- GeisterStunden

März 9th, 2010

Heinrich, ich sage es dir, die Lieb, die mich an dich band, hatte nicht die Kraft dir gut zu tun. Ich verzage bei den Gedanken, dich mit dieser Lieb vergrault zu haben, großer Heinrich.
Nein, winke nicht ab, du bist ein großer Geist. Doch leider sind große Geister nicht zur Lieb geschaffen. Sie können sie nur nehmen, doch nicht geben. Sie brauchen die Nahrung der Liebe ohne selbst Nahrung sein zu können.

Ach Heinrich, einst graute mir vor dir. Heut ist nur großes Leid in dieser Brust, in der ein Herz schlägt, so traurig heut wie vormals freudig.
Ein Herz, das seinen Takt nur an deinem Atem misst. Dies töricht Herz, das sich mit dir freute und mit dir litt, das dir all sein Sein schenkte und sich öffnete für deine schmeichelnden Worte, um leidend sich zusammen zu ziehen vor der Schmach des abgewiesenen Gretchens.
Ach Heinrich, könntest du doch einmal nur fühlen, was dieses dumme weiche Herz für dich zu fühlen imstande war.
Könntest du die Lieb empfinden, und sei’s um einen kurzen Lebensschlag, die dort in seiner Tiefe schlummert und des geliebten Geliebten harrt.

Heinrich, entsinnst du dich noch der Stunden voller süßer Zauberworte, beschwingte Augenblicke eines kurzen Zeitmoments?
Entsinnst du dich des zarten Lächeln, der zaghaften Nähe und der sinnlichen Glückseligkeit?
Entsinnst du dich der Träume die wir, zaudernd erst, wagten gemeinsam zu verbinden?
Entsinnst du dich der verschlungenen Finger, Hände, Beine, Leiber, die uns fast besinnungslos der Traumzeit auslieferten?
Entsinnst du dich deiner eigenen wahrhaftigen Liebe eines einzigen Augenblicks?
Und lebte sie nur diesen kurzen Augenblick, so lebte sie doch und existierte in dir und in deiner Tiefe.
Für diesen einen kurzen Augenblick - Teil deines Seins.

Meine Lieb zu dir ist immerwährend. Auch wenn ich mich jetzt von dir abwenden muß.
Ich muß den Weg des Verlassens gehen, den du doch längst gegangen bist. Nur wolltest du nicht wahr sehen was wahr ist.
Deine Spuren sind unauslöschlich in mir und ich trag sie in die Welt.

Du strebst nach Anderem. Denn dein Gretchen ist dir Bäuerin, Magd. Nicht gut, nicht fein, nicht schön und schnell nicht mehr jung genug, um dir Erfüllung auf Dauer zu gewähren.
Du suchst das Wesen deines Traumes. Heinrich; es wird immer ein Traumwesen bleiben.

Mein Geliebter, laß es dir Traumwesen bleiben, dann wird es immer dein sein.
Träume deine Träume, Heinrich. Lebe was du leben mußt. Liebe, wenn du lieben kannst.
Und laß los, was du nicht mehr mögen magst.
Ich lasse los von dir, mein Geliebter. Du weißt warum.

Geh weiter, Heinrich, schau dich nicht um. Du würdest das Gretchen sehen, aufgelöst und wirr. Es hat längst deine Spuren in sich innendrin gelöscht. Es musste sein.

Viele werden dich weiterhin begleiten. Alle wollen etwas von dir.
Finde jemand, der gibt, Heinrich. Gretchen ist ja nicht mehr da.
Und gib acht auf deine Seele - du weißt wie gierig sie danach sind.
Entzieh dich ihm, dem Bösen, mein Geliebter. Vertraue auf das Gute das wir versucht.

Glaube mir, dies eine Mal, Vertrau und deine Müh’ wird nicht umsonst gewesen sein.
Nimm dieses mein Herz voller Qualen und Lieb und glaube ihm. Es wird dich heilen.
Laß es deine Rettung sein.

Lebe, Heinrich! Ja, mein Geliebter, vergiß nicht zu leben.
Für mich, für uns.
Nur du.

In verzweifelter Zuneigung
Das Gretchen


- Drachen der Freiheit

März 9th, 2010

Wenn du dich akzeptierst mit allem was dich ausmacht,.
dann bist du frei
.
Deine Freiheit ist deine Macht.


Ich bin im Zug, auf der Rückreise aus einem Teil meiner Vergangenheit zurück in meine Gegenwart.

Das helle Grün der Bäume draußen, lässt das Eine oder Andere in mir drin leichter erscheinen, auch wenn aus grauem Himmel, die Wolken dichte Regenschauer herunterschicken.
Was fühle ich, das frage ich mich in letzter Zeit immer öfter. Fühle ich, fühle ich mich, mich selbst?! Was bedeutet das, fühlen?!
Erste Ahnungen kamen vor einiger Zeit, seitdem nichts mehr so läuft wie gewohnt. Mein Leben ist seit Jahren in Richtungen gegangen und ich ging einfach mit. Ich wollte perfekt sein, perfekt funktionieren um angenommen zu werden von den Menschen um mich herum.
Und meine Gefühle? Was sind Gefühle? Wo sind Gefühle? Was bedeuten Gefühle? Irgendetwas in mir rührt sich, ganz tief drinnen.
Und nun drängt sich nach oben was mir unbekannt, was stets unterdrückt: eben gerade diese unbekannten Gefühle. Ich weiß es.
Und doch mischt sich wieder meine Ratio ein, will mich auslachen wegen diesem unbegründeten Hoffnungsschimmer.
Unbegründet für den Verstand, der lieber alles zerpflückt was nicht aus ihm geboren wurde, anstatt sich selbst auch einmal in den Hintergrund stellen zu lassen .
Wenn ich hinterfrage, was seine Zweifel, seine Habachtstellung, seine Überlegungen, meinem Leben Positives gebracht haben, plustert er sich noch mehr auf und weist auf all die Argumente hin, die diese unsere heutige Gesellschaft ihm bislang geboten hat und mit denen er seine Vormachtsstellung heftig untermauert.

