Anfang
Donnerstag, 11. August 2011 23:10
Samstag, 3. Mai 2008
Ich bin Perser.
Ich bin Demokrat.
Dazu habe ich mich entschieden, an Heiligabend 2007.
In der Zeitung las ich die Aufforderung:
„Sei Perser -Demokratie erproben im Chor der 500!”
Und nun sitze ich heute, Ende April 2008, hier nach der Probe an meinem Schreibtisch und frage mich, was mich damals geritten hat, mich anzumelden.
Ohne Partitur gehe ich nicht mehr aus dem Haus, immer wieder läuft in meinen Hintergedanken die zuletzt auswendig gelernte Textzeile und von Zeit zu Zeit stelle ich mir die Frage, ob ich dem ganzen Projekt gewachsen bin. Hunderte von Zeilen auswendig können, die wohl in ihrer Gesamtheit einen Sinn ergeben, sich jedoch so unverständlich darstellen, dass es mir unmöglich erscheint, sie zu behalten. Und dass ein Zuschauer dieses Spektakels verstehen kann was dort aufgesagt wird, bezweifle ich mittlerweile noch mehr.
„Das hier, der Perser, gegangen
nach Hellas in das Land wird genannt Treue
und der reichbegüterten und vielgoldenen Sitze Wächter
dem Alter gemäß
die selber der Herr, Xerxes,
der König, von Dareios stammend, wählte
über sein Land Aufsicht zu führen.”

- Kristina, Carla und Johnny-Boy
Eigenartige Sprache, nicht wahr? Doch wenn man das Ganze hört, klingt es noch eigenartiger. In fünf verschiedenen Sprechhöhen wird der Text laut und deutlich herausgeschrieen. Na ja, fast geschrieen. Vokale und Konsonanten werden nicht verschluckt sondern haben jeder ein Recht auf Eigenbetonung. Scheint gewöhnungsbedürftig.
Schön und gut, wenn das alles sein sollte. Es würde reichen für die Laien, die sich gemeldet haben und die alles tun um die vielen zeitaufwändigen Proben mit ihrem Berufs- und Privatleben vereinbaren können.
Zu diesem Text gehört jedoch noch eine ganz bestimmte Choreographie. Es wird nicht getanzt, nein, es wird abwechselnd gegangen und gelegen und gestampft und gestanden.
Fast drei Stunden lang, ohne Pause.
Losgehen und stehen bleiben, koordiniert über den Atem, über eine Kommunikation aus Stimmung, Erfahrung, Aufnehmen der Situation; sich der Autarkie der Ganzheit der 500 überlassen. Die Eigendynamik der Gruppe demonstriert eine Form von Eigenleben, die den Einzelnen in ihr verschmelzen lässt.
Noch sind wir die Individualisten, die das lernen sollen.
Wir gehen langsam, gehen schnell, stehen stumm da oder sprechen, sinken auf die Knie oder gar lang auf den Boden und stets sollen wir mit wachen Sinnen alles um uns aufnehmen. Denn zwischen uns Persern stehen die Zuschauer - sie sollen Teil des Ganzen sein, werden, genau wie die Protagonisten des Stücks, die ganze Zeit auf der Bühne verbringen, stehend, gehend, sitzend und, wenn ihnen danach wäre, liegend. Sie können es entscheiden. Stühle gibt es keine, selbstverständlich auch keine Sessel.
Die Perser werden mit Atossa und Xerxes dialogisieren, der das Unheil verkündende Bote wird während seines vierzigminütigen Monologs über die starr liegenden Perser kriechen und springen und gehen - und die Zuschauer, wenn sie wollen, auch.
Und dann fühle ich es - dieses Unsagbare tief in mir drin - ich werde Perser.
Ich werde Athener der die Perser darstellt.
Ich werde zum Protagonisten eines Stücks das die älteste erhaltene Tragödie der westlichen Welt-Literatur ist. Aischylos schrieb es irgendwann nach seiner Rückkehr aus der Seeschlacht von Salamis am 28.09. 480 vor Christus, Ende des Feldzugs von König Xerxes und seinem großen persischen Heeres gegen das kleine Athen.
Die Perfidie des Autors, zu den Siegern gehörend, ein Stück zu schreiben das ein Lamento ist der Perser, der Verlierer; Alte, Kinder und Frauen, zurückgeblieben in der Königsstadt Susa, wartend auf Nachrichten vom königlichen Heer und aufgeführt von Athenern, der Siegermacht. Der Chor der wartenden Perser steht Atossa gegenüber, Mutter des Königs Xerxes und Witwe des Dareios. Der Chor ruft den verstorbenen Herrscher Dareios an und erfährt durch dessen Weissagung, dass das gesamte Kriegsheer vernichtet wurde. Ein Bote kommt und berichtet über die Niederlage der persischen Kriegsflotte. Am Ende wehklagen alle, gemeinsam mit dem einzig Überlebenden der Schlacht, dem König Xerxes.
—-
Ich stehe in alten Hallen, in denen bis vor einem Jahr noch hoch dotierte Helme produziert wurden. Auf glatten Böden und in hallenden Räumen, zwischen dicken Stützbalken, einer großen Wanduhr die unaufhörlich die gleiche Zeit zeigt: sechzehn Minuten vor zehn, proben wir mit einem manchmal unbegreiflichen Eifer.
In diesen Räumen lernen wir, uns starr und gerade zu bewegen, Arme hängend neben dem Körper, Augen geradeaus und doch Raum und Menschen wahrnehmend, nach vorn gezogen vom eigenen Becken und den Kopf von einem imaginären Band nach oben. Und dabei bloß nicht den Text vergessend! Wir müssen vorwärts schreiten, rückwärts gehen, Gassen bilden, Diagonale ausloten und immer alles mit vollster Konzentration auf Text und Mitspieler.
Dieser Text! Was haben sich Witzmann und Müller dabei gedacht? Warum es uns bloß so schwer machen? „großnackigen” und „bogengewaltig” - in fünf verschiedenen Sprechhöhen herausgerufen, mal silbengenau getrennt, mal überlappend.
Wapp, sapp, flapp, platt, Konsonanten stark betont und in allen Vokalen herausgespuckt - so begegnen wir der deutschen Sprache, ausgesprochen neu im wahrsten Sinne des Wortes. Schauspieler, Theaterwissenschaftler, Experten der Materie, geleiten uns, mühsam, geduldig und hartnäckig hinein in die komplexe Materie und lernen aus ihrer eigenen Arbeit und den daraus resultierenden Erfolgen, neue Wege und ernten neue Erfahrungen.

