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- Fluchtpunkt

Montag, Mai 31st, 2010

Ich bin hineingeworfen aus der Ewigkeit der Zeit in ihre Endlichkeit.
Und doch streife ich die Flügel dieser Ewigkeit nicht ab, sie sind Teil vom Ganzen.

Wir wurden aus den Nestern gestoßen, wir sollten fliegen lernen.
Parallelwesen in Paralleluniversen in Parallelzeiten.

Ende gehört dem Anfang und ist unausweichlich.
Die Existenzgrundlage fürs Sein, nicht umgekehrt.
Die Langsamkeit dieser Existenz sollte ihre Strafe sein und doch schaffen wir uns Abhilfen.
Wir nehmen uns Menschen, Orte, Gegebenheiten - machen daraus das Flickwerk das wir Leben nennen.
Eine Decke die nie wirklich wärmen kann. Was fehlt ihr?
Zu löchrig? Zu dünn gewebt, schlechte Fäden?
Wir hatten niemals Anderes und bleiben scheinbar zufrieden.

Und nun dies.
Zwei wie wir.
Zwei Parallelleben.
Die meisten Schritte unseres Weges haben wir hinter uns,
hatten wir hinter uns,
an einem Tag
in einem Bahnhof
in einer Stadt
am Rande aller Welten.
Dabei sind unsere Zeiten in den Zeiten der Zeit, kleine Zeiten.
Wir sind ihre Wimpernschläge, mehr nicht.
Und innerhalb der Bewegung dieses einen Wimpernschlages trafen wir aufeinander.
War es von Bedeutung?
Es war ein Hinbewegen hin zu diesem Augenblick, und zu denen die folgen sollten.
Hin zum Fluchtpunkt, heraus aus den Parallelwelten, heraus aus der unbeweglichen Zeit der Existenz.
Bis zu diesem Augenblick erschien uns niemals fragwürdig, was das Leben war.
Wir lebten es.
Hatten wir uns gesehnt?
Ja.
Doch wonach, das hatte keine Namen.
Haben Gefühle Namen, wenn sie fremd sind?

Ich bin auf dich zugegangen, in dich hineingefallen.
Du hast mich aufgehalten, mir den Rahmen geboten in den ich mich schmiegte.
In einem einzigen Augenblick.
Dann gingen wir. Fremd und selbstverständlich. Warum auch nicht.

An Bahnhöfen fährt man weg oder man kommt an.Wir gehörten zu den Ankommenden. 
Aus den Paralleluniversen hin zum unvermeidlichen Punkt der Ankunft,als Ende gelebter Flucht.
Wer hat uns hierhergeführt?
Die ewige Weisheit?
Weil wir Teil von ihr sind?
Wir weigern uns immer noch sie zu erkennen.
Ist das der Teil in uns, der sich angepasst hat?
Das Ganze, das wir bis hierher schufen, wurde zu dem Teil der sich jetzt weiterbewegen wird.
Wir haben unsere Zeit angehalten um sie ihm mitzugeben.

Nun trägt dieser Teil, geschaffen aus unser beider Sein,unsere Seelen mitten in der allgegenwärtigen Zeit hinein in die Ewigkeit.
Dort kommen wir als Ganzes an, wo wir es mal als Einzelne verließen.

Wir werden wieder hineingehen in die Ewigkeit dieses Flusses und dafür sorgen, dass unser Sein ihn vermehrt,sich weitergibt,
und wieder und immer wieder
wiedergeboren wird als Teil der Zeit,
die sie ans Universum verschenkt.

Es ist so.
Wir sind längst ewig.
Wir sind längst ganz.
Wir sind längst geheilt.
Wir sind angekommen.


In MEMORIAM WOLFGANG END

Sonntag, April 18th, 2010

- Künstlerwochenende

oder……..
wie ich das erste Mal, zum Lesen, nach Bayern fuhr.

Es sollte ein kleiner Bericht über ein nettes Wochenende werden, einfach so.
Eine kleine nette Geschichte. Doch mir fielen mehr Worte dazu ein, als in kleine Geschichten üblicherweise so reinpasst.
Vielleicht wird es ja jetzt eine größere Geschichte, ohne dass sie zu einer großen Geschichte auswuchert.
Einfach eine Geschichte über zwei Tage in Bayern, über zwei Tage im Leben einer Italienerin die in Braunschweig lebt und auszog, ihre Geschichten und Gedichte in Puchheim, Oberbayern, vorzutragen.

Wenn ich an Bayern dachte, stellte ich mir stets den blauen Himmel vor mit weißen Wölkchen und saftigen grünen Wiesen dazu.

Seit bald neun Jahren ist mein Lebensmittelpunkt Braunschweig, eine mittelgroße Stadt in Niedersachsen, nordöstlich von Hannover. Wenn man von hier nach Norden schaut, dann liegt zwischen Braunschweig und der Nordsee nur noch das flache Land mit der wunderschönen Heide. Windig ist es bei uns hier oben, und wechselhaft, oft kühl doch nie wirklich kalt.
Warum ich das so detailliert beschreibe?
Nun, am 11. Juli 2008 reiste ich von eben diesem schönen Städtchen Braunschweig, das ich übrigens sehr liebe, Richtung München. Ich war eingeladen, nach Puchheim, zur Lesung meiner Texte im Zusammenhang mit dem Fest „Puchheim lebt”.
Mein guter Freund und wunderbarer Maler, Wolfgang End, bat mich, doch einfach einmal teilzunehmen und stellte mir sein Sofa unter dem Glasdach seines Ateliers zur Übernachtung zur Verfügung. Gerne stimmte ich zu und freute mich auf ihn, seine Bilder und das Happening in der Bahnhofstrasse.

