- Sonnenaufgang

Juli 28th, 2010

Die letzen Monate haben so viel verändert, so viel gebracht und zum Lernen und Begreifen hingestellt
Die Zeit ist vorbeigerauscht ohne dass sie sich bemerkbar gemacht hätte.
Manchmal wollte ich meine Freunde öfter anrufen doch ich hätte ihnen bloß meine Freundschaft anbieten können. Ich nahm an, die würde ihnen nicht reichen.
Ich hoffe sie werden es verstehen, ich hoffe es geht ihnen allen gut. Ehrlich und ernsthaft.
Ich werde bald wegziehen, bleibe jedoch 4 Tage in der Woche in dem Leben, das ich meine Arbeit nenne.
Ich wage den Schritt - hin zu einem Menschen. Nach Jahren des Alleinseins.
Unserer beider Wege trafen sich, unbedacht, in einem kalten Bahnhof, in einer dunklen Winternacht stießen wir zusammen. Seitdem blieben wir zusammen.
Nun versuchen wir aus unserer beider Leben einen gemeinsamen Weg zu gehen.
Die Zuversicht verbindet uns.

Das Leben und die Liebe haben viele Gesichter, manchmal blicken sie mit Augen die ich nicht verstehen kann und nur weil ich nicht begreife was sie mir sagen, heißt es nicht, dass sie das Falsche sagen.
Ich werde einfach versuchen, ihre Sprache zu lernen.

Ich bin weite Wege gegangen. Das erkenne es erst, wenn ich zurückblicke.
Dann sehe ich auf Wüsten und in Himmel die noch Reste von dunklen Wolken und schweren Gewittern tragen. Doch der Horizont birgt Spuren lang zurückliegender Helligkeit.
Ich erkenne, dass vor mir die Wärme liegt. Es scheinen die Strahlen einer aufgehenden Sonne.
Sie werfen ihre Schatten hinter mich. Ich glaube der Sonne nicht, dass sie für mich scheinen will.
Dabei ist sie so freundlich.
An meinen Schritten kleben noch die letzten Klänge der Einsamkeit. Ich werde sie jetzt endgültig abschütteln.

Und wenn ich jetzt die Hand nähme die sich mir aus der Morgendämmerung heraus reicht?
Ob sie mich bis zum Abend halten wird, mich in eine samtene Nacht entlässt und mir ihre offenen Arme schenkt?

Ich lächle.
Wenn ich sage: alles ist gut, dann meine ich das sogar.
Denn es war noch immer alles gut.
Ich habe es nicht gesehen, ich habe es nicht erkannt.

Umwege führen auch zum Ziel - aber nur dann, wenn man sein Ziel benennen kann.
Lange hatte meins keinen Namen, kein Gesicht, keine Existenz.

Ich baute Bilder in meinem Kopf und schuf ganz langsam Platz für sie in meinem Herzen.
Nun sind diese Bilder die Kopien der Realität.
Lange wollte ich das nicht glauben.
Doch ich bin längst in der Welt angekommen, die meine Bilder mir erschaffen hat.
Ich wandere nicht mehr nur durch Träume, ich lebe sie.

Ich brauche nicht aufzuwachen, das bin ich längst.
Ich bin so lebendig.

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Himmel und Hölle

Juni 3rd, 2010

„Schauen Sie, da steht die Leiter!”
„Na und?!”
“Steigen Sie auf die Leiter!”
“Warum?!”
“Schau’n Sie, ich bin schon ein paar Stufen hochgestiegen.”
“Und warum soll ich hinterher?”
“Macht Ihnen das keinen Spaß?!”
“Spaß?!”
„….für einen Mann wie Sie hinter einer Frau wie mir die Leiter hochzusteigen…….”
“Aha…”
“Kommen Sie..!”
„Wohin führt die Leiter?”
„Das sehen Sie doch, nach oben!”
„Aber wo genau führt sie hin?”
„In den Himmel!”
“Quatsch!”
“Nicht doch, versuchen Sie’s, kommen Sie mit!”
“Irrsinn!”
“Kommen Sie, dann werden Sie es erleben!”
„In den Himmel……?…”
“Ja.”
“Nein!”
„Sie zögern? Warum?”
„Ich mag nicht hinterhersteigen.”
“Das kann nicht wahr sein, ernsthaft?!”
“Ich mag es nicht!”
„Dann gehen Sie vor!”
“Nein!”
“Und warum das nicht???!”
“Ich weiß nicht, wohin die Leiter führt.”
„Ich habe es Ihnen doch gesagt!”
„Aber sicher sind Sie nicht?!”
„Sicher? Wer braucht schon Sicherheit?!”
„Sie können lachen, aber ich will schon wissen, wohin es geht.”,
„Sie Armer!”
“Ich muß doch wissen was auf mich zukommt!”
“Sie Ärmster, daß Sie es nicht wagen, in den Himmel zu steigen, wie schlimm…!!”
„Hören Sie doch endlich auf, lassen Sie mich!”
“Upps. Was ist denn jetzt?!”
“Gehen Sie, hau’n sie ab. Meinetwegen steigen Sie die blöde Leiter hoch, machen Sie! Ich werde nicht hinterhersteigen!”
„……..ja dann…….”
“Ich will nicht, haben Sie verstanden?!”
“Hmm.”
“Verdammt, so machen Sie endlich!”
“Oh.!”
„Ja, gehen Sie, aber schnell!”
.
.
.
.
.

„Schauen Sie, da steht eine Leiter……..!”

- Fluchtpunkt

Mai 31st, 2010

Ich bin hineingeworfen aus der Ewigkeit der Zeit in ihre Endlichkeit.
Und doch streife ich die Flügel dieser Ewigkeit nicht ab, sie sind Teil vom Ganzen.

Wir wurden aus den Nestern gestoßen, wir sollten fliegen lernen.
Parallelwesen in Paralleluniversen in Parallelzeiten.

Ende gehört dem Anfang und ist unausweichlich.
Die Existenzgrundlage fürs Sein, nicht umgekehrt.
Die Langsamkeit dieser Existenz sollte ihre Strafe sein und doch schaffen wir uns Abhilfen.
Wir nehmen uns Menschen, Orte, Gegebenheiten - machen daraus das Flickwerk das wir Leben nennen.
Eine Decke die nie wirklich wärmen kann. Was fehlt ihr?
Zu löchrig? Zu dünn gewebt, schlechte Fäden?
Wir hatten niemals Anderes und bleiben scheinbar zufrieden.

Und nun dies.
Zwei wie wir.
Zwei Parallelleben.
Die meisten Schritte unseres Weges haben wir hinter uns,
hatten wir hinter uns,
an einem Tag
in einem Bahnhof
in einer Stadt
am Rande aller Welten.
Dabei sind unsere Zeiten in den Zeiten der Zeit, kleine Zeiten.
Wir sind ihre Wimpernschläge, mehr nicht.
Und innerhalb der Bewegung dieses einen Wimpernschlages trafen wir aufeinander.
War es von Bedeutung?
Es war ein Hinbewegen hin zu diesem Augenblick, und zu denen die folgen sollten.
Hin zum Fluchtpunkt, heraus aus den Parallelwelten, heraus aus der unbeweglichen Zeit der Existenz.
Bis zu diesem Augenblick erschien uns niemals fragwürdig, was das Leben war.
Wir lebten es.
Hatten wir uns gesehnt?
Ja.
Doch wonach, das hatte keine Namen.
Haben Gefühle Namen, wenn sie fremd sind?

