Beitrags-Archiv für die Kategory '- geSchichtet'

- Kausalitäten eines Samstagmorgens

Mittwoch, 26. Oktober 2011 0:20

Warum ich gestern nicht einkaufen war, kann ich heute auch nicht mehr sagen.
Da ich die Nacht lieber mit Freunden durchgequatscht hatte, anstatt mehr als nur 3 Stunden zu schlafen, hat mich der Krach vor meinem Schlafzimmerfenster zwar beizeiten doch unsanft geweckt.
Warum hat sich diese Schlampe von Nachbarin nicht endlich ein neues Auto gekauft!!
Jedes Mal wenn ihr Seat Panda oder Fiat Marbella nicht ansprang, sprang sie unseren gemeinsamen Nachbar an, damit er ihr helfen tut.
Das tat er immer wieder, lautstark wie es seine Art ist und wie sie es wohl besonders mag.
Anfangs sabberte der Motor, um dann irgendwann scheppernd aufzuheulen. Dann vibrierten meine alten Fensterscheiben und ich sprang endlich aus dem Bett, was bleibt einem sonst anderes übrig. So auch heute.
Ich schnappte mir die Klamotten vom Vorabend und ab Richtung Bad.

Mein Kopf dröhnte, das muss ich nicht extra betonen.
Als ich im Bad in den Spiegel blickte, wolle ich ihm nicht glauben und haute lieber wieder ab. Ich nahm ein Aspirin, setzte Kaffee auf und floh nach draußen auf den Balkon. Die Sonne stach schon morgens um 7 Uhr, welche Gemeinheit.
Das war der Augenblick in dem ich beschloss, in den größten Einkaufsladen zu fahren der einigermaßen bequem mit dem Rad zu erreichen ist.
Letzteres gab ich sofort wieder auf, denn mein hämmernder Kopf vergällte mir das Radfahren. Also das Auto. Gut.

Real-Supermarkt???.
Warum nicht. Da ist es kühl und nirgendwo Sonne und um diese Zeit noch ruhig. Das war dann auch der Fall.
Nur ältere, gemächlich schlendernde Paare, der Mann in Tennissocken und Badelatschen, die Frau in Caprihose, weiß, mit geblümtem T-Shirt, Sonnenbrille auf gelbblondiertem Haar und beide meist dunkelbraun vom Frühsommer-Rentner-Urlaub.

Ich düste durch die Regale, mein Wägelchen fuhr diesmal sogar nicht um jede Ecke, sammelte schnell ein was ich glaubte zu brauchen und kurz vor der Kasse erinnerte ich mich, dass ich gestern die letzten Flaschen Merlot mit zur Party genommen hatte. Ich suchte verzweifelt nach meiner Lieblingsmarke, und die freundliche Einräumerin erklärte mir unaufgefordert, man hätte bei Real das Weinsortiment geändert.

Ich wollte nicht aufgeben und nachdem ich ihr in allen Details “meinen” Wein beschrieb, kniete sie sich vor das unterste Regal, räumte es aus und brachte 6 Flaschen von meinem Merlot ans Licht. Drei nahm ich mit, doch an der Kasse entschied ich mich, noch eine vierte dazu zu tun.
Leider hatte die Dame den Merlot wieder in die hinterste und tiefste Ecke verbannt. Sie musste nochmals hinknien, diesmal unter leichtem Murren, und stellte mir die Flasche unsanft vor die Füße. Ich lächelte sie an und meinte, sie sollte die beiden letzten Flaschen gut horten, 2005 sei der beste Jahrgang gewesen, ich würde in fünf Jahren wiederkommen, dann könnten wir sie gemeinsam leeren.
Sie lachte sogar. Nett, oder?!

Noch Rosen im Blumenladen nebenan; ich hatte es meiner Freundin versprochen! Die Schlange vor der Kasse war lang und die Frau dahinter, Kassiererin und Floristin gleichzeitig. Muß ich betonen, dass sie dabei war, in aller Ruhe einen wunderschönen Strauß zu binden?!

