Der heutige Tag trägt den Namen des Ortes meiner Vergangenheit: Fermignano.
Er liegt am Fuße von Urbino, und beide sind immer eng miteinander verbunden gewesen. Sie streiten sich heute noch darüber, in welchem der beiden Orte denn nun Bramante, ein genialer Renaissance-Architekt, wirklich geboren wurde.
Es ist 10Uhr30 und die Sonne drückte schon unbarmherzig heiß auf die Autoschlange, die sich hinter einem Traktor bildete und es ging nur noch im Schritttempo Richtung Tal. Eine gute Gelegenheit, die Landschaft um mich herum noch intensiver zu genießen. Die Straßenschilder mit Warnung vor Schnee und Eisglätte waren irritierend in der Sommerhitze. Unvorstellbar, daß es hier mal schneien könnte. Und doch, ich habe es ja selbst schon erlebt.
An der Kreuzung vor der Auffahrt nach Urbino führte der Weg auf die kurvenreiche, enge Straße nach Fermignano, mitten durch die hügeligen Felder der Marken, vorbei an den Hängen mit Trauben und Tomaten. Diese altbekannten Straßen auf denen die Schatten der hohen Bäume die sie säumen tanzen, führen mich weiter hin zum Ziel.
Ich fuhr hinein in den Ort, als würde ich hineingezogen. Alles bekannt und unbekannt zugleich.
Es sollte ein kurzer Besuch werden, ein Eis oder ein caffè bei Severino, Spaziergang durch die Straßen der Vergangenheit, Aufsaugen altbekannter Gerüche und Geräusche.
Wallfahrt, Heimfahrt, beides?
Es war sehr heiß in Fermignano. Der Markt, so wie ich ihn in Erinnerung hatte, war nicht mehr da. Aber es war doch Freitag, Markttag in Fermignano!
An der kleinen Römerbrücke stieß ich dann auf die ersten Stände.
Der Markt war größer als früher und auch nicht mehr wie damals in den Gassen des alten kleinen Städtchens in denen mein Zuhause stand. Jetzt war er verteilt auf einige Nebenstraßen außerhalb und auch entlang der Mauer die seit jeher den Metauro begrenzt. Kleider, Schuhe, Porzellan, Tischdecken, Haushaltswaren, “gläubige” Bücher und Prospekte - aber keinen gegrillten Fisch, so wie früher. Auch keine Hühner, Küken und Kaninchen. Lebend, versteht sich! Es war ein Markt wie alle anderen, nicht der aus meiner Erinnerung.
Er war wie überall - aber billiger.
Ich sah einige Gesichter die mir bekannt schienen, Gesichter die meine Erinnerung anstießen und mich nachdenklich machten. Vielleicht bin ich auch an Gesichtern und Menschen vorbeigelaufen weil ich sie nicht erkannt habe. Die Zeit verändert jeden. Und die Erinnerung an ein Gesicht kann trügen. Ich sprach keinen Menschen an, wollte unerkannt bleiben.
Die Marktleute redeten Dialekt mit mir und ich war erstaunt, daß sie mich nicht als Fremde betrachteten, was ich fast lieber gehabt hätte. Manchmal wurde ich von Passanten angeschaut, irritiert und fragend, doch ich ging einfach weiter. Ich wollte niemanden treffen, mich niemandem erklären, keine Fragen beantworten.
Aber das war alles nicht so wichtig. Ich spazierte durch die Straßen und setzte mich auf “meine” Bank an der Allee unter den Lindenbäumen. Ich hatte ein schweres Herz und einen dicken Kloß in der Kehle. Ich dachte an die kleine alte Kirche, Santa Veneranda, in die ich vorhin eingetreten war .Ihr Geruch haftete noch in meiner Nase, und brachte ungewollt viele Erinnerungen zurück.
Obwohl sie vorhin leer war, hörte ich hohe Frauenstimmen Kirchenlieder singen; sah ihre Köpfe, jeden mit einem Schal oder Spitzentuch bedeckt. Ich erblickte mich selbst, hinten im Dunkeln in eine Bank gedrückt und fühlte wieder den Unwillen mit dem ich zur Messe ging. Ich spürte die Anwesenheit der vielen Verwandten, besonders die meiner Großmutter, von der ich nie wirklich annahm, daß sie aus christlichem Glauben zur Kirche ging, sondern eher aus Aberglauben.
Heute verließ ich bedrückt den kühlen, muffigen und nur mit Erinnerungen gefüllten Raum und trat hinaus in die drückende Mittagshitze. Meine Füße schmerzten und mein Herz auch. Auf der Bank unter den Bäumen, nicht weit vom Gefallendenkmal, setzte ich mich in den Schatten und mir kamen die Tränen.
