Archive for the ‘"Die Perser" Braunschweigs’ Category

…was bleibt…..

Dienstag, August 12th, 2008

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16.6.-Nach-Perser-Treffen

Montag, August 11th, 2008

18. Juni 2008

Liebe Perser,

hier kurz eine Zusammenfassung des Treffens am Montag, den 16.06.08 um 19.00 Uhr im Staatstheater.

Viele waren zur Stelle und es ist allen von uns klar geworden, daß wir versuchen werden in einer Form weiterzumachen, die wir noch bestimmen werden.
Dazu wurden folgende drei Fragen gestellt:

1. Mit welchem Ziel seid ihr hierher gekommen
2. Was könnt ihr persönlich zu dem Projekt beitragen (Mithilfe, Sponsoren finden, Stimmtraining, Raum organisieren, etc.,…..)
3. Was wollt ihr unter keinen Umständen hier erleben.

In der bereitgestellten Kiste waren nachher 84 Zettel mit den Antworten.
Die Auswertung davon werde ich in den nächsten Tagen an alle verschicken.

Stefan Schmidtke, Leiter der Theaterformen, hat uns kurz vor dem Termin
am Montag darüber informiert, daß wir eine Petition an den Generalintendanten des Staatstheaters schicken können, in dem aller Perser um eine Wieder-Aufführung anfragen im/ab Oktober 2008. Ob wir Erfolg haben werden, ist nicht garantiert, einen Versuch ist es allemal Wert. Michael Ritter und Wolfang Jahns nehmen das Aufstellen eines Schreibens in ihre erprobten Hände, es sollte Ende der Woche rausgehen.

Wir versuchen einen neuen Termin noch vor den Sommerferien des Theaters zu organisieren, Frau Springer, Pressesprecherin des Staatstheaters, hat freundlicherweise zugesagt, sich um einen Termin für einen freien Raum zu kümmern und ihn uns
schnellstmöglich mitzuteilen.
Herr Kasch, Inspizient des Staatstheaters, hat sich in lobenden Worten über die Arbeits-Disziplin der “Perser” geäussert und nochmals betont, daß er sich wünscht, wir würden uns, mit dem gleichen Elan wie bei den Theaterformen, in ein neue Aufgabe stürzen und hat uns daraufhin seine Unterstützung zugesagt.

Erste Stimmen haben deutlich gemacht, daß der Wunsch nach Fortsetzung einer Form des Sprechchores groß ist.
Die Idee von Kalle Borm wurde sehr begrüßt, eine Art “BürgerChor” für Braunschweig zu gründen, der Texte von z.B. von Bert Brecht aufführt und auch bei wichtigen Anlässen auftreten würde, um Braunschweig eine kulturelle Stimme
zu geben auch über das Theater hinaus.

Doch zu weiteren Details mehr, wie gewohnt per mail, wenn die Zettel fertig ausgewertet sind.
Dann wird auch die benötigte Unterschriftenliste für die Petition mitgeschickt.

Lieben Gruß an Alle in alter Treue!

Ghita

7.6.-Der Tag danach

Montag, August 11th, 2008

07. Juni 2008

Ich komme von der Premierenfeier.
Habe mit Genuß die ganze Zeit getanzt, bin durchgeschwitzt und genieße diesen besonderen Film auf meiner Haut der sich wie eine zweite Haut drüber legt. Sehr sinnlich.
Die Premiere war gut, aber noch ist es mir nicht wirklich klar, dass der Abend, auf den wir so lange hingearbeitet haben, schon gelebt ist.
Es bleiben noch weitere 4 Aufführungen und doch glauben wir zu wissen, dass wir “es” können.

Die “besseren” Braunschweiger Bürger haben anfangs nicht gewusst wie sie mit der geballten Energie von uns umgehen sollen. Da gab es einzelne “Zweikämpfe”, insbesondere mit Herren späteren Alters in Anzug, Krawatte und Lackschuhen.
Wer weicht wohl aus, die doch nicht, sie sind doch “wer”…!!
Und diese schreienden Darsteller haben denen nichts vorzuschreiben… Das sah man an Haltung und Gesichtsausdruck sehr gut.

Sie hatten keine Ahnung, wer stärker ist. Denn wir sind unbeirrt unseren Weg gegangen und sie haben gemerkt, dass sie mit-machen müssen, dann geht es allen gut. Demokratie halt. Noch können die das nicht so gut, scheint es mir.

Verhaltensforschung pur!

Die Müdigkeit umarmt mich endlich.
Fühle mich so gut, so präsent, so “da”.


Nichts sagen, nur leben, genießen - pur und unvergleichlich.
Es ist immer noch Zeit zum sagen, reden…..danach oder irgendwann.
Es sind diese Augenblicke in denen wir fliegen…wenn wir es zulassen.

Ich danke euch ALLEN !

Ghita

5.6.-kurz davor…!

Montag, August 11th, 2008

06. Juni 2008, 1Uhr in der Früh’

Liebe Choreuten,

zurück vom “TheaterStufen-SitIn”, schicke ich noch schnell im Auftrag unserer
Mit-Perserin der Gruppe -A-, Irina Tschichowa, eine Bitte an euch:

Irinas Freundin konnte es einrichten, aus dem Ausland extra nach Deutschland zu
kommen um Irina und die “Perser” zu sehen. Nun fehlt eine Eintrittskarte,
sei es für Freitag oder Samstag.
Wenn jemand verhindert ist oder weiß, ob das bei jemand anderem der Fall ist,
melde sich doch bitte bei mir, oder besser noch, reserviert die Karte und sagt
mir bitte Bescheid.
Es ist ein Versuch, denn ansonsten kann die Freundin von Irina nicht teilnehmen.
Bei einer Nachfrage im P-Büro hat man nicht weiterhelfen können.

So: uns in ein paar Stunden viel Glück und was noch besser ist, viel Können und
keine Hänger. Auf dass wir alle in jedem Augnblick wissen wo’s lang geht, wissen
wann wir reden, schreien, flüstern oder schweigen müssen, wann und wo wir hin
schauen, liegen, aufstehen oder gar springen sollen.
Und das natürlich mit der Energie eines verärgerten Persers, der vor 2500 Jahren
endlich seine Wut an den “Oberen” rauslassen konnte.
Das schaffen wir doch mit links, oder, auch wenn wir uns immer (bis auf eine Ausnahme)
über rechts drehen müssen…..