Dieses Jahr waren wir hier verwöhnt worden mit dem guten Wetter. Der Norden Deutschlands lag seit Mitte Mai stets unter blauem Himmel und war gesegnet mit wärmenden Sonnenstrahlen. Die ersten grauen Tage seither habe ich deshalb schnell vergessen, denn ich konnte ja abreisen aus der mit grauen Wolken behangenen Stadt meines Herzens, Richtung Süden. So freute mich nicht nur auf Wolfgang und das Fest, sondern auch auf Sonne und Wärme.

Kurz gesagt, in München am HBf war es wirklich warm und stickig dazu; aber Bahnhöfe sind entweder heiß und stickig oder kalt und durchzugig, im wahrsten Sinne des Wortes.
Die S-Bahn brachte mich nach Puchheim und mit ihr in ein schwarzes Loch. Wirklich!
Ich kann es nämlich nicht anders beschreiben.
Freitagabend, kurz nach 20 Uhr, und der Himmel über Puchheim war nur noch eine dunkle bedrohliche Wand, die genau in dem Augenblick explodierte, als ich aus dem Zug stieg. Ich brauche nicht zu sagen, dass das am Ende des Bahnsteigs war, und ich, bis ich dann zur Überdachung kam, längst durchnässt war.
Ich sollte es wohl Regen nennen, was da auf mich herunterprasselte, doch es war nicht zu vergleichen mit dem Regen Norddeutschlands oder gar Italiens, dem feinen feuchten Schleier, der sich ab und zu über eine kleine norddeutsche oder gar mittelitalienische Stadt legt.
Naturelemente pur: in dem Augenblick wusste ich noch nicht, dass sie mir an diesem Wochenende mehrmals begegnen würden.

Netterweise stand Wolfgang End vor dem Bahnhof und neben ihm ein Auto.
Und so konnte ich, trockenerweise, den außergewöhnlichen Ort Puchheim näher kennen lernen. Zum ausdampfen und auch zum Abendessen führte Wolfgang mich dann in eine bayerische Gaststätte. Alles fremd für mich, insbesondere die Sprache. Ehrlich, dass sie so weit entfernt von Hochdeutsch klingt, war für mich neu und faszinierend zugleich. Irgendwann gab ich auf, etwas von dem verstehen zu wollen, was das freudige Volk am Tisch gegenüber redete. Außerdem stand eine große Portion Essen vor mir; unmöglich diese Menge zu schaffen. Ehrlich gesagt, ich habe sie, fast, geschafft, aber sie hat mich ganz geschafft. Das Essen war wirklich gut, auch wenn es „nur” ein Salat war. Dafür aber mit allem „drum und Dran”!
Ich sollte am folgenden Tag noch die Bekanntschaft mit Schweinebraten machen, doch dazu später mehr.

Offensichtlich war Wolfgang nicht so beunruhigt vom steten Regen wie ich. Er meinte, besser Regengüsse am Freitagabend als am Samstag und Sonntag.

Da ich Wolfgang leider nicht viel helfen konnte, ließ ich es zu, mich faul aufs Sofa zu legen und mir die rund fünf Stunden Zugfahrt aus den Knochen zu schlafen. Ich hatte ja Glück inmitten des Unglücks vieler Bahnkunden gehabt. Nur weil ich ausnahmsweise früher am Bahnhof war als vorgesehen; ich wollte mir in Ruhe noch etwas zu essen kaufen für unterwegs; erwischte ich den letzten Zug der noch Richtung Süden fuhr. Der hatte zwar auch ein Stunde Verspätung gegenüber seiner regulären Fahrzeit, doch die Züge danach fuhren erst mit mehrstündiger Verspätung weiter. Die Bahn hatte sich nämlich kurzfristig entschlossen, alle neuen ICE’s zu überprüfen und folglich standen keine Züge zur Verfügung, um alle ihre Kunden durch die Lande zu fahren. Diese mussten warten oder aber doch noch das umweltfeindliche Auto nehmen um in die Ferien zu gelangen.
Ich hatte es aber geschafft zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein.
Und so konnte ich also am Abend in Puchheim, mit vollem Bauch und nur leicht beunruhigt wegen dem nassen Wetter, friedlich einschlafen, nicht ohne vorher genüsslich und begeistert durch die „End”-Galerie meines Gastgebers gestöbert zu haben.

Wolfgang End hatte gemeinsam mit seinen Künstler-Kollegen von ARTtoUS nämlich ein „Happening” geplant in der Bahnhofstrasse von Puchheim. Alle sollten draußen ausstellen, lesen, performen oder wie auch immer. Das Happening war folglich wetterabhängig, vor allem weil es vorgesehen war, die Nacht von Samstag auf Sonntag auch draußen zu verbringen. Das hatten Happenings ja seit jeher so an sich, dass sie rund um die Uhr stattfinden. Jedenfalls zu deren Blütezeit war das so.
Ich fand die Idee sehr spannend, nicht nur weil es einfach wieder die Erinnerungen an früher hervorzauberte, sondern weil Kunstwerke sich verändern bei Nacht.
Sie werden geheimnisvoller, genauso wie die „Performances” und die Texte, die in die Nacht hinein gesprochen werden.

Ich freute mich sehr darauf. Hinzu kam, dass ich mir die Bahnhofstrasse als eine Strasse vorstellte, die voller Häuser und Läden, mitten im Ort Puchheim liegt.
Wie konnte ich nur so unwissend sein?! Aber das lehrt mich, mich vorher nicht über das Eine oder Andere zu informieren. Aber schön ist sie doch, die Bahnhofstrasse von Puchheim, das gebe ich im Nachhinein zu. Nur einfach anders als in meiner Vorstellung.