Ich haute ab ohne Blumen, mein Kopf ließ mir keine andere Wahl.
Beim hinausfahren entschied ich jedoch, noch zu tanken, denn hier war die einzig günstige Tankstelle weit und breit.
Wie schon öfters vorgekommen, vergesse ich auf welcher Seite mein Tankdeckel ist und prompt landete beim Schlauchrausziehen, Restbenzin auf meinem Rock. Es war der neue, drei Tage alt, extra für die Party gestern Abend erstanden, im SSV!
Hätte ich heut Morgen bloß die Klamotten von der Party liegen lassen und lieber nach der alten Jeans gegriffen….
An der Autokasse wusste ich plötzlich den Code meiner EC-Karte nicht mehr. Nach zweimaligem Versuch reichte ich meine zweite EC-Karte rein von einem fast leergefegten Konto. Dass mir der Code auch nicht mehr einfiel, das ist ja wohl klar.
Kein Bargeld, keine Karten, eine verständlicherweise bös dreinblickende Kassiererin und hinter mir eine Autokolonne von genervten “Vollgetankten”.
Ich ließ meinen Ausweis zurück, man war so freundlich das anzunehmen.

Ich raste bei rot über die Kreuzung nach Hause. Hinter mir blinkte es.
Die Polizei.
Ich fuhr an die Seite, blockierte die Busspur, der Bus kam wie bestellt und hupte. Ich fuhr weiter, der Polizist, alleiniger Insasse, hinterher und als ich ihm meinen Ausweis zeigen wollte, hatte ich keinen, logisch.
Er sah sich meinen Führerschein sehr genau an und meinte, beweisen könnte er mir jetzt nichts, doch ich sollte mich in Acht nehmen, er hätte Namen und Autonummer notiert.
Ich fuhr geknickt nach Hause.

Als ich im Kofferraum nach der Tasche mit den Einkäufen griff , klirrte es so eigenartig. Vor meiner Eingangstür blickte ich nach unten und folgte dann mit den Augen einer dunkelroten Spur nach draußen. Der Wein!
Ja, eine Weinflasche war kaputt! Der Wein auf dem Mehl, im Käse und wo sonst noch auf allen Lebensmitteln. Und unübersehbar verteilt über die hellgrauen Flurfliesen.

Ich schmiss Tasche samt Inhalt ins Spülbecken, nahm Schrubber und Lappen und begann den Flur zu wischen und dann auch noch die Wohnung bis zum Spülbecken.
Danach versuchte ich zu retten, was vom Einkauf noch zu retten war - und ließ es wieder bleiben.
Dann wollte ich im Handy nach dem EC-Code sehen, der war dort unter einem Geheimnamen gespeichert. Handy platt! Und wo ist das Ladekabel?!!

Dann nahm ich mein Sparschwein und fand, ein Glück, genug Kleingeld, um den Sprit zahlen zu können.
Zurück zur Tankstelle; die Kassiererin, sehr freundlich, nahm ohne Murren das Klimpergeld.
Doch ich vermisste die zweite meiner EC-Karten. Ich suchte das Auto ab, fuhr wieder nach Hause, danach wieder zurück zur Tanke, wo keine Karte zu finden war, zurück nach Hause, Bank angerufen und Karte sperren lassen. Was blieb mir denn Anderes übrig..?!
Ich will jetzt nicht erzählen, wie sich meine Kopfschmerzen in der Zwischenzeit anfühlten.

Eine Tasse Kaffee, dachte ich. Endlich, die erste an diesem chaotischen Morgen! Er war nicht mehr ganz heiß denn ich hatte ihn vor dem wegfahren noch aufgebrüht, doch ich trank die Tasse in einem Zug leer. Dann stellte ich fest: ich hatte nichts zum frühstücken gekauft.
Dann halt zu Fuß um die Ecke zum Bäcker. Der hatte kein Brot mehr, heute machte er ausnahmsweise früher Schluss. Ich nahm ein Rosinenbrötchen, dabei verabscheue ich Rosinen. In der Not frisst der Teufel Rosinen, oder so!

Ein Obststand an der Ecke bot frische Kirschen und Himbeeren an. Die Kirschen waren so prall und schwarz, ich konnte nicht widerstehen. Der Händler überredete mich, den Rest zu kaufen, 2 Kilo.
Nun sitze ich hier, esse eine Kirsche nach der anderen, habe dunkelgefleckte Finger, fast so dunkel wie die Weinflecke auf meinem neuen Rock der so gut nach Benzin duftet, mein Gedärm rebelliert, weil ich die Rosinenwecke doch nicht gegessen habe und die Kirschen sich mit dem Milchkaffee nicht vertragen.
Die Kopfschmerztabletten liegen mir auf dem Magen und der Hammer in meinem Schädel hat immer noch nicht Feierabend.

Heute Abend ist wieder Grillfest angesagt, dabei wollte ich vorher noch in die Stadt zur Christopherus-Parade und davor aufräumen, was vom Einkauf noch in der Spüle liegt, bevor sich die Fliegen den Rest aufgeteilt haben.

