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- er kam, sah und siegte…

Sonntag, Februar 21st, 2010

….dann ging er.


Er hat mich verlassen!

Ich hatte einen Kater.
Ein Kater hatte mich.
Wenn mein Leben ein Ziel hatte, ein Zentrum, einen Fixpunkt - dann war er das.
Alles drehte sich um ihn!

Seit fast viereinhalb Jahren plagte mich das tägliche Gewissen, vor allem, wenn ich nicht zur rechten Zeit nach Hause kam.
Dass die rechte Zeit die war, an der er miauend vor der Tür stand und sein täglich Futter forderte, ist wohl klar. Anfangs dachte ich noch, er hätte mich vermisst, wenn er diese klagenden Töne an mich richtete.
Doch diesen Gedanken legte ich schnell wieder ab.
Mir war meine wahre Bedeutung immer klar. Ich nahm das demütig an und richtete mich danach.
Ich tat für ihn was ich konnte, mehr noch, und dennoch konnte ich seinen Wünschen nicht immer gerecht werden .
Er bekam das beste Fressen das ein felines Lebewesen sich überhaupt vorstellen kann.
Er bedachte mich mit einem fast verächtlichen Blick aus seinen unergründlichen grauen Augen, wenn ich ihm mit säuselnder Stimme die neueste Menü-Errungenschaft vorlas, die ich besorgt hatte.
Wehe, ich traf seinen Geschmack nicht - dann bestrafte er mich mit Ignoranz und herablassender Verachtung. Im schlimmsten Fall verließ er mich für drei Tage ohne eine Spur zu hinterlassen -
außer dem vollen Napf an seinem angestammten Platz, bis er irgendwann zurückkam, sich in sein Zimmer verzog, und es huldvoll zuließ, dass ich ihn überfreudig begrüßte.

Er hat seine eigene Decke, aus Kaschmir. Nein, lange hält die nicht. Er hat diese Milchtritt-Angewohnheit.
Ich muss es gestehen, ich hasse die. Doch nehme ich liebendgerne die Kratzer in Kauf, die er an meinen Armen und Beinen zurückläßt. Ich fühle mich dann geehrt durch seine Aufmerksamkeit.
Das Geld für neue Kaschmirdecken beschaffe ich mir mit Nebenjobs. So eine Decke ist schon eine teure Angelegenheit. Aber er mag nur die!

Ramses, so nannte er sich. Nein, nicht dass er mir in einer zutraulichen Minute seinen Namen in mein Ohr geschnurrt hätte - es ist bloß der einzige Name auf den er geruht zu reagieren, wenn ich ihn denn rufen darf.

Und nun warte ich schon seit sieben Tagen auf seine Rückkehr.
Es war nicht das Essen, denn der Napf ist leer. Es war nicht die Milch, es war die aus dem Feinkostladen.
Es sind auch nicht die eventuell falschen Schleckersticks, denn ich kaufe sie immer an der richtigen Stelle. Er unterscheidet sehr genau zwischen Billigware und Edelkost.

Mein Bett war längst seins; kein menschlich-männliches Wesen wagt sich mehr hinein.
Ich habe immer neue Gardinen, damit er sie zerreißen kann.
Das Sofa ist Tabuzone für mich und Gäste habe ich sowieso keine mehr.


Ich glaube, es liegt am Rechner. Denn in letzter Zeit, und erst recht seit ich bei dieser Forum angemeldet bin, saß er schmollend vor dem Schirm und fuhr regelmäßig mit seinem Schnäuzchen über dessen helle Fläche.

Als er jedoch mit den Krallen drüber fahren wollte, musste ich ihn notgedrungen stören. Das konnte ich doch nicht zulassen, es hätte den Schirm seine Existenz gekostet und mich einen neuen Bildschirm.

Dann setzte sich Ramses demonstrativ auf die Tastatur.

Und nun muss ich es zugeben: ich habe ihn runter geschmissen.

Und das nicht nur einmal.


Ich glaube, das hat er mir nicht verziehen.

Beim letzten Mal, vor sieben Tagen, ich war ja noch nicht lange angemeldet, da geschah es dann.

Er hat mich nur noch traurig angeblickt. Ich hatte mich in Rage geschrieben mit einem Artikel für das Forum und den verwirrten Ramses einfach verscheucht und ignoriert.


Nicht nur, dass er mir das scheinbar nicht verzieh, ich selbst verzeihe es mir auch nicht.

Denn er ging, wortlos.

Ich dachte, er ginge bloß seine üblichen Wege durch die Straßen, seine Weiber besuchen, seine Nachtrunde drehen, Kontrollgang machen und dann zurück zu mir.


Er kam nicht mehr wieder.


Heute Nachmittag, als ich die Straßen nach ihm absuchte und hunderte Kopien mit seinem Foto und seiner Beschreibung an jeden Baum und jeden Lichtmasten pinnte, sah ich hinter einer zerrupften Gardine, graue Katzenaugen leuchten.

Direkt in meine Augen.

Dieser Blick - unverkennbar Ramses, dachte ich sofort.


Ich klingelte, niemand öffnete. Mein Klopfen an das Fenster rief nur die Nachbarin nach draußen. Sie konnte mir nicht sagen, ob die von nebenan die Katze schon länger haben. Aber unheimlich sei ihr das Viech schon, meinte sie zum Schluss.


Bevor ich weiterging, spürte ich ein Kribbeln in meinem Genick.

Ramses. Nur er allein, nur sein mir so vertrauter durchdringender Blick, löste stets solche Schauder bei mir aus.

Ich blickte zurück - er wandte seinen Kopf ab und verschwand in der Dunkelheit des Raums hinter ihm.

Ich dachte, mein Herz müsste zerreißen.


Verdammt!!!


Soll er bleiben wo er ist, jawohl!!

Ich hole mir morgen einen Hund aus dem Tierheim.

Nicht zu groß, nicht zu wild, egal….

Hauptsache keine grauen Augen.

Und auf “Ramses” darf er auch nicht hören!


Und vorher kaufe ich schon bei Aldi Hundefutter…..

- Fluchtpunkt

Donnerstag, Februar 4th, 2010

Ich bin hineingeworfen aus der Ewigkeit der Zeit in ihre Endlichkeit.
Und doch streife ich die Flügel dieser Ewigkeit nicht ab, sie sind Teil vom Ganzen.

Wir wurden aus den Nestern gestoßen, wir sollten fliegen lernen.
Parallelwesen in Paralleluniversen in Parallelzeiten.

Ende gehört dem Anfang und ist unausweichlich.
Die Existenzgrundlage fürs Sein, nicht umgekehrt.
Die Langsamkeit dieser Existenz sollte ihre Strafe sein und doch schaffen wir uns Abhilfen.
Wir nehmen uns Menschen, Orte, Gegebenheiten - machen daraus das Flickwerk das wir Leben nennen.
Eine Decke die nie wirklich wärmen kann. Was fehlt ihr?
Zu löchrig? Zu dünn gewebt, schlechte Fäden?
Wir hatten niemals Anderes und bleiben scheinbar zufrieden.

Und nun dies.
Zwei wie wir.
Zwei Parallelleben.
Die meisten Schritte unseres Weges haben wir hinter uns,
hatten wir hinter uns,
an einem Tag
in einem Bahnhof
in einer Stadt
am Rande aller Welten.
Dabei sind unsere Zeiten in den Zeiten der Zeit, kleine Zeiten.
Wir sind ihre Wimpernschläge, mehr nicht.
Und innerhalb der Bewegung dieses einen Wimpernschlages trafen wir aufeinander.
War es von Bedeutung?
Es war ein Hinbewegen hin zu diesem Augenblick, und zu denen die folgen sollten.
Hin zum Fluchtpunkt, heraus aus den Parallelwelten, heraus aus der unbeweglichen Zeit der Existenz.
Bis zu diesem Augenblick erschien uns niemals fragwürdig, was das Leben war.
Wir lebten es.
Hatten wir uns gesehnt?
Ja.
Doch wonach, das hatte keine Namen.
Haben Gefühle Namen, wenn sie fremd sind?