Ich weinte, ganz leise, um das verlorene Zuhause das längst anderen gehört und die verstrichene unüberlegte Zeit, um mich selbst und insbesondere um die, die nicht mehr da sind und mich dadurch, daß sie mich liebten, die Liebe lehrten. Ich erkannte, daß ich mich jetzt in Acht nehmen mußte, um mich nicht ganz und endgültig zu verlieren, bloß weil ich vergessen und Vieles nicht wahrhaben wollte. Ich hatte lange Jahre soviel von mir selbst aufgegeben, zog es vor auf Andere zu hören, habe meist ihre Interessen wahrgenommen und meine eigenen selten berücksichtigt und ging somit den vermeintlich einfacheren Weg. Nicht anecken nur um wieder geliebt zu werden wie damals, nur um nicht wieder weggeschickt zu werden. Wie damals, aus dem Paradies meiner Kindheit und Jugend.
Ich wusste lange fast nicht mehr wer ich bin.
Während der langen Jahre der Trennung war ich überzeugt, es sei zu kompliziert nach Italien zurückzukommen und auch noch Fermignano, meine Heimat, zu besuchen.
25 Jahre lang habe ich mich selbst davon abgehalten.
Nun saß ich hier und alles war so einfach gewesen.
“Nicht weil es schwierig ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwierig”
Noch immer führt die große schöne Allee von Fermignano vom Bahnhof zur Piazza.
Eine Lindenallee mit einzelnen Kastanienbäumen dazwischen.
Der Geruch der Lindenblüten ist berauschend. Vogelzwitschern verstärkt noch das Gefühl der Entspannung und inneren Ruhe, die einen beim Spaziergang unter den Bäumen überkommt. Es reizt ungemein, sich eine Steinbank unter die Linden auszuwählen, sich hin zu setzen und das ‘Dolce far niente’ zu genießen.
Aber wer von uns hektischen Zeitgenossen kann das so einfach tun, wer läßt das überhaupt zu?
Ab wann überkommt uns das schlechte Gewissen, weil wir befürchten etwas zu verpassen?
Ist es die Angst, das Leben liefe dann an uns vorbei?
Begreifen wir nicht, daß wir durch die Weigerung zum Innehalten am Leben vorbeilaufen?
Heute schlich ich durch die Straßen auf der Suche nach der Vergangenheit.
Und auf der Bank unter den Linden schämte ich mich, denn mir war so als würde ich die Vergangenheit stehlen wollen.
Ich kam mir vor wie ein Dieb der verbissen nach dem erträumten Schatz sucht und merken muß, daß es keinen gibt. Der Dieb erschrickt vor sich selbst, vor seiner gierigen Suche. Aber er begreift nicht, dass er kein Dieb zu sein braucht; denn er hatte nie verloren was er so lange glaubte, sich zurückstehlen zu müssen.
Ich fuhr noch zum Friedhof der sich inmitten brauner Felder draußen vor den Toren von Fermignano immer breiter machte. Ich suchte in der drückenden Hitze nach den “Schächten”, wo meine Großmutter und mein Onkel begraben liegen. Dabei begegnete ich vielen anderen Verwandten, die mich vom Foto auf ihrem Grab ein letztes Mal anlächelten. Es war mir nicht möglich, bei der Menge der “Eingeschobenen”, Nonna und Zio Mario zu finden. Und ich wußte niemanden den ich fragen konnte und wollte.
Aber der Blick auf die Hügellandschaft um mich herum, entschädigte mich für die vergebliche Suche. Dabei war ich gar nicht traurig darüber, die Gräber meiner Großmutter und meines Onkels, mit denen ich die Jahre in Italien zusammenlebte, nicht zu finden.
Die Liebe während des Lebens ist um so vieles wichtiger als die nach dem Tod. Die Lebenden zu ehren und respektieren, sie zu lieben, ist wohl sinnvoller als es erst bei den Toten zu tun.
Um zurückzufahren, musste ich noch einmal durch den Ort und mir war klar, ich würde wiederkommen, mich vor das Haus meiner Kindheit stellen und die grüne Tür anschauen, die geschlossenen Fensterläden in der drückenden Sonne hätten ihren Lack längst verloren, die Steine sprächen von den Generationen meiner Familie, die sowie ich selbst, einen Teil ihres Seins mit ihnen verband.
Dorthin gehöre ich, dafür schlägt mein Herz - wo immer ich auch leben werde.