Am besten wär’s, es fängt jetzt fürchterlich an zu regnen, dann hauen die Fliegen ab, ich fahr bestimmt nicht mehr Richtung Stadt, das Grillfest fällt ins Wasser und ich lege mich hin und schlaf mich aus und gönne meinem geplagten Köpfchen endlich Ruhe.
Denn ich habe auch kein Aspirin mehr und Paracetamol vertrage ich nicht.
Ich geh heut nicht mehr aus dem Haus, das ist beschlossene Sache!!!

Versteht ihr jetzt, dass das Leben nicht einfach ist….
Begreift ihr jetzt, warum es besser ist, vom Leben zu schreiben anstatt sich ihm zu stellen….
Wer nicht vom Leben überrascht werden will, sollte es meiden.
Ansonsten könnte es sein, es fällt einem ganz plötzlich auf den Kopf!
Und dann……?!!!!

PS.
Morgen wird im nahe gelegenen Park eine Bombe, ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft. Alle Anwohner werden evakuiert.
Was soll ich bloß machen?!


Thema: - geSchichtet | Kommentare (0) | Autor: ghita

- sie lächelt….

Mittwoch, 26. Oktober 2011 0:06

Nur das Blatt festhalten, mehr wollte er nicht.
Einfach nur das herumfliegende Blatt in seinen Händen halten.
Doch es entwischte ihm.

Er hatte nicht fest genug zugegriffen, sagte er sich. Das war’s!
Oder einfach nicht richtig zugegriffen.
So wie immer, so wie gewohnt.
Er wusste nicht einmal, nach welchem Blatt er gegriffen hatte.
Er kannte sich mit Bäumen und Blättern nicht aus, konnte die einen Blätter und Bäume nicht von den anderen unterscheiden. Nur Birken erkannte er, was, zugegeben, einfach war.

Ja, Birken.
Und schon waren sie wieder da, die Erinnerungen.
Die lange Birkenallee, weiße Rinden.
Sie - vor ihm auf ihrem Rad, den Kopf Richtung Berge, die nicht zu erkennen waren im Abenddunst. Damals, irgendwo in der Nähe eines bayerischen Sees.
Es war einer der ersten gemeinsamen Urlaube und er war glücklich.
Die untergehende Sonne färbte ihr Haar rötlich und sie schien zu strahlen, von außen und von innen her.
Sie strahlte immer. Sogar in traurigen Augenblicken hatte ihr Mund diese bestimmte Form, die ein Lächeln andeutet. Ein lächelnder Mund unter traurigen Augen, unwiderstehlich. Er, der seine Gefühle meist immer im Zaum halten konnte, war in diesen bestimmten Augenblicken einfach hilflos. Er hätte am liebsten geweint, dann wenn sie traurig war. Und jetzt, hier und heute, wo die Trauer ihn überrannte, hätte er auch gerne geheult. Bloß ein paar Tränen aus den Augen drücken, das hätte schon gereicht…

Als er ihr begegnete, war sie noch verheiratet. Er hatte so viele unterschiedliche Beziehungen, ohne geheiratet zu haben, die endeten immer auf die gleiche Art: er konnte sie nicht halten.
Irgendwie entglitt ihm stets die Situation und ganz am Ende die Frau. Und dazwischen viele kleine Verluste von dem Ganzen, was am Anfang als etwas Großes daherkam und scheinbar unzerstörbar war. Jedes Mal glaubte er von neuem daran, dass es diesmal klappen wird.

Als er sie traf, dachte er nicht so weit. Sie war die Frau eines Kollegen. Sie sahen sich von Zeit zu Zeit bei Veranstaltungen des gemeinsamen Arbeitgebers oder auf Partys. So groß war die Stadt nicht, dass sie sich nicht ab und zu über den Weg liefen, miteinander plauderten oder gar gemeinsam einen Kaffee tranken.
Zwei Jahre später ließ sich ihr Mann versetzen. Sie blieb, wollte nicht mit.
Später erfuhr er, dass sie geblieben war, weil sie sich schon länger von ihrem Mann trennen wollte und seine berufliche Entscheidung als Anlass nahm, es endgültig zu tun.