Ich bin auf dich zugegangen, in dich hineingefallen.
Du hast mich aufgehalten, mir den Rahmen geboten in den ich mich schmiegte.
In einem einzigen Augenblick.
Dann gingen wir. Fremd und selbstverständlich. Warum auch nicht.

An Bahnhöfen fährt man weg oder man kommt an.Wir gehörten zu den Ankommenden. 
Aus den Paralleluniversen hin zum unvermeidlichen Punkt der Ankunft,als Ende gelebter Flucht.
Wer hat uns hierhergeführt?
Die ewige Weisheit?
Weil wir Teil von ihr sind?
Wir weigern uns immer noch sie zu erkennen.
Ist das der Teil in uns, der sich angepasst hat?
Das Ganze, das wir bis hierher schufen, wurde zu dem Teil der sich jetzt weiterbewegen wird.
Wir haben unsere Zeit angehalten um sie ihm mitzugeben.

Nun trägt dieser Teil, geschaffen aus unser beider Sein,unsere Seelen mitten in der allgegenwärtigen Zeit hinein in die Ewigkeit.
Dort kommen wir als Ganzes an, wo wir es mal als Einzelne verließen.

Wir werden wieder hineingehen in die Ewigkeit dieses Flusses und dafür sorgen, dass unser Sein ihn vermehrt,sich weitergibt,
und wieder und immer wieder
wiedergeboren wird als Teil der Zeit,
die sie ans Universum verschenkt.

Es ist so.
Wir sind längst ewig.
Wir sind längst ganz.
Wir sind längst geheilt.
Wir sind angekommen.


- me agape.

Mai 5th, 2010

Es waren seit langem Zeiten in denen es einfacher schien, in der Nacht zu verschwinden und mit ihr zu verschmelzen.
Allein graue Gedanken wären noch erkennbar gewesen, und so waren es die Nächte ohne Schatten, die ihre schwarzen Gedanken aufnahmen und untergehen ließen.
Die Nächte wurden zu Zeiten des Freiseins in diesen Augenblicken des Nicht-Sehens, nicht Erkennen-Könnens.
In diesen Nächten gab es auch keine Spiegel. und wenn es sie gab, dann waren sie auch schwarz - einfach dunkle Flächen inmitten des Dunkels.
Am Ende dieser Nächte konnte sie auch endlich schlafen, farblose Träume umgaben sie, aufgesogen vom Schwarz und darin verschwindend.
Sie schlief erst ein, wenn die Nacht ihre Dunkelheit an den Tag verlor.
Es war gut sich gehen zu lassen. So leicht.

An einem dieser Tage, nach der Morgendämmerung die alles Schwarz aufsaugt, träumte sie.
Es war anders als sonst.
Zuerst sah sie Umrisse, immer mehr, viele. Sie hatten viele Schattierungen.
Dann, ganz langsam, kamen die Farben dazu.
Ein kleines hilfloses Bleich, ein helles Elfenbein, ein leichtes Gelbgrün wie allein der erste Frühling es nur schaffen kann, ein Rosa zart wie der Ansatz einer Magnolienblüte, ein grelles Orange einer untergehenden Sonne, ein Rot von endlosen Mohnfeldern, ein Blau eines weiten Ozeans, ein Lila fröhlicher Fliederbüsche, ein Braun kerniger Erde, ein glänzend-sattes Grün eines Laubfrosches und ein leuchtendes Gelb aus dem Herzen eines kleinen Gänseblümchens.

Sie wachte auf und konnte plötzlich nichts mehr denken.
Sie schaute sich an, blickte vor sich und an sich hinunter.
Sie schaute und sah nichts - und doch war es anders.
Sie ging wie üblich durch ihre Zeit, vergaß sie sofort wieder - so wie üblich.
Denn als ihre Füße den Boden fühlten, waren die Erinnerungen an den Traum der Farben verschwunden.
Sie ging wieder ihre gewohnten Wege die gefüllt waren mit ins Innere gekehrten Blicken und einer steten Sehnsucht nach allen dunklen Nächten.
Heute jedoch vergaß sie, sich nach der Nacht zu sehnen, so wie an jedem ihrer Morgen.
Etwas begleitete sie, ohne dass sie dieses Etwas erklären konnte. Sie merkte bloß, dass es sich nicht verdrängen ließ.

Als die Nacht sie wieder empfing, war sie unsicher. Unruhig wartete sie auf deren Arme und Schwärze. Sie sehnte sich nach dem Schlaf vor der Dämmerung, nach dem dunklen Tunnel ihres Lebens.
Nachts schliefen alle Menschen, das wusste sie. Doch niemand wusste, wie sehr sie selbst nachts lebte und wie gerne sie sich am Ende dieser Nächte endlich fallen ließ.
Und genau bevor sie am Ende der dunklen Stunden sich dem Schlaf überlassen wollte, kamen sie wieder. Die Farben. Immer mehr, immer stärker.
Das ging mehrere Nächte so. Jedes Mal hatten die Farben wieder ein anderes Gesicht, immer satter, voller, durchdringender schufen sie sich Raum in ihren Träumen.
Als sögen sie die Dunkelheit auf, als wischten sie das Nichts weg, als hüben sie die Schwere aus den Angeln und öffneten unbekannte Tore, als forderten sie sie auf, hindurch zu schreiten.
Und sie begann, ganz zaghaft, den Kopf zu heben. Sie bewegte die Lider, ließ die feinen Wimpern flattern, und zwischen dem Spalt zeigten sich ihre hellgrauen, farblosen Augen. Als hätten die Nächte ihren dunklen Augen die Farbe aufgesogen, so farblos waren sie. Sie hatte sie verdrängt und vergessen : ihre schwarzen Augen.
Zu lange hatte den Blick gescheut, damals als sie die Spiegel noch reden ließ.

Konnte es sein, dass sich in ihrem Inneren eine Wärme breit machte? Als seien die Gedärme heiß und unruhig, als würden ihre Gliedmaßen sich strecken, als käme ihr Atem fester und tiefer aus ihren Lungen, als würden die Ohren sich aufsperren und nach Lauten richten, die die Nacht nicht kennt oder gar längst verschluckt hatte.
Sie ging durch die neue Zeit der Helligkeit mit geraden Schultern, nicht wie sonst gebückt.
Noch blickte sie nicht mit offenen Augen auf alles um sie herum.
Noch weigerten sich ihre Ohren, laute zu unterscheiden.
Noch schlug ihr Herz unruhig und die Füße stolperten.
Als ihre Finger die Wärme der Steine fühlten, auf die sie ihre Hände gestützt hatte, erschrak sie.
Welch ein unbeschreiblicher Zustand.
Was war das?
Was geschah mit ihr?
Ein Duft, längst aus ihren Träumen verbannt, wand sich wie eine Schlange durch die Nase in ihren Kopf. Der schien davon bersten zu wollen.
Mit einem Mal riss sie ihre Augen auf. Sie wollte mehr.
Wollte wissen, was geschah:
Was war das, was sie um sich sah?
Was schuf diese Klänge?
Von wo kam dieser Duft, was hat ihn bewirkt?
Woher der sanfte Wind in ihrem Haar?
Warum die Hitze der Steinbank unter ihren Schenkeln?
Wer hat ihr das geschickt?
Alles fremd.
Und doch ein Zuhause.
Denn alles war da.
Alles was in ihr war, war da.
Sie war da.
Die Nächte der Schwärze hatten es ihr nicht nehmen können.
Das Schwarz der Nächte war nur die Flucht vor dem was sie meiden wollte und was jetzt mit ihr geschah:
Sie fühlte.