Mein kleines wundes Ich tief in mir, versucht leise aufzuschreien. Mit unsicherer Stimme macht es mir klar, dass es Zeiten gab, in denen es mehr Raum in meinem Leben hatte. Es will wissen, warum ich es vernachlässige, warum ich es nicht schützen will vor dieser immer größer werdenden Wand zwischen ihm und meinem Leben. Es will wissen, warum ich es ausschließe, war ich doch niemals so nah bei mir, so selbstsicher, ruhig und entspannt, als dann, wenn ich ihm seinen angemessenen Raum ließ, wenn ich es wichtig nahm und respektierte.

Auf der Postkarte neben mir: ein kleiner weißer Drachen an einer roten Schnur mit den vielen bunten Papierfetzen, fliegt hoch zwischen weißen Wolken in den blauen Himmel. Er sieht so fröhlich aus. Er fliegt in Richtung Freiheit, dorthin wo mein Herz immer gerne hingewollt hat. Will es denn heute nicht immer noch dahin?!
Und trotzdem will ich es immer noch nicht hören; dieses Herz; es hat mir doch schon so oft wehgetan.
Es ist irgendwann sogar gutgläubig gewesen, weich, offen und vertrauensvoll.
Es lacht immer noch gerne, hofft so gerne, freut sich über das Leben, die Sonne, die Wärme, die Liebe…
In den Augenblicken der Dunkelheit ruft es leise nach Licht, dem Wächter in der Nacht. Und jedes Mal bleibt es verlassen zurück.
Mein Herz ist müde. Es ist des Hoffens müde, der einsamen Kämpfe, des Alleinseins.

Mein Atem geht flach. Warum tiefer atmen, denke ich mir. Wozu? Es reicht doch, das bisschen Sauerstoff….
Der Verstand rattert weiter, sowieso.
Das Herz flattert weiter, unsicher und einsam.
Meine Beine tragen mich, meine Hände greifen noch, mein Rumpf bewahrt die Organe, die das Weiterexistieren ermöglichen.
Es gibt ab und zu kleinere Störungen, mal ein Stau, ein kurzer Stillstand - und weiter geht’s.
Meine Augen schauen auf das neue Grün draußen vor dem Zugfenster - wie das Versprechen einer Aufbruchstimmung.


Der Zug hält an einem Bahnhof an der Mosel. Der Fluß trägt noch den hohen Pegel der Schneeschmelze. Schon schwimmen die ersten Schwäne Richtung Anlegesteg. An den Flußhängen stehen die grauen Holzstangen und daneben die kleinen Rebstöcke. Bald werden die ersten Tagestouristen den Ort füllen und erdrücken. Der Zug fährt weiter, hinaus aus dem Land in dem ich einmal zuhause war, vorbei an Tälern und Weinbergen entlang des Flusslaufs, über Brücken und durch Tunnels. Diese gleichen sich nicht einmal in ihrer Dunkelheit, eigenartig.
Aber meine eigene Dunkelheit ist bestimmt auch nicht die gleiche wie deine, seine, ihre, eure?!

Der erste Bahnhof des Landes in dem ich jetzt lebe, das Land das mir meine Freiheit gab und immer noch verspricht, das Land das ich mir rausgesucht habe und das mich fand als ich noch nicht nachdachte, das Land dessen Sprache ich liebe und dessen Humor ich nicht verstehe, das Land in dem ich meine Freunde habe und das Land in dem ich oft einsam bin.
Auch verschiedene Länder haben verschiedene Einsamkeiten, begreife ich.
Vielleicht, weil sie verschiedene Bedürfnisse mehr oder weniger erfüllen?
Oder liegt es wirklich allein nur an mir?
Schon die unterschiedlichen Sprachen lassen unterschiedliche Gefühle entstehen. Ihre unterschiedliche Modulation weckt unterschiedliche Emotionen, Stimmungen, Wünsche, Träume, Erinnerungen, Möglichkeiten….
Wer bin ich hier - wer war ich dort, damals?
Immer nur Ich?
Oder doch nicht die Gleiche?
Macht eine andere Gesellschaft mich zu einem anderen Menschen?
Nein, kein anderer Mensch, das glaube ich nicht. Aber zu einem anders denkenden, anders handelnden, anders fühlenden Menschen.
Zu einem veränderten Menschen also???!!!

Mein hilfloses kleines Ich irrt in mir. Ich beachte es immer noch nicht. Ja, ich verweigere ihm meine Beachtung. Absichtsvoll. Ich will denken, ich will nachdenken, ich will nicht fühlen.
Nein, es ist keine Bestrafung.
Es ist die irr(sinn)ige Annahme, ich könnte es zum schweigen bringen, es austrocknen.
Eine kleine graue Erbse sollte zurückbleiben.
Als eine kleine vertrocknete Erbse würde es in meiner Tiefe kullern, der Rest des Ichs, das mal mein großes allumfassendes Ich war.
Diese kullernde Erbse, ob sie mich stören würde?!
Würde sie meine Ruhe brechen und somit als Sinnbild meines verkümmerten Ich’s sich immer noch weigern, aufzugeben?
Oder einfach auf dem Grunde meiner Dunkelheiten vergessen werden?


Der Drachen lacht mich an, auf der Postkarte vor mir.
Drachen würden Erbsen nicht mitnehmen, denke ich.
Was sollten sie mit ihnen?