In meiner Unwissenheit glaubte ich am folgenden Morgen, der meist blaue Himmel, von dem zwischen diesen berühmten weißen Wolken die Sonne hervorlugte und auf meine Schlafstatt schien, würde einen bayerischen Sommer-Sonnentag versprechen. Und tatsächlich, morgens um acht Uhr haben Wolfgang End und ich, nur mit Sommerhose, Hemd und T-Shirt bekleidet, schon die ersten Austellungsgegenstände in der Bahnhofstrasse aus dem Auto gepackt.

Welch eine schöne Straße, Puchheims Bahnhofstrasse! Sie verband Puchheim Ort (2000 Einwohner) mit Puchheim Bahnhof (18000 Einwohner), lag inmitten von Kornfeldern und führte quer über Land.
Auf der einen Seite standen meist weiße Birken, so weiß wie ich noch nie welche sah und auf der anderen Seite alles alte Telefonmasten mit Porzellanköpfen. Und auf diese Masten durfte ich meine Texte befestigen. Ich tat es mit inbrünstiger Begeisterung. Dazwischen schmückte ich die Birken mit den Krawatten aus James Blackforest’s Fundus, einer der Künstler des Happenings, und hängte gemeinsam mit Wolfgang End, Bilder, Gemälde, Geschichten und Sonstiges zwischen und auf die Bäume.
Klaus Wiese bohrte seine Toten(m)bretter in den Wegrand und hängte ein farbiges Stuhlassortiment an Bäume und Seile;
Thomas Rumberg kam etwas später, begann aufzubauen und baute auch wieder schnell ab;
Glenn Rossiter wollte auf einem zwischen zwei Bäumen gespannten Band die vorbeiziehenden Puchheimer Bürger auffordern, ihre Gedanken zu ihrem Heimat- resp. Wohnort mit blauem Edding aufzuschreiben, doch das stürmische Wetter erlaubten Glenn und den Puchheimern keine niedergeschriebene Meinungsfreiheit;
Laura Elibol’s farbenfrohe und ideenreiche „Installation” flog teilweise mit dem Wind davon, während ihre Mutter nicht einmal beginnen konnte, die eigenen Bilder auszupacken;
Michael Kurz passte sich an und sägt noch vor Ort enorme Delfine aus Holz, die durchs gelbe Kornfeld „schwammen”. Kein Wunder dass das klappte, wo doch Wasser deren Element ist;
die Blätter mit meinen Texten waren widerstandsfähiger als von mir befürchtet und sie hielten sogar, mehr oder weniger, bis zu meiner Abreise am folgenden Tag;
Wolfgang End hatte neben vielen Installation und seinen beiden farbenfrohen und ziemlich wasserresistenten Ölbildern, eine größere Anzahl seiner lustig-liebenswerten Steckerlfische in die Wiese gesteckt. Die außergewöhnlichen Rautenfische zogen ihre imaginären Runden und fanden so auch Liebhaber, die sich bereit erklärten, dem Erhalt des Rautenfischs in Oberbayern ihre ganze Zu- und Hinwendung zu versichern;
und tatkräftig unterstützt wurden wir alle vom Web-Master des ARTtoUS-Vereins, Dietmar Wellmann.

Doch noch bevor am Samstagvormittag das Happening offiziell eröffnet werden sollte, nahm mich mein freundlicher Gastgeber mit zum „Schokolädchen”. Er hätte das wohl besser unterlassen sollen, denn seither bekenne ich mich öffentlich zu der Sucht nach Schokolade - und nur die vom „Schokolädchen”. Ganz im Ernst, wer kann da noch widerstehen?! Göttlich, sage ich, und einfach nur sündig und verführerisch gut! Doch, das geht zusammen, fragen Sie mich bitte nicht, warum.
Dass ich mich mit Pralinen für zuhause eindeckte; muss ich das wirklich noch betonen?!
Vorher hatte ich das „End”-Gedeck genossen, ich finde heute noch keine Worte für diesen Genuss. Der Cappuccino war sehr gut, und die drei Pralinen - ohne Worte. Und die Obstcreme…..hmmmm.
Dass es Rautenfisch-Pralinen gibt, wunderte mich nicht mehr, und auch nicht die Rautenfisch-Marmelade und der Rautenfisch-Likör. Probieren Sie die Köstlichkeiten, Sie werden mir zustimmen, es lohnt sich!

Zurück in der Bahnhofsstrasse, sprach Wolfgang End einen fatalen Satz:
„Ich rieche Regen!”.
Hat der Mann eine gute Nase! Nicht lange danach zogen immer dunklere und dichtere Wolken auf und kurz vor der „Band-Durchschneidung” fielen sie, die ersten Tropfen von Millionen, die in den nächsten beiden Tagen noch folgen sollten.
Ich flüchtete ins Auto, denn außer T-Shirt und dünner Jacke schützte mich nichts vor der Nässe. Dass genau im Augenblick einer kurzen Regenpause, die Honoratioren das symbolische Band zwischen Bahnhof und Ort (beides bekanntermaßen Puchheim) durchschnitten, haben mir die Künstlerkollegen erst später erzählt. Da war es zu spät.
Sie wurden nass - ich nicht.
Sie sind auf dem Zeitungsfoto - ich nicht.
Kismet!
Ab dann hörte es stundenlang nicht mehr auf zu regnen.