Nach einiger Zeit in der sie ruhig da lag, ihr Atem wieder flach ging und der Himmel auf den sie starrte, immer heller wurde, stand sie auf.
So wie jeden Morgen setzte sie ihre Füße auf den Boden.
Sie fühlte die Erde zwischen ihren Zehen und ein Laut kam aus ihrem Mund.

Und sie begriff: sie lachte.

- Gedanken im Frühling

April 20th, 2010


Gedanken im Frühling
Wenn ein guter Freund für immer geht, dann bleibt einen Augenblick lang die Zeit stehen, es wird etwas dunkler und Gedanken kommen, die meist verdrängt im Hintergrund der Ängste lauern.

Es ist die Zeit des Abschieds, das Loslassens und des Nachfühlens. Selbtsvorwürfe wegen verpaßter Gelegenheiten, vernachlässigtem Hinterfragen, des verdrängten Wahrnehmens und der verschobenen Hilfestellung machen es nicht ungeschehen und schaffen Gräben die ohne Sinn sind und nichts mehr ändern können.
Ich sitze nun hier und schaue in die Helle eines Frühlingsgefüllten Aprilmorgens und weiß, daß mich in Zukunft nur noch die Erinnerung an diesen Freund in solchen Augenblicken begleiten wird. Er wird das nicht mehr genießen können - ist für immer gegangen.

So scheint heute die Sonne auch auf auf die Schatten meines Herzens.

Und doch ist alles schön und gut, das leichte helle Grün der Knospen und jungen Blätter kitzelt meine Augen, Magnolienblüten prall und stolz, laden mich zum Innehalten ein, schon rieseln die ersten Blüten wie zartrosa Schnee auf die rissigen grauen Bürgersteige und ich schaue mit einem entzückten Lächeln auf die Wiese vor meinem Fenster, in der die Fühlingsblumen um die Wette blühen.
Der leichtblaue Himmel schmückt sich mit einem feinen Dunst und ich kann die frischgemähten satten grünen Halme riechen von dem Rasen etwas weiter weg von hier.

Das Leben platzt aus alles Nähten, so kommt es mir vor. Es läßt sich nicht zurückhalten, es ist wie jedes Jahr und jedes Jahr doch immer wieder neu.

Ich zähle die Frühlinge meines Lebens, der bewußt gelebten sind es wenige auch wenn es schon viele insgesamt sind.
Wie oft geht man an diesem Wunder vorbei?
Wie oft erkennt man erst spät den Wert?
Reicht es, einfach nur älter zu werden um es zu bemerken oder ist mehr erforderlich, als die bloße Ansammlung von Lebensjahren?

Wieder schaue ich aus dem Fenster und nehme wahr, was die Natur mir bietet.
Alles ist kostenlos, alles geschenkt alles für jeden und alles für mich.

Ein wahrer Grund für Dankbarkeit.

Er fehlt.

In MEMORIAM WOLFGANG END

April 18th, 2010

- Künstlerwochenende

oder……..
wie ich das erste Mal, zum Lesen, nach Bayern fuhr.

Es sollte ein kleiner Bericht über ein nettes Wochenende werden, einfach so.
Eine kleine nette Geschichte. Doch mir fielen mehr Worte dazu ein, als in kleine Geschichten üblicherweise so reinpasst.
Vielleicht wird es ja jetzt eine größere Geschichte, ohne dass sie zu einer großen Geschichte auswuchert.
Einfach eine Geschichte über zwei Tage in Bayern, über zwei Tage im Leben einer Italienerin die in Braunschweig lebt und auszog, ihre Geschichten und Gedichte in Puchheim, Oberbayern, vorzutragen.

Wenn ich an Bayern dachte, stellte ich mir stets den blauen Himmel vor mit weißen Wölkchen und saftigen grünen Wiesen dazu.

Seit bald neun Jahren ist mein Lebensmittelpunkt Braunschweig, eine mittelgroße Stadt in Niedersachsen, nordöstlich von Hannover. Wenn man von hier nach Norden schaut, dann liegt zwischen Braunschweig und der Nordsee nur noch das flache Land mit der wunderschönen Heide. Windig ist es bei uns hier oben, und wechselhaft, oft kühl doch nie wirklich kalt.
Warum ich das so detailliert beschreibe?
Nun, am 11. Juli 2008 reiste ich von eben diesem schönen Städtchen Braunschweig, das ich übrigens sehr liebe, Richtung München. Ich war eingeladen, nach Puchheim, zur Lesung meiner Texte im Zusammenhang mit dem Fest „Puchheim lebt”.
Mein guter Freund und wunderbarer Maler, Wolfgang End, bat mich, doch einfach einmal teilzunehmen und stellte mir sein Sofa unter dem Glasdach seines Ateliers zur Übernachtung zur Verfügung. Gerne stimmte ich zu und freute mich auf ihn, seine Bilder und das Happening in der Bahnhofstrasse.

Dieses Jahr waren wir hier verwöhnt worden mit dem guten Wetter. Der Norden Deutschlands lag seit Mitte Mai stets unter blauem Himmel und war gesegnet mit wärmenden Sonnenstrahlen. Die ersten grauen Tage seither habe ich deshalb schnell vergessen, denn ich konnte ja abreisen aus der mit grauen Wolken behangenen Stadt meines Herzens, Richtung Süden. So freute mich nicht nur auf Wolfgang und das Fest, sondern auch auf Sonne und Wärme.

Kurz gesagt, in München am HBf war es wirklich warm und stickig dazu; aber Bahnhöfe sind entweder heiß und stickig oder kalt und durchzugig, im wahrsten Sinne des Wortes.
Die S-Bahn brachte mich nach Puchheim und mit ihr in ein schwarzes Loch. Wirklich!
Ich kann es nämlich nicht anders beschreiben.
Freitagabend, kurz nach 20 Uhr, und der Himmel über Puchheim war nur noch eine dunkle bedrohliche Wand, die genau in dem Augenblick explodierte, als ich aus dem Zug stieg. Ich brauche nicht zu sagen, dass das am Ende des Bahnsteigs war, und ich, bis ich dann zur Überdachung kam, längst durchnässt war.
Ich sollte es wohl Regen nennen, was da auf mich herunterprasselte, doch es war nicht zu vergleichen mit dem Regen Norddeutschlands oder gar Italiens, dem feinen feuchten Schleier, der sich ab und zu über eine kleine norddeutsche oder gar mittelitalienische Stadt legt.
Naturelemente pur: in dem Augenblick wusste ich noch nicht, dass sie mir an diesem Wochenende mehrmals begegnen würden.

Netterweise stand Wolfgang End vor dem Bahnhof und neben ihm ein Auto.
Und so konnte ich, trockenerweise, den außergewöhnlichen Ort Puchheim näher kennen lernen. Zum ausdampfen und auch zum Abendessen führte Wolfgang mich dann in eine bayerische Gaststätte. Alles fremd für mich, insbesondere die Sprache. Ehrlich, dass sie so weit entfernt von Hochdeutsch klingt, war für mich neu und faszinierend zugleich. Irgendwann gab ich auf, etwas von dem verstehen zu wollen, was das freudige Volk am Tisch gegenüber redete. Außerdem stand eine große Portion Essen vor mir; unmöglich diese Menge zu schaffen. Ehrlich gesagt, ich habe sie, fast, geschafft, aber sie hat mich ganz geschafft. Das Essen war wirklich gut, auch wenn es „nur” ein Salat war. Dafür aber mit allem „drum und Dran”!
Ich sollte am folgenden Tag noch die Bekanntschaft mit Schweinebraten machen, doch dazu später mehr.