Ich bin müde.
Der Zug rattert.
Noch einige Stunden bis nach Hause.
Ich bin müde.
Einfach nur müde.


Un jour le vent tournera, direction: meilleur!
April 2006

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Das Wintermeer.

Februar 28th, 2010

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So viele Töne von Grau - unbegreifliche Vielfalt.

Hohe, wilde Wellen.
Sie zerschlagen an Riffen,
überschäumend,
und tanzen ihre ewigen Schritte,
selten sanft oder gar ruhig:
das Wintermeer der Adria entlang meiner Zugfahrt nach Hause.

Jetzt trennen uns Straßen,
Häuser farbig, quadratisch
mit abgeflachten Dächern.

Bahnhöfe aus früheren Zeiten sind immer noch Halt
für die Züge, die das Land durchqueren.
Die Wartenden auf gepflasterten Bahnsteigen.
Damals war es der helle staubige Kiesel,
der als letzte Erinnerung an den Schuhen weitergetragen wurde.
Im Sommer bedeckte der Staub die nackten Zehen
und ließ die Füße die Augenblicke des Abschieds tragen.

Hügel mit dunklen Baumkronen bilden den langen Horizont.
Davor, auf Feldern und Wegen,
hohe Pinien vor Fetzen blauen Himmels
zwischen grauen Wolken.
Es ist Winter.
Aus kurzen Strahlen stechende Sonne
die auch am Mittag tief steht und doch schon wärmt.
Nur der Wind von Osten, den das Adriatische Meer mit sich trägt,
lässt Pelzkappen wachsen auf den Köpfen der Passanten.

Vertrocknete Maisstauden,
nackte Obstbaumäste,
grüne Wiesen
wie sie es Sommers nie sind
und immer wieder einzelne Gehöfte auf sonst unbebauten Hügeln -
Kilometer um Kilometer sind sie meine Zugbegleiter.

Die Tunnels auf der Strecke nach Hause werden häufiger.
Dazwischen der eine oder andere Bachlauf
gesäumt von braunen Buchenhecken.
Und als unaufhörliche Begleiterin,
weiter hinten am Horizont,
die Hügelkette des Apennin
die vor dem dunkelwolkigen Himmel hervorsticht.

Immer häufiger Häusergruppen entlang der Bahnschienen.
Hochgewachsene Kohlstauden in den Gärten
sind kurzer Anziehungspunkt fürs Auge
beim Vorbeiziehen des Zuges.
Auf der stets gleichen Strecke,
damals, viele Jahre her,
öffnete ich die Zugfenster,
damit mich der Geruch des Meeres empfangen
und noch lange Zeit hindurch begleiteten konnte.
In diesen neuen Zügen ist das nicht mehr möglich.
Nur die Erinnerung daran lässt sich herbeirufen,
doch es ist fraglich, wie zuverlässig sie nach all den Jahren ist.

Der riesige Gummibaum auf dem Bahnsteig von Cattolica
ist dunkelgrün und saftig.
Der damals, zuhause im Norden, hat als kleine Fensterpflanze
längst sein trauriges Dasein aufgegeben.
Was bekommt die Pflanze hier, was ihr in meiner Wohnung anscheinend verwehrt ist?

Farbige Hotelbauten die ihre Namen auf flachen Dächern tragen,
sind nun Blickpunkte an denen ich mich festhalte.
Ich versuche, mir das Meer dahinter vorzustellen.
Die Leere der Urlaubsorte, in denen doch im Sommer
die Straßen, Läden und Restaurants überquellen von Touristen,
ist wie eine vorbeihuschende surreale Kulisse.

Und endlich nur noch leere Strände, kilometerweit.
Keine Menschen, keine Segel, keine Schiffe, keine Liegestühle.
Und dann, am Ende meiner Reise in Fano, empfängt mich endlich mein geliebtes Wintermeer.
Seine Winterwildheit, seine Wintereinsamkeit, seine Winterleere, seine Winterfarben.
Sein nacktes pures Sein.
Die Freiheit.
Ich freue mich.

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- er kam, sah und siegte…

Februar 21st, 2010

….dann ging er.


Er hat mich verlassen!

Ich hatte einen Kater.
Ein Kater hatte mich.
Wenn mein Leben ein Ziel hatte, ein Zentrum, einen Fixpunkt - dann war er das.
Alles drehte sich um ihn!

Seit fast viereinhalb Jahren plagte mich das tägliche Gewissen, vor allem, wenn ich nicht zur rechten Zeit nach Hause kam.
Dass die rechte Zeit die war, an der er miauend vor der Tür stand und sein täglich Futter forderte, ist wohl klar. Anfangs dachte ich noch, er hätte mich vermisst, wenn er diese klagenden Töne an mich richtete.
Doch diesen Gedanken legte ich schnell wieder ab.
Mir war meine wahre Bedeutung immer klar. Ich nahm das demütig an und richtete mich danach.
Ich tat für ihn was ich konnte, mehr noch, und dennoch konnte ich seinen Wünschen nicht immer gerecht werden .
Er bekam das beste Fressen das ein felines Lebewesen sich überhaupt vorstellen kann.
Er bedachte mich mit einem fast verächtlichen Blick aus seinen unergründlichen grauen Augen, wenn ich ihm mit säuselnder Stimme die neueste Menü-Errungenschaft vorlas, die ich besorgt hatte.
Wehe, ich traf seinen Geschmack nicht - dann bestrafte er mich mit Ignoranz und herablassender Verachtung. Im schlimmsten Fall verließ er mich für drei Tage ohne eine Spur zu hinterlassen -
außer dem vollen Napf an seinem angestammten Platz, bis er irgendwann zurückkam, sich in sein Zimmer verzog, und es huldvoll zuließ, dass ich ihn überfreudig begrüßte.