Wie schon geschrieben, einige Künstler gaben, zu Recht, auf, bevor es richtig anfing mit dem unaufhörlichen Niederschlag in Oberbayern, und so machten wir uns alle irgendwann gemeinsam auf den Weg zum „Unterwirt”. Und genau dort begegnete mir dann der bayerische Schweinebraten, in sämiger brauner Soße mit Knödel und Salat. Die Portion sollte wohl für zwei Tage reichen, aber man wundert sich doch, wie man über sich selbst hinauswachsen kann….
Sie verstehen, wie ich das meine, gell?!
Die Runde der ARTtoUS-Künstler genoss es, im Trockenen zu sitzen und selbst wieder einigermaßen trocken zu werden und dann, oh Wunder, draußen regnete es nicht mehr.
Freudig zurück in der Bahnhofstrasse, blickten wir erstaunt auf interessierte Spaziergänger. Die teilten uns dann mit, dass in der Zwischenzeit der erste Bürgermeister durch die Strasse gewandert war und sich über die fehlenden Künstler wunderte.
Kismet 2!

Dass es dann wieder anfing zu regnen, wunderte uns dann wiederum nicht mehr.
Was soll ich sagen: Kismet 3!

Den Samowar, der den Besuchern warmen Tee spenden sollte, ließ sich Wolfgang in der Gaststätte mit Wasser füllen, doch leider füllten ungeübte Hände den falschen Behälter, nämlich den mit den Heizstäben.
Die Folge davon war, dass der Samowar einen „Kurzen” hatte, der ewig lang hielt und somit war es aus mit heißem Tee. Armer Wolfgang, er hatte sich doch so sehr darauf gefreut, interessierte Spaziergänger freundlich zu empfangen.
Das taten wir dann auch, mit alkoholfreiem Sekt und kleinen Stücken selbst gebackenem Maismehl-Kräuterbrot, ein Rezept meiner italienischen Großmutter.

Gegen Abend verschwanden langsam die dunklen Wolken und machten Platz für einen umwerfend-schönen Sonnenuntergang. Nicht einmal Wolfgang End hätte ihn schöner hingekriegt - auf Leinwand versteht sich.
Während dieser kurzen trockenen Periode lernte ich dann die Puchheimer kennen, die sich wagten, im Feuchten die übrig gebliebenen Kunstwerke der Bahnhofsstraße anzusehen.
Reiter auf Pferden, Autofahrer (auch wenn die Strasse gesperrt war), Radfahrer, alte und junge Leute, mal auf Stock oder Regenschirm gestützt, in kurzen Hosen und Sandalen, manche nachfragend, viele schweigend und doch einige redend und kommentierend.
Man(n) lehrte mich den Unterschied zwischen Ober- und Unterbayern, dass es für Baden-Württemberger keine Einreisegenehmigungen mehr gibt, dass die grünen Wiesen und die vielen Seeen nicht von selbst entstehen sondern dank dem vielen Niederschlag, dass es ein Vorurteil ist, sich Bayern blau-weiß-grün vorzustellen und dazwischen nur noch Kühe und Schuhplattler, dass die Stadtgrenze Münchens hinter dem nächstgelegenen Feld beginnt, dass es innerhalb eines Ortes Grenzen zwischen den Menschen gibt die auch nach Jahren nicht abbaubar sind, dass nicht jeder Bayer bayerisch spricht und die meisten Bayern auch hochdeutsch verstehen…..
Ein netter Herr mit lustigen Augen, auf Fahrrad, suchte sich den schönsten Steckerlfisch aus. Es stellte sich für mich nachher heraus, dass es der zweite Bürgermeister von Puchheim ist. Wenn schon nicht den ersten, so habe ich wenigsten den zweiten der Oberen Herren kennen gelernt. Ich gebe zu, ein freundlicher Mensch!
Ich lernte einen Verleger kennen der mich nicht verlegen machte, aber mich vielleicht verlegen mag, einen angeblichen Schauspieler mit freundlicher weiblicher Begleitung, Menschen die einfach nur nett und zuvorkommend waren und interessant dazu!
Dann kam noch Ruth Gemeinhardt vorbei, Journalistin beim Münchner Merkur, und erhielt eine persönliche Führung über die Künstlermeile der Bahnhofsstraße von Wolfgang End, Klaus Wiese und Dietmar Wellmann.
Wir schlossen das Happening wegen wieder einsetzendem Regen, ließen die Kunstwerke stehen und hofften auf einen sonnigen Sonntag.
Als Abschluss des Samstag Abends blieb uns noch ein Besuch des PUC, ein Muss für jeden Besucher Puchheims. Dass es ein architektonisch außergewöhnliches Kulturzentrum ist, hatte mir schon einer der freundlichen Besucher unserer Kulturmeile verraten. Ich lauschte der heißen Musik einer jugendlichen Band, aß eine sehr schmackhafte Bratwurst, trank endlich ein bayerisches Bier und fühlte mich wunderbar.

Selten habe ich mich so sehr auf ein Sofa gefreut, wie auf das in Wolfgang End’s Atelier. Ich schlief selig und auf Sonne hoffend ein und wachte früh morgens vom steten Regen auf das Atelierdachfenster wieder auf.
Es wurde nicht einmal richtig hell und nach fast zwei Stunden nutzlosen Wartens, beschlossen mein Gastgeber und ich, in Puchheims einzig geöffnetem Café zu frühstücken.
Ich gebe zu, es war ein herrliches Frühstück und die Bedienung kam sogar aus Norddeutschland. Endlich verstand jemand, wenn ich ein Brötchen bestellte anstatt einer Semmel, wenn ich Brezel sagte und nicht Brezln usw. So wuchs mir Puchheim, und damit Oberbayern, noch mehr ans Herz.