Offensichtlich war Wolfgang nicht so beunruhigt vom steten Regen wie ich. Er meinte, besser Regengüsse am Freitagabend als am Samstag und Sonntag.

Da ich Wolfgang leider nicht viel helfen konnte, ließ ich es zu, mich faul aufs Sofa zu legen und mir die rund fünf Stunden Zugfahrt aus den Knochen zu schlafen. Ich hatte ja Glück inmitten des Unglücks vieler Bahnkunden gehabt. Nur weil ich ausnahmsweise früher am Bahnhof war als vorgesehen; ich wollte mir in Ruhe noch etwas zu essen kaufen für unterwegs; erwischte ich den letzten Zug der noch Richtung Süden fuhr. Der hatte zwar auch ein Stunde Verspätung gegenüber seiner regulären Fahrzeit, doch die Züge danach fuhren erst mit mehrstündiger Verspätung weiter. Die Bahn hatte sich nämlich kurzfristig entschlossen, alle neuen ICE’s zu überprüfen und folglich standen keine Züge zur Verfügung, um alle ihre Kunden durch die Lande zu fahren. Diese mussten warten oder aber doch noch das umweltfeindliche Auto nehmen um in die Ferien zu gelangen.
Ich hatte es aber geschafft zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein.
Und so konnte ich also am Abend in Puchheim, mit vollem Bauch und nur leicht beunruhigt wegen dem nassen Wetter, friedlich einschlafen, nicht ohne vorher genüsslich und begeistert durch die „End”-Galerie meines Gastgebers gestöbert zu haben.

Wolfgang End hatte gemeinsam mit seinen Künstler-Kollegen von ARTtoUS nämlich ein „Happening” geplant in der Bahnhofstrasse von Puchheim. Alle sollten draußen ausstellen, lesen, performen oder wie auch immer. Das Happening war folglich wetterabhängig, vor allem weil es vorgesehen war, die Nacht von Samstag auf Sonntag auch draußen zu verbringen. Das hatten Happenings ja seit jeher so an sich, dass sie rund um die Uhr stattfinden. Jedenfalls zu deren Blütezeit war das so.
Ich fand die Idee sehr spannend, nicht nur weil es einfach wieder die Erinnerungen an früher hervorzauberte, sondern weil Kunstwerke sich verändern bei Nacht.
Sie werden geheimnisvoller, genauso wie die „Performances” und die Texte, die in die Nacht hinein gesprochen werden.

Ich freute mich sehr darauf. Hinzu kam, dass ich mir die Bahnhofstrasse als eine Strasse vorstellte, die voller Häuser und Läden, mitten im Ort Puchheim liegt.
Wie konnte ich nur so unwissend sein?! Aber das lehrt mich, mich vorher nicht über das Eine oder Andere zu informieren. Aber schön ist sie doch, die Bahnhofstrasse von Puchheim, das gebe ich im Nachhinein zu. Nur einfach anders als in meiner Vorstellung.

In meiner Unwissenheit glaubte ich am folgenden Morgen, der meist blaue Himmel, von dem zwischen diesen berühmten weißen Wolken die Sonne hervorlugte und auf meine Schlafstatt schien, würde einen bayerischen Sommer-Sonnentag versprechen. Und tatsächlich, morgens um acht Uhr haben Wolfgang End und ich, nur mit Sommerhose, Hemd und T-Shirt bekleidet, schon die ersten Austellungsgegenstände in der Bahnhofstrasse aus dem Auto gepackt.

Welch eine schöne Straße, Puchheims Bahnhofstrasse! Sie verband Puchheim Ort (2000 Einwohner) mit Puchheim Bahnhof (18000 Einwohner), lag inmitten von Kornfeldern und führte quer über Land.
Auf der einen Seite standen meist weiße Birken, so weiß wie ich noch nie welche sah und auf der anderen Seite alles alte Telefonmasten mit Porzellanköpfen. Und auf diese Masten durfte ich meine Texte befestigen. Ich tat es mit inbrünstiger Begeisterung. Dazwischen schmückte ich die Birken mit den Krawatten aus James Blackforest’s Fundus, einer der Künstler des Happenings, und hängte gemeinsam mit Wolfgang End, Bilder, Gemälde, Geschichten und Sonstiges zwischen und auf die Bäume.
Klaus Wiese bohrte seine Toten(m)bretter in den Wegrand und hängte ein farbiges Stuhlassortiment an Bäume und Seile;
Thomas Rumberg kam etwas später, begann aufzubauen und baute auch wieder schnell ab;
Glenn Rossiter wollte auf einem zwischen zwei Bäumen gespannten Band die vorbeiziehenden Puchheimer Bürger auffordern, ihre Gedanken zu ihrem Heimat- resp. Wohnort mit blauem Edding aufzuschreiben, doch das stürmische Wetter erlaubten Glenn und den Puchheimern keine niedergeschriebene Meinungsfreiheit;
Laura Elibol’s farbenfrohe und ideenreiche „Installation” flog teilweise mit dem Wind davon, während ihre Mutter nicht einmal beginnen konnte, die eigenen Bilder auszupacken;
Michael Kurz passte sich an und sägt noch vor Ort enorme Delfine aus Holz, die durchs gelbe Kornfeld „schwammen”. Kein Wunder dass das klappte, wo doch Wasser deren Element ist;
die Blätter mit meinen Texten waren widerstandsfähiger als von mir befürchtet und sie hielten sogar, mehr oder weniger, bis zu meiner Abreise am folgenden Tag;
Wolfgang End hatte neben vielen Installation und seinen beiden farbenfrohen und ziemlich wasserresistenten Ölbildern, eine größere Anzahl seiner lustig-liebenswerten Steckerlfische in die Wiese gesteckt. Die außergewöhnlichen Rautenfische zogen ihre imaginären Runden und fanden so auch Liebhaber, die sich bereit erklärten, dem Erhalt des Rautenfischs in Oberbayern ihre ganze Zu- und Hinwendung zu versichern;
und tatkräftig unterstützt wurden wir alle vom Web-Master des ARTtoUS-Vereins, Dietmar Wellmann.

Doch noch bevor am Samstagvormittag das Happening offiziell eröffnet werden sollte, nahm mich mein freundlicher Gastgeber mit zum „Schokolädchen”. Er hätte das wohl besser unterlassen sollen, denn seither bekenne ich mich öffentlich zu der Sucht nach Schokolade - und nur die vom „Schokolädchen”. Ganz im Ernst, wer kann da noch widerstehen?! Göttlich, sage ich, und einfach nur sündig und verführerisch gut! Doch, das geht zusammen, fragen Sie mich bitte nicht, warum.
Dass ich mich mit Pralinen für zuhause eindeckte; muss ich das wirklich noch betonen?!
Vorher hatte ich das „End”-Gedeck genossen, ich finde heute noch keine Worte für diesen Genuss. Der Cappuccino war sehr gut, und die drei Pralinen - ohne Worte. Und die Obstcreme…..hmmmm.
Dass es Rautenfisch-Pralinen gibt, wunderte mich nicht mehr, und auch nicht die Rautenfisch-Marmelade und der Rautenfisch-Likör. Probieren Sie die Köstlichkeiten, Sie werden mir zustimmen, es lohnt sich!

