihr.
Unter der sengenden Sonne im Großen Garten von Herrenhausen trat sie mehrmals täglich auf, zwanzig Minuten volle Konzentration, laut schreiend, leise singend, auf Tuba und in Alphorn blasend, hüpfend, tanzend - unermüdlich, wie es schien.
Es sprach sich herum und die Menschenmenge vor ihrer Bühne wuchs mit jedem Tag. Bald war kein Platz mehr und so standen sie an, um die nächstfolgende Show nicht zu verpassen, wohl wissend, dass sie damit andere Shows des Kleinen Festes nicht sehen konnten.
ROSEMIE war “eingeschlagen”, zum Schlager des dreiwöchigen Festivals geworden das in dem Jahr auch noch Jubiläum feierte - 25 Jahre Kleines Fest im Großen Garten.
All das ging mir wie eine Reihe von Blitzen durch den Kopf. Ich kannte fast jedes Detail der Show, denn täglich stand ich einmal vor ihrer Bühne. Ich hatte in diesen drei Wochen dort Verpflichtungen die es mir ermöglichten, dieses Privileg genießen zu dürfen und ich tat es voller Freude.
Plötzlich fröstelte ich. Es war so ruhig um mich herum, es war kalt, die wenigen Strahlen einer dünnen Spätherbst-Sonne waren längst verschwunden und der Himmel nur noch grau. Er hatte nicht einmal mehr Wolken zu bieten, in dieser grauen Fläche über mir.
Ein leiser modriger Geruch stieg langsam in meine Nase und nun war mir klar, der Winter hatte sich schon in den Buchenhecken eingenistet. Die Becken der Brunnen würden demnächst zugedeckt sein und die schöne Statue der Königin Sophie gut verhüllt in ihrem Winterkasten. Hinter der Nikki-de-St.Phalle-Grotte begann ein großer Holzzaun, der die ganze Große Wiese umspannte. Die Grabungen zum Wiederaufbau des Schlossen hatten schon vor Monaten angefangen.
Wie wird es wohl sein, wenn in zwei drei Jahren das Schloß dort stehen wird, wo 24 Jahre lang im Sommer die Artisten die Zuschauer begrüßten, wo diese mit Picknick-Körben und Campingstühlen auf den Einlaß zum Kleinen Fest warteten, und so manche Frau mit einer langstieligen roten Rose in der Hand oder im Rucksack spazierte, die sie am Eingang vom Mann-mit-dem-Zylinder geschenkt bekam?
Im heißen Juli dieses Jahres wurden die Gäste das erste Mal entlang der Gracht von den Künstlern empfangen, saßen im Schatten unter den Lindenbäumen, hörten der Musik zu, eine Horde wilder Flamenco-Tänzerinnen stritt sich lauthals darum, welche nun die Schönste sei, kleine Clowns, Zauberer, ein weißes Liebespärchen das sich stumm der gegenseitigen Liebe versicherte, große farbig gekleidete Stelzenläufer die majetätisch durch die staunenden Zuschauer schritten, grüne Hybriden in den Hecken, einsame Musiker auf stummen Trompeten, Lanzenreiter auf güldenen Seepferdchen, orangene Frauen auf orangenen Koffern und irgendwo mittendrin, an einen Baum gelehnt, stand die kleine Gestalt im rosa Plisseekleid und schaute dem Gewimmel zu.
Manchmal wurde sie angesprochen und dann erzählte sie mutig in einwandfreiem Schwäbisch, sie sei das erste Mal vor Ort und sie würde sich freuen, dass sie da sei und mehr noch , dass auch das Publikum da sei und dann kam ein erstauntes “Plopp” aus ihrem Mund und dabei schlug sie sich vor Freude auf die Schenkel.
Und manchmal konnte man diese kleine zierliche Person auf den Wegen erblicken, wenn sie schnell zu ihrem Carré lief oder sich neugierig den Park eroberte, so weit ihre Zeit es zuließ.
Jetzt jedoch ist Winter in einem fast leeren Großen Garten in Herrenhausen. Es wird nicht mehr lange dauern, dann sind die Wege und die Büsche weiß, ich werde sie ganz vorsichtig beschreiten und aufpassen müssen, mein Atem wird kleine Wölkchen bilden und der kalte blaue Winterhimmel die Konturen der vielen Figuren die die Wege säumen, ganz fein meißeln.
Kalte Zeiten und kein Kleines Fest, keine Artisten, keine Musiker, keine Clowns, kein Ballon mit bwegender Musik und kein Feuerwerk erhellen den dunklen Sommerhimmel, kein Magier, kein Jongleur…., keine ROSEMIE.
Aber ich höre sie noch immer, ich fühle ihre Anwesenheit. Ihr Schatten ging vorhin neben meinem und sie summte ganz leise an meiner Seite “Irgendwo auf der Welt” und ich summte zurück “Ich werde immer gern von Ihnen träumen…!”
Frau ROSEMIE, der Große Garten erwartet Sie!
Alla prossima volta, bella Rosemie.
Wir sehen uns. Wir sind doch wirklich Glückspilze.
Schön, daß es dich gibt.
Deine Ghita