Er hat seine eigene Decke, aus Kaschmir. Nein, lange hält die nicht. Er hat diese Milchtritt-Angewohnheit.
Ich muss es gestehen, ich hasse die. Doch nehme ich liebendgerne die Kratzer in Kauf, die er an meinen Armen und Beinen zurückläßt. Ich fühle mich dann geehrt durch seine Aufmerksamkeit.
Das Geld für neue Kaschmirdecken beschaffe ich mir mit Nebenjobs. So eine Decke ist schon eine teure Angelegenheit. Aber er mag nur die!

Ramses, so nannte er sich. Nein, nicht dass er mir in einer zutraulichen Minute seinen Namen in mein Ohr geschnurrt hätte - es ist bloß der einzige Name auf den er geruht zu reagieren, wenn ich ihn denn rufen darf.

Und nun warte ich schon seit sieben Tagen auf seine Rückkehr.
Es war nicht das Essen, denn der Napf ist leer. Es war nicht die Milch, es war die aus dem Feinkostladen.
Es sind auch nicht die eventuell falschen Schleckersticks, denn ich kaufe sie immer an der richtigen Stelle. Er unterscheidet sehr genau zwischen Billigware und Edelkost.

Mein Bett war längst seins; kein menschlich-männliches Wesen wagt sich mehr hinein.
Ich habe immer neue Gardinen, damit er sie zerreißen kann.
Das Sofa ist Tabuzone für mich und Gäste habe ich sowieso keine mehr.


Ich glaube, es liegt am Rechner. Denn in letzter Zeit, und erst recht seit ich bei dieser Forum angemeldet bin, saß er schmollend vor dem Schirm und fuhr regelmäßig mit seinem Schnäuzchen über dessen helle Fläche.

Als er jedoch mit den Krallen drüber fahren wollte, musste ich ihn notgedrungen stören. Das konnte ich doch nicht zulassen, es hätte den Schirm seine Existenz gekostet und mich einen neuen Bildschirm.

Dann setzte sich Ramses demonstrativ auf die Tastatur.

Und nun muss ich es zugeben: ich habe ihn runter geschmissen.

Und das nicht nur einmal.


Ich glaube, das hat er mir nicht verziehen.

Beim letzten Mal, vor sieben Tagen, ich war ja noch nicht lange angemeldet, da geschah es dann.

Er hat mich nur noch traurig angeblickt. Ich hatte mich in Rage geschrieben mit einem Artikel für das Forum und den verwirrten Ramses einfach verscheucht und ignoriert.


Nicht nur, dass er mir das scheinbar nicht verzieh, ich selbst verzeihe es mir auch nicht.

Denn er ging, wortlos.

Ich dachte, er ginge bloß seine üblichen Wege durch die Straßen, seine Weiber besuchen, seine Nachtrunde drehen, Kontrollgang machen und dann zurück zu mir.


Er kam nicht mehr wieder.


Heute Nachmittag, als ich die Straßen nach ihm absuchte und hunderte Kopien mit seinem Foto und seiner Beschreibung an jeden Baum und jeden Lichtmasten pinnte, sah ich hinter einer zerrupften Gardine, graue Katzenaugen leuchten.

Direkt in meine Augen.

Dieser Blick - unverkennbar Ramses, dachte ich sofort.


Ich klingelte, niemand öffnete. Mein Klopfen an das Fenster rief nur die Nachbarin nach draußen. Sie konnte mir nicht sagen, ob die von nebenan die Katze schon länger haben. Aber unheimlich sei ihr das Viech schon, meinte sie zum Schluss.


Bevor ich weiterging, spürte ich ein Kribbeln in meinem Genick.

Ramses. Nur er allein, nur sein mir so vertrauter durchdringender Blick, löste stets solche Schauder bei mir aus.

Ich blickte zurück - er wandte seinen Kopf ab und verschwand in der Dunkelheit des Raums hinter ihm.

Ich dachte, mein Herz müsste zerreißen.


Verdammt!!!


Soll er bleiben wo er ist, jawohl!!

Ich hole mir morgen einen Hund aus dem Tierheim.

Nicht zu groß, nicht zu wild, egal….

Hauptsache keine grauen Augen.

Und auf “Ramses” darf er auch nicht hören!


Und vorher kaufe ich schon bei Aldi Hundefutter…..

Urbino, die perfekte Renaissance-Stadt.

Februar 9th, 2010

Sonnenblumenfelder.
Hunderttausende dieser großen Blumen drehen ihre runden Köpfe der Namensgeberin entgegen. Knallgelb leuchten sie entlang der Straße nach Urbino. Sehr viele Felder, Bäume, in grün, gelbbraun, ocker.

Der Blick geht weit ins Land hinein, hin zu den Hügeln der Marken - Beginn der Apennin-Kette, die das Land durchquert,

Einzelne Gehöfte, alte Steinhäuser mitten auf Feldern die von Wasserkanonen besprengt werden: Landwirtschaft auf italienisch.

Dann Dörfer mit neuen Häusern, Wohnanlagen, größer als früher üblich, doch nicht störend.

Und alle haben sie die roten Ziegel auf ihren abgeflachten Dächern. Hellrot auf neuen Häusern und auf den alten Gebäuden alle möglichen rot-braunen Schattierungen. Letztere sind noch handgefertigt, wie schon seit römischer Zeit.

Außerhalb der Dörfer liegen die Einkaufszentren. Neue, große und moderne Gebäude mit allem Komfort.

Überall an den Straßenrändern hängen Reklameschilder für Restaurants, Konzerte, Unterwäsche, Autos und Sex-Shops. Wahrlich alles ist vertreten.