Es wird klappen - viel besser als wir uns das überhaupt vorstellen können!

Genießen wir die Stunden davor, damit wir die danach umso mehr feiern können.
Ich freue mich darauf!!!

Bis in ein paar Stunden in frischer Frische.

Ghita

2.6.-WEH!SCHMERZ!AIAI!

Montag, August 11th, 2008

03. Juni 2008

Perser,

niemals waren die Worte so stimmig in den letzten drei Monaten, wie am Montag dem 2.6. in nach der Probe.

Eine Qual war es, und doch haben wir freiwillig diese Qual auf uns genommen.
Als es begann, damals im März, hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass all das auf mich zukommen wird, was ich bislang erlebt und geduldet habe.

Allem/n voran die Regisseurin der Perser: Claudia Bosse!

Diese außergewöhnliche Frau, selbstsicher bis zum „Geht-nicht-mehr” und doch manchmal unsicher und tastend auf dem Feld das sie mit uns gemeinsam beackert, hält alle in Schach und führt gnadenlos das aufgeregte Perservolk. Allein meine Müdigkeit hat mich daran gehindert sie zu aufzufordern, ihre Wasserflasche nicht unbedingt vor meinen trockenen Mund und durstigen Hals zu leeren.

Gestern hätte ich liebend gerne aufgegeben; das Handtuch geschmissen. Doch hätte ich eins dabei gehabt, es wäre nur zum Einsatz gekommen um mein verschwitztes Gesicht abzuwischen. Vor allem jedoch das der Atossa und das von Dareios.
Schatten hin oder her, der Geist des Alten Königs litt unter der erstickenden Hitze und den ungnädigen Wiederholungen.

Ein Tag danach, mit etwas Abstand, werden die letzten Probenstunden im Theater zu etwas Unwirklichem. Ich kann mir nicht vorstellen, das wirklich durchgemacht zu haben - freiwillig!
Was wird, wenn nun ab Mittwochabend 200 Leute mehr auf der Bühne stehen werden? Haben wir genug Kraft, mit immer wieder neuen Choreographie-Anweisungen klar zu kommen?
Überhaupt: werden alle die Choreuten wiederkommen, die den gestrigen Abend miterlebt haben? Wollen sie sich die kommenden Abende immer wieder der gleichen oder ähnlichen „Tortur” stellen?

Viele Worte der Klagen, fast schäme ich mich dafür. Doch auch sie müssen sein.
Denn erst wenn wir begreifen was wir uns alle freiwillig aufbürden um dieses politisch- und gesellschaftlich enorm bedeutende Theaterstück der Antike auf die Beine zu kriegen, dann verdienen wir mehr als das bislang etwas karg ausgefallene Lob unserer Regisseurin. Wir haben dann nämlich etwas, jedenfalls in meinen Augen, Unglaubliches geleistet. Das sollte wirklich ALLEN klar sein!

Soviel geballte Energie ist nicht auf Bild zu bannen: Claudia BOSSe!

Und so komme ich nicht umhin, Claudia mit Xerxes zu vergleichen.
Wir gehorchen ihr absolut, sie bestimmt und wir folgen. Wir machen es freiwillig, um das gesteckte Ziel zu erreichen, das sie irgendwann einmal definiert hatte. Sie setzte uns in Kenntnis von einem geplanten Projekt und wir ließen uns darauf ein.
Nun schickt sie uns in eine Schlacht von der wir anfangs nicht wussten, was die uns abverlangen wird.
Doch anders als die Perser bei der Schlacht von Salamis, werden wir unsere Theaterschlacht überleben und irgendwie fast wie neugeboren daraus hervorgehen.
Wir sind also wirklich zu dem geworden, was wir darstellen sollen:

Untergang der Perser und Aufblühen der Griechen.

Wir sind zu beiden geworden. Wir lernten daraus, Altes abzulegen und Neues hinzu zu gewinnen.
Das ist ein sehr großer Gewinn!
So gebührt jedem einzelnen Menschen dieser Produktion der gleiche Dank!
Keiner hat Mehr oder Weniger getan. Denn jeder tat sein Bestes.
Es ist so, wie man uns das erklärt hat: jeder Einzelne kann nur mit den Anderen zum Ziel kommen.

Die Königin, die wunderbare Atossa-Doris

Ich bin wirklich dankbar für alles Erlernte, dankbar für die Chance, mitmachen zu können, es erlebt zu haben.
Pathetisch? Mag sein. Doch eine gewisse Form von Pathos können wir alle nicht leugnen. Denn wir haben ihn drei Monate lang mittels der Worte des Aischylos, gelebt.
Wenn wir wieder ganz in unserem „alten” Leben sind, keine Probe uns die freie Zeit mehr frisst, dann ist immer noch Zeit, Abschied zu nehmen von:
Weh, Schmerz, AiAi und Otototoi.

Aber heute ist noch die „Zeit mittendrin”.
Drum halte ich mich an den Spruch der Fans von Eintracht Braunschweig:

Mit Euch geht Alles. Ohne Euch ist Alles Nichts!!

Nachstehend die Einladung zu unserem ersten Treffen für die Zeit danach.
Es wäre schön, könnten wir uns dort gemeinsam wieder finden.

Aber vorerst sind wir die nächsten Tage noch ein ganz gemischter Haufen Menschen mit dem gleichen Ziel vor Augen.

Ich bin sicher, es wird uns gelingen!!
In diesem Sinne.

Ghita

Alle Fotos in diesem Artikel: (c)ghic

1.6.-Weiter geht’s…

Montag, August 11th, 2008

Sonntag Vormittag, den 1. Juni 2008

Langsam geht’s auf die Zielgerade.
Heute also das erste Mal mir Zuschauern.
Da sie unsere eigenen Eingeladenen sind die spielen was sie sind, nämlich Zuschauer, werden sie wohl mit größerem Verständnis unsere ersten Versuche aufnehmen.
Das hoffe ich zumindest.