Wer Wolfgang End kennt, weiß, dass er voller Ideen und Überraschungen steckt. So auch jetzt.
Klar war, wir konnten im strömenden Regen nicht stundenlang draußen hocken bleiben. Fraglich blieb sowieso, ob sich Menschen einstellen würden, um die wenigen, noch übrig gebliebenen Kunstwerke zu studieren.
So nahm Wolfgang, Felix den Waschbär, eine Handpuppe, und setzte sie auf den Tisch, an dem wir Künstler hätten draußen sitzen sollen. Felix teilte per Zettel den eventuellen Besuchern mit, die Künstler XYZ hätten sich ins Trockene zurückgezogen und für eventuelle Fragen sollten sie sich an Wolfgang End in Puchheim wenden.

Wie erstaunt wir waren, Spaziergänger im Regen unter Schirmen auf der Allee zu erblicken, können Sie sich vielleicht vorstellen. Geduldig standen diese vor den Kunstwerken und gingen sogar vor den Telefonmasten auf und ab, um die Gedichte und Geschichten zu lesen.
Dass meine Lesungen ausgefallen waren, tat mir ja Leid. Aber als ich die Menschen im strömenden Regen vor meinen Texten sah, war ich so sehr berührt, dass ich wusste, auch noch der größte Erfolg bei der Lesung hätte das nicht wett machen können, was ich in dem Augenblick empfand.
Ich möchte mich im Nachhinein nochmals bei allen Menschen aus Puchheim bedanken, die sich diese Mühe gemacht haben.
Sie können nicht ermessen, was Sie mir damit geschenkt haben!

Aber trotzdem hatte es keinen Sinn, sich in die Nässe zu hocken. Und so zeigte mir mein so liebenswerter und höflicher Freund Wolfgang End, seine Adoptivheimat.
Er fuhr mich durch Puchheim und danach nach Fürstenfeldbruck. Ich war beeindruckt von dem Abtei-Komplex, der wunderbaren Barockkirche, der Ausstellung und war erschlagen vom Windbeutel in der Gaststätte. Aber einen Windbeutel mit Malzsahne musste ich doch probieren, das müssen Sie doch einsehen…!

Zurück im Atelier, packte ich meine Koffer fertig, wickelte ein wunderschönes Frauenportait, „Monika”, gemalt von Wolfgang End in seiner zweiten Schaffensperiode, in wasserdichtes Einpackmaterial, sattelte den geschenkten Tuchsitz und meine Tasche.

Dann setzte ich mich in einen Sessel und schaute mir nochmals mit Genuss alle möglichen Bilder von Wolfgang an und auch die von James Blackforest. Dessen Minimalismus ist unvergleichlich und stets überraschend. Dafür strotzen Wolfgangs Werke vor Lebendigkeit und Ausdrucksfähigkeit. Ich konnte mich nicht satt sehen, denn sie sind so umfangreich und sehr aussagekräftig.
Irgendwann musste ich zum Münchner Hauptbahnhof gefahren werden. Vorher hatte ich nur noch die Möglichkeit, als kleines Dankeschön, meinem Gastgeber meine gesammelten Texte, mit Widmung, zu schenken. Es war mein erster gebundener Band überhaupt.
Zum Abschied tranken wir beide noch einen Cappuccino im HBf und als mein Zug Richtung Norden fuhr, fühlte sich meine Welt einen kleinen Augenblick leerer an als die beiden Tage zuvor.

Seither sehe ich täglich „Monika” in meinem Flur hängen, die mir mit ihrer Präsenz bestätigt, dass ich dieses außergewöhnliche Wochenende nicht nur geträumt habe.

Vielen Dank allen Menschen aus Puchheim, den Künstlern von ARTtoUS und vor allem Wolfgang End, für ihre Freundlichkeit, ihre Zuvorkommenheit und die Freundschaft!
Ich werde gerne wiederkommen, egal welches Wetter auch sein wird!

Ghita Cleri
Braunschweig im Juli 2008

Nachtrag:
Wenn ich jetzt an Bayern denke, stellte ich mir noch immer den blauen Himmel vor mit weißen Wölkchen und saftigen grünen Wiesen und dazwischen ab und zu eine gescheckte Kuh.
Und dazu noch nette Menschen, liebe Freunde, einen Laden mit Schokolade und Windbeutel, einen Ort, in dem die Bahnhofstrasse einsam mitten zwischen Feldern liegt, unvergleichliche Sonnenuntergänge und nicht zu vergessen: einen Haufen Regenschirme!

 

- UnWesentliches

Mittwoch, März 31st, 2010

Wären wir damals nicht zum Strand gefahren, ich hätte die Muschel nicht finden können, die ich jetzt in Händen halte und die mich an den bestimmten Augenblick erinnert, als ich mich nach ihr bückte.
Damals hörte dein Lachen im Hintergrund, sah aus den Augenwinkeln wie du zwei Kindern mit ihren Hunden zuschautest die im Wasser tollten.
Du hast Hunde immer sehr geliebt, im Gegensatz zu mir. Ich mag Katzen. Das hat uns nicht gestört, wir hatten weder Katz noch Hund.
Wir hatten auch keine Kinder.
Als man uns damals sagte was auf dich zukommen würde, riet man uns gleichzeitig davon ab Kinder zu bekommen. Wir sollten das Leben, unsere gemeinsame Zeit, genießen, meinten sie. Wir hielten uns daran.
Du wärst mir nur ein paar wenige Jahre geblieben, laut den Aussagen der Spezialisten.

Wir nahmen ihre Worte ernst.
Wir reduzierten unser Leben auf das Wesentliche. Wie?!
So, wie wir damals das Wesentliche definiert hatten.
Wenig besitzen, viel Zeit nutzen, wenn möglich miteinander, nicht an morgen denken, nicht auf morgen handeln - nur jeden Augenblick wichtig sein lassen.
Warum ein Kind, wenn es so früh keinen Vater mehr hätte und die wenige uns verbliebene Zeit für seine Interessen geopfert werden müsste?
Warum einen Hund, der viel Zeit und Raum und Geduld in Anspruch nimmt.
Warum eine Katze, die schlussendlich auch bindet.