Mit der Zeit begann sie, ihren Blick noch intensiver auf ihn zu lenken, war er irritiert. Sie zeigt ihm ihre Sympathie und ihm gefiel das.
Ab da trafen sie sich öfters für ein gemeinsames Essen oder ein Konzert. Ihr lächelnder Mund faszinierte ihn.
Wie ein Bild von einem berühmten Renaissance-Maler: eine sanft-lächelnde Frau mit dunkelblauen Augen, dunkelblondem Haar, die Hände ruhig im Schoss gefaltet und den Blick in die Ferne gelenkt…so sieht er sie heute noch vor sich.
Sie hat den Anfang gemacht, dachte er. Sie kam auf mich zu und hielt mir ein Glas Sekt entgegen.
“Komm, stoß mit mir an, seit vorgestern bin ich eine freie Frau. Feier mit mir, ich fühle mich so wahnsinnig wohl, dass ich es mit dir teilen will.”
Sie teilten den Abend und die ganze Nacht.
Er nahm an, sie hätte ihn nur für diese Nacht gewollt.
Doch am darauf folgenden Tag rief sie ihn auf der Arbeit an und lud ihn zum Abendessen ein.
Danach gab es kein Zurück mehr für ihn.

Ihre Ruhe und ihre gewisse Art der Schweigsamkeit, taten ihm gut und gleichzeitig forderten sie ihn heraus. Bislang war er stets der Schweigsame gewesen. Nun saß er neben einer Frau am Tisch, die lächelte und oft schwieg. Dann suchte er nach Worten. Mit der Zeit fand er Spaß daran, sie dabei zu beobachten, wenn er seine Geschichten erzählte. Er erlebte genug Geschichten, tagsüber, mit all den Menschen denen er begegnete.
Ihr Mann hatte ihr die große Wohnung gelassen und genug Geld, damit sie nicht arbeiten musste, was sie auch nicht tat.
Sie hatte sich lieber um ihren Mann gekümmert und dann um ihn, das war ihre Hauptaufgabe, wie sie es ausdrückte. Und er wuchs schnell hinein in diese Art Leben.
Nicht lange, und sie wohnte in seinem Haus, öffnete Türen und Fenster, füllte es mit Gerüchen, mit fremden Möbeln, mit ihrer ruhigen Anwesenheit, mit ihrem schönen, lächelnden Mund, ihren sanften Worten und ihrem häufigen Schweigen.
Im Laufe der Zeit erfuhr er das Eine oder Andere von ihr, vom Träumen, die sich am Ende auf ein glückliches Leben mit einem Mann beschränkten.

An dem Tag, als sich alles änderte, fand er sie, ungewohnt, abends auf dem Sofa im Dunkeln. Sie leuchtete etwas weniger als sonst, nur ihre Augen blickten ihn groß an.
“Ich habe Angst” sagte sie, unvermittelt und ungewohnt laut, und schien selbst erschrocken darüber. Sie wiederholte noch einmal ganz leise: “Ich habe Angst”.
Aber wovor, das konnte sie ihm nur mit einem Schulterzucken beantworten. Und mit dem Blick aus ihren Augen.
Er setzte sich zu ihr, wollte sie streicheln. Sie rückte von ihm ab, schaute in die Dunkelheit des Gartens.
Sie blieb auch die Nacht auf dem Sofa, er wanderte lange durchs Haus, um dann irgendwann, noch angezogen, auf dem Bett einzuschlafen.
Am nächsten Morgen wartete das Frühstück wie üblich auf ihn, und sie, lächelnd, auch.
Als sei nichts gewesen.
Sie erwähnte die Episode des Vorabends nicht und er auch nicht.

Doch die Situation wiederholte sich, einige Wochen später, und dann in immer kürzer werdenden Zeitspannen. Plötzlich schob er das nachhause gehen hinaus, arbeitete länger und aß des Öfteren im Restaurant.
Wenn er dann, spät, nachhause kam, saß sie manchmal immer noch auf dem Sofa, er küsste sie auf die Stirn, sie ließ es geschehen und er ging schlafen. Andere Abende saß sie vorm Fernseher und wartete auf ihn, küsste ihn auf die Schläfen und ging ins Bett.
An Wochenenden blieben die gemeinsamen Einkäufe, spazieren gehen, ins Theater, alles so wie gewohnt und dazwischen manchmal Einladungen zu seinen Kollegen.
Und immer wieder ihre Rückzüge, wie er es nannte.
Er freute sich wegzukommen, als er eine Woche beruflich zu der Tagung nach England musste. Früher hatte er sie jeden Abend angerufen, das war nun nicht mehr so. Er schickte ihr nur eine Nachricht mit dem Termin seiner Rückkehr.

Dann kamen die Tage, an denen sie nicht mehr aufstand; einfach im Bett liegen blieb. Er rief ihre Schwester an, fragte vorsichtig nach, ob solche Anwandlungen schon früher bei ihr festgestellt wurden, doch die fühlte sich nicht betroffen. Ihre Eltern lebten nicht mehr und sonst kannte er Niemanden, mit dem er darüber reden konnte oder wollte.