Gestern war es so anstrengend, dass ich glaubte die Luft sei „raus”. Fast wollte ich nicht mehr.
Aber es war wohl einfach nur die fehlende Luft im Raum, die das auslöste.
Claudia, diese unermüdliche Regie-Amazone, jagte uns durch Text und Choreographie. Egal wie anstrengend es jedes Mal ist - sie ist auch zu bewundern.
Kritik liegt ihr näher als Lob, und doch ist es manchmal Motivation genug, ihr ein Lächeln zu entlocken, um halt wieder, noch etwas besser als davor, weiter zu machen.

Wir haben zum zweiten Mal „Die Perser” in ihrer Ganzheit durchgehend aufgeführt.
Es war gut. Wir waren gut.
Gespenstisch war, wie die Elemente die Schreie von Atossa, dem Boten, von Xerxes und dem Haufen Perser, begleiteten.
An einer Stelle hat der Klang des Donners das Wehklagen weit in Höhen getragen, dass ich mir einen Augenblick lang vorstellte, alle Menschen draußen vorm Rebenpark in ihren Häusern müssten es gehört oder zumindest gefühlt haben.

Seit dem Vortrag am Freitag weiß ich, dass wir zu Recht dieses antike Stück, das Krieg und Diktatur so heftig anklagt, gerade in unserer heutigen Zeit immer wieder aufzuführen.

Nun werde ich noch einmal die Choreographie in Gedanken durchgehen, dank Roland haben wir eine weitere Hilfe, damit wir nicht unkoordiniert durch den Raum hopsen (ihr wisst: = O-Ton Regisseurin).

Alles wird gut
und wir werden immer besser!

Ghita

29.5.-Let’s rock!

Montag, August 11th, 2008
29. Mai 2008
Let’s rock, Perser!
So also vermischt sich das Altertum mit der Moderne:
in dem man die alten Verse rockt, so scheint’s.
Und es scheint sogar plausibel, wenn man sich darauf einlässt.
Ich gelange zu der erstaunlichen Erkenntnis, dass sich beim „rocken“ noch weitere Energie frei setzt. Wo die noch herkommt, frage ich mich…..
Auf diese Art, lässt sich der Sinn des Stückes noch intensiver darstellen und erleben.
Aber welch große Anstrengung schon davor erbracht wurde, damit wir dort stehen wo wir jetzt sind, das wird manchmal vergessen.

Ich selbst vergesse auch, was ich für den „Status Quo“ bislang getan habe.
Meine Bettgenossen sind mittlerweile mehr als lästig, denn sie begleiten mich immer noch und immer nachdrücklicher in den Schlaf, und sie stehen wie Soldaten morgens bereit, mich zu wecken.
Diese Bettgenossen sind die Worte, eingebettet in eine abwechslungsreiche Choreographie, die ich mir einhämmern muss, damit sie zu Sätzen werden die wie Pfeile durch alle und alles hindurch schießen.
Natürlich habe ich noch mein Alltagsleben. Aber ehrlich, es ist doch sehr geprägt von unserer Theaterarbeit. Bestimmt bei dem Einen mehr als bei dem Andern, kein Zweifel.
Doch jeder hat in irgendeiner Art den Wunsch, seine Sache gut zu machen. Und um diesen Zustand zu erreichen, bleibt es nicht aus, sich sehr auf die selbst gewählte Aufgabe, nämlich „Perser“zu werden, zu konzentrieren.

Als ich gestern durch den Park in die Stadt ging, drängte sich mir der Duft des verblühenden Flieders in die Nase und in der Schwüle des Abends vermischte er sich mit dem eines wunderschönen Rosenbusches.
Ich freute mich, in der Stadt zu leben, die so viel zu bieten hat. Braunschweig habe ich mir als Zuhause gewählt und ich bin nach neun Jahren von meiner Entscheidung immer noch überzeugt. Viele nennen sie eine Provinzstadt, doch die kulturelle Tradition hat sie sehr geprägt. Sie schenkt uns viele Möglichkeiten, manchmal nervt sie und manchmal will man nur weg von hier. Aber im Grunde genommen tut sie gut, diese eigenartige vernarbte Stadt. Man muss es nur erkennen.

So auch mit den „Persern“.
Es gibt Proben aus denen ich am liebsten weglaufen würde. Sie lassen unbefriedigt, sind enttäuschend, belastend, anstrengend und für mich als Laien, manchmal sinnlos.
Dann füge ich mich, ungewohnt undemokratisch, dem Regime der Regisseurin.
Sie muss es besser wissen. Und sollte sie es trotz allem nicht „besser“ wissen, dann ist es immer noch ihre Entscheidung, was wir tun sollen.
Ob mir oder allen andern ihre Entscheidungen gefallen, wie z.B. Atossa und Xerxes nackt auftreten zu lassen oder ob wir uns daran stören – das stört die Regisseurin nicht.
Denen, die Alternativen anbieten, wird von ihr, freundlich aber bestimmt, erklärt weshalb sie es so möchte. Und dann wird es so sein.
Wir werden fügsam. Sogar ich, die gewohnt Unfügsame.

Und dann wird mir bewusst, wie viel Freiheit ich habe, dass ich im Alltagsleben bei so Vielem ungestraft und frei, unfügsam sein darf.
Hier in meinem Leben habe ich die Wahl, was ich wie und wo tue, unter Claudia Bosse gebe ich für eine gewisse Zeit dieses Recht ab.
Die Chance bei einem solchen Projekt mitzumachen verblasst hinter jeder Anstrengung.
Wieder eine neue Lebenserfahrung. Es wird sich zeigen, wozu das gut war.

Ich bin unruhig, denn ich frage mich wie es sein wird am Sonntag, mit fremden Menschen zu proben. Doch der einzige wirklich beängstigende Gedanke ist, wie wir alle zwischen dem Publikum uns bewegen können, wenn wir im Waschmaschinengang wie gestochene Stiere um Atossa kreisen. Die Kollisionen sind unvermeidlich, davon gehe ich aus.

