Donnerstag, 11. August 2011 23:08
Samstag 17. Mai 2008
Erste Probe im Großen Haus
Die Probe am Samstag war wirklich eine Herausforderung. So langsam sehe ich etwas klarer. Nicht, was den Ablauf betrifft, da wird noch viel Unbekanntes auf uns zukommen; ich meine damit eher, dass sich das matte Schwarz das die Bühne nach allein Seiten hin eingerahmt hat, auch auf meine Stimmung und mein Befinden gelegt hat und ich jetzt wieder in meine gewohnte Helligkeit zurückgefunden habe.
Die Farbtupfer, am Samstag im Theater, haben die Menschen gegeben durch ihre Unterschiedlichkeit. Es geht dabei nicht um Farben als Solche, sondern um die Leichtigkeit, die Fröhlichkeit.
Anfänglich kamen wir alle neugierig und sogar aufgedreht im Theater an. Pünktlich, um 10 Uhr, wie erwünscht, standen wir auf der Bühne; Claudia auf dem erhöhten Regiepult, vor uns.
Noch war alles neu und fremd; wir wurden wie in einen enormen dunklen Kasten eingeschlossen, alle Wände und der eiserne Vorhang waren hochgezogen.
Bevor wir loslegten, ließ man Nebel auf uns regnen. Er sollte helfen, unsere Stimmbänder geschmeidig zu halten. Seine kühle Feuchtigkeit tat gut.
Beim Auflockerungstraining ließen wir einen imaginären Stein durch unsere Glieder und Gelenke rutschen und gleiten um ihn am Ende deutlich auszuspucken. Ich gebe zu, es hat gewirkt und ich fühlte mich entspannend angespannt.
Das Eingangslied machte den Anfang. Es war nicht einfach für mich, wirklich nicht. Dabei kann ich nicht einmal sagen, weshalb. Sehr eng standen wir alle beieinander, nachdem Claudia die Bühne verkleinern ließ - ein dicht gedrängter Haufen.
Ja, die Hitze, sie wurde uns sehr schnell bewusst. Die ersten begannen sich auszuziehen, Einzelne sogar, peinlich, bis aufs Unterhemd. Bei sehr hitzeempfindlichen Choreuten flossen im Laufe der Zeit sogar die Schweißbäche.
Ich gebe zu, diese enge Nähe war und ist für mich gewöhnungsbedürftig. Nicht mit jedem meiner Mit-Perser möchte ich auf Tuchfühlung gehen. Es heißt ja, man sucht sich Menschen nach ihrem Geruch aus. Die unterschiedlich starken Geruchsausscheidungen machten mir manchmal die Wahl einfach.
Irgendwann, mitten in der Probe, merkte ich, dass ich meinen so schwer eingeübten Text nicht mehr auswendig konnte. Ich suchte nach den Worten und, oh Schreck, alle waren mir neu. Die Worte, der Raum, die Menschen - alles unbegreiflich. Die sich manchmal immer noch ändernden Regieanweisungen trugen weiter dazu bei. Ich hörte sie plötzlich nicht mehr - ich fühlte mich wie auf einem neuen unbekannten Planeten, auf den man mich ungefragt gebeamt hat.
Ich wollte nur weg, fort, in die Helligkeit, in das mir Bekannte. Ich drehte mich um und blickte sehnsüchtig Richtung Ausgang. Eine Frau aus unserer Gruppe lächelte mich an und streichelte mir über den Arm. Wir schauten uns in die Augen und ich wusste: jeder von uns hat mehr oder weniger ein fremdes Terrain betreten. Wir alle erarbeiten uns unsere uns eigene Art, damit umzugehen und uns mit dem Abenteuer „Perser” anzufreunden.
Von Anfang an waren Getränke auf der Bühne nicht erlaubt, gewöhnungs-bedürftig bei der Hitze aber auch verständlich. Etwas später wurde uns mitgeteilt, wir sollten unsere Sachen in den Garderoben ablegen, der Zuschauerraum müsste abgeschlossen werden. Nicht jeder war bereit, sich daran zu halten. Unmut kam auf, weil einige von uns ihre Taschen nicht unbeaufsichtigt lassen wollten. Trotzdem gab es keine Widerrede mehr nach den deutlichen Worten der Regisseurin.