Vor mir, oben auf dem Hügel, erstrahlt die Kuppel des Duomo in der Morgensonne und daneben prangen prachtvoll die Zwillingstürme des Palazzo Ducale.

Urbino!
Endlich angekommen, waren die ersten Zeichen des schlechten Wetters nicht mehr zu übersehen, und doch reichte es noch, draußen unter großen Sonnenschirmen, in einer Nische nicht weit von der Piazza, zu Mittag gegessen: Gnocchi in Trüffelrahmsosse und Crescia sfogliata mit rucola und stracchino - delizioso! Die schwüle Hitze ließ die großen Lindenbäume über den Sonnenschirmen ihren Duft verströmen und die Blüten rieselten wie Regentropfen auf den Asphalt. Langsam zogen die dunklen Wolken in meine Richtung und ich drängte zur Eile, doch die Bedienung ließ sich Zeit. Unter dicken Regentropfen lief ich Richtung Palazzo Ducale, den ich rechtzeitig vor dem ersten großen Regenguss erreichen konnte. 15Uhr20 begannen Einlaß und Besichtigung unter der stummen Begleitung eines Museumswächters.


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Der Palazzo Ducale von Urbino - eine Stadt in der Stadt.
Über 300 riesige Zimmer. Gebaut in den Jahren zwischen 1460-1480 mit Hilfe verschiedener Architekten, darunter Luciano Laurana, der maßgeblich an der außergewöhnlichen Gestaltung dieses Palastes beigetragen hat. Aber die Ideen und Vorstellungen dafür gingen aus vom Besitzer dieses Monuments: Herzog Federico di Montefeltro (1422-1482). Er wollte die perfekte Stadt, den perfekten Palast erbauen lassen, nach humanistischen Vorstellungen, im Geiste der eben entstehenden Renaissance. An seinem Hof versammelte er die berühmtesten Künstler der damaligen Zeit um sich und viele ihrer Werke schmücken den Palast auch noch heute. Weltberühmte Gemälde von Raffael, Verrocchio, Piero della Francesca, Barroccio usw. verzaubern den Betrachter auch noch nach Jahrhunderten.

Die Architektur des Palazzos ist atemberaubend und schwer mit Worten zu beschreiben. Dasselbe gilt für das Studiolo des Herzogs mit den erstaunlichen Intarsienarbeiten. Da nützen keine Worte, keine Beschreibung - man muss es selbst sehen. Sogar Fotos können die künstlerische Schönheit nicht wiedergeben.

Mehr als zwei Stunden lief ich durch die zu besichtigenden Räume. Immer wieder traf ich auf den Wächter, der mich schweigend beobachtete. Als ich dann in einem Raum doch noch heimlich den Fotoapparat aus meiner Tasche holte, kam er auf mich zu und sagte bestimmt aber freundlich, es sei verboten zu fotografieren. Dabei lächelte er so unwiderstehlich, dass ich nicht umhin konnte, zu erröten. Er wollte dann noch genau wissen, was mich so begeistert hatte, dass ich gegen die Vorschriften handelte. Schließlich hätte er mich ja die ganze Zeit beobachtet.

Ich zeigte auf die wundervolle Steinmetzarbeit der Wand neben der Fensternische. Ein warmes Lächeln begleitete sein: „Gratulazione”. Ich hätte mit das Wertvollste gefunden, das es im Palast gibt, meinte er. Marmor und Alabaster, alles am Stein fein gemeißelt, jede einzelne Nische an Ort und Stelle und alle unterschiedlich - im gesamten Palast. Unersetzlich.

Dann fragte er nach meiner Herkunft und wir stellten fest, dass er mit einer meiner zahlreichen Kusinen verheiratet war. „Non dimenticarsi mai della sua patria, signora”, rief er mir beim Abschied nach.

In der Zwischenzeit gingen in Urbino mehrere schwere Gewitter nieder mit starken Regengüssen. Ich verließ den Palast als eine der letzten Besucher, und glücklicherweise hatte der Regen aufgehört, aber es war sehr kühl geworden.

Dunkle Wolken lauerten bedrohlich am Himmel und die Touristen auf der Piazza schauten misstrauisch zu ihnen hoch.

Unterwegs nach Pesaro mußte ich feststellen, daß es Richtung Meer noch immer gutes Wetter war. Schwül und sehr heiß, aber trocken und keine Gewitterwolken weit und breit.

Und doch hatte mir im Palazzo Ducale eine Sonne geschienen, die sich mit der Sonne am blauen Himmel des Mittelmeeres durchaus messen kann, doch heller und intensiver, unvergleichlich auf ihre Art.

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Fermignano - meine Heimat.

Februar 7th, 2010

Der heutige Tag trägt den Namen des Ortes meiner Vergangenheit: Fermignano.

Er liegt am Fuße von Urbino, und beide sind immer eng miteinander verbunden gewesen. Sie streiten sich heute noch darüber, in welchem der beiden Orte denn nun Bramante, ein genialer Renaissance-Architekt, wirklich geboren wurde.

Es ist 10Uhr30 und die Sonne drückte schon unbarmherzig heiß auf die Autoschlange, die sich hinter einem Traktor bildete und es ging nur noch im Schritttempo Richtung Tal. Eine gute Gelegenheit, die Landschaft um mich herum noch intensiver zu genießen. Die Straßenschilder mit Warnung vor Schnee und Eisglätte waren irritierend in der Sommerhitze. Unvorstellbar, daß es hier mal schneien könnte. Und doch, ich habe es ja selbst schon erlebt.

An der Kreuzung vor der Auffahrt nach Urbino führte der Weg auf die kurvenreiche, enge Straße nach Fermignano, mitten durch die hügeligen Felder der Marken, vorbei an den Hängen mit Trauben und Tomaten. Diese altbekannten Straßen auf denen die Schatten der hohen Bäume die sie säumen tanzen, führen mich weiter hin zum Ziel.