Ich spüre für mich, langsam wird es Zeit, dass wir zur Aufführung kommen. Die Spannung steigt, jedenfalls in mir. Mein Körper zeigt es mir mit diesen und jenen Macken, die eindeutig Produkt dieser Anspannung sind.

Ich will raus, komme mir vor wie ein eingesperrtes Tier das seine Freiheit will, endlich das zu tun, wozu es ausgebildet wurde. Ich denke nicht darüber nach, ob wir Erfolg haben werden (woran ich in keinster Weise zweifle!) oder ob ich den Text vergesse, in die falsche Richtung marschiere oder die Höhen mit den Tiefen verwechsle. Es muß raus.

So, draußen ist ein wunderschöner warmer Maitag. Heute lasse ich die Geister der Perser gebannt in ihrer Partitur auf meinem Schreibtisch liegen; sie sollen ruhen damit ich auch ein bisschen zur Ruhe komme.

Der Countdown läuft…..und das ist gut so.
Ich freue mich darauf. Ich freue mich auf uns. Wir schaffen es.
Und alles wird gut.
(Ist geklaut, ich weiß, aber passen tut’s trotzdem!)

Bis spätestens Samstag.

Otototoi.
Ghita

17.5.-Unter PersernII

Montag, August 11th, 2008

Samstag 17. Mai 2008

Erste Probe im Großen Haus

Die Probe am Samstag war wirklich eine Herausforderung. So langsam sehe ich etwas klarer. Nicht, was den Ablauf betrifft, da wird noch viel Unbekanntes auf uns zukommen; ich meine damit eher, dass sich das matte Schwarz das die Bühne nach allein Seiten hin eingerahmt hat, auch auf meine Stimmung und mein Befinden gelegt hat und ich jetzt wieder in meine gewohnte Helligkeit zurückgefunden habe.
Die Farbtupfer, am Samstag im Theater, haben die Menschen gegeben durch ihre Unterschiedlichkeit. Es geht dabei nicht um Farben als Solche, sondern um die Leichtigkeit, die Fröhlichkeit.

Anfänglich kamen wir alle neugierig und sogar aufgedreht im Theater an. Pünktlich, um 10 Uhr, wie erwünscht, standen wir auf der Bühne; Claudia auf dem erhöhten Regiepult, vor uns.
Noch war alles neu und fremd; wir wurden wie in einen enormen dunklen Kasten eingeschlossen, alle Wände und der eiserne Vorhang waren hochgezogen.
Bevor wir loslegten, ließ man Nebel auf uns regnen. Er sollte helfen, unsere Stimmbänder geschmeidig zu halten. Seine kühle Feuchtigkeit tat gut.
Beim Auflockerungstraining ließen wir einen imaginären Stein durch unsere Glieder und Gelenke rutschen und gleiten um ihn am Ende deutlich auszuspucken. Ich gebe zu, es hat gewirkt und ich fühlte mich entspannend angespannt.

Das Eingangslied machte den Anfang. Es war nicht einfach für mich, wirklich nicht. Dabei kann ich nicht einmal sagen, weshalb. Sehr eng standen wir alle beieinander, nachdem Claudia die Bühne verkleinern ließ - ein dicht gedrängter Haufen.
Ja, die Hitze, sie wurde uns sehr schnell bewusst. Die ersten begannen sich auszuziehen, Einzelne sogar, peinlich, bis aufs Unterhemd. Bei sehr hitzeempfindlichen Choreuten flossen im Laufe der Zeit sogar die Schweißbäche.
Ich gebe zu, diese enge Nähe war und ist für mich gewöhnungsbedürftig. Nicht mit jedem meiner Mit-Perser möchte ich auf Tuchfühlung gehen. Es heißt ja, man sucht sich Menschen nach ihrem Geruch aus. Die unterschiedlich starken Geruchsausscheidungen machten mir manchmal die Wahl einfach.

Irgendwann, mitten in der Probe, merkte ich, dass ich meinen so schwer eingeübten Text nicht mehr auswendig konnte. Ich suchte nach den Worten und, oh Schreck, alle waren mir neu. Die Worte, der Raum, die Menschen - alles unbegreiflich. Die sich manchmal immer noch ändernden Regieanweisungen trugen weiter dazu bei. Ich hörte sie plötzlich nicht mehr - ich fühlte mich wie auf einem neuen unbekannten Planeten, auf den man mich ungefragt gebeamt hat.
Ich wollte nur weg, fort, in die Helligkeit, in das mir Bekannte. Ich drehte mich um und blickte sehnsüchtig Richtung Ausgang. Eine Frau aus unserer Gruppe lächelte mich an und streichelte mir über den Arm. Wir schauten uns in die Augen und ich wusste: jeder von uns hat mehr oder weniger ein fremdes Terrain betreten. Wir alle erarbeiten uns unsere uns eigene Art, damit umzugehen und uns mit dem Abenteuer „Perser” anzufreunden.

Von Anfang an waren Getränke auf der Bühne nicht erlaubt, gewöhnungs-bedürftig bei der Hitze aber auch verständlich. Etwas später wurde uns mitgeteilt, wir sollten unsere Sachen in den Garderoben ablegen, der Zuschauerraum müsste abgeschlossen werden. Nicht jeder war bereit, sich daran zu halten. Unmut kam auf, weil einige von uns ihre Taschen nicht unbeaufsichtigt lassen wollten. Trotzdem gab es keine Widerrede mehr nach den deutlichen Worten der Regisseurin.

Langsam sah man die ersten Erschöpfungszeichen an den Gesichtern der Menschen. In der kurzen 15-minütigen Pause brachten wir dann unsere Sachen in die unbeaufsichtigte Garderobe und suchten noch schnell nach dem nächstgelegenen WC. Doch das was uns wirklich in dem Augenblick einte, war das Bedürfnis nach einer Sitzgelegenheit und etwas Trinkbarem.