Ich bin auf dich zugegangen, in dich hineingefallen.
Du hast mich aufgehalten, mir den Rahmen geboten in den ich mich schmiegte.
In einem einzigen Augenblick.
Dann gingen wir. Fremd und selbstverständlich. Warum auch nicht.

An Bahnhöfen fährt man weg oder man kommt an.Wir gehörten zu den Ankommenden. 
Aus den Paralleluniversen hin zum unvermeidlichen Punkt der Ankunft,als Ende gelebter Flucht.
Wer hat uns hierhergeführt?
Die ewige Weisheit?
Weil wir Teil von ihr sind?
Wir weigern uns immer noch sie zu erkennen.
Ist das der Teil in uns, der sich angepasst hat?
Das Ganze, das wir bis hierher schufen, wurde zu dem Teil der sich jetzt weiterbewegen wird.
Wir haben unsere Zeit angehalten um sie ihm mitzugeben.

Nun trägt dieser Teil, geschaffen aus unser beider Sein,unsere Seelen mitten in der allgegenwärtigen Zeit hinein in die Ewigkeit.
Dort kommen wir als Ganzes an, wo wir es mal als Einzelne verließen.

Wir werden wieder hineingehen in die Ewigkeit dieses Flusses und dafür sorgen, dass unser Sein ihn vermehrt,sich weitergibt,
und wieder und immer wieder
wiedergeboren wird als Teil der Zeit,
die sie ans Universum verschenkt.

Es ist so.
Wir sind längst ewig.
Wir sind längst ganz.
Wir sind längst geheilt.
Wir sind angekommen.


- Rückblick

Mittwoch, Januar 27th, 2010

Es ist zwei Uhr nachmittags an einem drückendheißen Sommertag.
Der kleine Ort, in dem ich einige Jahre lebte, und wo das Haus steht, in dem ich mit meinem ehemaligen Mann wohnte, ist im Grunde genommen nur eine Straße mit einigen Häusern. Von dieser Straße, die mittlerweile als Umgehungsstraße von vielen Pendlern und Lkw-Fahrern als Umweg nach Norden benutzt wird, gehen zwei Sackgassen Richtung Wald ab, und eine kleinere Straße, eher ein Weg, führt in den Nachbarort, 3 km entfernt.
In einer dieser Sackgassen steht mein altes Zuhause, mitten zwischen drei weiteren Häusern von insgesamt etwa 50 im ganzen Ort.
Das Nachbarhaus gegenüber war zu Postkutschenzeit eine Poststation, in der die Pferde gewechselt wurden. Unser Haus hingegen war Teil eines Gebäudekomplexes einer größeren Hofanlage. Heute ist es lang, schmal und dunkel, jedoch warmherzig und willkommen heißend. Unter Napoleon wurde es zum ersten Mal in den Grundbüchern aufgeführt, 1802.
Es war sogar einmal aus- aber nie abgebrannt, jemand hatte sich auf seinem Speicher erhängt und es stand auch schon etliche Jahre leer bevor irgendein Südländer sich seiner erbarmte, es renovierte und ausbaute.
Seine alten Steine trägt es mit Stolz und Liebe - innen wie außen.

Ich gehe die Gasse hinunter, überquere die in der Sonntagsruhe flirrende Hauptstraße und biege ein in den Weg Richtung Nachbarort.
Ich weiß, ich werde an einem alten verlassenen Bauernhof vorbeigehen, dessen dunkle Fenster wie tote Augen auf mich blicken und werde danach, wie sooft, dessen Nachbarhof bewundern, der geschmack- und phantasievoll von seinen neuen Besitzern renoviert wurde.
Die beiden Hunde vor dem Scheuneneingang bellen kurz auf und legen schnell ihre Schnauzen wieder auf die ausgestreckten Pfoten, ihre wachen Augen schließend.
Nach ein paar Schritten bin ich raus aus dem Ort, begrüße vorher noch kurz Dustin, den Dorfesel, der sich unter den mageren Schatten der Holunderbüsche drückt. Kein IA, kein Willkommen-Nicken, nicht mal ein Aufblicken.
Armer Esel, die Sonne brennt unerbittlich auf sein struppiges Fell.

Mein Blick fällt auf die Pappeln, die den Bach am Ortsausgang säumen.
Welch wundervolles Rauschen begleitet ihr langsames Wiegen im heißen Sommerwind.
Auf der kleinen Brücke bleibe ich stehen, schaue nach unten und sehe ab und zu nur noch ein Aufblitzen zwischen dem Grün der Büsche, dort wo ein Sonnenstrahl auf Wasser trifft.
Nur ein dünnes Rinnsal klebt am Grund des Bachbettes. Ich schaue entlang der Pappelreihe, die seinen Lauf anzeigt. Allein sie bezeugt heute seine Existenz, die der trockene Sommer ihm nahm.

Die kleine Brücke über dem Bach, vor einigen Jahren unter dem Murren der Dorfbewohner neu gebaut, scheint sich ihres Daseins zu schämen. Niemand wollte die alte Steinbrücke aus napoleonischen Zeiten hergeben. Die Politik war stärker, warum auch immer.
Nun lehne ich an rotem Stahlgeländer, das heiß und abstoßend wirkt.
Früher war der alte Brückenstein kühl und lud zum innehalten ein.
Seine Existenz erzählte von vergangenen Erlebnissen und Begegnungen, nahm einen selbst darin auf und versprach die Kontinuität, die den Spaziergänger einen Augenblick lang an eine Art Unvergänglichkeit glauben lässt.

Ein paar Schritte weiter und hinter den Schatten der Pappeln, drückt die Sonne heiß auf weite Maisfelder, deren Wuchs immer noch klein ist und nicht viel Ernte verspricht.
Am Horizont, höher gelegen, der Ortsfriedhof. Die Biegung der Straße gibt nur den Blick auf ein rotes Dach frei; es ist die Totenhalle. Ob die wirklich nötig war, bei den wenigen Einwohnern hier?

Der Friedhof liegt mitten auf dem Feld, allein und ruhig.
Nein, falsch, ruhig liegt er nicht mehr. Die Autos rasen während der Woche mit hochdrehenden Motoren daran vorbei und die Hobby-Modellflugzeugbauer lassen ihre Maschinen lautstark darüber hinwegdüsen. Warum auch nicht? Keiner der Bewohner dieses Friedhofs wird sich über den unsäglichen Lärm beschweren, nicht einmal über mögliche Gefahren, sollte eines dieser Flugzeuge mit einem Grabstein kollidieren oder irrtümlich seine Nase in die frisch gepflanzten Blumen eines Grabes bohren.
Heute sehe ich am Himmel nur ein Segelflugzeug über den Friedhof kreisen.
So still und friedlich wie dieser ganze Sommer-Frühnachmittag.

Ich drehe mich nach Osten, dort wo am Horizont, ganz klein, eine Allee von Bäumen die Strasse anzeigt, die in den Norden des Landes führt.
Quatre-vents, so heißt sie -vier Winde.
Hoch und frei gelegen, durchquert sie das Land, so dass sie den Wind aus allen vier Richtungen ertragen muss. Immer wieder gab es die eine oder andere Bö, die ein Auto von seinem gewollten Weg abbrachte.

Das Blöken eines Schafs bringt mich wieder dahin zurück, wo ich stehe.
Hier, vor mir in der Wiese, grasen sie, helle und wollige Schafe. Ziegen mit hängenden braunen Ohren spazieren um sie herum. Es sind Jungtiere; die alten liegen im Schatten der Pappeln. Ich “mää’e” zurück, ob an Schaf oder Ziege gerichtet überlasse ich dem Zufall. Die Antwort lässt nicht auf sich warten.
In mir keimt kurz die Illusion auf, das Tier hätte verstanden was ich mää’te. Aber dann begreife ich, dass ich nicht weiß was ich ihm angeblich zugerufen habe. Irgendwie pervers, oder? Fremdsprachenkenntnisse haben auch ihre Grenzen!