Ab da schlief er nur noch im Gästezimmer. Manchmal sah er sie tagelang nicht.
Als sie dann eines Morgens am Frühstückstisch erschien, erschrak er: sie war abgemagert, ihr Haar stumpf, der Blick abwesend und ein unangenehmer Geruch umwehte sie. Sie schaute an ihm vorbei und trank schweigend den Kaffee, den er ihn eingeschenkt hatte.
Dann drehte sie sich zu ihm um uns sagte wie beiläufig: “Ich will nicht mehr”.
Ungläubig und verwirrt schaute er sie an.
“Was willst du nicht mehr?”
“Ich will nicht mehr”
“Ja was denn nicht??!”
“Alles…”
“Erklär dich, bitte, was meinst du?”
Sie stellte die Tasse ins Spülbecken und ging hinaus.
Er folgte ihr. Es war ein kalter Märztag und sie stand auf der schneebedeckten Terrasse, barfuss.
Er zog sie hinein ins Wohnzimmer.
Sie legte ihren Kopf an seine Brust; ihr unangenehmer Körpergeruch ließ ihn kurz zurückzucken.
“Hilf mir”, flüsterte sie in sein Hemd.
“Wobei?”
“Hilf mir, bitte”
“Ich versteh dich nicht, erklär dich!”.
Er drückte sie von sich, wollte sie anschauen. Sie blickte auf den Boden, entwand sich seinen Händen und ging nach oben ins Schlafzimmer.
Ab da verstummte sie ganz und er mied sie wo er nur konnte. Die Gedanken an diese eigenartige Situation zuhause, begannen seinen Berufsalltag zu belasten. Er wusste nicht, was er tun sollte.

Dann überwand er sich und sprach einen Kollegen an. Er beschrieb ihm ihr Verhalten, jedoch mit der Bemerkung, es beträfe eine Freundin seiner Frau, der er helfen wollte.
“Auch wenn Sie Chirurg sind, Sie sind doch Arzt, Sie wissen es doch selbst: typisch depressives Verhalten. Schicken Sie die Frau zu einem guten Psychotherapeuten, oder verschreiben sie ihr die richtigen Antidepressiva, oder besser noch, sagen sie ihrem Mann, er soll sie für eine Zeit in die Psychiatrie einweisen lassen, das ist die beste Lösung!”

Nein, bitte keine Depressionen, bitte keine Psychiatrie!
Von einem Augenblick zum andern nahm seine längst verdrängte Vergangenheit Besitz von seiner jetzigen Welt.
Er hatte all das doch schon als Kind mit seiner Mutter erlebt. Er war vaterlos aufgewachsen und mit einer Mutter “gesegnet”, die neben Alkohol und Tabletten, auch noch regelmäßig wegen ihrer Depressions-Schübe in der Notfallambulanz landete. Er schämte sich jedes Mal wenn er sie begleiten musste, und ärgerte sich, wenn sie nach ein paar Tagen, nüchtern und entgiftet und wieder zuhause, laut und unübersehbar das Regiment über den kleinen Haushalt an sich riss.
Das ging in regelmäßigen Abständen so.
Als sie starb war er vierzehn und die Jahre danach bei seinen Verwandten waren zwar nicht sehr schön, jedoch wenigstens ruhig und unbelastet.
Aber seine lächelnde Frau war doch ganz anders gewesen als seine Mutter. So ruhig, so sanft, so liebevoll und immer lächelnd. Warum sollte sie also mit dem gleichen Unglück behaftet sein. Warum sollte er das wieder durchleben müssen? Warum bloß geschah ihm das wieder, und nach all der Zeit?
Alles in ihm sträubte sich dagegen.

Zuhause überkam ihn die Wut, als er sich das erste Mal deutlich vor Augen führte, wie vernachlässigt alles längst war.
Als er sie hinter der Schlafzimmertür leise schnarchen hörte, hätte er am liebsten dagegen gehämmert, um sie zu wecken und um sie aus ihrer verdammten Lethargie herauszuhämmern.