Einige Gruppen hatten die dann folgende Choreographie noch nicht durch genommen, es entstanden Missverständnisse und Unklarheiten, und doch schafften wir es alle, weiter zu machen. Von der einen Ecke in die andere, mal den kurzen, mal den langen Weg dorthin, sich nach links drehen und nach rechts gehen - oder so ähnlich. Irgendwie klappte es. Auch die immer wieder verlangten Anweisungen, Sätze, Schritte und Bewegungen zu wiederholen, wurden, nur unterbrochen von den meist immer gleichen Fragern, bereitwillig und klaglos ausgeführt.

Als Abschluss dann der Dialog mit Xerxes.
Alle drehten wir uns in die gleiche Richtung, die gleich Ecke. Irgendwo über uns hinweg, lief der König, in der Person unserer bekannten Marion Bordat, hin und her. Wir lauschten seiner, besser gesagt, ihrer Stimme aus der Dunkelheit, mal von rechts mal von links, hörten ihre eilenden Schritte auf den Aufzügen über unseren Köpfen. Wir blickten angestrengt nach oben wenn sie deklamierte, auch wenn die Scheinwerfer uns blendeten.
Es war nicht mehr genug Zeit, den ganzen Dialog durchzunehmen, jedoch fand ich, es war sehr bewegend ihn zu sprechen und zu hören, mehr als alles was wir bislang geprobt haben.
Auch wenn einige Dialogteile mit Atossa oder dem Boten mich berühren, so ist es doch diese laute homogene Masse, die weiß dass sie ablesen kann und sich um keine Choreographie mehr kümmern muss und die sich mit einer Stärke und Ruhe, genauso wie das selbstsichere und meinungsäußernde Attische Volk, mit seinem König und Heerführer auseinandersetzt.

Nachher, draußen auf dem Theatervorplatz, warteten die roten Tische und Stühle auf uns alle, so wie Kuchen, Obst, Wasser und Kaffee. Heute habe ich in der NB ein Foto entdeckt, das deren Fotograf aus der Höhe des Theaterbalkons aufnahm, wo wir uns müde und abgekämpft auf den Stühlen breit gemacht hatten.

Unter den Regenschirmen wurde Kaffee ausgeteilt, Kuchen verschlungen, wurden Meinungen ausgetauscht, schmerzende Beine massiert und müde Augen gerieben.
Manche schafften es nur bis auf die Theatertreppe und ließen sich auch nicht von den steten Regentropfen irritieren.
Manch einer glaubte wohl, aufgrund seiner besonderen Anstrengung, Obst und Kuchen für den Nachmittagskaffee zu Hause, einstecken zu müssen.
Vielleicht bringt uns diese Aufführung nicht nur an den Rand unserer körperlichen und geistigen, sondern auch an den der moralisch-ethischen Grenzen.

Ein Teil unserer Gruppe saß noch länger gemeinsam auf den Stufen vor dem Theater; wir schienen uns nur schwer voneinander lösen zu können.
Irgendwann ging jeder in seine Richtung und mir war, als ich in mein ruhiges und gewohntes Zuhause kam, als hätte ich ein bisschen Leere mitgebracht. Ich fühlte sie um mich herum. Dabei schien es nicht wirklich eine Leere zu sein, sondern der Rest der Aura, die in meinen Augen uns alle umgibt und sehr viel Raum einnimmt in meinem Leben und die Rückkehr dahin erschwert.
Mehr und mehr sind wir uns bekannt, erkennen einen Mit-Perser in der Stadt, im Konzert, im Einkaufsladen oder gar im Fitnessstudio. Die Lebensringe haben sich erweitert.

Mein rotes Sofa und ein Berg von Kissen, spendeten Erleichterung für meine müden und schweren Füße. So lange Zeit, fast pausenlos, auf ihnen zu stehen, das haben sie seit Jahren nicht mehr erleben müssen. Sie taten mir so leid und ich mir selbst auch ein bisschen.

In der Nacht träumte ich von schwierigen Textpassagen, verpatzten Einsätzen, wiederkehrenden Hängern und wirrem Durcheinander im Irrgarten der vergessenen Choreographie.
Schlimmer noch war der Traum der mich zum Aufwachen brachte: nur eine Handvoll Perser stand am Premierenabend auf der Bühne, weil in der Zwischenzeit die meisten aufgegeben hatten.
Schmerzvoll erlebte ich diese Schmach, wenn, ein Glück, auch nur im Traum. Und ich kann mich nicht einmal erinnern, ob ich selbst mit auf der Bühne stand. Ich weiß nicht, ob ich zu denen gehörte, die das Handtuch warfen oder mutig sich der Sache stellten.

Ich sehe die Regisseurin noch vor mir, auf ihrem Pult thronend. Sie versucht und redet und erklärt. Und wir alle versuchen und schweigen und hören zu.
Welches ist unser wahres Bindeglied? Gibt es eins? Ist es das Wissen um ein allumfassendes Gehorchen, ist es allein der Wunsch das gleiche Ziel zu erreichen?
Wir brauchen sie um unseren Traum zu erreichen genauso wie sie uns braucht, um ihr Ziel zu erreichen. Sind wir uns gegenseitig nur Mittel zum Zweck oder doch noch etwas mehr? Reden und agieren sie und wir, wenn auch nur ansatzweise, aneinander vorbei? Gibt es vielleicht einige Katalysatoren die es möglich machen, dass wir eine homogene Masse werden? Sind es unsere Chorführer denen wir immer wieder begegnen und die mit ihrer Text- und Schrittsicherheit uns weiterhin zeigen, und somit Mut machen, dass es klappen wird?
Dieses eigenartige Stück antiker Literatur als Lehrstück für ALLE Beteiligten -
das wird die Wahrheit sein die am Ende zurückbleibt.
Nur wenig von dieser Zuversicht hat mir die Regisseurin vermitteln können. Die benötigte Kraft nehme ich aus meinen Mitspielern, aus unseren Gesprächen, unserem Wohlbefinden, unserem gegenseitigen regelmäßigen Zuspruch.
Die Chorleiter tun ihr Bestes, und das ist meist ungemein Viel und sehr, sehr wertvoll.

Vor einigen Wochen stellte ich fest, nach dem 6.6. wäre nicht mehr die Gleiche. Das ist schon längst eingetreten und die Veränderungen werden noch weiterlaufen über dieses Datum hinweg.