Ein Cabrio fährt die Hauptstraße entlang. Ein neuer Käfer auf alt gemacht, oder ist es umgekehrt? Es ist mir egal.
Dann kommt mir in den Sinn, dass hier in diesem Land von zehn Cabrio-Fahrern, neun Männer sind. In Deutschland ist es fast umgekehrt, angeblich. Sind die Männer hier noch Machos oder gibt es dafür einen andern Grund?
Aber irgendwie ist mir das auch egal.
Plötzlich möchte ich nicht mehr weitergehen, nicht mehr über die Kuppel an den Feldern entlang zum nächstgelegenen Ort spazieren.

Will einfach nur hier und jetzt die Zeit anhalten,
will immer diesen warmen Wind in meinem Nacken spüren,
den Schweiß, der sich in meinen Rücken sammelt,
das Pochen meiner Schläfen unter der drückenden Sonne,
das Singen der Pappeln im Hintergrund,
der Geruch nach heißer Erde,
das Blau des Himmels der sich über mir spannt,
das kleine weiße Flugzeug das stumm durch die Luft gleitet -
jetzt und hier sollte ein immerwährender Augenblick sein der stillsteht.
Und inmitten dieses Augenblicks, das Gefühl von glücklich sein,
ohne Zeit, nur im Raum; losgelöst von jeder Erwartung, und bereit zur Ewigkeit.

Ich drehe mich um.
Die Hunde sind nicht mehr da, der Esel ist nicht zu erblicken.
Ich schaue kurz hinüber zur Kapelle vor der Kreuzung; sie wurde unlängst renoviert. Nun erinnere ich mich, dass ich gestern, fünf Minuten vor 19 Uhr, ihr gewohntes Abendläuten hörte. Diese scheppernde klagende Glocke hat alle Abende begleitet an denen ich hier zu Hause war. Sie war Anhaltspunkt zum Einschalten der Nachrichten im Radio, für das Fertigstellen des Essens oder die Erinnerung an einen Abend-Termin. Sie unterbrach jedes Gespräch für einen kurzen Augenblick. Dann vergaß man sie genauso schnell.
Und sie war auch irgendwie der Klang der Einsamkeit und Leere meiner letzten Jahre hier.
Es wird Zeit.
Ich gehe zurück, zurück zum Haus.
Auf seinen alten Mauern hat sich der wilde Wein festgehakt und gibt ihm ein verschmitztes Aussehen; wie ein alter griechischer Bauer dessen Wangen ein dichter Bart säumt.

Ich weiß, mein Koffer wartet in diesem alten Haus auf mich.
Er ist längst gepackt.
Den Teil des Hauses der mir einst gehörte, habe ich verkauft.
Es war an der Zeit.
Die Vergangenheit bleibt als ein Teil von mir und ein Teil von uns in diesem Haus.
Es hat mir lange Zeit Zuflucht gewährt und wird es immer noch tun. Aber es entlässt mich nun in mein Leben.

Wenn ich es jetzt verlasse, werde ich es nicht verlassen haben.
Viel von mir wird zurückbleiben, ohne dass ich das vermissen werde.
Denn das, was zurückbleibt ist Vergangenheit und wird als solche in seinen Mauern weiterleben. Es wird sie aufbewahren.

Wenn ich aus dem alten Haus heraus trete und darauf zurückblicke, wird es mir zuzwinkern. Wir werden uns weiterhin lieben und schätzen.

Ich werde es leicht und frei verlassen.

- UnWesentliches

Dienstag, Januar 26th, 2010

Wären wir damals nicht zum Strand gefahren, ich hätte die Muschel nicht finden können, die ich jetzt in Händen halte und die mich an den bestimmten Augenblick erinnert, als ich mich nach ihr bückte.
Damals hörte dein Lachen im Hintergrund, sah aus den Augenwinkeln wie du zwei Kindern mit ihren Hunden zuschautest die im Wasser tollten.
Du hast Hunde immer sehr geliebt, im Gegensatz zu mir. Ich mag Katzen. Das hat uns nicht gestört, wir hatten weder Katz noch Hund.
Wir hatten auch keine Kinder.
Als man uns damals sagte was auf dich zukommen würde, riet man uns gleichzeitig davon ab Kinder zu bekommen. Wir sollten das Leben, unsere gemeinsame Zeit, genießen, meinten sie. Wir hielten uns daran.
Du wärst mir nur ein paar wenige Jahre geblieben, laut den Aussagen der Spezialisten.

Wir nahmen ihre Worte ernst.
Wir reduzierten unser Leben auf das Wesentliche. Wie?!
So, wie wir damals das Wesentliche definiert hatten.
Wenig besitzen, viel Zeit nutzen, wenn möglich miteinander, nicht an morgen denken, nicht auf morgen handeln - nur jeden Augenblick wichtig sein lassen.
Warum ein Kind, wenn es so früh keinen Vater mehr hätte und die wenige uns verbliebene Zeit für seine Interessen geopfert werden müsste?
Warum einen Hund, der viel Zeit und Raum und Geduld in Anspruch nimmt.
Warum eine Katze, die schlussendlich auch bindet.

Auf diese Weise begann unser Weg nach deiner Diagnose. Unser gemeinsame Weg davor war kurz gewesen, wir waren doch erst Ende zwanzig.
Blieben wir deshalb zusammen, weil wir noch so jung waren und noch voller Ideale für Liebe?
Jetzt, mit der Muschel in der Hand, frage ich mich, ob ich mit dem Wissen von heute auch so entscheiden würde. Ich kann es nicht beantworten.

Am Anfang warst du zurückhaltend, suchtest das Alleinsein. Ich litt. Dann haben wir geredet und Entscheidungen getroffen. Der Bausparvertrag wurde aufgelöst, eine neue Wohnung, kleiner, war schnell gefunden, ein bequemes Auto und kein sportliches mehr….
Wir fokussierten unser Leben nur auf uns selbst.
Ich ging nur noch kurze Zeit arbeiten, denn unsere finanzielle Situation erlaubte es. Du warst sowieso immer von zuhause tätig als freier Journalist. So waren wir fast ungetrennt zusammen.
Wir teilten uns den Alltag auf, ich kümmerte mich um all das was dir das Leben leichter machen könnte damit du dich um deine Interessen kümmern konntest.
Wir machten Reisen; du wolltest noch viel sehen. Irgendwann würden deine Beine sowieso nicht mehr mitmachen und deine Augen auch nicht. Und schieben lassen auf einem rollenden Stuhl durch Urwald oder Canyon wolltest du schon gar nicht. Ich hätte es für dich getan, das wusstest du.
Wir fingen an uns zu isolieren, brachen die meisten Kontakte ab. Nur wenige blieben, die zur Familie oder ganz engen alten Freunden.
Du wolltest, wenn es nicht mehr zu übersehen wäre, niemandem Erklärungen abgeben.
So merkten wir nicht, wie wir langsam immer mehr auf der Oberflächlichkeit des Lebens trieben. Mich nach deinem Befinden zu erkundigen hatte ich längst aufgehört: damit du nicht immer an deine Krankheit erinnert würdest.
Im Nachhinein war mir, als ob das Ignorieren deiner Krankheit einen Einfluss auf ihren Verlauf hatte. Denn die Jahre liefen weiter, wir füllten sie mit unseren Wesentlichkeiten die wir nicht mehr nachfragten und merkten nicht, dass die Zeit, die dir damals gegeben wurde, längst überschritten war.
Kleine Unpässlichkeiten ab und zu, waren noch Anstoß zum erinnern, doch auch diese Unpässlichkeiten wurden geringer.
Anfangs gingst du regelmäßig zu Untersuchungen und dann immer weniger. Wann du das letzte Mal dort warst habe ich dich nie gefragt. Auch das habe ich geflissentlich ignoriert. Wir teilten jede mögliche Zeit miteinander, nur deine Krankheit behieltst du als Ganzes für dich allein. Vielleicht hat mir dein Verhalten auch gepasst, es hat mir das Nachdenken weggenommen.
So verging die Zeit, wir haben die Jahre selten gezählt. Wir waren damit beschäftigt, sie mit Wesentlichem zu füllen weil wir für Unwesentliches keine Zeit opfern wollten.
Wir waren fast immer zusammen und merkten nicht, wie wir uns entfremdeten.
Was sollten wir uns denn noch erzählen, außer über neue Reisen, alte Reisen, Gegenstände der Erinnerungen, Literatur, Kultur, Kunst, Fernsehsendungen oder Radioreportagen, ich probierte neue Rezepte aus, las und schrieb und nähte. Wir strichen regelmäßig die Wohnung, dekorierten sie ab und zu um, kauften das eine oder andere Möbel neu, gingen in die Stadt oder in den Park, schauten den Leuten zu und nach. Manchmal, nächtens, wenn du mich liebtest, dann erschrak ich weil ich mich fragte, wer der Mann in mir ist. Ich habe es stets sofort verdrängt. Wir liebten uns nicht oft, eigenartig. Wir liebten uns doch, nicht wahr….?!