Er fühlte sich so hilflos.
Was würden seine Kollegen denken, wäre seine Frau Patientin in der Psychiatrie!?! Unvorstellbar!! Und das in dieser kleinen Stadt! Und zu einem der eingesessenen Psychiater wollte er auch nicht mit ihr.
Er würde sie zwingen ihn anzuschauen und mit ihr reden. Er würde versuchen, sie zu überzeugen, sich in der nächst größeren Stadt ins Krankenhaus einweisen zu lassen. Den Name “Psychiatrie” würde er nicht erwähnen. Ja, das war die einfachste Lösung.
Kurze Zeit später, als er ihr im Flur begegnete, hielt er sie fest und bevor sie sich wegdrehen konnte, schleuderte er ihr alles ins Gesicht was ihn bedrückte und bewegte.
Sie sei depressiv, er würde sich das nicht gefallen lassen und er könnte sie nicht mehr aushalten so wie sie war, sie müsste weg in ein fremdes Krankenhaus und sich behandeln lassen, ansonsten würde er das nicht mehr länger mitmachen. Er hätte sich umgeschaut und schon einen Platz für sie gefunden wo man ihr helfen würde. Sie zeigte keine Regung, gar keine.
Es dauerte nur ein paar Tage bis er endlich ihre Koffer packen konnte. Sie ließ sich widerstandslos von ihm ins Auto bringen und in die hundert Kilometer weiter gelegene Spezialklinik für Psychiatrie fahren. Sie lächelte die ganze Fahrt über, so wie immer und ihre Augen waren von einer dunklen Sonnenbrille bedeckt.
Sie bekam ein freundliches Zimmer, auch wenn es abgeschlossen war und die Fenster nicht zu öffnen. Es war groß und hell und nett eingerichtet. Er fühlte sich beruhigt.

Und nun stand er im Stadtpark und wollte nach dem Blatt greifen.
Doch es entwand sich seinen Fingern. Einfach so. Schweigend.
Alles entglitt ihm, alles.
Was machte er bloß falsch. Sie hatte doch immer gelächelt. Er hatte ihr vertraut, darauf gebaut, dass alles gut war: er, sie, ihr Leben, alles eben.
Und nun lag sie stumm und gleichgültig in einem Luxuszimmer einer psychiatrischen Klinik in einer fremden Großstadt und er wusste nicht, was er tun sollte.

Alles so leer, so leer.
Dann dachte er daran, dass sie bald Geburtstag hatte. Fünfundvierzig.
Jung, oder? Zu jung zum aufgeben.
Und er, nicht viel älter, gab er jetzt auf?
Hatte er überhaupt je angefangen?
Verdammt, warum so und nicht anders?
Er fühlte sich wahnsinnig allein gelassen!
“Ich kann nicht mehr”, sagte er leise zu den Baumwipfeln.
Ich weiß nicht mehr weiter, was soll ich bloß tun, ich bin so hilflos, einfach nur hilflos. Warum, warum, verdammt?!”

“..und wenn es nun doch ein Birkenblatt war”?, ging ihm durch den Sinn, bevor er sich umdrehte und zur Straße blickte wo sein Auto stand….



Thema: - geSchichtet | Kommentare (0) | Autor: ghita

- Mondschein

Donnerstag, 26. Februar 2009 23:30

Sag, was sollt’ es mir bedeuten
dass du so traurig scheinst?
Dein Leben aus uralten Zeiten
ist das, was du beweinst.

Immer erzählst du mir von ihr. Sie war die Schönste, die Einzigste, die Beste, die Intelligenteste, die Sanfteste, die Leidenschaftlichste, die Erregendste…
was weiß ich, was du ihr noch so alles angedichtet hast.

Du liegst neben mir im Bett. Ich sehe im Dunkeln den Mond auf deine Nasenspitze scheinen. Eigenartig wie sehr deine Augen eingefallen sind. Sind es allein die Mondschatten, die das bewirken?
Ich vergaß, du bist nicht mehr der Jüngste. Zwölf Jahre trennen uns, ich bin jünger und fühle mich manchmal so wahnsinnig alt.
Auf jeden Fall immer dann, wenn du von IHR sprichst.
Dass sie ein Weib im Bett war, das erwähnst du jedes Mal wenn wir im Bett sind.
Das Wort WEIB liebst du so sehr. Du verbindest es wohl immer noch mit dem ausschließlich perfekten Weiblichen in einer Frau: sozusagen die Nonne und Hure in Personalunion.