Langsam sah man die ersten Erschöpfungszeichen an den Gesichtern der Menschen. In der kurzen 15-minütigen Pause brachten wir dann unsere Sachen in die unbeaufsichtigte Garderobe und suchten noch schnell nach dem nächstgelegenen WC. Doch das was uns wirklich in dem Augenblick einte, war das Bedürfnis nach einer Sitzgelegenheit und etwas Trinkbarem.
Einige Gruppen hatten die dann folgende Choreographie noch nicht durch genommen, es entstanden Missverständnisse und Unklarheiten, und doch schafften wir es alle, weiter zu machen. Von der einen Ecke in die andere, mal den kurzen, mal den langen Weg dorthin, sich nach links drehen und nach rechts gehen - oder so ähnlich. Irgendwie klappte es. Auch die immer wieder verlangten Anweisungen, Sätze, Schritte und Bewegungen zu wiederholen, wurden, nur unterbrochen von den meist immer gleichen Fragern, bereitwillig und klaglos ausgeführt.
Als Abschluss dann der Dialog mit Xerxes.
Alle drehten wir uns in die gleiche Richtung, die gleich Ecke. Irgendwo über uns hinweg, lief der König, in der Person unserer bekannten Marion Bordat, hin und her. Wir lauschten seiner, besser gesagt, ihrer Stimme aus der Dunkelheit, mal von rechts mal von links, hörten ihre eilenden Schritte auf den Aufzügen über unseren Köpfen. Wir blickten angestrengt nach oben wenn sie deklamierte, auch wenn die Scheinwerfer uns blendeten.
Es war nicht mehr genug Zeit, den ganzen Dialog durchzunehmen, jedoch fand ich, es war sehr bewegend ihn zu sprechen und zu hören, mehr als alles was wir bislang geprobt haben.
Auch wenn einige Dialogteile mit Atossa oder dem Boten mich berühren, so ist es doch diese laute homogene Masse, die weiß dass sie ablesen kann und sich um keine Choreographie mehr kümmern muss und die sich mit einer Stärke und Ruhe, genauso wie das selbstsichere und meinungsäußernde Attische Volk, mit seinem König und Heerführer auseinandersetzt.
Nachher, draußen auf dem Theatervorplatz, warteten die roten Tische und Stühle auf uns alle, so wie Kuchen, Obst, Wasser und Kaffee. Heute habe ich in der NB ein Foto entdeckt, das deren Fotograf aus der Höhe des Theaterbalkons aufnahm, wo wir uns müde und abgekämpft auf den Stühlen breit gemacht hatten.
Unter den Regenschirmen wurde Kaffee ausgeteilt, Kuchen verschlungen, wurden Meinungen ausgetauscht, schmerzende Beine massiert und müde Augen gerieben.
Manche schafften es nur bis auf die Theatertreppe und ließen sich auch nicht von den steten Regentropfen irritieren.
Manch einer glaubte wohl, aufgrund seiner besonderen Anstrengung, Obst und Kuchen für den Nachmittagskaffee zu Hause, einstecken zu müssen.
Vielleicht bringt uns diese Aufführung nicht nur an den Rand unserer körperlichen und geistigen, sondern auch an den der moralisch-ethischen Grenzen.
Ein Teil unserer Gruppe saß noch länger gemeinsam auf den Stufen vor dem Theater; wir schienen uns nur schwer voneinander lösen zu können.
Irgendwann ging jeder in seine Richtung und mir war, als ich in mein ruhiges und gewohntes Zuhause kam, als hätte ich ein bisschen Leere mitgebracht. Ich fühlte sie um mich herum. Dabei schien es nicht wirklich eine Leere zu sein, sondern der Rest der Aura, die in meinen Augen uns alle umgibt und sehr viel Raum einnimmt in meinem Leben und die Rückkehr dahin erschwert.
Mehr und mehr sind wir uns bekannt, erkennen einen Mit-Perser in der Stadt, im Konzert, im Einkaufsladen oder gar im Fitnessstudio. Die Lebensringe haben sich erweitert.
Mein rotes Sofa und ein Berg von Kissen, spendeten Erleichterung für meine müden und schweren Füße. So lange Zeit, fast pausenlos, auf ihnen zu stehen, das haben sie seit Jahren nicht mehr erleben müssen. Sie taten mir so leid und ich mir selbst auch ein bisschen.
In der Nacht träumte ich von schwierigen Textpassagen, verpatzten Einsätzen, wiederkehrenden Hängern und wirrem Durcheinander im Irrgarten der vergessenen Choreographie.