Wir hatten dein Todesurteil akzeptiert, damals, und es als Menetekel über unser Leben hingenommen.
Wir lebten mit dem Bewusstsein, dass deine Lebenszeit kurz sei.
Zwanzig Jahre lang lebten wir mit diesem Bewusstsein und den daraus entstandenen Entscheidungen. Waren sie richtig? Heute stehe ich hier, mit einer kleinen weißen Muschel in der Hand und frage mich das zum ersten Mal wirklich.
In der Zwischenzeit hätten wir schon mehr als einen Hund haben können, in einer schönen Wohnung am Rande der Stadt leben oder einem kleinen Haus im Moor, eine Katze vielleicht noch dazu, unser Kind wäre erwachsen; würde es studieren wäre es schon nicht mehr zuhause.

Was hatten wir uns zu leben gelassen? Was hatten wir uns genommen in der Überzeugung, uns nur das Wesentliche vom Leben mitzunehmen?
Was haben wir davon gehabt? Haben wir etwas verloren dabei?

Heute weiß ich, das Schlimmste war, wir hatten die Freude am Leben abgelegt, diese Freude die entsteht, wenn das Unwesentliche einen streift.
So, wie wenn man eine Muschel aufhebt und noch eine und noch eine und sie dann alle noch feucht und sandig, in die Jackentasche steckt. Man schaut in die Sonne, setzt das Gesicht dem Wind aus und freut sich über den Augenblick.

Wir wollten das Leben konsumieren, wir wollten es füllen und im Zeitraffer leben, damit wir soviel wie möglich mitbekommen.
Aber wir alle haben allein nur die Zeit, die wir uns nehmen.
Haben wir wirklich gelebt und war es richtig?

Vor ein paar Wochen bist du dann für immer gegangen. Nicht deine Krankheit war die Ursache sondern ein Verkehrsunfall.
Ich wollte es anfangs nicht glauben. Ich begriff, dass ich niemals Angst hatte um dich, niemals annahm, dir könnte sonst etwas passieren als das, was man dir vor vielen Jahren androhte.
Wir dachten immer, wir hätten das Leben im Griff, so lange es uns bleibt.
Wir dachten, alles wäre so geplant, dass uns das größt- und bestmögliche geboten wird.
Wir haben so sehr an die vorhergesagte Zukunft gedacht und sie als einzigen Maßstab genommen. Wir haben uns niemals gefragt was wir brauchen, immer nur, was wir wollen. Wir existierten nach Plan.

Das Leben spielt aber nicht mit.

Irgendwann hört es auf, für jeden. Die Zeit dazwischen ist das Geschenk. Wir haben uns bloß geweigert es auszupacken weil uns gesagt wurde, wir müssten es bald zurückgeben.

Ich denke an den Tag als ich nach der Muschel griff, ich höre dich über die Kinder und die Hunde lachen und sehe immer noch deinen sehnsüchtigen Blick….

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- Fluchtpunkt

Dienstag, Januar 5th, 2010

Ich bin hineingeworfen aus der Ewigkeit der Zeit in ihre Endlichkeit.
Und doch streife ich die Flügel dieser Ewigkeit nicht ab, sie sind Teil vom Ganzen.

Wir wurden aus den Nestern gestoßen, wir sollten fliegen lernen.
Parallelwesen in Paralleluniversen in Parallelzeiten.

Ende gehört dem Anfang und ist unausweichlich.
Die Existenzgrundlage fürs Sein, nicht umgekehrt.
Die Langsamkeit dieser Existenz sollte ihre Strafe sein und doch schaffen wir uns Abhilfen.
Wir nehmen uns Menschen, Orte, Gegebenheiten - machen daraus das Flickwerk das wir Leben nennen.
Eine Decke die nie wirklich wärmen kann. Was fehlt ihr?
Zu löchrig? Zu dünn gewebt, schlechte Fäden?
Wir hatten niemals Anderes und bleiben scheinbar zufrieden.

Und nun dies.
Zwei wie wir.
Zwei Parallelleben.
Die meisten Schritte unseres Weges haben wir hinter uns,
hatten wir hinter uns,
an einem Tag
in einem Bahnhof
in einer Stadt
am Rande aller Welten.
Dabei sind unsere Zeiten in den Zeiten der Zeit, kleine Zeiten.
Wir sind ihre Wimpernschläge, mehr nicht.
Und innerhalb der Bewegung dieses einen Wimpernschlages trafen wir aufeinander.
War es von Bedeutung?
Es war ein Hinbewegen hin zu diesem Augenblick, und zu denen die folgen sollten.
Hin zum Fluchtpunkt, heraus aus den Parallelwelten,
heraus aus der unbeweglichen Zeit der Existenz.
Bis zu diesem Augenblick erschien uns niemals fragwürdig, was das Leben war.
Wir lebten es.
Hatten wir uns gesehnt?
Ja.
Doch wonach, das hatte keine Namen.
Haben Gefühle Namen, wenn sie fremd sind?

Ich bin auf dich zugegangen, in dich hineingefallen.
Du hast mich aufgehalten, mir den Rahmen geboten in den ich mich schmiegte.
In einem einzigen Augenblick.
Dann gingen wir. Fremd und selbstverständlich. Warum auch nicht.
An Bahnhöfen fährt man weg oder man kommt an.
Wir gehörten zu den Ankommenden.
Aus den Paralleluniversen hin zum unvermeidlichen Punkt der Ankunft,
als Ende gelebter Flucht.
Wer hat uns hierhergeführt?
Die ewige Weisheit?
Weil wir Teil von ihr sind?
Wir weigern uns immer noch sie zu erkennen.
Ist das der Teil in uns, der sich angepasst hat?
Das Ganze, das wir bis hierher schufen, wurde zu dem Teil der sich jetzt weiterbewegen wird.
Wir haben unsere Zeit angehalten um sie ihm mitzugeben.
Nun trägt dieser Teil, geschaffen aus unser beider Sein,
unsere Seelen mitten in der allgegenwärtigen Zeit
hinein in die Ewigkeit.
Dort kommen wir als Ganzes an, wo wir es mal als Einzelne verließen.

Wir werden wieder hineingehen in die Ewigkeit dieses Flusses und dafür sorgen, dass unser Sein ihn vermehrt, sich weitergibt,
und wieder und immer wieder
wiedergeboren wird als Teil der Zeit,
die sie ans Universum verschenkt.

Es ist so.
Wir sind längst ewig.
Wir sind längst ganz.
Wir sind längst geheilt.
Wir sind angekommen.