Nun liegst du da, bist wach wie ich, die so gerne in deinem Arm, geschmiegt an deine breite Brust, liegen würde.
Du bist sehr männlich - jedenfalls nach außen hin. Bewundernde Blicke von Frauen gelten dir immer noch; du hast volles, dichtes Haar, bist sehr groß und hast breite Schultern und eine stets tubengebräunte Gesichtsfarbe. Deine weißen haarigen Beine sehen sie ja nicht. Die Krampfadern kümmern dich nicht, im Gegensatz zu deinen Schlupflidern um die sich der Schönheitschirurg letztes Jahr kümmern durfte.
Ich bin gehässig, nicht wahr. Ein Glück, meine Gedanken wandern schweigsam, jedenfalls unhörbar für dich. Mir schreien sie ihre Schlussfolgerungen laut ins innere Ohr. Weg mit ihnen!

Wann begann ich dich mit nacktem Blick zu sehen? Ich glaube, als ich es satt war, mit IHR verglichen zu werden, dieser so perfekten Frau, deinem Augensternchen, deiner Perle, deinem Universum!
Warum hast du dir eine neue Frau zugelegt, wenn SIE, diese Andere, doch stets allein nur dein Augapfel war, dachte ich lange. Einer deiner Kollegen erzählte mir, SIE wäre irgendwann einfach gegangen. Ich stelle mir vor, dass sie vielleicht nicht mehr bereit war, dein Alles zu sein. Sie war klüger als ich, das erkenne ich an. Denn ich bin immer noch hier, schaue dir immer noch zu, mache immer noch mit und verdränge meine Scham vor mir selbst…

Es muß am Mond liegen, anders ist es nicht zu verstehen, dass ich Gedanken führe, die einer Frau wie mir nicht würdig sind. Wie tief bin ich freiwillig gesunken, frage ich mich in selbstzerstörerischen Augenblicken. Warum sollte mir auf eine solche idiotische Frage auch noch eine Antwort einfallen?!

Der Schein des Mondes fällt an die Decke und erhellt deinen leicht geöffneten Mund. Du bist also doch eingeschlafen, ich höre es auch schon. Ein Glück, nun bin ich allein.
An der Decke der Spiegel - SIE hat sich ihm immer geweigert und dass ich mich einverstanden erklärte geschah nur aus dem Bedürfnis heraus, mich mit IHR zu messen.
Ich hasse dieses Ding da über mir. Du liebst es, dich zu beobachten, deinen fast flachen Bauch mit, darunter dem grauen Schamhaar, liebevoll zu bewundern, die Muskel in deinen langen muskulösen Schenkel anzuspannen und genüsslich zu streicheln. Ich muß dir dann jedes Mal beipflichten, wenn du dich selbst beweihräucherst.

An der Uni warst du der Gockel, der Hahn im Korb der Mädels. Ich war geschmeichelt, als du mich bemerktest. Ich hörte dir stets zu, wenn du von IHR sprachst. Dann zog ich bei dir ein, lange, sehr lange nachdem SIE dich verließ. Ich sollte dich mit meiner Anwesenheit trösten, darum hattest du mich gebeten.
Es dauerte ein Jahr, bis du mich küsstest und noch länger, bevor ich zwischen deinen Laken lag, die ich morgens vor der Arbeit noch frisch bezogen hatte.
Heute befällt mich Scham. Meine Studenten lachen mich aus und meine Kollegen verachten mich. Sie sind weder taub noch blind und wissen mehr als ich wissen will.

Du atmest tiefer. Deine Falten kommen langsam wieder, es wird wieder Zeit für Botox.
Der Mann im Mond lacht mich aus, warum sonst lässt er die Lichter alle an, damit sein Licht auf meine bleiche Haut scheint. Ich bin schmal und schmächtig, eine fast nicht entwickelte Frau. SIE war ein weibliches Wesen das überall dort weiblich war, wo ein Weib weiblich ist. So klang es, wenn du von IHR redetest.
Sie hatte Busen und Po, ein liebliches Lächeln, kleine Mäusezähnchen, ein süßes Grübchen am linken Mundwinkel….nein, ich fahre nicht weiter mit dem Aufzählen.
Ich bin müde, will schlafen.
Du bist so laut, es ist die Phase in der dein Schnarchen unerträglich ist; noch eine gute Viertelstunde, und dann legst du dich auf die Seite und ich kann auch an Einschlafen denken.
In meiner Wut trete ich nach dir. Eine Fliege würde dich mehr stören…
Warum bin ich noch hier? Nein nein, ich will keine Antwort hören!! Was würde sie nutzen?!

Gestern fand ich dich mit der Neuen aus meinem Linguistikseminar, in diesem Bett. In unserem Bett. Sie war erschrocken als sie mich in der Schlafzimmertür stehen sah und wollte aufspringen, sich bedecken. Du machtest jedoch seelenruhig weiter, blickest dich nicht mal um. Sie blieb liegen.
Sei war bei weitem nicht die Erste, ansonsten hätte ich mich nicht einfach umgedreht und wäre in die Küche gegangen um mir einen Tee zu machen.
Sie ist eh nur eine von allen, die kamen, gingen und noch kommen werden. Wie lange weiß ich das schon, wie lange mache ich es schon mit?!