Auf diese Weise begann unser Weg nach deiner Diagnose. Unser gemeinsame Weg davor war kurz gewesen, wir waren doch erst Ende zwanzig.
Blieben wir deshalb zusammen, weil wir noch so jung waren und noch voller Ideale für Liebe?
Jetzt, mit der Muschel in der Hand, frage ich mich, ob ich mit dem Wissen von heute auch so entscheiden würde. Ich kann es nicht beantworten.

Am Anfang warst du zurückhaltend, suchtest das Alleinsein. Ich litt. Dann haben wir geredet und Entscheidungen getroffen. Der Bausparvertrag wurde aufgelöst, eine neue Wohnung, kleiner, war schnell gefunden, ein bequemes Auto und kein sportliches mehr….
Wir fokussierten unser Leben nur auf uns selbst.
Ich ging nur noch kurze Zeit arbeiten, denn unsere finanzielle Situation erlaubte es. Du warst sowieso immer von zuhause tätig als freier Journalist. So waren wir fast ungetrennt zusammen.
Wir teilten uns den Alltag auf, ich kümmerte mich um all das was dir das Leben leichter machen könnte damit du dich um deine Interessen kümmern konntest.
Wir machten Reisen; du wolltest noch viel sehen. Irgendwann würden deine Beine sowieso nicht mehr mitmachen und deine Augen auch nicht. Und schieben lassen auf einem rollenden Stuhl durch Urwald oder Canyon wolltest du schon gar nicht. Ich hätte es für dich getan, das wusstest du.
Wir fingen an uns zu isolieren, brachen die meisten Kontakte ab. Nur wenige blieben, die zur Familie oder ganz engen alten Freunden.
Du wolltest, wenn es nicht mehr zu übersehen wäre, niemandem Erklärungen abgeben.
So merkten wir nicht, wie wir langsam immer mehr auf der Oberflächlichkeit des Lebens trieben. Mich nach deinem Befinden zu erkundigen hatte ich längst aufgehört: damit du nicht immer an deine Krankheit erinnert würdest.
Im Nachhinein war mir, als ob das Ignorieren deiner Krankheit einen Einfluss auf ihren Verlauf hatte. Denn die Jahre liefen weiter, wir füllten sie mit unseren Wesentlichkeiten die wir nicht mehr nachfragten und merkten nicht, dass die Zeit, die dir damals gegeben wurde, längst überschritten war.
Kleine Unpässlichkeiten ab und zu, waren noch Anstoß zum erinnern, doch auch diese Unpässlichkeiten wurden geringer.
Anfangs gingst du regelmäßig zu Untersuchungen und dann immer weniger. Wann du das letzte Mal dort warst habe ich dich nie gefragt. Auch das habe ich geflissentlich ignoriert. Wir teilten jede mögliche Zeit miteinander, nur deine Krankheit behieltst du als Ganzes für dich allein. Vielleicht hat mir dein Verhalten auch gepasst, es hat mir das Nachdenken weggenommen.
So verging die Zeit, wir haben die Jahre selten gezählt. Wir waren damit beschäftigt, sie mit Wesentlichem zu füllen weil wir für Unwesentliches keine Zeit opfern wollten.
Wir waren fast immer zusammen und merkten nicht, wie wir uns entfremdeten.
Was sollten wir uns denn noch erzählen, außer über neue Reisen, alte Reisen, Gegenstände der Erinnerungen, Literatur, Kultur, Kunst, Fernsehsendungen oder Radioreportagen, ich probierte neue Rezepte aus, las und schrieb und nähte. Wir strichen regelmäßig die Wohnung, dekorierten sie ab und zu um, kauften das eine oder andere Möbel neu, gingen in die Stadt oder in den Park, schauten den Leuten zu und nach. Manchmal, nächtens, wenn du mich liebtest, dann erschrak ich weil ich mich fragte, wer der Mann in mir ist. Ich habe es stets sofort verdrängt. Wir liebten uns nicht oft, eigenartig. Wir liebten uns doch, nicht wahr….?!

Wir hatten dein Todesurteil akzeptiert, damals, und es als Menetekel über unser Leben hingenommen.
Wir lebten mit dem Bewusstsein, dass deine Lebenszeit kurz sei.
Zwanzig Jahre lang lebten wir mit diesem Bewusstsein und den daraus entstandenen Entscheidungen. Waren sie richtig? Heute stehe ich hier, mit einer kleinen weißen Muschel in der Hand und frage mich das zum ersten Mal wirklich.
In der Zwischenzeit hätten wir schon mehr als einen Hund haben können, in einer schönen Wohnung am Rande der Stadt leben oder einem kleinen Haus im Moor, eine Katze vielleicht noch dazu, unser Kind wäre erwachsen; würde es studieren wäre es schon nicht mehr zuhause.

Was hatten wir uns zu leben gelassen? Was hatten wir uns genommen in der Überzeugung, uns nur das Wesentliche vom Leben mitzunehmen?
Was haben wir davon gehabt? Haben wir etwas verloren dabei?

Heute weiß ich, das Schlimmste war, wir hatten die Freude am Leben abgelegt, diese Freude die entsteht, wenn das Unwesentliche einen streift.
So, wie wenn man eine Muschel aufhebt und noch eine und noch eine und sie dann alle noch feucht und sandig, in die Jackentasche steckt. Man schaut in die Sonne, setzt das Gesicht dem Wind aus und freut sich über den Augenblick.