Ich fuhr hinein in den Ort, als würde ich hineingezogen. Alles bekannt und unbekannt zugleich.
Es sollte ein kurzer Besuch werden, ein Eis oder ein caffè bei Severino, Spaziergang durch die Straßen der Vergangenheit, Aufsaugen altbekannter Gerüche und Geräusche.
Wallfahrt, Heimfahrt, beides?

Es war sehr heiß in Fermignano. Der Markt, so wie ich ihn in Erinnerung hatte, war nicht mehr da. Aber es war doch Freitag, Markttag in Fermignano!

An der kleinen Römerbrücke stieß ich dann auf die ersten Stände.

Der Markt war größer als früher und auch nicht mehr wie damals in den Gassen des alten kleinen Städtchens in denen mein Zuhause stand. Jetzt war er verteilt auf einige Nebenstraßen außerhalb und auch entlang der Mauer die seit jeher den Metauro begrenzt. Kleider, Schuhe, Porzellan, Tischdecken, Haushaltswaren, “gläubige” Bücher und Prospekte - aber keinen gegrillten Fisch, so wie früher. Auch keine Hühner, Küken und Kaninchen. Lebend, versteht sich! Es war ein Markt wie alle anderen, nicht der aus meiner Erinnerung.
Er war wie überall - aber billiger.

Ich sah einige Gesichter die mir bekannt schienen, Gesichter die meine Erinnerung anstießen und mich nachdenklich machten. Vielleicht bin ich auch an Gesichtern und Menschen vorbeigelaufen weil ich sie nicht erkannt habe. Die Zeit verändert jeden. Und die Erinnerung an ein Gesicht kann trügen. Ich sprach keinen Menschen an, wollte unerkannt bleiben.
Die Marktleute redeten Dialekt mit mir und ich war erstaunt, daß sie mich nicht als Fremde betrachteten, was ich fast lieber gehabt hätte. Manchmal wurde ich von Passanten angeschaut, irritiert und fragend, doch ich ging einfach weiter. Ich wollte niemanden treffen, mich niemandem erklären, keine Fragen beantworten.

Aber das war alles nicht so wichtig. Ich spazierte durch die Straßen und setzte mich auf “meine” Bank an der Allee unter den Lindenbäumen. Ich hatte ein schweres Herz und einen dicken Kloß in der Kehle. Ich dachte an die kleine alte Kirche, Santa Veneranda, in die ich vorhin eingetreten war .Ihr Geruch haftete noch in meiner Nase, und brachte ungewollt viele Erinnerungen zurück.
Obwohl sie vorhin leer war, hörte ich hohe Frauenstimmen Kirchenlieder singen; sah ihre Köpfe, jeden mit einem Schal oder Spitzentuch bedeckt. Ich erblickte mich selbst, hinten im Dunkeln in eine Bank gedrückt und fühlte wieder den Unwillen mit dem ich zur Messe ging. Ich spürte die Anwesenheit der vielen Verwandten, besonders die meiner Großmutter, von der ich nie wirklich annahm, daß sie aus christlichem Glauben zur Kirche ging, sondern eher aus Aberglauben.
Heute verließ ich bedrückt den kühlen, muffigen und nur mit Erinnerungen gefüllten Raum und trat hinaus in die drückende Mittagshitze. Meine Füße schmerzten und mein Herz auch. Auf der Bank unter den Bäumen, nicht weit vom Gefallendenkmal, setzte ich mich in den Schatten und mir kamen die Tränen.

Ich weinte, ganz leise, um das verlorene Zuhause das längst anderen gehört und die verstrichene unüberlegte Zeit, um mich selbst und insbesondere um die, die nicht mehr da sind und mich dadurch, daß sie mich liebten, die Liebe lehrten. Ich erkannte, daß ich mich jetzt in Acht nehmen mußte, um mich nicht ganz und endgültig zu verlieren, bloß weil ich vergessen und Vieles nicht wahrhaben wollte. Ich hatte lange Jahre soviel von mir selbst aufgegeben, zog es vor auf Andere zu hören, habe meist ihre Interessen wahrgenommen und meine eigenen selten berücksichtigt und ging somit den vermeintlich einfacheren Weg. Nicht anecken nur um wieder geliebt zu werden wie damals, nur um nicht wieder weggeschickt zu werden. Wie damals, aus dem Paradies meiner Kindheit und Jugend.

Ich wusste lange fast nicht mehr wer ich bin.

Während der langen Jahre der Trennung war ich überzeugt, es sei zu kompliziert nach Italien zurückzukommen und auch noch Fermignano, meine Heimat, zu besuchen.
25 Jahre lang habe ich mich selbst davon abgehalten.
Nun saß ich hier und alles war so einfach gewesen.

“Nicht weil es schwierig ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwierig”



Noch immer führt die große schöne Allee von Fermignano vom Bahnhof zur Piazza.
Eine Lindenallee mit einzelnen Kastanienbäumen dazwischen.
Der Geruch der Lindenblüten ist berauschend. Vogelzwitschern verstärkt noch das Gefühl der Entspannung und inneren Ruhe, die einen beim Spaziergang unter den Bäumen überkommt. Es reizt ungemein, sich eine Steinbank unter die Linden auszuwählen, sich hin zu setzen und das ‘Dolce far niente’ zu genießen.
Aber wer von uns hektischen Zeitgenossen kann das so einfach tun, wer läßt das überhaupt zu?
Ab wann überkommt uns das schlechte Gewissen, weil wir befürchten etwas zu verpassen?
Ist es die Angst, das Leben liefe dann an uns vorbei?
Begreifen wir nicht, daß wir durch die Weigerung zum Innehalten am Leben vorbeilaufen?