Damals, als ich dich beim ersten Mal voller Schmerz, Wut und Enttäuschung ansprach, flehtest du mich an dir zu verzeihen. Diese jungen Frauen würden dich an SIE erinnern. SIE hatte dich im Stich gelassen, dich verlassen, dir ihre Liebe entzogen und dem Schmerz ausgesetzt den nur eine Andere lindern kann. Du hattest geglaubt, ich wäre es, war ich doch so ganz anders als SIE. Weil ich es dann doch nicht war und es mir nicht gelang was du dir vorstelltest, kamen immer andere junge Dinger an die Reihe, denn in jeder Einzelnen steckte ja möglicherweise das Potenzial, eine wie SIE zu werden. So hast du sie eben alle ausprobieren müssen……

Vor meinen Augen sehe ich deinen kleinen, hellen Hintern immer noch auf und ab stoßen und das erschrockene Gesicht der jungen Blondine am Kopfende des Bettes. Wie schnell verschwand sie danach aus der Wohnung, das arme Ding.
Dann setztest du dich schweigsam an den Küchentisch, nicht ohne mich vorher noch um eine Tasse Tee zu bitten.

Was will dieser große dicke Mond von mir?!
Nie zuvor habe ich mir in aller Deutlichkeit klar machen wollen, was und wie ich lebe. Warum also jetzt? Was bringt es mir, darüber nachzudenken?!
Doch nur weitere Selbstzerstörung, Enttäuschung, Erniedrigung. Oder?!
In den vier Jahren mit dir, habe ich dich manchmal nach IHR gefragt, wollte wissen, warum sie dich verließ. Du hast genaue Antworten vehement verweigert.
Heute, am Tisch und mit der Teetasse in der Hand, fingst du an zu reden. Zuerst sehr langsam, danach immer klarer und schneller.
Du sprachst in aller Deutlichkeit von deinen Gefühlen zu dieser Frau, die sich angeblich so grundlos, kalt und unerbittlich deiner Zuneigung entwand und einfach ging. Schluchzend erzähltest du von dieser Liebe die dich für immer prägte, dein Sehnen, dein Suchen, deine unerfüllte Leidenschaft und deine immerwährende Suche nach Ersatz. In jeder Frau wäre ein Teil von IHR, auch wenn alle zusammen nicht den Bruchteil IHRES Seins bilden könnten. Es hat dich zerrissen, immer nur mit dem Abbild von ihr zu schlafen und dabei SIE vor deinen Augen zu sehen.
„Bei dir war es anders, du bist so gar nicht wie sie”, flüstertest du.
Anfangs dachtest du, mein unterschiedliches Aussehen, mein Anderssein, meine Selbstaufgabe und Hingabe könnten dich davon heilen.
Am Ende deines Monologs erklärtest du mir dann ungerührt, dass du dich mittlerweile vor mir ekelst. Du würdest dir wünschen, ich sei gar nicht da.
Ich hörte dir schweigend zu. Leugnete ich das Gehörte?! Musste wohl so sein, wie sonst hätte ich dir ungefragt Tee nachschenken können und dir dabei übers Haar streicheln?
Du blicktest mich nicht an, du weintest nur unaufhörlich weiter.
Als du ins Bad gingst, legte ich mich ins Bett, wollte nichts mehr denken und schon gar nichts mehr fühlen. In der Abenddämmerung drückte sich der Mond durch den Horizont und füllte die Tür zur Terrasse mit bleichem Schein. Als würde er mich anblicken, unentwegt.

Und nun, in der Nacht, füllt sein Licht den Raum und erhellt die Wiese draußen vor der Terrassentür. Alles ruft. Nach mir. Es wird endlich Zeit.
Ich stehe auf, erfülle dir deinen letzten Wunsch, deine letzte Aufforderung.

Ich packe jetzt noch den Rest meiner Sachen, fülle das Auto, lege die Schlüssel auf die Anrichte in der Küche und ziehe die Eingangstür hinter mir zu.

Der Mond scheint ins Autofenster.
Er scheint auf den Weg.
Er scheint auf die Straße.
Er scheint in mein Gesicht.
Er scheint in meine Augen.
Er scheint.



Thema: - geSchichtet | Kommentare (1) | Autor: ghita

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