Wir wollten das Leben konsumieren, wir wollten es füllen und im Zeitraffer leben, damit wir soviel wie möglich mitbekommen.
Aber wir alle haben allein nur die Zeit, die wir uns nehmen.
Haben wir wirklich gelebt und war es richtig?

Vor ein paar Wochen bist du dann für immer gegangen. Nicht deine Krankheit war die Ursache sondern ein Verkehrsunfall. Du überquertest eine Straße in der Stadt und ein Autofahrer hatte die Ampel übersehen. Es ging so schnell.
Ich wollte es anfangs nicht glauben. Ich begriff, dass ich niemals Angst hatte um dich, niemals annahm, dir könnte sonst etwas passieren als das, was man dir vor vielen Jahren androhte, nur diese Krankheit allein deinem Leben ein Ende bereiten würde, sonst nichts.
Ich habe nie aufs das Leben geschaut, immer nur auf den Tod.

Wir beide dachten, wir hätten das Leben im Griff, so lange es uns bleibt.
Wir dachten, wir hätten unser Leben so geplant, dass uns das größt- und bestmögliche geboten wird so lange es geht.
Wir haben so sehr an die vorhergesagte Zukunft geglaubt und sie als einzigen Maßstab genommen. Wir haben uns von Anfang an dem Ende ausgeliefert ohne ein „Dazwischen“ zu haben.
Und so haben wir uns niemals gefragt was wir brauchen sondern immer nur entschieden was wir wollen. Wir existierten nach Plan.


Das Leben spielt aber nicht mit.

Irgendwann hört es auf, für jeden. Die Zeit dazwischen ist das Geschenk. Wir haben uns bloß geweigert es auszupacken weil uns gesagt wurde, wir müssten es bald zurückgeben.

Ich denke an den Tag als ich nach der Muschel griff, ich höre dich über die Kinder und die Hunde lachen und sehe immer noch deinen sehnsüchtigen Blick….

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- Musik am Wasserturm

Sonntag, März 1st, 2009

Werden Gefühle erwachsen?

J.S.Bach - Passacaglia c-moll (Orgel)

Der Raum so voll, die Menschen noch hüstelnd und sich auf ihren Stühlen hin und her bewegend, in Kissen-Kuhlen drückend für die kommende Zeit, die gefüllt sein wird mit Musik. Die meisten blicken noch um sich, bis plötzlich die vorne Sitzenden anfangen zu klatschen.
Der Meister, Gastgeber und Musiker in einer Person, steht neben der Orgel und wartet auf die Ruhe. Diese folgt unverzüglich. Man kennt sich hier, und man kennt sich hier aus.
Er legt sehr viel Wert darauf, dass alle begreifen, warum und weshalb er genau die Stücke spielen wird die er spielen wird.

Um mich herum Dunkelheit. Als einziges Licht die Lampe über den Notenblättern vor dem Manual der Orgel.
Bach, am Anfang kalt und fremd weil elektronisch-orgelnd klirrend, bis die ersten Töne sich in Musik wandeln und das Ganze Konturen bekommt.
Ich steige ein und lasse mich langsam fallen.
Bach - Gottes Hauskomponist, sagen die Prosaischen.
Sollte ich ihn deshalb weniger mögen? Er berührt mich immer wieder, seine Musik -so alt und wohlbekannt, benutzt und verfremdet. Noten wie eine Leiter zum aufsteigen in klare Himmel.

Der Saal, weit und frei bis unter des Hauses Dach, bekannt und doch stets neu erfühlt und mittendrin der Steg! Des Meisters Laufsteg aus hell glänzendem Parkett, lädt mich ein darauf zu tanzen, in Gedanken bloß, ansonsten wäre es Blasphemie.
Dieser besondere Raum: so hoch, weit und rund.
Auf der einen Seite sitzen die Zuhörer im Halbrund und ihnen gegenüber wenn auch weit weg und geteilt vom legendären Laufsteg, die Plattform mit Orgel und klangschönem Schimmel-Klavier.
Dass seitlich vom Steg der Boden fehlt und ersetzt wird durch engmaschige Netze die den Blick auf eines der Wohnzimmer freigeben, lässt auch die Distanz zwischen Musiker und Zuhörer aufs deutlichste bewusst werden. Es dient als Übergang von einer Welt in die Andere: hier das irdisch-menschliche Dasein, und dort die unantastbare himmlische Welt der Töne. Allein noch die Noten-Umblätterer werden auf der andern, heiligen, Seite geduldet.

Bach hält mich gefangen, nicht in engen Fesseln, sondern in leichten feinen Schnüren, die mich sanft ziehen - in eine Musiklandschaft, von der ich mich bereitwillig erfüllen lasse.

J. Brahms - Bearbeitung der chançonne d.moll von J.S.Bach (Klavier)

Klänge, noch anpassungsnötig fürs Ohr nach den lauten Orgeltönen, ziehen mich aus meiner Lethargie. Ich fange an auf ihnen zu spazieren, mit ihnen weiter zu gehen.
Sie nehmen mich mit, wir wandern durch den Raum. Ich schwinge mich gemeinsam mit ihnen hoch hinaus und balanciere auf den Balken, die das hohe Dach des Hauses tragen. Lachend locken mich diese verzaubernden Töne und werfen mich auf mich selbst zurück.
Dann geleiten sie mich wieder in meine Haut hinein und streicheln sie zart und um Verzeihung bittend.


J.Haydn - Variation f-moll (Klavier)

Klare leichte Töne, hell und sonnig. So fremd, doch wie von ewig her vertraut.