Schlimmer noch war der Traum der mich zum Aufwachen brachte: nur eine Handvoll Perser stand am Premierenabend auf der Bühne, weil in der Zwischenzeit die meisten aufgegeben hatten.
Schmerzvoll erlebte ich diese Schmach, wenn, ein Glück, auch nur im Traum. Und ich kann mich nicht einmal erinnern, ob ich selbst mit auf der Bühne stand. Ich weiß nicht, ob ich zu denen gehörte, die das Handtuch warfen oder mutig sich der Sache stellten.
Ich sehe die Regisseurin noch vor mir, auf ihrem Pult thronend. Sie versucht und redet und erklärt. Und wir alle versuchen und schweigen und hören zu.
Welches ist unser wahres Bindeglied? Gibt es eins? Ist es das Wissen um ein allumfassendes Gehorchen, ist es allein der Wunsch das gleiche Ziel zu erreichen?
Wir brauchen sie um unseren Traum zu erreichen genauso wie sie uns braucht, um ihr Ziel zu erreichen. Sind wir uns gegenseitig nur Mittel zum Zweck oder doch noch etwas mehr? Reden und agieren sie und wir, wenn auch nur ansatzweise, aneinander vorbei? Gibt es vielleicht einige Katalysatoren die es möglich machen, dass wir eine homogene Masse werden? Sind es unsere Chorführer denen wir immer wieder begegnen und die mit ihrer Text- und Schrittsicherheit uns weiterhin zeigen, und somit Mut machen, dass es klappen wird?
Dieses eigenartige Stück antiker Literatur als Lehrstück für ALLE Beteiligten -
das wird die Wahrheit sein die am Ende zurückbleibt.
Nur wenig von dieser Zuversicht hat mir die Regisseurin vermitteln können. Die benötigte Kraft nehme ich aus meinen Mitspielern, aus unseren Gesprächen, unserem Wohlbefinden, unserem gegenseitigen regelmäßigen Zuspruch.
Die Chorleiter tun ihr Bestes, und das ist meist ungemein Viel und sehr, sehr wertvoll.
Vor einigen Wochen stellte ich fest, nach dem 6.6. wäre nicht mehr die Gleiche. Das ist schon längst eingetreten und die Veränderungen werden noch weiterlaufen über dieses Datum hinweg.
Ich bin in diesem gemischten Haufen auf Ablehnung, Zustimmung, Schweigen, Gerede, Unverständnis, Zuspruch, Neugierde, Gleichgültigkeit, Distanz, Zärtlichkeit, Abwehr und sogar Freundschaft gestoßen.
Alles Menschliche ist vorhanden - sogar die Menschlichkeit.
Gerne würde ich am Ende jeden Einzelnen von uns interviewen und erfahren, wie es ihm persönlich mit seiner Begegnung und den Erfahrungen mit dem Projekt der „Perser” ergangen ist. Vielleicht unterstützen mich beim kontaktieren der Protagonisten, die stets so freundlichen Mitarbeiter des Büros, Anke und Anselm.
In mir gärt der Gedanke, mit Einverständnis des jeweiligen einzelnen Teilnehmers, das dann auch zu veröffentlichen.
Mag sein, dass manch einer denkt, ich übertreibe. Doch ich weiß auch, dass so manch einer darüber reden möchte, sich mitteilen möchte, nicht schweigend im Dunst der Auflösung des Projektes verschwinden möchte.
Mal schauen. Ich würde mich freuen. Es wäre für alle die daran teilgenommen haben, eine Bereicherung, davon bin ich überzeugt. Nicht jeder kann oder möchte in der eventuell neu gegründeten Theatergruppe mitmachen. Auch das ist ein noch zu verwirklichendes Projekt, entstanden aus den „Persern”.
Die Plakate mit unseren Konterfeis verblassen irgendwann; wer möchte sich in Lebensgröße an der eigenen Wohnzimmer- oder Schlafzimmerwand hängen sehen?
Drum sollte es möglich sein, sich woanders wieder zu finden.
In einem Buch, mit den noch frischen Erinnerungen, Erfahrungen, Erlebnissen, Gedanken und Problemen, mit Spuren die wir hinterlassen für uns selbst und für alle Choreuten der Braunschweiger „Perser”-Aufführung.
Wie wär’s, gehen wir es an?!
Ghita