- Eine Reise

Dienstag, November 24th, 2009


 

Meinen Blick begleitet das Erstaunen über das Erkennen der Wege, Hügel, Straßen meiner Kindheit und der gleiche Schmerz stellt sich unverzüglich ein, der mich auch damals begleitete.
Dieses verloren sein innerhalb grüner Landschaften die mein Herz berühren und doch gleichzeitig den Schmerz schüren; den Schmerz über Etwas, das ich noch vierzig Jahre danach nicht zu definieren vermag.
Der erste Bahnhof an dem der Zug nach Nancy hält hat mich jahrelang täglich empfangen und entlassen. Freundschaften hat er kommen und gehen sehen, Ängste, Hoffnungen, Einsamkeit, Schmerz, Unbeschwertheit, Verzweiflung und Unverständnis, gemeinsam erlebt mit mir.
Ich habe ihn manchmal gehasst und mir oft vorgestellt, dass ich genau von diesem Bahnhof einmal wegfahren würde um nie mehr wiederzukommen.
Ich tat es nie. Ich nahm einen anderen Bahnhof.
Und dafür begleitet er noch heute, wenn auch nur noch selten, meine ärgsten Albträume.

die bahnsteige entgleiten meinem blick und die sonne steht noch unsicher am horizont.
sie will mich den tag über begleiten, so habe ich das gefühl, und weiß nicht, ob ich es zulasse.
es gab zeiten, da schloß ich sie aus meinen augen aus, wollte nur in das dunkel blicken - ihre helligkeit meidend wie die maus die falle.
sie hätte mich lebendig gemacht, ich wollte es jedoch nicht sein.
ich wollte im grau ihres untergangs schwelgen, wollte weit weg sein von ihr, weiter noch als von mir.
irgendwann, an einer der vielen biegungen meines dunklen weges, erschien sie wie am ende eines langen tunnels.
ich hatte vergessen, dass ein tunnel ein ende hat und verdrängte, dass ich von der sonne eingefangen werden könnte.
nur sitze ich im zug der an vergangenen stationen vorbeifährt und schaue mich an im fenster, das meine dunkeln augen spiegelt.
neben mir das buch, ein buch das von einer schreibt der viele ist und von vielen schreibt die nicht erkennen wer sie sind und deshalb überzeugt sind, ganz zu sein.
ich wollte darin antwort finden auf fragen die ich mir nie stellte.
doch fremde hatten sie mir in die ohren geschrieen, weil sie mich nicht sahen.
ich blickte nach mir mit ihren augen und sah niemanden und dieses niemand war wie alle.
ich war mit ihrer blindheit geschlagen bis die sonne mir die lider wieder öffnete.
der blick der mich im fenster anschaut ist mein eigener und ich erkenne, dass ich mich immer erkannte,
auch in den dunkelsten augenblicken meiner blicke.
ich hatte mir die ungewißtheit der schatten angezogen die mir ihre hilflosigkeit entgegenschleuderten.
ich zog sie an wie einen mantel der unaufhörlich juckte und suchte dann nach wegen und nach rat, um mich zu heilen.
der schattenarzt schüttelte über soviel unbedachtheit den kopf und schalt mich dumm, die kleider anderer tragen zu wollen.
ich glaubte meiner entschuldigung, dass die andern mir ihre mäntel auf die schultern gelegt hatten.
er trug mir auf, die kratzigen umhänge abzuschütteln, sie zurück zu geben.
doch die umhänge liegen in den ecken meiner räume.
sie werden immer zeugen von vergangenen gefechten gegen alte windmühlen.
ein grauer haufen - von der sonne vergessen und von mir verlassen.

Die Albträume sind vergangen, die Bahnsteige wieder frei.
Ich kann die Sonne hoch und hell über den Feldern meiner Kindheit erkennen. Frankreich empfängt mich mit offenen Armen.
Der helle Morgen dieses Landes macht mir Freude, die Blumen am Bahnhofsvorplatz blühen frühsommerlich und schmeicheln meiner wunden Seele.
Ich kann vergessen, das weiß ich nun: das, was zu vergessen notwendig ist.
Das was labt, wird bleiben.
Die Augenblicke der erfüllten Hoffnungen, der wonnigen Träume, der lebendigen Freundschaften; die verständigen Hände und die offenen Blicke.
Das Gute war auch damals da, zwischen all dem Traurigen.
Und das Gute hat mich begleitet durch die ganze Zeit.
Das kann mir niemand nehmen.

Ich bin ein Kind des Glücks, ein Kind der Sonne.
Mein Lächeln begleitet mich, macht mich frei.
Ich bin dankbar.
Ich bin glücklich.


- Gruppentreffen

Dienstag, November 24th, 2009


Sie kamen alle.
Es sah jedenfalls so aus.
Graue Mäntel, ein paar schwarze auch.
Die Meisten sogar mit Hut.
Es nieselte.

Sie standen um einen Erdhaufen.
Auf dem Friedhof eines kleinen Dorfes in der Provinz im Nirgendwo.
Das Nirgendwo war ihre Gemeinsamkeit.
Dort waren sie aufgewachsen.
Alle.

Er war nicht der Erste den sie gemeinsam zu Grabe trugen.
Aber er war der Erste, der den Weg dahin freiwillig gewählt hatte.

Sie hatten ihn immer beneidet.
Er war der Sohn des größten Landwirtes der Umgebung.
Ihm schien das nichts zu bedeuten, aber allen Andern schon.
Hat er das nie bemerkt, das haben sie sich damals schon gefragt.
Alle wollten Freund mit ihm sein.
Er war zu allen gleich nett.
Doch mehr als nett war er zu niemandem.

Später erfuhren sie, dass auch niemand je nett zu ihm war.
Der Vater allmächtig,
die Mutter meist ohnmächtig dem mächtigen Mann gegenüber
und dem einzigen Sohn zu sehr zugetan.
Wer sieht schon in verweinte Frauengesichter, in einem Dorf wie ihrem?
Und wer denkt über solche Banalitäten nach, wenn er jung ist?!
Jetzt konnten sie es vielleicht nachfühlen.

Sie hatten ihre Familien zu Hause gelassen,
als sie heute hierher fuhren.
Es ging nur sie etwas an, dass sie hier standen.
Dieser eingeschworene Haufen von Erinnerungsträgern -
niemand hätte dazwischen gepasst.

Hier im Ort gab es längst keinen Pfarrer mehr.
Das war bestimmt gut so, denn der Alte von damals hätte
sich geweigert, ihn mit kirchlichen Ehren zu begraben.
Hätte der Freund entscheiden können,
er hätte sich auch geweigert,
mit kirchlichen Ehren ins Grab gelassen zu werden.

Ob einer von ihnen den Worten des Geistlichen zuhörte,
der sich bemühte von einem Mann zu reden,
dessen Namen er nicht einmal richtig aussprach?

Warum hatte er das getan? Warum hatte er sich erschossen?
Er, der jede Form von Gewalt haßte,
der sich weigerte, die Waffen seines Vaters anzufassen,
und der dessen Jagdgelüste verabscheute
genauso wie den dörflichen Schützenverein.
Sie hatten ihn sooft damit aufgezogen,
doch er blieb in der Hinsicht sehr unnachgiebig.
Und dann das.
Durchs Kinn hindurch hat er geschossen.
Das Gehirn klebte in winzigen Teilen
an der Küchenwand seiner Eltern.
Seine Mutter hat ihn gefunden.
Die Eltern waren nicht zur Beerdigung gekommen.
Die Mutter, sie lag unter Beruhigungsmittel in einem Krankenbett,
der Vater…war längst dement.
Nur alte Dorf-Frauen vor dem Grab,
die, die keine Beerdigung verpassen.

Komisch, sie wussten nicht, ob er Beziehungen hatte.
Sie hatten ihn auch nicht danach gefragt.
Die Frauen haben ihn immer geliebt.
Damals liebte er sie nicht, er benutzte sie.
Ob das der Grund ist?

Anfangs dachten sie, er käme nach seinem Vater.
Der hat die Dorfschönheiten beglückt, und manch Einer fragte sich,
wer wohl die gleichen Gene wie der Alte und sein Sohn trug.
Ob auch einer von ihnen darunter war, wollten sie nie wissen.

Er schaffte das Studium, das sein Vater es ihm vorschrieb,
er führte den Betrieb, so wie sein Vater es ihm auftrug,
er lebte gesittet, so wie sein Vater es ihm vorlebte.
Eine Zeit lang.

Irgendwann jedoch, war er verschwunden.
Zu der Zeit war keiner von den restlichen sechs Freunden noch im Ort,
alle hatten studiert und waren weg geblieben.
Doch die Nachricht erreichte sie trotzdem.
Sie beneideten ihn wieder - er haute einfach ab.
Wollte das nicht jeder von ihnen irgendwie?

Dann kamen die ersten Briefe, mal an den Einen, dann wieder an den Andern.
Er war zum Flüchtenden geworden.
Er war zum Suchenden geworden und fand sich in Nichts wieder.