Ich bin in diesem gemischten Haufen auf Ablehnung, Zustimmung, Schweigen, Gerede, Unverständnis, Zuspruch, Neugierde, Gleichgültigkeit, Distanz, Zärtlichkeit, Abwehr und sogar Freundschaft gestoßen.
Alles Menschliche ist vorhanden - sogar die Menschlichkeit.

Gerne würde ich am Ende jeden Einzelnen von uns interviewen und erfahren, wie es ihm persönlich mit seiner Begegnung und den Erfahrungen mit dem Projekt der „Perser” ergangen ist. Vielleicht unterstützen mich beim kontaktieren der Protagonisten, die stets so freundlichen Mitarbeiter des Büros, Anke und Anselm.
In mir gärt der Gedanke, mit Einverständnis des jeweiligen einzelnen Teilnehmers, das dann auch zu veröffentlichen.

Mag sein, dass manch einer denkt, ich übertreibe. Doch ich weiß auch, dass so manch einer darüber reden möchte, sich mitteilen möchte, nicht schweigend im Dunst der Auflösung des Projektes verschwinden möchte.

Mal schauen. Ich würde mich freuen. Es wäre für alle die daran teilgenommen haben, eine Bereicherung, davon bin ich überzeugt. Nicht jeder kann oder möchte in der eventuell neu gegründeten Theatergruppe mitmachen. Auch das ist ein noch zu verwirklichendes Projekt, entstanden aus den „Persern”.
Die Plakate mit unseren Konterfeis verblassen irgendwann; wer möchte sich in Lebensgröße an der eigenen Wohnzimmer- oder Schlafzimmerwand hängen sehen?

Drum sollte es möglich sein, sich woanders wieder zu finden.
In einem Buch, mit den noch frischen Erinnerungen, Erfahrungen, Erlebnissen, Gedanken und Problemen, mit Spuren die wir hinterlassen für uns selbst und für alle Choreuten der Braunschweiger „Perser”-Aufführung.

Wie wär’s, gehen wir es an?!

Ghita

16.5.-Unter Persern I

Montag, August 11th, 2008

Freitag, 16. Mai 2008

…….heute war für uns Probe mit den anderen Tages-Gruppen, gemeinsam mit der Regisseurin.
Sehr interessant zu erleben, was noch auf uns zukommen wird.
Nun denn, die Perser rücken näher und näher an ihre Aufführung und es wird immer anstrengender.
Heute hat unsere Chorführerin uns mitgeteilt, daß wir unvorhergesehener weise noch anderthalb Seiten Text hinzu zu lernen haben. Die Regisseurin hat das wohl entschieden. Was jedoch unsere choreographischen Abläufe betrifft, hat sie noch nicht zu Ende entschieden. Die Regisseurin, meine ich damit. Aber langsam kriegt das Ganze ein Gesicht - sagt Frau Bosse.
Das finde ich auch.
Es war sehr beeindruckend, einen uns noch fremden Text zu hören und einen weiteren Teil der Choreographie hinzu zu lernen, in den Boden zu hüpfen, den Boten über sich kriechen zu lassen und lange unbeweglich auf dem schmutzigen Hallenboden liegen zu bleiben.
Es bleibt dabei: wir sollen ganz langsam aufstehen. Besser für die verschiedenen “Kreisläufe” meinte gnädig ein Chorleiter neben uns; wie mir schien, leicht zweideutig. Er fügte hinzu, diese Art sich zu erheben, würde dem Durchschnittsalter der Protagonisten eher gerecht. Und wo er Recht hat, hat er Recht.

Heute ist die arme Atossa sooft hingefallen, dass mir meine Knie allein vom Zuschauen wehtaten. Sie wird auch während der Aufführung immer wieder hinfallen müssen, mit ihren Stelzen, stell dir das vor!
Sie trug am linken Bein einen Knieschoner. Vielleicht trägt sie morgen auch am rechten Bein einen. Und bei der nächsten Probe vielleicht ein Ellenbogenschoner…?! usw.usw…..?!
Die Arme, ganz im Ernst. Sieht schlimm aus, wenn sie hinfällt und es hört sich noch schlimmer an, bedingt durch ihre Stelzen die auf den Boden knallen.
Und eine solch unbequeme Lage einzunehmen, während um sie herum alte Perser wüten - das Schauspielerleben ist nicht das Einfachste….

Habt ihr den besagten Teil denn auch schon durchgenommen? Kennt eure Gruppe diese Passagen der Aufführung schon?

Ach noch was, für Samstag ist Kuchen-Wettbewerb angesagt. Wir sollen Kuchen backen und 15 Stück oder Bleche schaffen. Als Gegenleistung, sozusagen, für die Muffins vom vorherigen Samstag. Der beliebteste Kuchen erhält einen Preis - ein Pferd.
Also kein Königreich für ein Pferd, sondern ein Pferd für einen Kuchen.
Auch kein schlechter Tausch, oder?
Fragt sich nur, welche Art Pferd das sein könnte!

Der heutige Proben-Abend war lang, wir saßen noch zu sehr Vielen im “Katharina”, dem Biergarten, und haben uns gefreut, dass wir immer noch unermüdlich dabei sind. Samstag wollen wir auch hin, und wir werden “ein ganz gemischter Haufen” sein, das ist heut schon klar. Dies, zu deiner Information!

Bis zur nächsten gemeinsamen Probe, diesmal ja im Großen Haus…..

Ghita

Anfang

Montag, August 11th, 2008

Samstag, 3. Mai 2008

Ich bin Perser.
Ich bin Demokrat.
Dazu habe ich mich entschieden, an Heiligabend 2007.

In der Zeitung las ich die Aufforderung:
„Sei Perser -Demokratie erproben im Chor der 500!”