Zurück in der Bahnhofsstrasse, sprach Wolfgang End einen fatalen Satz:
„Ich rieche Regen!”.
Hat der Mann eine gute Nase! Nicht lange danach zogen immer dunklere und dichtere Wolken auf und kurz vor der „Band-Durchschneidung” fielen sie, die ersten Tropfen von Millionen, die in den nächsten beiden Tagen noch folgen sollten.
Ich flüchtete ins Auto, denn außer T-Shirt und dünner Jacke schützte mich nichts vor der Nässe. Dass genau im Augenblick einer kurzen Regenpause, die Honoratioren das symbolische Band zwischen Bahnhof und Ort (beides bekanntermaßen Puchheim) durchschnitten, haben mir die Künstlerkollegen erst später erzählt. Da war es zu spät.
Sie wurden nass - ich nicht.
Sie sind auf dem Zeitungsfoto - ich nicht.
Kismet!
Ab dann hörte es stundenlang nicht mehr auf zu regnen.

Wie schon geschrieben, einige Künstler gaben, zu Recht, auf, bevor es richtig anfing mit dem unaufhörlichen Niederschlag in Oberbayern, und so machten wir uns alle irgendwann gemeinsam auf den Weg zum „Unterwirt”. Und genau dort begegnete mir dann der bayerische Schweinebraten, in sämiger brauner Soße mit Knödel und Salat. Die Portion sollte wohl für zwei Tage reichen, aber man wundert sich doch, wie man über sich selbst hinauswachsen kann….
Sie verstehen, wie ich das meine, gell?!
Die Runde der ARTtoUS-Künstler genoss es, im Trockenen zu sitzen und selbst wieder einigermaßen trocken zu werden und dann, oh Wunder, draußen regnete es nicht mehr.
Freudig zurück in der Bahnhofstrasse, blickten wir erstaunt auf interessierte Spaziergänger. Die teilten uns dann mit, dass in der Zwischenzeit der erste Bürgermeister durch die Strasse gewandert war und sich über die fehlenden Künstler wunderte.
Kismet 2!

Dass es dann wieder anfing zu regnen, wunderte uns dann wiederum nicht mehr.
Was soll ich sagen: Kismet 3!

Den Samowar, der den Besuchern warmen Tee spenden sollte, ließ sich Wolfgang in der Gaststätte mit Wasser füllen, doch leider füllten ungeübte Hände den falschen Behälter, nämlich den mit den Heizstäben.
Die Folge davon war, dass der Samowar einen „Kurzen” hatte, der ewig lang hielt und somit war es aus mit heißem Tee. Armer Wolfgang, er hatte sich doch so sehr darauf gefreut, interessierte Spaziergänger freundlich zu empfangen.
Das taten wir dann auch, mit alkoholfreiem Sekt und kleinen Stücken selbst gebackenem Maismehl-Kräuterbrot, ein Rezept meiner italienischen Großmutter.

Gegen Abend verschwanden langsam die dunklen Wolken und machten Platz für einen umwerfend-schönen Sonnenuntergang. Nicht einmal Wolfgang End hätte ihn schöner hingekriegt - auf Leinwand versteht sich.
Während dieser kurzen trockenen Periode lernte ich dann die Puchheimer kennen, die sich wagten, im Feuchten die übrig gebliebenen Kunstwerke der Bahnhofsstraße anzusehen.
Reiter auf Pferden, Autofahrer (auch wenn die Strasse gesperrt war), Radfahrer, alte und junge Leute, mal auf Stock oder Regenschirm gestützt, in kurzen Hosen und Sandalen, manche nachfragend, viele schweigend und doch einige redend und kommentierend.
Man(n) lehrte mich den Unterschied zwischen Ober- und Unterbayern, dass es für Baden-Württemberger keine Einreisegenehmigungen mehr gibt, dass die grünen Wiesen und die vielen Seeen nicht von selbst entstehen sondern dank dem vielen Niederschlag, dass es ein Vorurteil ist, sich Bayern blau-weiß-grün vorzustellen und dazwischen nur noch Kühe und Schuhplattler, dass die Stadtgrenze Münchens hinter dem nächstgelegenen Feld beginnt, dass es innerhalb eines Ortes Grenzen zwischen den Menschen gibt die auch nach Jahren nicht abbaubar sind, dass nicht jeder Bayer bayerisch spricht und die meisten Bayern auch hochdeutsch verstehen…..
Ein netter Herr mit lustigen Augen, auf Fahrrad, suchte sich den schönsten Steckerlfisch aus. Es stellte sich für mich nachher heraus, dass es der zweite Bürgermeister von Puchheim ist. Wenn schon nicht den ersten, so habe ich wenigsten den zweiten der Oberen Herren kennen gelernt. Ich gebe zu, ein freundlicher Mensch!
Ich lernte einen Verleger kennen der mich nicht verlegen machte, aber mich vielleicht verlegen mag, einen angeblichen Schauspieler mit freundlicher weiblicher Begleitung, Menschen die einfach nur nett und zuvorkommend waren und interessant dazu!
Dann kam noch Ruth Gemeinhardt vorbei, Journalistin beim Münchner Merkur, und erhielt eine persönliche Führung über die Künstlermeile der Bahnhofsstraße von Wolfgang End, Klaus Wiese und Dietmar Wellmann.
Wir schlossen das Happening wegen wieder einsetzendem Regen, ließen die Kunstwerke stehen und hofften auf einen sonnigen Sonntag.
Als Abschluss des Samstag Abends blieb uns noch ein Besuch des PUC, ein Muss für jeden Besucher Puchheims. Dass es ein architektonisch außergewöhnliches Kulturzentrum ist, hatte mir schon einer der freundlichen Besucher unserer Kulturmeile verraten. Ich lauschte der heißen Musik einer jugendlichen Band, aß eine sehr schmackhafte Bratwurst, trank endlich ein bayerisches Bier und fühlte mich wunderbar.

Selten habe ich mich so sehr auf ein Sofa gefreut, wie auf das in Wolfgang End’s Atelier. Ich schlief selig und auf Sonne hoffend ein und wachte früh morgens vom steten Regen auf das Atelierdachfenster wieder auf.
Es wurde nicht einmal richtig hell und nach fast zwei Stunden nutzlosen Wartens, beschlossen mein Gastgeber und ich, in Puchheims einzig geöffnetem Café zu frühstücken.
Ich gebe zu, es war ein herrliches Frühstück und die Bedienung kam sogar aus Norddeutschland. Endlich verstand jemand, wenn ich ein Brötchen bestellte anstatt einer Semmel, wenn ich Brezel sagte und nicht Brezln usw. So wuchs mir Puchheim, und damit Oberbayern, noch mehr ans Herz.

Wer Wolfgang End kennt, weiß, dass er voller Ideen und Überraschungen steckt. So auch jetzt.
Klar war, wir konnten im strömenden Regen nicht stundenlang draußen hocken bleiben. Fraglich blieb sowieso, ob sich Menschen einstellen würden, um die wenigen, noch übrig gebliebenen Kunstwerke zu studieren.
So nahm Wolfgang, Felix den Waschbär, eine Handpuppe, und setzte sie auf den Tisch, an dem wir Künstler hätten draußen sitzen sollen. Felix teilte per Zettel den eventuellen Besuchern mit, die Künstler XYZ hätten sich ins Trockene zurückgezogen und für eventuelle Fragen sollten sie sich an Wolfgang End in Puchheim wenden.

Wie erstaunt wir waren, Spaziergänger im Regen unter Schirmen auf der Allee zu erblicken, können Sie sich vielleicht vorstellen. Geduldig standen diese vor den Kunstwerken und gingen sogar vor den Telefonmasten auf und ab, um die Gedichte und Geschichten zu lesen.
Dass meine Lesungen ausgefallen waren, tat mir ja Leid. Aber als ich die Menschen im strömenden Regen vor meinen Texten sah, war ich so sehr berührt, dass ich wusste, auch noch der größte Erfolg bei der Lesung hätte das nicht wett machen können, was ich in dem Augenblick empfand.
Ich möchte mich im Nachhinein nochmals bei allen Menschen aus Puchheim bedanken, die sich diese Mühe gemacht haben.
Sie können nicht ermessen, was Sie mir damit geschenkt haben!