Er malte, er spielte Gitarre und lebte auf den Straßen.
Eine Zeit lang sogar, nicht einmal schlecht, denn er konnte dies oder das verkaufen.
Er schrieb ihnen von den Partys, den Frauen, und vom Wegfliegen im Rausch seiner Rausche.
Er lebte in Indien, in Südamerika und Paris.
Seine Worte waren so farbig wie das Leben, das er beschrieb.
Trugen sie auch den Stempel des Glücklichseins, der Zufriedenheit, seines wahren Ichs?
Wie oft redeten sie über ihn, oft sogar abschätzend, doch meist voller Respekt.
Sie beneideten ihn.

Dann kam er zurück, damals, als sein Vater erkrankte.
Woher er das wohl wusste?
Er fuhr mit seiner alten Arbeit dort, wo er sie vor Jahren liegen ließ, weiter.
So, als sei er nie weg gewesen.
Der Vater war zufrieden, auch wenn er mit seinem Sohn kein Wort mehr redete.
Die Mutter tat, als sei die Zeit dazwischen nie gewesen.
Doch aus ihren Augen verschwand niemals mehr die Unsicherheit.

Im Ort mied man ihn, wich ihm aus.
Er rief die Freunde an.
Sie hatten nie Zeit in die Provinz zu kommen.
Er kam auch nie zu ihnen.
Alle hatten sie mittlerweile Familie.
Er blieb jedoch allein.
Nur noch sporadische Kontakte, telefonisch, per Mail -
mehr blieb nicht.

In dem Jahr als alle vierzig wurden, richtete er ein Fest aus und lud alle ein.
Viele sagten ab, kurz vorher, manche ignorierten die Einladung wortlos.
Er zeigte Verständnis und nichts von seiner Enttäuschung.

Was wussten sie noch von ihm?
Wollten sie noch etwas von ihm wissen?
Und warum.

Waren sie ihm gram,
dass er ihre Träume verkauft hatte?
Er war doch Stellvertreter für sie alle.
Er war immer der Beste, der Attraktivste, der Wohlhabendste,
das Vorbild, der Beneidenswerteste von ihnen gewesen.
Und der Mutigste.
Er schien damals zu wissen, was er wollte, wohin er wollte, wie er sich sein Leben vorstellte.
Und er nahm sich das Recht, es zu leben.
Er war es, der wirklich abhaute und das tat was ihm wichtig war.
Und doch kam er wieder zurück - in das enge biedere Leben ihres Dorfes.

Er hat sie alle verraten.
Und nun?
Was hatte er davon?
Er lag jetzt unter einem Haufen Erde hier vor ihnen,
Heimaterde in die er sich selbst geschmissen hat.
Wollte er das wirklich?
Hat er deshalb das Gewehr seines Vaters genommen und abgedrückt?

Was sollten sie alle noch hier?
Das Begräbnis war zu Ende, Pfarrer und Ministrant längst weg, das Loch zugeschüttet.
Und doch standen sie noch da, nicht gemeinsam wie sonst, sondern jeder für sich, scheinbar nachdenklich.

Wie auf ein Stichwort bewegten sie sich aufeinander zu.
Sie blickten sich an, einer hob die Schultern.
Dann gingen sie wortlos weg,
hinaus aus der Friedhofstür
auf ihre Autos zu.

Immer noch fiel kein Wort.
Was hätten sie auch sagen können.
Welche Worte wären da noch möglich.
Die einzigen die zählten, waren längst ausgetauscht.
Sie blickten zu den paar Jungs hoch,
die sich in dem einzigen Baum des Friedhofs versteckt hatten.
Es war wohl die Neugier.
So waren sie alle, damals.
Neugierig aufs Leben.
Neugierig auf den Tod.
Nicht ahnend, was ihr Leben sein sollte,
nicht ahnend, was sie aus ihrem Leben machen würden.
Und wer hatte für sie alle die Weichen gestellt?
Hatten sie, jeder für sich, eine Wahl gehabt?
Oder hatte der Einzige, der für sich entschied, die falsche Wahl getroffen?
Waren sie, auch jetzt noch, angepasster als er, auch wenn er hier gelebt hat, hier an diesem Platz, an dem Ort, von dem sie sich mit Stolz, doch wohl nur scheinbar, getrennt hatten?

War ihr Leben wirklich anders verlaufen als seins?
Oder war es bloß wo-anders verlaufen als seins?

Ist es besser, der Schlange nicht nachzugeben und nicht von der Freiheit zu kosten?
Muß man das mit dem Frei-Tod bezahlen?
Oder war alles doch ganz anders, und sie haben es nicht anders gewusst?

Nein, keine Fragen mehr, keine Zweifel, keine leise Unruhe.
Alles ist gut - sagte sich wohl jeder mehr oder weniger laut, nachdem sie in ihren Wagen saßen.
Das Grau des Tages gehörte nur ihm, der nie mehr einen Tag oder eine Nacht erleben würde.
Sie würden das Grau aussperren, es sollte der Zustand seines Abschieds werden.

Waren sie jetzt alle erwachsen geworden?
Heute, vor seinem Grab?
War das sein Weg, sich dieser Verantwortung zu entziehen?
Und welches war ihr Weg?

Sie fuhren, jeder für sich, zurück in das eigene Leben.







- Gruppentreffen

Montag, Oktober 12th, 2009

Sie kamen alle.
Das stellten sie sofort fest.
Es blieben noch fünf von ihnen.
Graue Mäntel, ein paar schwarze auch.
Die meisten sogar mit Hut.
Es nieselte.

Sie standen um einen Erdhaufen.
Auf dem Friedhof eines kleinen Dorfes in der Provinz im Nirgendwo.
Das Nirgendwo war ihre Gemeinsamkeit.
Dort waren sie aufgewachsen.
Alle.

Er war nicht der Erste den sie gemeinsam zu Grabe trugen.
Aber er war der Erste, der den Weg dahin freiwillig gewählt hatte.

Sie hatten ihn immer beneidet.
Er war der Sohn des größten Landwirtes der Umgebung.
Ihm schien das nichts zu bedeuten, aber allen Andern schon.
Hat er das nie bemerkt, das haben sie sich damals schon gefragt.
Alle wollten Freund mit ihm sein.
Er war zu allen gleich nett.
Doch mehr als nett war er zu niemandem.

Später erfuhren sie, dass auch niemand je nett zu ihm war.
Der Vater allmächtig,
die Mutter meist ohnmächtig dem mächtigen Mann gegenüber
und dem einzigen Sohn zu sehr zugetan.
Wer sieht schon in verweinte Frauengesichter, in einem Dorf wie ihrem?
Und wer denkt über solche Banalitäten nach, wenn er jung ist?!
Jetzt konnten sie es vielleicht nachfühlen.

Sie hatten ihre Familien zu Hause gelassen
als sie heute hierher fuhren.
Es ging nur sie etwas an, dass sie hier standen.
Dieser eingeschworene Haufen von Erinnerungsträgern -
niemand hätte dazwischen gepasst.

Hier im Ort gab es längst keinen Pfarrer mehr.
Das war bestimmt gut so, denn der Alte von damals hätte
sich geweigert, ihn mit kirchlichen Ehren zu begraben.
Hätte der Freund entscheiden können,
er hätte sich auch geweigert,
mit kirchlichen Ehren ins Grab gelassen zu werden.

Ob einer von ihnen den Worten des Geistlichen zuhörte
der sich bemühte von einem Mann zu reden
dessen Namen er nicht einmal richtig aussprach?

Warum hatte er das getan? Warum hatte er sich erschossen?
Er, der jede Form von Gewalt haßte,
der sich weigerte, die Waffen seines Vaters anzufassen,
der dessen Jagdgelüste verabscheute
genauso wie den dörflichen Schützenverein.
Sie hatten ihn sooft damit aufgezogen,
doch er blieb in der Hinsicht sehr unnachgiebig.
Und dann das.
Durchs Kinn hindurch hat er geschossen.
Das Gehirn klebte in winzigen Teilen
an der Küchenwand seiner Eltern.
Seine Mutter hat ihn gefunden.
Die Eltern waren nicht zur Beerdigung gekommen.
Die Mutter, sie lag unter Beruhigungsmittel in einem Krankenbett,
der Vater…war längst dement.
Nur alte Dorf-Frauen vor dem Grab,
die, die keine Beerdigung verpassen.