Heute schlich ich durch die Straßen auf der Suche nach der Vergangenheit.
Und auf der Bank unter den Linden schämte ich mich, denn mir war so als würde ich die Vergangenheit stehlen wollen.
Ich kam mir vor wie ein Dieb der verbissen nach dem erträumten Schatz sucht und merken muß, daß es keinen gibt. Der Dieb erschrickt vor sich selbst, vor seiner gierigen Suche. Aber er begreift nicht, dass er kein Dieb zu sein braucht; denn er hatte nie verloren was er so lange glaubte, sich zurückstehlen zu müssen.

Ich fuhr noch zum Friedhof der sich inmitten brauner Felder draußen vor den Toren von Fermignano immer breiter machte. Ich suchte in der drückenden Hitze nach den “Schächten”, wo meine Großmutter und mein Onkel begraben liegen. Dabei begegnete ich vielen anderen Verwandten, die mich vom Foto auf ihrem Grab ein letztes Mal anlächelten. Es war mir nicht möglich, bei der Menge der “Eingeschobenen”, Nonna und Zio Mario zu finden. Und ich wußte niemanden den ich fragen konnte und wollte.

Aber der Blick auf die Hügellandschaft um mich herum, entschädigte mich für die vergebliche Suche. Dabei war ich gar nicht traurig darüber, die Gräber meiner Großmutter und meines Onkels, mit denen ich die Jahre in Italien zusammenlebte, nicht zu finden.
Die Liebe während des Lebens ist um so vieles wichtiger als die nach dem Tod. Die Lebenden zu ehren und respektieren, sie zu lieben, ist wohl sinnvoller als es erst bei den Toten zu tun.

Um zurückzufahren, musste ich noch einmal durch den Ort und mir war klar, ich würde wiederkommen, mich vor das Haus meiner Kindheit stellen und die grüne Tür anschauen, die geschlossenen Fensterläden in der drückenden Sonne hätten ihren Lack längst verloren, die Steine sprächen von den Generationen meiner Familie, die sowie ich selbst, einen Teil ihres Seins mit ihnen verband.

Dorthin gehöre ich, dafür schlägt mein Herz - wo immer ich auch leben werde.



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- Fluchtpunkt

Februar 4th, 2010

Ich bin hineingeworfen aus der Ewigkeit der Zeit in ihre Endlichkeit.
Und doch streife ich die Flügel dieser Ewigkeit nicht ab, sie sind Teil vom Ganzen.

Wir wurden aus den Nestern gestoßen, wir sollten fliegen lernen.
Parallelwesen in Paralleluniversen in Parallelzeiten.

Ende gehört dem Anfang und ist unausweichlich.
Die Existenzgrundlage fürs Sein, nicht umgekehrt.
Die Langsamkeit dieser Existenz sollte ihre Strafe sein und doch schaffen wir uns Abhilfen.
Wir nehmen uns Menschen, Orte, Gegebenheiten - machen daraus das Flickwerk das wir Leben nennen.
Eine Decke die nie wirklich wärmen kann. Was fehlt ihr?
Zu löchrig? Zu dünn gewebt, schlechte Fäden?
Wir hatten niemals Anderes und bleiben scheinbar zufrieden.

Und nun dies.
Zwei wie wir.
Zwei Parallelleben.
Die meisten Schritte unseres Weges haben wir hinter uns,
hatten wir hinter uns,
an einem Tag
in einem Bahnhof
in einer Stadt
am Rande aller Welten.
Dabei sind unsere Zeiten in den Zeiten der Zeit, kleine Zeiten.
Wir sind ihre Wimpernschläge, mehr nicht.
Und innerhalb der Bewegung dieses einen Wimpernschlages trafen wir aufeinander.
War es von Bedeutung?
Es war ein Hinbewegen hin zu diesem Augenblick, und zu denen die folgen sollten.
Hin zum Fluchtpunkt, heraus aus den Parallelwelten, heraus aus der unbeweglichen Zeit der Existenz.
Bis zu diesem Augenblick erschien uns niemals fragwürdig, was das Leben war.
Wir lebten es.
Hatten wir uns gesehnt?
Ja.
Doch wonach, das hatte keine Namen.
Haben Gefühle Namen, wenn sie fremd sind?

Ich bin auf dich zugegangen, in dich hineingefallen.
Du hast mich aufgehalten, mir den Rahmen geboten in den ich mich schmiegte.
In einem einzigen Augenblick.
Dann gingen wir. Fremd und selbstverständlich. Warum auch nicht.

An Bahnhöfen fährt man weg oder man kommt an.Wir gehörten zu den Ankommenden. 
Aus den Paralleluniversen hin zum unvermeidlichen Punkt der Ankunft,als Ende gelebter Flucht.
Wer hat uns hierhergeführt?
Die ewige Weisheit?
Weil wir Teil von ihr sind?
Wir weigern uns immer noch sie zu erkennen.
Ist das der Teil in uns, der sich angepasst hat?
Das Ganze, das wir bis hierher schufen, wurde zu dem Teil der sich jetzt weiterbewegen wird.
Wir haben unsere Zeit angehalten um sie ihm mitzugeben.

Nun trägt dieser Teil, geschaffen aus unser beider Sein,unsere Seelen mitten in der allgegenwärtigen Zeit hinein in die Ewigkeit.
Dort kommen wir als Ganzes an, wo wir es mal als Einzelne verließen.

Wir werden wieder hineingehen in die Ewigkeit dieses Flusses und dafür sorgen, dass unser Sein ihn vermehrt,sich weitergibt,
und wieder und immer wieder
wiedergeboren wird als Teil der Zeit,
die sie ans Universum verschenkt.

