Gestern war der letzte Tag den ich bei den „Van”s’ in Eindhoven verbrachte.
Eine eigenartige Stadt, dieses Eindhoven, so metallisch-glasig-künstlich-kalt, aber die Stadt zu besuchen war ja auch nicht der Grund, weshalb ich hinfuhr..
Dafür gab es zwei Gründe: eine Artisten-Börse und gute Freunde.
Die Menschen hier sind nämlich äußerst liebenswürdig und freundlich.
Gemeinsam saßen wir am Frühstückstisch, auch wenn Joop, der 8jährige Sohn von Mareike und Claus, schon früher zur Schule mußte, nicht ohne vorher noch sein Erdnussbutterbrot zu schmieren und ein Brötchen mit Hagelslag (farbige Schokoladeschnipsel) zu essen. Das reichhaltige Frühstück ist immer noch gewöhnungsbedürftig für Südländer wie mich, die morgens gar nichts zu sich nehmen außer dem unverzichtbaren Caffè.
Kurz danach verließen die Eltern auch das Haus und ließen mich allein zurück. Ein angenehmer Zustand, ich habe ihn jedenfalls genossen.
Mein Blick ging hinaus durch die großen Erkerfenster. Hier in diesem Teil Hollands hatte der Winter nur moderat Einzug gehalten. Anders sieht es ja bei uns in Norddeutschland aus.
Ein eigenartiger Jahresanfang, dieses Jahr.
Der Schnee zwingt einen zur Ruhe, der Kontakt mit draußen ist mit Überlegungen verbunden, denn es führt zur bewussten Entscheidung hinauszugehen oder gar -fahren und zum sich auseinandersetzen mit dem was man tut und wie und wann und ob man es tut.
Ich finde das sehr lehrreich in einer Zeit in der wir eilen, ohne uns Gedanken zu machen, wie wir das erreichen, was wir uns als Ziel gesetzt haben. Wir ärgern uns über verspätete Züge, Busse und U-Bahnen, verzweifeln an glatten Autobahnen, an unbereinigten Fahrradwegen und an nicht schneebefreiten Bürgersteigen. Wir sind gezwungen, Schuhwerk und Kleidung den klimatischen Umständen anzupassen, was wiederum das äußere Erscheinungsbild trübt das wir gerne der Welt präsentieren. Wir hinterfragen ernsthaft die Notwendigkeit, uns nach draußen zu bewegen und entscheiden plötzlich bewusst, ob wir noch irgendwohin fahren oder gehen, schauen öfters aus dem Fenster und nehmen wahr, dass wir doch nicht auf alles den Einfluss haben, den wir zu haben glauben.
Ich mag es, dieses Innehalten auch noch über den Jahreswechsel hinaus. Denn meist beginnt spätestens nach dem 6. Januar eine noch größere Hektik, so als wollten wir die “vergeudete” Zeit nachholen, die wir während der Feiertage für Familie und Freunde, sprich fürs „Nichtstun” geopfert haben.
Gestern Morgen saß ich am Esstisch von Mareike und Claus, Joop drückte ja schon die Schulbank. Es war sehr ruhig; die Vase mit unzähligen gelben Tulpen stand neben den drei Teelichtern die friedlich flackerten, das Erkerfenster gab den Blick auf die ruhige Wohnstraße frei, auf der selten ein Auto fährt und fast keine Menschen zu sehen sind. Dabei ist Eindhoven eine hektische Stadt und schön ist sie nicht unbedingt zu nennen.
Und doch war es friedlich, vielleicht auch weil ich, bevor ich am Nachmittag den Weg nach Hause einschlagen musste, die letzten Augenblicke der Ruhe genoss ehe ich mich dem Stress der Autobahn und dem Bewusstsein, dass am folgenden Morgen mein Alltag anfängt, aussetzte.
Die Zeit mit den Menschen hier habe ich sehr genossen. Ich war mit Leuten auf der AEB, die die jährliche Künstlerbörse aus Berufsgründen seit Jahren besuchen und auf der sie viele neue Kontakte herstellen und Kontakte von führeren Jahren wiedertreffen. Sie kannten dort viele der Künstler und es war faszinierend, dass wir keine zwei Meter gehen konnten, ohne jemanden zu begrüßen oder begrüßt zu werden.
So überließ ich sie nach einiger Zeit ihrer Arbeit und ging allein weiter.
Bereitwillig ließ ich mich dann entführen in Zauberwelten und in Gärten der Magie, in laute Musikhallen und in kleine Variétés. Die Zigeunermusik hat mich zum tanzen animiert und die Klezmer-Klarinette zur Melancholie, die sanften Figuren des Marionnettentheaters lockten mich in die Welt hinter den Spiegeln und der kleine türkische Schuhputzer Boyaci Hüseyin alias Frans, zog mit seinen schwarzen schmierigen Fingern die Zigarette aus dem Mundwinkel um mir ein freundliches Merhaba zuzurufen. Mit der Eistüte in der Hand, die mir der behende Eisverkäufer Ali nach dem Vorführen seiner Tricks schenkte, schaute ich zu wie er aus schmutzigen Tretern wieder blanke Schuhe machte und dabei sein Tun mit unverständlichen Lauten kommentierte.
Ein holländischer Jodler auf dem Stand nebenan, in extra-kurzen und -knappen Lederhosen und der Physiognomie eines jungen Otto Waalkes, hat das exotische Bild kurz getrübt; er war einfach zu laut und zu aufdringlich.
Dafür haben mich zwei weißgekleidete junge Mädchen, Emilie und Sylvia abgelenkt, die bei berührenden Geigenklängen inmitten eines großen Luftballons, eine zärtliche Geschichte tanzten.
Prächtig gekleidete junge Menschen auf Stelzen spazierten durch die Gänge und Fabelwesen aus fremden Welten mischten sich dazwischen.
Zwei Tage lang habe ich mir das angeschaut, war mittendrin und am Rande, habe es genossen und mit Freunden und Fremden geredet, habe gelernt und hinterfragt, zugehört und wirken lassen.
Es war wunderschön und inspirierend Menschen zu begegnen, die mittels ihrer persönlichen Phantasie, eigene, verzaubernde Welten schaffen und somit andere Menschen in eine für sie fremde Welt hineinziehen.
Ich bin wieder zurück in meinem Alltag, werde hier wohl noch lange den Schnee hüten und mir dazwischen immer wieder bewußt machen, daß ich ein Glückskind bin.
Ich habe wunderbare Freunde, Menschen die mich lieben und die ich zurückliebe, habe ein Leben das ich mir selbst ausgewählt habe und das ich genieße.
Ich lerne hinzu und darf mein Wissen und Können einsetzen und weitergeben.
Mir wird bewusst, wie kostbar Zeit ist und der wahre Luxus unserer Existenz.
Ich will mir klar machen, dass jeder Augenblick wichtig ist, ob ich ihn mit lesen, schreiben, arbeiten, reden, schweigen, zuhören, lieben, lachen oder nichtstun verbringe.
Whatever - ich bin einfach dankbar.
Es wird ein gutes Jahr, 2010, es wird ein schönes Jahr, 2010.