- Christiane und Roland - ChorFührer
Warum tun wir alle uns das an? Bald wird die Hälfte der anfangs angemeldeten Teilnehmer die Flinte ins Korn geworfen haben. Hätten das damals die Perser bloß auch getan, uns Rest-Protagonisten wäre dieses schwierige Kultur-Los erspart geblieben. Aischylos hätte sich ein anderes Thema für seine neue Tragödie gewählt und wir stünden nicht kraftlos und unsicher hier rum.
Ich schaue mir die Menschen an, mit denen ich seit zwei Monaten wöchentlich zweimal drei Stunden lang durch die Hallen gehe, unmögliche Laute ausrufe, mit denen ich gemeinsam auf den Boden spucken lerne und gemeinsam gähnen soll. Dass wir gemeinsam den Text aufsagen sollen, das war mir von Anfang an klar.
Und ich merke, dass sogar die Menschen die ich zu Beginn nicht mochte, mir mittlerweile ans Herz gewachsen sind. Diejenigen, denen ich anfangs auswich wenn sie mit mir reden wollten, spreche ich gar selbst an und frage nach ihrem Befinden.

- “Das Grauen” - unverwechselbar Roland und Ilona
Junge Menschen mitten im Berufsleben nehmen sich nach einem anstrengenden Arbeitstag die Zeit, mit voller Konzentration zu proben, andere bereichern ihr Rentnerdasein mit der körperlichen und geistigen Herausforderung die diese Aufführung von ihnen abverlangt. Ein kleiner ungeborener Perser begleitet das Ganze, im Bauch seiner Mutter. Er wird voraussichtlich das Licht dieser Erde kurz nach Ende der Vorstellungen erblicken. Nationalitäten vermischen sich und werden unbedeutend, erleben wir doch, dass Grenzen schwinden wenn man im gleichen Sinne lernt, atmet, schreitet, spricht, denkt und fühlt. Nicht Mann, nicht Frau, nicht Alt, nicht Jung - nur Mensch.
Ich sehe sie mir an, und sehe sie mit anderen Augen. Diese Menschen, alle sind sie so schön, so begeisterungsfähig, mal traurig und enttäuscht, immer neugierig und ungeduldig und manchmal noch ein bisschen unsicher. Und alle sind sie liebens- und verehrenswert.