Ich blicke nach oben, fühle mich einsam.
Dort, durch die vielen großen Fenster inmitten des hohen Daches, sehe ich in der Abenddämmerung die Spitzen hoher Bäume.
Der alte Wasserturm neben dem Haus gehört zum Stadtpark, dessen Bäume dort schon lange ihren festgewachsenen Platz haben. Ihre Kronen wiegen sich im leichten Herbststurm. Es ist ein normaler Novemberabend. Grau, feucht, windig, nordisch.
Auf einem der Fenster liegt ein Blatt, hingeweht und allein gelassen. Es klebt an seinem Untergrund und ich frage mich, ob es dort bleiben will. Es wird nicht wegfliegen bis ein mitleidiger Wind es trocknet und mit sich hinweg trägt.
Wäre es lieber ein freies Blatt, das sich wirbelnd vom Herbststurm hinweg tragen ließe, um in einer Rinne zu landen, oder bliebe es lieber in der Gesellschaft vieler Blätter unter den feuchten Sohlen eines Kinderstiefels kleben?
Will es auf der Schulter eines kleinen Jungen landen und in einer warmen Küche vom Pullover weggestreift werden?
Und klebte ein zweites Blatt neben ihm, wäre seine Einsamkeit genauso groß? Würde es weiterträumen von endlosen Flügen mit dem Herbstwind, von weiten Feldern, tiefen Flüssen, Bergen hoch und weit, trockenen Springbrunnen und modrigen Bachufern?
Was, wenn alle Blätter solche Träume haben?

Das Blatt ruft mich immer wieder, sobald ich meinen Blick von ihm abwende.
Es klebt hilflos, so wie ich.
Doch ich weiß, dass ich gehen werde, wenn es denn so weit ist. Wohin auch immer.
Der Himmel über uns dunkelt immer schneller.


F.Busoni - Bearbeitung der chanconne d.moll von J.S.Bach (Klavier)

Wie unterschiedlich doch das gleiche Thema bearbeitet sein kann.
Emotions- und tongewaltig, aufbrausend, zärtlich, sogar wehmutsvoll zum Schluss hin, um dann am Ende sich in einer Art Schmerz aufzubäumen.

Das Blatt zieht an meinen Blicken, und ich will es trösten. Ich weiß, es ist nicht allein.
Und dann entdecke ich am Nebenfenster weiter unten ein zweites Blatt. Ich freue mich und hoffe, beide könnten sich einen, sich verbinden auf eine Art, die ich nicht zu definieren fähig bin. Blatt-Union?

Ich schaue blicklos in den dunklen Himmel und ahne die Schatten der hohen Baumwipfel.



Pause.

Ich will die Menschen nicht um mich herum. Neunzig seien es heute Abend, außergewöhnlich viele, meist sind es nur zwanzig, höchstens dreißig.
Irgendjemand drückt mir ein Glas Prosecco in die Hand und ich sehe den Meister vorbeihuschen, neben ihm sein kleiner Sohn mit der Katze im Arm.

Ich will mich nichts fragen, will nur sein.
Wie soll mir das gelingen? Als Unbourgeoise inmitten der Großbourgeoisie, die nicht einmal groß ist, sondern nur laut.
Ich denke an den Tag der gestern heißt, und an Tage die Vergangenheit sind.
Manchmal noch sehne ich mich, so wie die Töne von eben sich gesehnt haben.
Und doch wissend, dass ich nicht wissen will, wonach.
Zeitfragmente, Augenblicke einzeln abrufbar.
Ich wollte weglaufen um mich bloß nicht wohl fühlen zu müssen.
Wollte weglaufen, um bloß nicht weggeschickt zu werden, wollte weglaufen um nicht sehnen zu müssen, wollte weg um nicht bleiben zu wollen. Wollte weg.
Und jedes Mal flüchtete ich. Der Zeitpunkt war immer der richtige, auch wenn es manchmal nicht meiner war.
Ich tat was gut und richtig war, nämlich Nähe vermeiden wenn ich es nur schaffte.

Jetzt und hier, in diesem Raum mit den Menschen und den Restklängen von Musik, beginne ich nach mir zu suchen.
Leid sollte sie mir längst tun, die verlorene Hingabe an Träume die jung bleiben wollen, an Träume die sich weigern mit mir zu altern und sich mir anzupassen.
Träume, die vernünftig geworden und angepasst, bleiben übrig.
Schreie! Ich schreie. Hört mich keiner? Ein Glück.

Keine Menschen mehr um mich herum, sie gehen die Treppe hinauf zum Raum der Musik. Sie brauchen noch einige Minuten, bis sie sich auf ihren Plätzen wieder eingekuhlt haben.
Ich schreibe längst in Gedanken.
Und wenn ich wirklich schreiben würde?, denke ich.
Wenn ich all das schreibend sagen würde, was mich so bewegt?
Was hätte ich davon?, denke ich mir.
Ich versuche einzuschätzen, was es bedeuten würde.
Alle erschlagen, kommt mir sofort in den Sinn.
Alle erschlagen mit meinen Worten und all dem was sie tragen.

Ein Mensch der schreibt, will gelesen werden.
Ein Mensch der malt, will geschaut werden.
Ein Mensch der Musik macht, will gehört werden -
alle brauchen sie die Gewissheit, dass man sie liest, sieht, hört.
Doch tun sie es allein für ihre Gegenüber oder auch für sich selbst?
Könnte ich damit umgehen? Mit den Konsequenzen des schreibens?
Des fühlens?
Wie wäre das, an nichts anderes denken als an den Augenblick, ihn einfach zu leben, so wie jede Sekunde sich mir bietet, nicht an ein verlebtes gestern denken und ein ungelebtes morgen? Nur jetzt, nur sein? Und mit jedem Augenblick des Seins, das Leben gehen und sich ihm ergeben?
Sich fallen lassen, nicht mehr denken,
nicht mehr müssen, nicht mehr sollen, nichts wollen -



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einfach sein……..