Und nun sitze ich heute, Ende April 2008, hier nach der Probe an meinem Schreibtisch und frage mich, was mich damals geritten hat, mich anzumelden.
Ohne Partitur gehe ich nicht mehr aus dem Haus, immer wieder läuft in meinen Hintergedanken die zuletzt auswendig gelernte Textzeile und von Zeit zu Zeit stelle ich mir die Frage, ob ich dem ganzen Projekt gewachsen bin. Hunderte von Zeilen auswendig können, die wohl in ihrer Gesamtheit einen Sinn ergeben, sich jedoch so unverständlich darstellen, dass es mir unmöglich erscheint, sie zu behalten. Und dass ein Zuschauer dieses Spektakels verstehen kann was dort aufgesagt wird, bezweifle ich mittlerweile noch mehr.
„Das hier, der Perser, gegangen
nach Hellas in das Land wird genannt Treue
und der reichbegüterten und vielgoldenen Sitze Wächter
dem Alter gemäß
die selber der Herr, Xerxes,
der König, von Dareios stammend, wählte
über sein Land Aufsicht zu führen.”

Kristina, Carla und Johnny-Boy

Eigenartige Sprache, nicht wahr? Doch wenn man das Ganze hört, klingt es noch eigenartiger. In fünf verschiedenen Sprechhöhen wird der Text laut und deutlich herausgeschrieen. Na ja, fast geschrieen. Vokale und Konsonanten werden nicht verschluckt sondern haben jeder ein Recht auf Eigenbetonung. Scheint gewöhnungsbedürftig.
Schön und gut, wenn das alles sein sollte. Es würde reichen für die Laien, die sich gemeldet haben und die alles tun um die vielen zeitaufwändigen Proben mit ihrem Berufs- und Privatleben vereinbaren können.
Zu diesem Text gehört jedoch noch eine ganz bestimmte Choreographie. Es wird nicht getanzt, nein, es wird abwechselnd gegangen und gelegen und gestampft und gestanden.
Fast drei Stunden lang, ohne Pause.
Losgehen und stehen bleiben, koordiniert über den Atem, über eine Kommunikation aus Stimmung, Erfahrung, Aufnehmen der Situation; sich der Autarkie der Ganzheit der 500 überlassen. Die Eigendynamik der Gruppe demonstriert eine Form von Eigenleben, die den Einzelnen in ihr verschmelzen lässt.
Noch sind wir die Individualisten, die das lernen sollen.
Wir gehen langsam, gehen schnell, stehen stumm da oder sprechen, sinken auf die Knie oder gar lang auf den Boden und stets sollen wir mit wachen Sinnen alles um uns aufnehmen. Denn zwischen uns Persern stehen die Zuschauer - sie sollen Teil des Ganzen sein, werden, genau wie die Protagonisten des Stücks, die ganze Zeit auf der Bühne verbringen, stehend, gehend, sitzend und, wenn ihnen danach wäre, liegend. Sie können es entscheiden. Stühle gibt es keine, selbstverständlich auch keine Sessel.
Die Perser werden mit Atossa und Xerxes dialogisieren, der das Unheil verkündende Bote wird während seines vierzigminütigen Monologs über die starr liegenden Perser kriechen und springen und gehen - und die Zuschauer, wenn sie wollen, auch.

Und dann fühle ich es - dieses Unsagbare tief in mir drin - ich werde Perser.
Ich werde Athener der die Perser darstellt.
Ich werde zum Protagonisten eines Stücks das die älteste erhaltene Tragödie der westlichen Welt-Literatur ist. Aischylos schrieb es irgendwann nach seiner Rückkehr aus der Seeschlacht von Salamis am 28.09. 480 vor Christus, Ende des Feldzugs von König Xerxes und seinem großen persischen Heeres gegen das kleine Athen.
Die Perfidie des Autors, zu den Siegern gehörend, ein Stück zu schreiben das ein Lamento ist der Perser, der Verlierer; Alte, Kinder und Frauen, zurückgeblieben in der Königsstadt Susa, wartend auf Nachrichten vom königlichen Heer und aufgeführt von Athenern, der Siegermacht. Der Chor der wartenden Perser steht Atossa gegenüber, Mutter des Königs Xerxes und Witwe des Dareios. Der Chor ruft den verstorbenen Herrscher Dareios an und erfährt durch dessen Weissagung, dass das gesamte Kriegsheer vernichtet wurde. Ein Bote kommt und berichtet über die Niederlage der persischen Kriegsflotte. Am Ende wehklagen alle, gemeinsam mit dem einzig Überlebenden der Schlacht, dem König Xerxes.
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Ich stehe in alten Hallen, in denen bis vor einem Jahr noch hoch dotierte Helme produziert wurden. Auf glatten Böden und in hallenden Räumen, zwischen dicken Stützbalken, einer großen Wanduhr die unaufhörlich die gleiche Zeit zeigt: sechzehn Minuten vor zehn, proben wir mit einem manchmal unbegreiflichen Eifer.
In diesen Räumen lernen wir, uns starr und gerade zu bewegen, Arme hängend neben dem Körper, Augen geradeaus und doch Raum und Menschen wahrnehmend, nach vorn gezogen vom eigenen Becken und den Kopf von einem imaginären Band nach oben. Und dabei bloß nicht den Text vergessend! Wir müssen vorwärts schreiten, rückwärts gehen, Gassen bilden, Diagonale ausloten und immer alles mit vollster Konzentration auf Text und Mitspieler.
Dieser Text! Was haben sich Witzmann und Müller dabei gedacht? Warum es uns bloß so schwer machen? „großnackigen” und „bogengewaltig” - in fünf verschiedenen Sprechhöhen herausgerufen, mal silbengenau getrennt, mal überlappend.
Wapp, sapp, flapp, platt, Konsonanten stark betont und in allen Vokalen herausgespuckt - so begegnen wir der deutschen Sprache, ausgesprochen neu im wahrsten Sinne des Wortes. Schauspieler, Theaterwissenschaftler, Experten der Materie, geleiten uns, mühsam, geduldig und hartnäckig hinein in die komplexe Materie und lernen aus ihrer eigenen Arbeit und den daraus resultierenden Erfolgen, neue Wege und ernten neue Erfahrungen.