Es ist so.
Wir sind längst ewig.
Wir sind längst ganz.
Wir sind längst geheilt.
Wir sind angekommen.


Ton retour.

Februar 3rd, 2010

…et pour toi ces quelques mots.

Du bist,
warst,
hättest immer sein können.
Nicht wichtig,
weil du bist.

Du kommst,
gehst
immer wieder fort.
Nicht wichtig,
weil du nicht verläßt.

Du schaust,
blickst
hin und weg.
Nicht wichtig,
denn du siehst alles.

Du gibst,
nimmst ,
erwartest  viel.
Nicht wichtig,
denn du gibst dich.

Du bist bei mir,
kommst auf mich zu,
schaust mich an.
Du umarmst mich
damit ich mit Dir
die Welt umarmen kann.

Alles ist.

- …warum nicht?!

Februar 1st, 2010

Wie kann ich über Liebe redenwie soll ich Liebesgeschichten schreiben
wenn die Worte so banal sind
so verbraucht,
dass sie Krieg und Liebe binden?

Hätte die Liebe ihr ganz eigene Sprache
ich hätte sie längst gelernt.
Ihre Koseworte würd’ ich in dein Ohr flüstern
wenn du mich in den Armen hältst.

Ich wollte singen können
von der Leichtigkeit der Wolken
auf denen ich fliege,
von dem Sonnenstrahl der mich hinweg trägt,
vom Regentropfen der mich erschlägt,
von deinem Mund der lächelt
wenn ich in deine Augen sehe.

Soll ich sie malen,
diese wortlosen Worte?
Mit welchen Farben?
Die Farben der Welt,
so bunt und schön -
doch so fahl im Farbenspiel
deiner Augen, wenn du mich erblickst.

Und wenn ich Töne nehmen würde -
leicht, fein, tief, schwer, flüchtig….
sie wären klanglos
neben der Musik deines Flüsterns in der Nacht.

Ich könnte es versuchen
und Gerüche mischen
die aus Flieder und aus Rosen
aus Jasmin und von Moschus
von Leder und aus Gras
gekratzt oder gepresst sind -
sie gingen unter neben dem Duft deiner Haut.

So spreche ich von Liebe
in all den alten Worten,
ich singe sie mit alten Liedern,
ich male sie bunt wie einen Sommernachmittag,
mein Duft wird sie begleiten -
wortlos, tonlos, farblos.

Ich summe die Melodie eines glücklichen Herzens
und weiß,
du wirst sie verstehen.

Ich schweige und du begreifst jedes Wort.
Alle Dunkelheit malt unsere Welt
Wir tanzen auf lautlosen Tönen
über den Teppich sanfter Blütenschatten
hinweg -
in eine Welt
mit neuen Sprachen
fremden Tönen
unbekannten Farben
betörenden Gerüchen -
und unaussprechlicher Leichtigkeit.

 

 

 

.


- Aus alten Zeiten

Januar 30th, 2010

Was sollte uns denn bleiben
nach tagelanger Zeit
nach nächtelangem Treiben
hin zu Unendlichkeit?

Was kam ist schon gegangen,
was ging kommt nimmermehr.
Und doch hält uns gefangen
der Blick zurück hierher.

Hier gab’s nie was zu sehen
hier gab’s nur Luft, nur Schein.
Es blieb nicht mal das Gehen,
denn es gab hier kein Sein.

Ich stehe an der Wende -
sie weiß wohin, ich nicht.
Ich weiß, s’ist nicht das Ende
denn in ihr blinkt ein Licht.
Und doch schau ich hinüber
in die Vergangenheit.
So wär’ es mir denn lieber,
die währte Ewigkeit?

Nein, geh und bleib gegangen!
Ja, ich bin von dir los!
Du hattest mich gefangen
in deiner Lügen Schoß.

Der Glockenschlag, er ruft mich
hinein ins neue Land,
in dem der Tag stets lieblich
die Nacht mit Sternenband
gar freundlich mir erzählen
von Treu und Glaub und Sein.
Wie konnt’ ich dich nur wählen
im kalten Mondenschein?

Der lag um deine Züge
gab deinem Blick Gestalt.
Ich glaubte gern die Lüge,
leugnete die Gewalt.
Du warst mein Traum, mein Denken,
mein großer Lebensquell.
Mein Sein wollt ich dir schenken.
Mein Dunkel ward fast hell.
Ich ließ mich davon blenden,
sah deine Schatten nicht.
Nun werd ich mich abwenden
von deinem kalten Licht.

Das Licht, das mich erwartet
ist warm und sanft und klar,
ist nur für mich geartet,
mehr als dein’s jemals war.

Du wirst den Blick abwenden
und mich vergessen tun.
Du gehst nun andere blenden
und in deren Liebe ruh’n.

Verschwind gar schnell, Geliebter!
Der Tag ist zeitlos lang
denn ohne dich versiegt er
niemals mehr. Mir ist bang.

Und doch zieht mich das Neue,
lockt mich der Sonne Licht
das ich nun nicht mehr scheue,
weil es im Herzen bricht.
Dort lässt es warme Spuren,
lässt Hoffnung blüh’n und Freud’.
Mein Sein hat mehr Konturen,
mein Glück viel wen’ger Leid.
Oh gib mir doch, du Göttliche
ein Stück Geborgenheit
in deiner Nähe, Herrliche,
fühl’ ich kein Raum, noch Zeit.

Ich bin nun angekommen
in meinem eignen Sein,
fühl mich noch ganz benommen
vom neuen linden Schein.

Ja, ich begreife demütig
des Lebens einz’ge Wahrheit
und beuge leicht und ehrfürchtig
mein Haupt vor dieser Klarheit.