- Erste große gemeinsame Probe im Rebenpark
Wir alle sind Laien in diesem großen Schau-Spiel der politischen und kulturellen Geschichte. Wir werden Teil sein des Ganzen. Wir werden dazugehören, wenn man in Zukunft von den „Persern” redet. Wir werden wissen, dass wir „die” Perser waren. Wir gehörten, im Stück, zum Lager der Verlierer dargestellt von den Siegern. Wir sind die Lebenden, die diesen Menschen, aus Worten entstanden, Leben geben.
Wir stellen dar, was Mensch ist. Gewalt, Trauer, Liebe, Sehnsucht, Hass, Unbegreiflichkeit, Stolz und Hoffnung.
Wir demonstrieren im Namen der Menschheit. Gegen Krieg, gegen Unterdrückung, gegen unüberlegten Gehorsam, gegen Gleichgültigkeit. Wir lernen unsere Häupter zu erheben und gerade und selbstsicher den Raum mir unseren Schritten zu er-greifen und ihn uns zu Eigen zu machen. Wir lernen unsere Fähigkeiten neu auszuloten und zu erkennen.

- ...wir lauschen “Witwe Bolte”, der netten ChorFührerin
Wir, die wir weitermachen und nicht aufgeben, wir werden zu einem verschworenen Knäuel Menschsein, wir werden ein WIR, das Wir das sein soll, damit das WIR auf der Bühne auch lebendig wird.
Ein unsagbares Gefühl von Individualismus innerhalb der Gemeinsamkeit. Den Andern als Individuum wahrnehmen, damit wir alle ein Ganzes werden können.
Ist es das, was die Regisseurin am Ende wollte?
Noch liegen fünf Wochen konzentrierte Probenzeit vor uns. Viele Stunden in denen wir versuchen werden, das zu sein, was schon vor zweitausendvierhundert Jahren ein Dramatiker ausdrücken wollte - ein ganz gemischter Haufen, das Volk bildend.

- …so viel zu lernen, so viel…..!
Die ersten unruhigen Gedanken, was nach der Aufführung wird, kommen auf. Was werde ich danach tun, wie groß wird das Loch sein in das ich fallen könnte. Werde ich fallen? Wo bleibt diese Gemeinschaft, wo wird dann mein Platz wieder sein? Wo suche ich mir einen neuen Platz? Wo sind sie, die andern, die mit mir gemeinsam dieses Wagnis gestartet haben, ein solches Projekt zum leben zu bringen. Werden wir am Ende auseinanderschwirren, uns per Zufall irgendwo irgendwann begegnen und nachdenken müssen, woher wir uns kennen? Werden wir unsere Gesichter und Geschichten immer in uns drin behalten und mit uns weiter tragen, wie eine kleine Schatztruhe in der unterschiedliche Edelsteine liegen; für jeden von uns ein anderer?
Das große Ganze, in kleinen Anekdoten erzählt und ausgeschmückt, bliebe auch noch nach Jahren Gegenstand unterschiedlicher Kaffeekränzchen?
Es ist spät geworden; die Probe längst vorbei. In meinem Kopf schwirren die vielen schwierigen Sätze, sie haben sich dort längst festgekrallt, wecken mich am Morgen, geleiten mich in den Schlaf. Ich sage sie laut auf, ich flüstere sie, ich schreie sie. Ich fluche wenn mir der nächstfolgende Einsatz nicht einfallen will und wenn das richtige Wort am falschen Platz aus meinem Munde quillt.
Ich bin besessen und stolz darauf. Denn ich besitze das Glück etwas leben und erleben zu dürfen, was in seiner Einzigartigkeit ein ungepflügtes Feld der Theatergeschichte ist.
Wir sind Pioniere. Kultur-Pioniere. Ein seltenes Glück in dieser Zeit.
Wer auch immer ich bislang war, nach dem 6. Juni 2008 werde ich nicht mehr die Gleiche sein.
Ghita Cleri
Braunschweig, 2. Mai 2008
http://www.theaterformen.de/Programme/Die_Perser/index.php

- …gemeinsam in eine Richtung….
(alle Fotos in diesem Artikel: Wolfgang Jahns)
Thema: "Die Perser" Braunschweigs | Kommentare (2) | Autor: ghita