Komisch, sie wussten nicht, ob er Beziehungen hatte.
Sie hatten ihn auch nicht danach gefragt.
Die Frauen haben ihn immer geliebt.
Damals liebte er sie nicht, er benutzte sie.
Ob das immer anhielt?
Ob das der Grund ist?

Anfangs dachten sie, er käme nach seinem Vater.
Der hat die Dorfschönheiten beglückt, und manch Einer fragte sich,
wer wohl die gleichen Gene wie der Alte und sein Sohn trug.
Ob auch einer von ihnen darunter war, wollten sie nie wissen.

Er schaffte das Studium, das sein Vater ihm vorschrieb,
er führte den Betrieb, so wie sein Vater es ihm auftrug,
er lebte gesittet, so wie sein Vater es ihm vorlebte.
Eine Zeit lang.

Irgendwann jedoch, war er verschwunden.
Zu der Zeit war keiner von den restlichen sechs Freunden noch im Ort,
alle hatten studiert und waren weg geblieben.
Doch die Nachricht erreichte sie trotzdem.
Sie beneideten ihn wieder - er haute einfach ab.
Wollte das nicht jeder von ihnen irgendwie.

Dann kamen die ersten Briefe, mal an den Einen, dann wieder an den Andern.
Er war zum Flüchtenden geworden.
Er war zum Suchenden geworden, fand sich in Nichts wieder.

Er malte, er spielte Gitarre und lebte auf den Straßen.
Eine Zeit lang sogar nicht schlecht, denn er konnte dies oder das verkaufen.
Er schrieb von Partys, Frauen, und vom Wegfliegen.
Er lebte in Indien, in Südamerika und Paris.
Seine Worte waren so farbig wie das Leben, das er beschrieb.
Und sie trugen stets den Stempel des Glücklichseins, der Zufriedenheit,
seines wahren Ichs.
Wie oft redeten sie über ihn, oft sogar abschätzend, doch meist voller Respekt.
Sie beneideten ihn.

Dann kam er zurück, damals, als sein Vater erkrankte.
Woher er das wohl wusste?
Er fuhr mit seiner alten Arbeit dort, wo er sie vor Jahren liegen ließ, weiter.
Der Vater war zufrieden, auch wenn er mit seinem Sohn kein Wort mehr redete.
Die Mutter tat, als sei die Zeit dazwischen nie gewesen.
Doch aus ihren Augen verschwand niemals mehr die Unsicherheit.

Im Ort mied man ihn, wich ihm aus.
Er rief die Freunde an.
Sie hatten nie Zeit in die Provinz zu kommen.
Er kam auch nie zu ihnen.
Sie hatten mittlerweile alle Familie.
Er blieb jedoch allein.
Nur noch sporadische Kontakte, telefonisch, per Mail -
mehr blieb nicht.

In dem Jahr ihres vierzigsten Geburtstages
richtete er ein Fest aus -
für Alle.
Und alle sagten ab, kurz vorher.
Er zeigte Verständnis und nichts von seiner Enttäuschung.

Was wussten sie noch von ihm?
Wollten sie noch etwas von ihm wissen?
Und warum.

Waren sie ihm gram,
dass er ihre Träume verkauft hatte?
Er war doch Stellvertreter für sie alle.
Er war immer der Beste, der Attraktivste, der Wohlhabendste,
das Vorbild, der Beneidenswerteste von ihnen gewesen.
Und der Mutigste.
Er schien damals zu wissen, was er wollte, wohin er wollte,
wie er sich sein Leben vorstellte.
Und er nahm sich das Recht es zu leben.
Er war es, der wirklich abhaute und das tat, was ihm wichtig war.
Und doch kam er wieder zurück - in das enge biedere Leben ihres Dorfes.

Er hat sie alle verraten.
Und nun?
Was hatte er davon?
Er lag jetzt unter einem Haufen Erde hier vor ihnen,
Heimaterde in die er sich selbst geschmissen hat.
Wollte er das wirklich?
Hat er deshalb das Gewehr seines Vaters genommen und abgedrückt?

Was sollten sie alle noch hier.
Das Begräbnis war zu Ende, Pfarrer und Ministrant längst weg,
das Loch zugeschüttet.
Und doch standen sie noch da, nicht gemeinsam wie sonst,
sondern jeder für sich, scheinbar nachdenklich.

Wie auf ein Stichwort bewegten sie sich aufeinander zu.
Sie blickten sich an, einer hob die Schultern.
Dann gingen sie wortlos weg,
hinaus aus der Friedhofstür
auf ihre Autos zu.

Immer noch fiel kein Wort.
Was hätten sie auch sagen können.
Welche Worte wären da noch möglich.
Die einzigen die zählten, waren längst ausgetauscht.
Sie blickten zu den paar Jungs hoch,
die sich in dem einzigen Baum des Friedhofs versteckt hatten.
Es war wohl die Neugier.
So waren sie auch, damals.
Neugierig aufs Leben.
Neugierig auf den Tod.
Nicht ahnend, was ihr Leben sein sollte,
nicht ahnend, was sie aus ihrem Leben machen würden.
Und wer hatte für sie die Weichen gestellt?
Hatten sie, jeder für sich, eine Wahl gehabt?
Oder hatte der, der mal für sich entschied,
die falsche Wahl getroffen?
Waren sie, auch jetzt noch, angepasster als er,
auch wenn er hier gelebt hat,
hier an diesem Platz,
der Ort, von dem sie sich mit Stolz,
doch wohl nur scheinbar,
getrennt hatten.

War ihr Leben wirklich anders verlaufen als seins?
Oder war es bloß wo-anders verlaufen als seins?

Ist es besser, der Schlange nicht nachzugeben
und nicht von der verlockenden Freiheit zu kosten?
Muß man das mit dem Frei-Tod bezahlen?
Oder war alles doch ganz anders,
und sie haben es nicht anders gewusst.

Nein, keine Fragen mehr, keine Zweifel, keine leise Unruhe.
Alles ist gut - sagte sich wohl jeder mehr oder weniger laut,
nachdem sie in ihren Wagen saßen.
Das Grau des Tages gehörte nur ihm,
der niemehr einen Tag oder eine Nacht erleben würde.
Sie würden das Grau aussperren,
es sollte der Zustand seines Abschieds werden.

Waren sie jetzt alle erwachsen geworden?
Heute, vor seinem Grab?
War das sein Weg, sich dieser Verantwortung zu entziehen?
Und welches war ihr Weg?

Sie fuhren, jeder für sich, zurück in das eigene Leben.



- Musik am Wasserturm

Sonntag, März 1st, 2009

Werden Gefühle erwachsen?

J.S.Bach - Passacaglia c-moll (Orgel)

Der Raum so voll, die Menschen noch hüstelnd und sich auf ihren Stühlen hin und her bewegend, in Kissen-Kuhlen drückend für die kommende Zeit, die gefüllt sein wird mit Musik. Die meisten blicken noch um sich, bis plötzlich die vorne Sitzenden anfangen zu klatschen.
Der Meister, Gastgeber und Musiker in einer Person, steht neben der Orgel und wartet auf die Ruhe. Diese folgt unverzüglich. Man kennt sich hier, und man kennt sich hier aus.
Er legt sehr viel Wert darauf, dass alle begreifen, warum und weshalb er genau die Stücke spielen wird die er spielen wird.

Um mich herum Dunkelheit. Als einziges Licht die Lampe über den Notenblättern vor dem Manual der Orgel.
Bach, am Anfang kalt und fremd weil elektronisch-orgelnd klirrend, bis die ersten Töne sich in Musik wandeln und das Ganze Konturen bekommt.
Ich steige ein und lasse mich langsam fallen.
Bach - Gottes Hauskomponist, sagen die Prosaischen.
Sollte ich ihn deshalb weniger mögen? Er berührt mich immer wieder, seine Musik -so alt und wohlbekannt, benutzt und verfremdet. Noten wie eine Leiter zum aufsteigen in klare Himmel.