Aber trotzdem hatte es keinen Sinn, sich in die Nässe zu hocken. Und so zeigte mir mein so liebenswerter und höflicher Freund Wolfgang End, seine Adoptivheimat.
Er fuhr mich durch Puchheim und danach nach Fürstenfeldbruck. Ich war beeindruckt von dem Abtei-Komplex, der wunderbaren Barockkirche, der Ausstellung und war erschlagen vom Windbeutel in der Gaststätte. Aber einen Windbeutel mit Malzsahne musste ich doch probieren, das müssen Sie doch einsehen…!

Zurück im Atelier, packte ich meine Koffer fertig, wickelte ein wunderschönes Frauenportait, „Monika”, gemalt von Wolfgang End in seiner zweiten Schaffensperiode, in wasserdichtes Einpackmaterial, sattelte den geschenkten Tuchsitz und meine Tasche.

Dann setzte ich mich in einen Sessel und schaute mir nochmals mit Genuss alle möglichen Bilder von Wolfgang an und auch die von James Blackforest. Dessen Minimalismus ist unvergleichlich und stets überraschend. Dafür strotzen Wolfgangs Werke vor Lebendigkeit und Ausdrucksfähigkeit. Ich konnte mich nicht satt sehen, denn sie sind so umfangreich und sehr aussagekräftig.
Irgendwann musste ich zum Münchner Hauptbahnhof gefahren werden. Vorher hatte ich nur noch die Möglichkeit, als kleines Dankeschön, meinem Gastgeber meine gesammelten Texte, mit Widmung, zu schenken. Es war mein erster gebundener Band überhaupt.
Zum Abschied tranken wir beide noch einen Cappuccino im HBf und als mein Zug Richtung Norden fuhr, fühlte sich meine Welt einen kleinen Augenblick leerer an als die beiden Tage zuvor.

Seither sehe ich täglich „Monika” in meinem Flur hängen, die mir mit ihrer Präsenz bestätigt, dass ich dieses außergewöhnliche Wochenende nicht nur geträumt habe.

Vielen Dank allen Menschen aus Puchheim, den Künstlern von ARTtoUS und vor allem Wolfgang End, für ihre Freundlichkeit, ihre Zuvorkommenheit und die Freundschaft!
Ich werde gerne wiederkommen, egal welches Wetter auch sein wird!

Ghita Cleri
Braunschweig im Juli 2008

Nachtrag:
Wenn ich jetzt an Bayern denke, stellte ich mir noch immer den blauen Himmel vor mit weißen Wölkchen und saftigen grünen Wiesen und dazwischen ab und zu eine gescheckte Kuh.
Und dazu noch nette Menschen, liebe Freunde, einen Laden mit Schokolade und Windbeutel, einen Ort, in dem die Bahnhofstrasse einsam mitten zwischen Feldern liegt, unvergleichliche Sonnenuntergänge und nicht zu vergessen: einen Haufen Regenschirme!

 

- Wie üblich…

April 8th, 2010

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…allein.

Menschen säumen meinen Lebensweg.
Doch lebe ich allein, bin ich allein - seit so langer Zeit.
Irgendwie viel allein und doch wenig.
So auch heute.

Es gab an diesem Tag Augenblicke, in denen die Welt rund schien und ich war bei ihr zu Besuch.
Nichts war wichtig. Alles war - weil alles ist.
Die Musik erklang, umwehte die borkigen Stämme der Bäume, drang durch meine Ohrmuscheln in mein Bewusstsein und schwang sich auf die Äste der Eiche über mir.
Ich folgte den Spuren der Klänge mit wissenden Blicken - sie waren überall, vor allem im winzigen Grün der schlüpfenden Blätter und im Blaugrau des Himmels zwischen den hellen Wolken.
Ich empfand es als Geschenk, ihren Weg begleiten zu dürfen und Teil dieser Welt zu sein die solche Freuden gebiert und die deren Genuss zulässt und möglich macht.

Und so frage ich mich, was wirklich wertvoll ist im Leben. Augenblicke wie diese, in denen ich allein bin, in denen ich schreibe, denke, Musiknoten sehe und Farben höre, Apfelkuchen esse, Menschen zuschaue, wenn der Geruch der Buchsbäume in meine Nase weht und das Wissen tief in mir ist, dass kein Augenblick so lebendig ist wie der eben gelebte - einer nach dem anderen.

Mein wundes Herz wird weich und klopft so zaghaft dem Frühling entgegen. Es trägt Hoffnung in sich, genauso wie der laue Wind und die knospenden Magnolienbäume. Es weiß, es wird jedes Mal wieder alles gut, alles hält seine ihm vorgegebene Zeit und es ist an mir, diese Zeit zu leben, sie zu füllen mit Freude und Genuß, mit Zuversicht und Sorglosigkeit.

Denn keine Angst der Welt wird den Lauf der Zeit ändern.
Alles ist stets im Fluß, alles hat seinen Raum, alles wird getragen von seiner ihm eigenen Zeit.

Ich lege meine Gedanken und Träume in die Arme dieser Zeit - und fühle mich in ihr geborgen. Wir sind ein Ganzes und ich ein Fragment ihres Laufs.
Alles ist leicht, alles ist gut.
Auch mein wundes Herz…..

Es ist doch Frühling!!!


- UnWesentliches

März 31st, 2010

Wären wir damals nicht zum Strand gefahren, ich hätte die Muschel nicht finden können, die ich jetzt in Händen halte und die mich an den bestimmten Augenblick erinnert, als ich mich nach ihr bückte.
Damals hörte dein Lachen im Hintergrund, sah aus den Augenwinkeln wie du zwei Kindern mit ihren Hunden zuschautest die im Wasser tollten.
Du hast Hunde immer sehr geliebt, im Gegensatz zu mir. Ich mag Katzen. Das hat uns nicht gestört, wir hatten weder Katz noch Hund.
Wir hatten auch keine Kinder.
Als man uns damals sagte was auf dich zukommen würde, riet man uns gleichzeitig davon ab Kinder zu bekommen. Wir sollten das Leben, unsere gemeinsame Zeit, genießen, meinten sie. Wir hielten uns daran.
Du wärst mir nur ein paar wenige Jahre geblieben, laut den Aussagen der Spezialisten.

Wir nahmen ihre Worte ernst.
Wir reduzierten unser Leben auf das Wesentliche. Wie?!
So, wie wir damals das Wesentliche definiert hatten.
Wenig besitzen, viel Zeit nutzen, wenn möglich miteinander, nicht an morgen denken, nicht auf morgen handeln - nur jeden Augenblick wichtig sein lassen.
Warum ein Kind, wenn es so früh keinen Vater mehr hätte und die wenige uns verbliebene Zeit für seine Interessen geopfert werden müsste?
Warum einen Hund, der viel Zeit und Raum und Geduld in Anspruch nimmt.
Warum eine Katze, die schlussendlich auch bindet.

Auf diese Weise begann unser Weg nach deiner Diagnose. Unser gemeinsame Weg davor war kurz gewesen, wir waren doch erst Ende zwanzig.
Blieben wir deshalb zusammen, weil wir noch so jung waren und noch voller Ideale für Liebe?
Jetzt, mit der Muschel in der Hand, frage ich mich, ob ich mit dem Wissen von heute auch so entscheiden würde. Ich kann es nicht beantworten.

