- Drachen der Freiheit
Dienstag, März 9th, 2010Wenn du dich akzeptierst mit allem was dich ausmacht,.
dann bist du frei.
Deine Freiheit ist deine Macht.
Ich bin im Zug, auf der Rückreise aus einem Teil meiner Vergangenheit zurück in meine Gegenwart.
Das helle Grün der Bäume draußen, lässt das Eine oder Andere in mir drin leichter erscheinen, auch wenn aus grauem Himmel, die Wolken dichte Regenschauer herunterschicken.
Was fühle ich, das frage ich mich in letzter Zeit immer öfter. Fühle ich, fühle ich mich, mich selbst?! Was bedeutet das, fühlen?!
Erste Ahnungen kamen vor einiger Zeit, seitdem nichts mehr so läuft wie gewohnt. Mein Leben ist seit Jahren in Richtungen gegangen und ich ging einfach mit. Ich wollte perfekt sein, perfekt funktionieren um angenommen zu werden von den Menschen um mich herum.
Und meine Gefühle? Was sind Gefühle? Wo sind Gefühle? Was bedeuten Gefühle? Irgendetwas in mir rührt sich, ganz tief drinnen.
Und nun drängt sich nach oben was mir unbekannt, was stets unterdrückt: eben gerade diese unbekannten Gefühle. Ich weiß es.
Und doch mischt sich wieder meine Ratio ein, will mich auslachen wegen diesem unbegründeten Hoffnungsschimmer.
Unbegründet für den Verstand, der lieber alles zerpflückt was nicht aus ihm geboren wurde, anstatt sich selbst auch einmal in den Hintergrund stellen zu lassen .
Wenn ich hinterfrage, was seine Zweifel, seine Habachtstellung, seine Überlegungen, meinem Leben Positives gebracht haben, plustert er sich noch mehr auf und weist auf all die Argumente hin, die diese unsere heutige Gesellschaft ihm bislang geboten hat und mit denen er seine Vormachtsstellung heftig untermauert.
Mein kleines wundes Ich tief in mir, versucht leise aufzuschreien. Mit unsicherer Stimme macht es mir klar, dass es Zeiten gab, in denen es mehr Raum in meinem Leben hatte. Es will wissen, warum ich es vernachlässige, warum ich es nicht schützen will vor dieser immer größer werdenden Wand zwischen ihm und meinem Leben. Es will wissen, warum ich es ausschließe, war ich doch niemals so nah bei mir, so selbstsicher, ruhig und entspannt, als dann, wenn ich ihm seinen angemessenen Raum ließ, wenn ich es wichtig nahm und respektierte.
Auf der Postkarte neben mir: ein kleiner weißer Drachen an einer roten Schnur mit den vielen bunten Papierfetzen, fliegt hoch zwischen weißen Wolken in den blauen Himmel. Er sieht so fröhlich aus. Er fliegt in Richtung Freiheit, dorthin wo mein Herz immer gerne hingewollt hat. Will es denn heute nicht immer noch dahin?!
Und trotzdem will ich es immer noch nicht hören; dieses Herz; es hat mir doch schon so oft wehgetan.
Es ist irgendwann sogar gutgläubig gewesen, weich, offen und vertrauensvoll.
Es lacht immer noch gerne, hofft so gerne, freut sich über das Leben, die Sonne, die Wärme, die Liebe…
In den Augenblicken der Dunkelheit ruft es leise nach Licht, dem Wächter in der Nacht. Und jedes Mal bleibt es verlassen zurück.
Mein Herz ist müde. Es ist des Hoffens müde, der einsamen Kämpfe, des Alleinseins.
Mein Atem geht flach. Warum tiefer atmen, denke ich mir. Wozu? Es reicht doch, das bisschen Sauerstoff….
Der Verstand rattert weiter, sowieso.
Das Herz flattert weiter, unsicher und einsam.
Meine Beine tragen mich, meine Hände greifen noch, mein Rumpf bewahrt die Organe, die das Weiterexistieren ermöglichen.
Es gibt ab und zu kleinere Störungen, mal ein Stau, ein kurzer Stillstand - und weiter geht’s.
Meine Augen schauen auf das neue Grün draußen vor dem Zugfenster - wie das Versprechen einer Aufbruchstimmung.
Der Zug hält an einem Bahnhof an der Mosel. Der Fluß trägt noch den hohen Pegel der Schneeschmelze. Schon schwimmen die ersten Schwäne Richtung Anlegesteg. An den Flußhängen stehen die grauen Holzstangen und daneben die kleinen Rebstöcke. Bald werden die ersten Tagestouristen den Ort füllen und erdrücken. Der Zug fährt weiter, hinaus aus dem Land in dem ich einmal zuhause war, vorbei an Tälern und Weinbergen entlang des Flusslaufs, über Brücken und durch Tunnels. Diese gleichen sich nicht einmal in ihrer Dunkelheit, eigenartig.
Aber meine eigene Dunkelheit ist bestimmt auch nicht die gleiche wie deine, seine, ihre, eure?!
Der erste Bahnhof des Landes in dem ich jetzt lebe, das Land das mir meine Freiheit gab und immer noch verspricht, das Land das ich mir rausgesucht habe und das mich fand als ich noch nicht nachdachte, das Land dessen Sprache ich liebe und dessen Humor ich nicht verstehe, das Land in dem ich meine Freunde habe und das Land in dem ich oft einsam bin.
Auch verschiedene Länder haben verschiedene Einsamkeiten, begreife ich.
Vielleicht, weil sie verschiedene Bedürfnisse mehr oder weniger erfüllen?
Oder liegt es wirklich allein nur an mir?
Schon die unterschiedlichen Sprachen lassen unterschiedliche Gefühle entstehen. Ihre unterschiedliche Modulation weckt unterschiedliche Emotionen, Stimmungen, Wünsche, Träume, Erinnerungen, Möglichkeiten….
Wer bin ich hier - wer war ich dort, damals?
Immer nur Ich?
Oder doch nicht die Gleiche?
Macht eine andere Gesellschaft mich zu einem anderen Menschen?
Nein, kein anderer Mensch, das glaube ich nicht. Aber zu einem anders denkenden, anders handelnden, anders fühlenden Menschen.
Zu einem veränderten Menschen also???!!!
Mein hilfloses kleines Ich irrt in mir. Ich beachte es immer noch nicht. Ja, ich verweigere ihm meine Beachtung. Absichtsvoll. Ich will denken, ich will nachdenken, ich will nicht fühlen.
Nein, es ist keine Bestrafung.
Es ist die irr(sinn)ige Annahme, ich könnte es zum schweigen bringen, es austrocknen.
Eine kleine graue Erbse sollte zurückbleiben.
Als eine kleine vertrocknete Erbse würde es in meiner Tiefe kullern, der Rest des Ichs, das mal mein großes allumfassendes Ich war.
Diese kullernde Erbse, ob sie mich stören würde?!
Würde sie meine Ruhe brechen und somit als Sinnbild meines verkümmerten Ich’s sich immer noch weigern, aufzugeben?
Oder einfach auf dem Grunde meiner Dunkelheiten vergessen werden?
Der Drachen lacht mich an, auf der Postkarte vor mir.
Drachen würden Erbsen nicht mitnehmen, denke ich.
Was sollten sie mit ihnen?
Ich bin müde.
Der Zug rattert.
Noch einige Stunden bis nach Hause.
Ich bin müde.
Einfach nur müde.
Un jour le vent tournera, direction: meilleur!
April 2006
