- Laß singen deine Jahre….
Donnerstag, Dezember 24th, 2009Lieber Freund,
es ist Heiligabend und wenn ich mir auch im Vorfeld immer wieder sage, dass das nichts Besonderes ist, weil ich einfach nicht an eine christliche Religion glaube, so ist es doch immer wieder eine Überraschung, die Magie dieses Tages zu erleben.
Plötzlich scheint es, als stünde alles still.
Die letzten Tage waren so ausgefüllt und stressig, dass ich sogar nicht einmal mehr richtig schlafen konnte sondern einfach nur in der Müdigkeit arbeitete und manchmal nicht einmal wusste, was ich genau da tat.
Und dann sitze ich an einem Tag wie diesem, draußen die absolute Ruhe, die Wege immer noch weiß und eisig und ein dunstig-heller Himmel spannt sich über Dächer und Bäume, am Rechner und fühle mich so richtig entspannt. Es ist immer noch kalt, wenn auch weniger als noch vor einer Woche, jedoch unangenehmer. Aber das alles ficht mich nicht. Denn es ist überall Ruhe eingekehrt, auch in mir.
Ich habe sehr lange und sehr tief geschlafen - etwas was mir Monate lang nicht mehr passiert ist. Eigenartig. Und so entspannt und ausgeruht habe ich mich auch schon monatelang nicht mehr gefühlt.
Der Strom in mir, in letzter Zeit so wild und unruhig, mit Schnellen und unübersehbaren Windungen, mit gefährlich scheinenden Wirbeln und felsigen Ufern, hat eine Ebene erreicht und fließt nun ruhig in seinem Bett. Ich schaue ihm zu wie er sich selbst genügt, sich seinem eigenen Fließen hingibt; wie Blumen an seinem Rande auftauchen, das Grün der Wiesen entlang seines Ufers ihn erfreut, wie die Sonne sich in ihm spiegelt mit dem Blau des friedlichen Himmels; Vögel zwitschern leise irgendwo und es weht ein imaginärer Duft nach Unendlichkeit.
Es ist diese Kontinuität die meinen inneren Strom so tragend macht, sein immerwährender Blick nach weiter, nach vorn, kein Zurück, keine Umkehr - nur fließen Richtung Lebensmeer. So fühle ich mich. Einfach nur wie im Sein, einfach nur sein.
Und so blicke ich zurück auf ein Jahr das mir Vieles geschenkt hat. Es war ein besonderes Jahr, es brachte Liebe, Freundschaft, Zufriedenheit, Gesundheit, Herausforderung, Leid und Erlösung, Lebensfreude, Unsicherheit und doch Zuverlässigkeit, Selbsterkenntnis, Scham und Stolz, unbekannte Gefühle und altbekannten Schmerz.
Es festigte Freundschaften, löste unnötige Bande auf, schenkte neue und brachte alte wieder in die Erinnerung. Es war ein Jahr der Hoffnung und der erfüllbaren Träume, ein Jahr des Glanzes und einer Dunkelheit die niemals mehr Angst machen konnte.
Ich blicke nach vorne, wie mein Fluß in mir es mir vormacht, und habe die Gewissheit, dass die Zeit in mir, allein meine Zeit ist und deshalb in jedem Augenblick gut ist.
Ich werde sie weiterhin mit all dem füllen, was dieses Jahr im Besonderen ausmachte. Ich werde Neues hinzutun können und Altes loslassen dürfen. Das Leben als Geschenk nehmen, das will ich immer mehr erkennen und dankbar sein.
Ich denke noch immer an den Spruch:
.."du bist was du denkst, mit deinen Gedanken erschaffst du deine Welt."
Ja, mit meinen Gedanken und dem daraus entstehenden Tun erschaffe ich meine Welt die zu der einzigen Welt gehört die ich leben kann. Sie wird viele Gesichter haben, doch nur ein einziges Ziel - ich selbst zu sein und zu leben.
In dieser Welt sind alle die willkommen, die wie Du, lieber Freund, mir mit Liebe und Verständnis, Neugier und Offenheit begegnen.
Ich möchte dir das Gleiche zurückgeben können.
Nach all den Jahren unserer Bekanntschaft, mit ihren Höhen und Tiefen, Nähe und Distanz, Abwesenheit und Wiederkehr, werden wir unsere Art der Freundschaft als eine gewisse Konstante beibehalten können. Was auch immer wir daraus machen - ich bin dankbar dafür.
Mein Blick nach draußen ist offen wie der Horizont vor mir. Alles was dieses Jahr war, egal wie und was es war, war und ist schlussendlich gut. Alles hatte und hat immer noch seinen Sinn.
Ist das nicht auch eine Form der Lebenskunst, wie du sie öfters so schön beschrieben hast?!
Nun gehe ich in den Nachmittag des „Heiligabend" und werde langsam durch den Park spazieren und die Dämmerung erwarten. Dann werde ich den Rest dieses Tages in Ruhe zuhause verbringen, den gebeizten Lachs essen den mir Freunde geschenkt haben, und im Radio die Musik hören, die mich nur an diesem einzigen sentimentalen Abend des Jahres berührt.
So, nun ende ich mit meinen Worten an dich für heute.
Draußen gehen drei Leute gemächlich Richtung Park. Ich werde ihnen folgen. Ich freue mich darauf auf den eisigen Wegen entlang des kleinen Wassers zu gehen.In Gedanken nehme ich dich ein Stück mit, wie soft schon während unserer Freundschaft. Ein kleines Stück des Weges, aber dafür mit Bedacht.
Ich danke dir, dass es dich immer noch gibt in meinem Leben.
Frohe Stunden auch für dich, ein glückliches und zufriedenes neues Jahr in Gesundheit und Liebe.
Bis bald.
Ghita