Am Anfang warst du zurückhaltend, suchtest das Alleinsein. Ich litt. Dann haben wir geredet und Entscheidungen getroffen. Der Bausparvertrag wurde aufgelöst, eine neue Wohnung, kleiner, war schnell gefunden, ein bequemes Auto und kein sportliches mehr….
Wir fokussierten unser Leben nur auf uns selbst.
Ich ging nur noch kurze Zeit arbeiten, denn unsere finanzielle Situation erlaubte es. Du warst sowieso immer von zuhause tätig als freier Journalist. So waren wir fast ungetrennt zusammen.
Wir teilten uns den Alltag auf, ich kümmerte mich um all das was dir das Leben leichter machen könnte damit du dich um deine Interessen kümmern konntest.
Wir machten Reisen; du wolltest noch viel sehen. Irgendwann würden deine Beine sowieso nicht mehr mitmachen und deine Augen auch nicht. Und schieben lassen auf einem rollenden Stuhl durch Urwald oder Canyon wolltest du schon gar nicht. Ich hätte es für dich getan, das wusstest du.
Wir fingen an uns zu isolieren, brachen die meisten Kontakte ab. Nur wenige blieben, die zur Familie oder ganz engen alten Freunden.
Du wolltest, wenn es nicht mehr zu übersehen wäre, niemandem Erklärungen abgeben.
So merkten wir nicht, wie wir langsam immer mehr auf der Oberflächlichkeit des Lebens trieben. Mich nach deinem Befinden zu erkundigen hatte ich längst aufgehört: damit du nicht immer an deine Krankheit erinnert würdest.
Im Nachhinein war mir, als ob das Ignorieren deiner Krankheit einen Einfluss auf ihren Verlauf hatte. Denn die Jahre liefen weiter, wir füllten sie mit unseren Wesentlichkeiten die wir nicht mehr nachfragten und merkten nicht, dass die Zeit, die dir damals gegeben wurde, längst überschritten war.
Kleine Unpässlichkeiten ab und zu, waren noch Anstoß zum erinnern, doch auch diese Unpässlichkeiten wurden geringer.
Anfangs gingst du regelmäßig zu Untersuchungen und dann immer weniger. Wann du das letzte Mal dort warst habe ich dich nie gefragt. Auch das habe ich geflissentlich ignoriert. Wir teilten jede mögliche Zeit miteinander, nur deine Krankheit behieltst du als Ganzes für dich allein. Vielleicht hat mir dein Verhalten auch gepasst, es hat mir das Nachdenken weggenommen.
So verging die Zeit, wir haben die Jahre selten gezählt. Wir waren damit beschäftigt, sie mit Wesentlichem zu füllen weil wir für Unwesentliches keine Zeit opfern wollten.
Wir waren fast immer zusammen und merkten nicht, wie wir uns entfremdeten.
Was sollten wir uns denn noch erzählen, außer über neue Reisen, alte Reisen, Gegenstände der Erinnerungen, Literatur, Kultur, Kunst, Fernsehsendungen oder Radioreportagen, ich probierte neue Rezepte aus, las und schrieb und nähte. Wir strichen regelmäßig die Wohnung, dekorierten sie ab und zu um, kauften das eine oder andere Möbel neu, gingen in die Stadt oder in den Park, schauten den Leuten zu und nach. Manchmal, nächtens, wenn du mich liebtest, dann erschrak ich weil ich mich fragte, wer der Mann in mir ist. Ich habe es stets sofort verdrängt. Wir liebten uns nicht oft, eigenartig. Wir liebten uns doch, nicht wahr….?!

Wir hatten dein Todesurteil akzeptiert, damals, und es als Menetekel über unser Leben hingenommen.
Wir lebten mit dem Bewusstsein, dass deine Lebenszeit kurz sei.
Zwanzig Jahre lang lebten wir mit diesem Bewusstsein und den daraus entstandenen Entscheidungen. Waren sie richtig? Heute stehe ich hier, mit einer kleinen weißen Muschel in der Hand und frage mich das zum ersten Mal wirklich.
In der Zwischenzeit hätten wir schon mehr als einen Hund haben können, in einer schönen Wohnung am Rande der Stadt leben oder einem kleinen Haus im Moor, eine Katze vielleicht noch dazu, unser Kind wäre erwachsen; würde es studieren wäre es schon nicht mehr zuhause.

Was hatten wir uns zu leben gelassen? Was hatten wir uns genommen in der Überzeugung, uns nur das Wesentliche vom Leben mitzunehmen?
Was haben wir davon gehabt? Haben wir etwas verloren dabei?

Heute weiß ich, das Schlimmste war, wir hatten die Freude am Leben abgelegt, diese Freude die entsteht, wenn das Unwesentliche einen streift.
So, wie wenn man eine Muschel aufhebt und noch eine und noch eine und sie dann alle noch feucht und sandig, in die Jackentasche steckt. Man schaut in die Sonne, setzt das Gesicht dem Wind aus und freut sich über den Augenblick.

Wir wollten das Leben konsumieren, wir wollten es füllen und im Zeitraffer leben, damit wir soviel wie möglich mitbekommen.
Aber wir alle haben allein nur die Zeit, die wir uns nehmen.
Haben wir wirklich gelebt und war es richtig?

Vor ein paar Wochen bist du dann für immer gegangen. Nicht deine Krankheit war die Ursache sondern ein Verkehrsunfall. Du überquertest eine Straße in der Stadt und ein Autofahrer hatte die Ampel übersehen. Es ging so schnell.
Ich wollte es anfangs nicht glauben. Ich begriff, dass ich niemals Angst hatte um dich, niemals annahm, dir könnte sonst etwas passieren als das, was man dir vor vielen Jahren androhte, nur diese Krankheit allein deinem Leben ein Ende bereiten würde, sonst nichts.
Ich habe nie aufs das Leben geschaut, immer nur auf den Tod.

Wir beide dachten, wir hätten das Leben im Griff, so lange es uns bleibt.
Wir dachten, wir hätten unser Leben so geplant, dass uns das größt- und bestmögliche geboten wird so lange es geht.
Wir haben so sehr an die vorhergesagte Zukunft geglaubt und sie als einzigen Maßstab genommen. Wir haben uns von Anfang an dem Ende ausgeliefert ohne ein „Dazwischen“ zu haben.
Und so haben wir uns niemals gefragt was wir brauchen sondern immer nur entschieden was wir wollen. Wir existierten nach Plan.


Das Leben spielt aber nicht mit.

Irgendwann hört es auf, für jeden. Die Zeit dazwischen ist das Geschenk. Wir haben uns bloß geweigert es auszupacken weil uns gesagt wurde, wir müssten es bald zurückgeben.

Ich denke an den Tag als ich nach der Muschel griff, ich höre dich über die Kinder und die Hunde lachen und sehe immer noch deinen sehnsüchtigen Blick….

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- Drachen der Freiheit

März 30th, 2010

Wenn du dich akzeptierst mit allem was dich ausmacht,.
dann bist du frei
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Deine Freiheit ist deine Macht.


Ich bin im Zug, auf der Rückreise aus einem Teil meiner Vergangenheit zurück in meine Gegenwart.