Christiane und Roland - ChorFührer

Warum tun wir alle uns das an? Bald wird die Hälfte der anfangs angemeldeten Teilnehmer die Flinte ins Korn geworfen haben. Hätten das damals die Perser bloß auch getan, uns Rest-Protagonisten wäre dieses schwierige Kultur-Los erspart geblieben. Aischylos hätte sich ein anderes Thema für seine neue Tragödie gewählt und wir stünden nicht kraftlos und unsicher hier rum.
Ich schaue mir die Menschen an, mit denen ich seit zwei Monaten wöchentlich zweimal drei Stunden lang durch die Hallen gehe, unmögliche Laute ausrufe, mit denen ich gemeinsam auf den Boden spucken lerne und gemeinsam gähnen soll. Dass wir gemeinsam den Text aufsagen sollen, das war mir von Anfang an klar.
Und ich merke, dass sogar die Menschen die ich zu Beginn nicht mochte, mir mittlerweile ans Herz gewachsen sind. Diejenigen, denen ich anfangs auswich wenn sie mit mir reden wollten, spreche ich gar selbst an und frage nach ihrem Befinden.

“Das Grauen” - unverwechselbar Roland und Ilona

Junge Menschen mitten im Berufsleben nehmen sich nach einem anstrengenden Arbeitstag die Zeit, mit voller Konzentration zu proben, andere bereichern ihr Rentnerdasein mit der körperlichen und geistigen Herausforderung die diese Aufführung von ihnen abverlangt. Ein kleiner ungeborener Perser begleitet das Ganze, im Bauch seiner Mutter. Er wird voraussichtlich das Licht dieser Erde kurz nach Ende der Vorstellungen erblicken. Nationalitäten vermischen sich und werden unbedeutend, erleben wir doch, dass Grenzen schwinden wenn man im gleichen Sinne lernt, atmet, schreitet, spricht, denkt und fühlt. Nicht Mann, nicht Frau, nicht Alt, nicht Jung - nur Mensch.
Ich sehe sie mir an, und sehe sie mit anderen Augen. Diese Menschen, alle sind sie so schön, so begeisterungsfähig, mal traurig und enttäuscht, immer neugierig und ungeduldig und manchmal noch ein bisschen unsicher. Und alle sind sie liebens- und verehrenswert.

Erste große gemeinsame Probe im Rebenpark

Wir alle sind Laien in diesem großen Schau-Spiel der politischen und kulturellen Geschichte. Wir werden Teil sein des Ganzen. Wir werden dazugehören, wenn man in Zukunft von den „Persern” redet. Wir werden wissen, dass wir „die” Perser waren. Wir gehörten, im Stück, zum Lager der Verlierer dargestellt von den Siegern. Wir sind die Lebenden, die diesen Menschen, aus Worten entstanden, Leben geben.
Wir stellen dar, was Mensch ist. Gewalt, Trauer, Liebe, Sehnsucht, Hass, Unbegreiflichkeit, Stolz und Hoffnung.
Wir demonstrieren im Namen der Menschheit. Gegen Krieg, gegen Unterdrückung, gegen unüberlegten Gehorsam, gegen Gleichgültigkeit. Wir lernen unsere Häupter zu erheben und gerade und selbstsicher den Raum mir unseren Schritten zu er-greifen und ihn uns zu Eigen zu machen. Wir lernen unsere Fähigkeiten neu auszuloten und zu erkennen.

...wir lauschen “Witwe Bolte”, der netten ChorFührerin

Wir, die wir weitermachen und nicht aufgeben, wir werden zu einem verschworenen Knäuel Menschsein, wir werden ein WIR, das Wir das sein soll, damit das WIR auf der Bühne auch lebendig wird.
Ein unsagbares Gefühl von Individualismus innerhalb der Gemeinsamkeit. Den Andern als Individuum wahrnehmen, damit wir alle ein Ganzes werden können.
Ist es das, was die Regisseurin am Ende wollte?
Noch liegen fünf Wochen konzentrierte Probenzeit vor uns. Viele Stunden in denen wir versuchen werden, das zu sein, was schon vor zweitausendvierhundert Jahren ein Dramatiker ausdrücken wollte - ein ganz gemischter Haufen, das Volk bildend.

…so viel zu lernen, so viel…..!

Die ersten unruhigen Gedanken, was nach der Aufführung wird, kommen auf. Was werde ich danach tun, wie groß wird das Loch sein in das ich fallen könnte. Werde ich fallen? Wo bleibt diese Gemeinschaft, wo wird dann mein Platz wieder sein? Wo suche ich mir einen neuen Platz? Wo sind sie, die andern, die mit mir gemeinsam dieses Wagnis gestartet haben, ein solches Projekt zum leben zu bringen. Werden wir am Ende auseinanderschwirren, uns per Zufall irgendwo irgendwann begegnen und nachdenken müssen, woher wir uns kennen? Werden wir unsere Gesichter und Geschichten immer in uns drin behalten und mit uns weiter tragen, wie eine kleine Schatztruhe in der unterschiedliche Edelsteine liegen; für jeden von uns ein anderer?
Das große Ganze, in kleinen Anekdoten erzählt und ausgeschmückt, bliebe auch noch nach Jahren Gegenstand unterschiedlicher Kaffeekränzchen?

Es ist spät geworden; die Probe längst vorbei. In meinem Kopf schwirren die vielen schwierigen Sätze, sie haben sich dort längst festgekrallt, wecken mich am Morgen, geleiten mich in den Schlaf. Ich sage sie laut auf, ich flüstere sie, ich schreie sie. Ich fluche wenn mir der nächstfolgende Einsatz nicht einfallen will und wenn das richtige Wort am falschen Platz aus meinem Munde quillt.
Ich bin besessen und stolz darauf. Denn ich besitze das Glück etwas leben und erleben zu dürfen, was in seiner Einzigartigkeit ein ungepflügtes Feld der Theatergeschichte ist.
Wir sind Pioniere. Kultur-Pioniere. Ein seltenes Glück in dieser Zeit.

Wer auch immer ich bislang war, nach dem 6. Juni 2008 werde ich nicht mehr die Gleiche sein.

Ghita Cleri
Braunschweig, 2. Mai 2008

http://www.theaterformen.de/Programme/Die_Perser/index.php

…gemeinsam in eine Richtung….

(alle Fotos in diesem Artikel: Wolfgang Jahns)