Der Saal, weit und frei bis unter des Hauses Dach, bekannt und doch stets neu erfühlt und mittendrin der Steg! Des Meisters Laufsteg aus hell glänzendem Parkett, lädt mich ein darauf zu tanzen, in Gedanken bloß, ansonsten wäre es Blasphemie.
Dieser besondere Raum: so hoch, weit und rund.
Auf der einen Seite sitzen die Zuhörer im Halbrund und ihnen gegenüber wenn auch weit weg und geteilt vom legendären Laufsteg, die Plattform mit Orgel und klangschönem Schimmel-Klavier.
Dass seitlich vom Steg der Boden fehlt und ersetzt wird durch engmaschige Netze die den Blick auf eines der Wohnzimmer freigeben, lässt auch die Distanz zwischen Musiker und Zuhörer aufs deutlichste bewusst werden. Es dient als Übergang von einer Welt in die Andere: hier das irdisch-menschliche Dasein, und dort die unantastbare himmlische Welt der Töne. Allein noch die Noten-Umblätterer werden auf der andern, heiligen, Seite geduldet.

Bach hält mich gefangen, nicht in engen Fesseln, sondern in leichten feinen Schnüren, die mich sanft ziehen - in eine Musiklandschaft, von der ich mich bereitwillig erfüllen lasse.

J. Brahms - Bearbeitung der chançonne d.moll von J.S.Bach (Klavier)

Klänge, noch anpassungsnötig fürs Ohr nach den lauten Orgeltönen, ziehen mich aus meiner Lethargie. Ich fange an auf ihnen zu spazieren, mit ihnen weiter zu gehen.
Sie nehmen mich mit, wir wandern durch den Raum. Ich schwinge mich gemeinsam mit ihnen hoch hinaus und balanciere auf den Balken, die das hohe Dach des Hauses tragen. Lachend locken mich diese verzaubernden Töne und werfen mich auf mich selbst zurück.
Dann geleiten sie mich wieder in meine Haut hinein und streicheln sie zart und um Verzeihung bittend.


J.Haydn - Variation f-moll (Klavier)

Klare leichte Töne, hell und sonnig. So fremd, doch wie von ewig her vertraut.

Ich blicke nach oben, fühle mich einsam.
Dort, durch die vielen großen Fenster inmitten des hohen Daches, sehe ich in der Abenddämmerung die Spitzen hoher Bäume.
Der alte Wasserturm neben dem Haus gehört zum Stadtpark, dessen Bäume dort schon lange ihren festgewachsenen Platz haben. Ihre Kronen wiegen sich im leichten Herbststurm. Es ist ein normaler Novemberabend. Grau, feucht, windig, nordig.
Auf einem der Fenster liegt ein Blatt, hingeweht und allein gelassen. Es klebt an seinem Untergrund und ich frage mich, ob es dort bleiben will. Es wird nicht wegfliegen bis ein mitleidiger Wind es trocknet und mit sich hinweg trägt.
Wäre es lieber ein freies Blatt, das sich wirbelnd vom Herbststurm hinweg tragen ließe, um in einer Rinne zu landen, oder bliebe es lieber in der Gesellschaft vieler Blätter unter den feuchten Sohlen eines Kinderstiefels kleben?
Will es auf der Schulter eines kleinen Jungen landen und in einer warmen Küche vom Pullover weggestreift werden?
Und klebte ein zweites Blatt neben ihm, wäre seine Einsamkeit genauso groß? Würde es weiterträumen von endlosen Flügen mit dem Herbstwind, von weiten Feldern, tiefen Flüssen, Bergen hoch und weit, trockenen Springbrunnen und modrigen Bachufern?
Was, wenn alle Blätter solche Träume haben?

Das Blatt ruft mich immer wieder, sobald ich meinen Blick von ihm abwende.
Es klebt hilflos, so wie ich.
Doch ich weiß, dass ich gehen werde, wenn es denn so weit ist. Wohin auch immer.
Der Himmel über uns dunkelt immer schneller.


F.Busoni - Bearbeitung der chanconne d.moll von J.S.Bach (Klavier)

Wie unterschiedlich doch das gleiche Thema bearbeitet sein kann.
Emotions- und tongewaltig, aufbrausend, zärtlich, sogar wehmutsvoll zum Schluss hin, um dann am Ende sich in einer Art Schmerz aufzubäumen.

Das Blatt zieht an meinen Blicken, und ich will es trösten. Ich weiß, es ist nicht allein.
Und dann entdecke ich am Nebenfenster weiter unten ein zweites Blatt. Ich freue mich und hoffe, beide könnten sich einen, sich verbinden auf eine Art, die ich nicht zu definieren fähig bin. Blatt-Union?

Ich schaue blicklos in den dunklen Himmel und ahne die Schatten der hohen Baumwipfel.



Pause.

Ich will die Menschen nicht um mich herum. Neunzig seien es heute Abend, außergewöhnlich viele, meist sind es nur zwanzig, höchstens dreißig.
Irgendjemand drückt mir ein Glas Prosecco in die Hand und ich sehe den Meister vorbeihuschen, neben ihm sein kleiner Sohn mit der Katze im Arm.

Ich will mich nichts fragen, will nur sein.
Wie soll mir das gelingen? Als Unbourgeoise inmitten der Großbourgeoisie, die nicht einmal groß ist, sondern nur laut.
Ich denke an den Tag der gestern heißt, und an Tage die Vergangenheit sind.
Manchmal noch sehne ich mich, so wie die Töne von eben sich gesehnt haben.
Und doch wissend, dass ich nicht wissen will, wonach.
Zeitfragmente, Augenblicke einzeln abrufbar.
Ich wollte weglaufen um mich bloß nicht wohl fühlen zu müssen.
Wollte weglaufen, um bloß nicht weggeschickt zu werden, wollte weglaufen um nicht sehnen zu müssen, wollte weg um nicht bleiben zu wollen. Wollte weg.
Und jedes Mal flüchtete ich. Der Zeitpunkt war immer der richtige, auch wenn es manchmal nicht meiner war.
Ich tat was gut und richtig war, nämlich Nähe vermeiden wenn ich es nur schaffte.

Jetzt und hier, in diesem Raum mit den Menschen und den Restklängen von Musik, beginne ich nach mir zu suchen.
Leid tut mir längst die verlorene Hingabe an Träume, die jung bleiben wollten.
Träume, die sich weigerten mit mir zu altern und sich mir anzupassen.
Träume, die vernünftig geworden und angepasst, blieben übrig.
Schreie! Ich schreie. Hört mich keiner? Ein Glück.

Keine Menschen mehr um mich herum, sie gehen die Treppe hinauf zum Raum der Musik. Sie brauchen noch einige Minuten, bis sie sich auf ihren Plätzen wieder eingekuhlt haben.
Ich schreibe längst in Gedanken.
Und wenn ich wirklich schreiben würde?, denke ich.
Wenn ich all das schreibend sagen würde, was mich so bewegt?
Was hätte ich davon?, denke ich mir.
Ich versuche einzuschätzen, was es bedeuten würde.
Alle erschlagen, kommt mir sofort in den Sinn.
Alle erschlagen mit meinen Worten und all dem was sie tragen.

Ein Mensch der schreibt, will gelesen werden.
Ein Mensch der malt, will geschaut werden.
Ein Mensch der Musik macht, will gehört werden -
alle brauchen sie die Gewissheit, dass man sie liest, sieht, hört.
Doch tun sie es allein für ihre Gegenüber oder auch für sich selbst?
Könnte ich damit umgehen? Mit den Konsequenzen des schreibens?
Des fühlens?
Wie wäre das, an nichts anderes denken als an den Augenblick, ihn einfach zu leben, so wie jede Sekunde sich mir bietet, nicht an ein verlebtes gestern denken und ein ungelebtes morgen? Nur jetzt, nur sein? Und mit jedem Augenblick des Seins, das Leben gehen und sich ihm ergeben?
Sich fallen lassen, nicht mehr denken,
nicht mehr müssen, nicht mehr sollen, nichts wollen -



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einfach sein……..