Das helle Grün der Bäume draußen, lässt das Eine oder Andere in mir drin leichter erscheinen, auch wenn aus grauem Himmel, die Wolken dichte Regenschauer herunterschicken.
Was fühle ich, das frage ich mich in letzter Zeit immer öfter. Fühle ich, fühle ich mich, mich selbst?! Was bedeutet das, fühlen?!
Erste Ahnungen kamen vor einiger Zeit, seitdem nichts mehr so läuft wie gewohnt. Mein Leben ist seit Jahren in Richtungen gegangen und ich ging einfach mit. Ich wollte perfekt sein, perfekt funktionieren um angenommen zu werden von den Menschen um mich herum.
Und meine Gefühle? Was sind Gefühle? Wo sind Gefühle? Was bedeuten Gefühle? Irgendetwas in mir rührt sich, ganz tief drinnen.
Und nun drängt sich nach oben was mir unbekannt, was stets unterdrückt: eben gerade diese unbekannten Gefühle. Ich weiß es.
Und doch mischt sich wieder meine Ratio ein, will mich auslachen wegen diesem unbegründeten Hoffnungsschimmer.
Unbegründet für den Verstand, der lieber alles zerpflückt was nicht aus ihm geboren wurde, anstatt sich selbst auch einmal in den Hintergrund stellen zu lassen .
Wenn ich hinterfrage, was seine Zweifel, seine Habachtstellung, seine Überlegungen, meinem Leben Positives gebracht haben, plustert er sich noch mehr auf und weist auf all die Argumente hin, die diese unsere heutige Gesellschaft ihm bislang geboten hat und mit denen er seine Vormachtsstellung heftig untermauert.

Mein kleines wundes Ich tief in mir, versucht leise aufzuschreien. Mit unsicherer Stimme macht es mir klar, dass es Zeiten gab, in denen es mehr Raum in meinem Leben hatte. Es will wissen, warum ich es vernachlässige, warum ich es nicht schützen will vor dieser immer größer werdenden Wand zwischen ihm und meinem Leben. Es will wissen, warum ich es ausschließe, war ich doch niemals so nah bei mir, so selbstsicher, ruhig und entspannt, als dann, wenn ich ihm seinen angemessenen Raum ließ, wenn ich es wichtig nahm und respektierte.

Auf der Postkarte neben mir: ein kleiner weißer Drachen an einer roten Schnur mit den vielen bunten Papierfetzen, fliegt hoch zwischen weißen Wolken in den blauen Himmel. Er sieht so fröhlich aus. Er fliegt in Richtung Freiheit, dorthin wo mein Herz immer gerne hingewollt hat. Will es denn heute nicht immer noch dahin?!
Und trotzdem will ich es immer noch nicht hören; dieses Herz; es hat mir doch schon so oft wehgetan.
Es ist irgendwann sogar gutgläubig gewesen, weich, offen und vertrauensvoll.
Es lacht immer noch gerne, hofft so gerne, freut sich über das Leben, die Sonne, die Wärme, die Liebe…
In den Augenblicken der Dunkelheit ruft es leise nach Licht, dem Wächter in der Nacht. Und jedes Mal bleibt es verlassen zurück.
Mein Herz ist müde. Es ist des Hoffens müde, der einsamen Kämpfe, des Alleinseins.

Mein Atem geht flach. Warum tiefer atmen, denke ich mir. Wozu? Es reicht doch, das bisschen Sauerstoff….
Der Verstand rattert weiter, sowieso.
Das Herz flattert weiter, unsicher und einsam.
Meine Beine tragen mich, meine Hände greifen noch, mein Rumpf bewahrt die Organe, die das Weiterexistieren ermöglichen.
Es gibt ab und zu kleinere Störungen, mal ein Stau, ein kurzer Stillstand - und weiter geht’s.
Meine Augen schauen auf das neue Grün draußen vor dem Zugfenster - wie das Versprechen einer Aufbruchstimmung.


Der Zug hält an einem Bahnhof an der Mosel. Der Fluß trägt noch den hohen Pegel der Schneeschmelze. Schon schwimmen die ersten Schwäne Richtung Anlegesteg. An den Flußhängen stehen die grauen Holzstangen und daneben die kleinen Rebstöcke. Bald werden die ersten Tagestouristen den Ort füllen und erdrücken. Der Zug fährt weiter, hinaus aus dem Land in dem ich einmal zuhause war, vorbei an Tälern und Weinbergen entlang des Flusslaufs, über Brücken und durch Tunnels. Diese gleichen sich nicht einmal in ihrer Dunkelheit, eigenartig.
Aber meine eigene Dunkelheit ist bestimmt auch nicht die gleiche wie deine, seine, ihre, eure?!

Der erste Bahnhof des Landes in dem ich jetzt lebe, das Land das mir meine Freiheit gab und immer noch verspricht, das Land das ich mir rausgesucht habe und das mich fand als ich noch nicht nachdachte, das Land dessen Sprache ich liebe und dessen Humor ich nicht verstehe, das Land in dem ich meine Freunde habe und das Land in dem ich oft einsam bin.
Auch verschiedene Länder haben verschiedene Einsamkeiten, begreife ich.
Vielleicht, weil sie verschiedene Bedürfnisse mehr oder weniger erfüllen?
Oder liegt es wirklich allein nur an mir?
Schon die unterschiedlichen Sprachen lassen unterschiedliche Gefühle entstehen. Ihre unterschiedliche Modulation weckt unterschiedliche Emotionen, Stimmungen, Wünsche, Träume, Erinnerungen, Möglichkeiten….
Wer bin ich hier - wer war ich dort, damals?
Immer nur Ich?
Oder doch nicht die Gleiche?
Macht eine andere Gesellschaft mich zu einem anderen Menschen?
Nein, kein anderer Mensch, das glaube ich nicht. Aber zu einem anders denkenden, anders handelnden, anders fühlenden Menschen.
Zu einem veränderten Menschen also???!!!

Mein hilfloses kleines Ich irrt in mir. Ich beachte es immer noch nicht. Ja, ich verweigere ihm meine Beachtung. Absichtsvoll. Ich will denken, ich will nachdenken, ich will nicht fühlen.
Nein, es ist keine Bestrafung.
Es ist die irr(sinn)ige Annahme, ich könnte es zum schweigen bringen, es austrocknen.
Eine kleine graue Erbse sollte zurückbleiben.
Als eine kleine vertrocknete Erbse würde es in meiner Tiefe kullern, der Rest des Ichs, das mal mein großes allumfassendes Ich war.
Diese kullernde Erbse, ob sie mich stören würde?!
Würde sie meine Ruhe brechen und somit als Sinnbild meines verkümmerten Ich’s sich immer noch weigern, aufzugeben?
Oder einfach auf dem Grunde meiner Dunkelheiten vergessen werden?


Der Drachen lacht mich an, auf der Postkarte vor mir.
Drachen würden Erbsen nicht mitnehmen, denke ich.
Was sollten sie mit ihnen?


Ich bin müde.
Der Zug rattert.
Noch einige Stunden bis nach Hause.
Ich bin müde.
Einfach nur müde.


Un jour le vent tournera, direction: meilleur!
April 2006

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Ton retour.

März 29th, 2010

…et pour toi ces quelques mots.

Du bist,
warst,
hättest immer sein können.
Nicht wichtig,
weil du bist.

Du kommst,
gehst
immer wieder fort.
Nicht wichtig,
weil du nicht verläßt.

Du schaust,
blickst
hin und weg.
Nicht wichtig,
denn du siehst alles.

Du gibst,
nimmst ,
erwartest  viel.
Nicht wichtig,
denn du gibst dich.

Du bist bei mir,
kommst auf mich zu,
schaust mich an.
Du umarmst mich
damit ich mit Dir
die Welt umarmen kann.

Alles ist.